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Volume Nr. 144, 8. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
noch lebende Schüler Friedrich FröbeFs, eingetroffen. Die 
Mehrzahl der Versammlung bildeten die Damen der Fröbel- 
Vereine und der Berliner Kindergärten, so dass das Audi 
torium gestern einen besonders anmut Ingen Eindruck 
machte. Am Eingang wurden die sehr elegant ausgeführten 
Theilnehmerkarten mit Ansichten von der Berliner Gewerbe- 
Ausstellung vertheilt; ausserdem erhielt jeder Theilnehmer 
eine schwarz-weiss-rothe Schleife. Nachdem Herr Professor 
Dr. Pappenheim-Berlin in seiner Eigenschaft als Vorsitzender 
des Verbandes die Anwesenden begrüsst und die Verhand 
lungen mit einem Hoch auf den Deutschen Kaiser eröffnet 
hatte, nahm Herr Stadtverordneter Realschuldirector Dr. 
Schwalbe, welcher als Abzeichen seiner Würde die goldene 
Amtskette trug, das Wort, um im Namen der Stadt den 
Fröbelverband zu begrüssen. Die städtischen Behörden er 
kennen voll die hohe, ideale Bedeutung dieser Bestrebungen 
an und seien erfreut über die Fortschritte, die die Fröbel- 
sache in Berlin gemacht habe. Er sei beauftragt, im Namen 
der städtischen Verwaltung dem Verbandstage den besten 
Erfolg und allen weiteren Bestrebungen des Verbandes Glück 
zu wünschen. Stadtverordneter Posenow sprach im Namen 
des Arbeits-Ausschusses der Berliner Gewerbe-Ausstellung 
seine Freude darüber aus, dass der Fröbelverband seinen dies 
jährigen Congress auf dem Gelände der Berliner Gewerbe- 
Ausstellung abhalte; er heisse denselben herzlich willkom 
men und wolle nur hoffen, dass alle Theilnehmer, namentlich 
aber die auswärtigen mit den angenehmsten Erinnerungen 
von Berlin und seiner Ausstellung scheiden mögen. Ver 
schiedene Vorträge über Fröbel und seine Erziehungs-Me 
thode, seine Bedeutung für die National-Erziehuüg u. a. wur 
den vom Pfarrer Bähring-Minfeld, von Professor Dr. Pappen 
heim, von Professor Dr. Zimmer-Herborn und von Frau Dr. 
Goldschmidt gehalten. — Durch Vermittelung des Arbeits- 
Ausschusses und speciell des Herrn Stadtverordneten Rosenow 
war den Theilnehmern am Verbandstage freier Eintritt in 
Alt-Berlin, Kairo und die Kolonial-Ausstellung gewährt 
worden. 
V 
Ein süsser Preis. Der 250 OOOstc Ausstellungsbesucher, 
der die Taxirkarte bezüglich des Gewichts des in Gruppe X aus 
gestellten Mauxion’schen Choeolade-Obelisken ausfüllte, hat sich 
gestern Nachmittag eingestellt. Es ist ein Spanier Seimor Eduard» 
del Rayo aus Sevilla, der mit einem Preis, bestehend aus einem 
grossen Carton Bonbons, der die Zahl 250 000 trug, und mehreren 
Packeten Chocolade überrascht wurde. 
V 
Ein prachtvolles antikes Tafelservice ist seitens 
des Herrn Consul Vohsen gegenwärtig im Speisezimmer des 
Gouvernementsgebäudes der Kolonial-Ausstellung ausgestellt. Das 
Porzellangeschirr ist wahrscheinlich chinesischen Ursprungs und 
wurde vor ungefähr 200 Jahren von Arabern aus Portugal nach 
Afrika gebracht, von wo cs wieder nach Deutschland kam und in 
den Besitz des Herrn Vohsen überging. Die schön geformten 
Schüsseln, Teller und kleinen Gelasse zeigen neben reicher Malerei 
eine künstlerische Golddccoration, die bei dem Aller des Geschirrs 
höchst beaehtenswerth und ein sprechendes Zeugniss dafür ist, wie 
weit man es schon in der Fabrikation des Porzellans vor dessen 
zufälliger Erfindung in Deutschland durch Böttcher gebracht hatte. An 
den zu dem Service gehörigen Messern sind die Klingen aus 
massivem Gold, während die Griffe in bemaltem Elfenbein hergestellt 
sind. Die grössten Schüsseln der seltenschönen Antiquität werden 
als Wanddecoration verwendet. 
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Elephanten-Schicksal. Der Riesen - Elephant im 
„Nordpol“ kann von einem reichbewegten Leben erzählen, 
obgleich er erst fünf Jahre alt ist. Geboren oder vielmehr 
erfunden wurde er im Jahre 1891 in der Fabrik von Hauss 
& Herzfeld in Frankfurt a. M., das Licht der Oeffentlichkeit 
erblickte er erst ein Jahr später in Mainz, wo er während des 
XI. Deutschen Bundesscliiessens acht Tage lang ausgestellt 
war und auf alle Besucher des Festplatzes eine ganz bedeu 
tende Anziehung ausübte. Dann schnürte er wieder sein 
Bündel und machte sieb auf die Wanderschaft nach Ant 
werpen, um ständiger Gast auf der dortigf n internationalen 
Ausstellung zu sein. Im nächsten Jahre siedelte er zur Aus 
stellung nach Amsterdam über, wo er gleichfalls im Mittel 
punkt aller Sehenswürdigkeiten stand. Bis dahin war es dem 
braven Dickhäuter ganz gut ergangen, nun aber fing seine 
Leidenszeit an. Er war bestimmt, den „Nordpol“ zu ent 
decken, und da er in seiner ange borenen Bescheidenheit nicht 
gesonnen war,, dem berühmten Nansen Concurrenz zu machen, 
entschied er sich dafür, seine Nordpol-Entdt ckungsfahrt nach» 
der Berliner Gewerbe-Ausstellung zu richten. Eines Tages 
hiess es überall: Eli lässt sich tntsehuldigen, er ist zu Schiff 
nach — Treptow. Ein Extra-Dampfer führte das Riesen- 
TTngeheuer, dass an seinem Leibe stets und ständig 120000 kg 
Eisen mit herumträgt, ülx r Stettin nach Berlin. Aber die 
Stettiner Zollbehörde liess das Thier nicht so leicht durck- 
passiren, da sie erst über seinen Ursprung unterrichtet sein 
wollte. Und so kam es, dass unser Freund vierzehn Tage in 
Stettin, wie ein Pestkranker in Quarantaine blieb und von 
einem Hafen in den anderen geschafft wurde. In der Stadt 
hatte sieb das Gerücht verbreitet, dass ein Riesen-Elephant 
im Hafen eingetroffen sei, und Alt und Jung eilte natürlich 
hinaus, das Ungeheuer mit eigenen Augen zu scheu ; man war 
aber nicht wenig erstaunt, als es nur einen mit Eisen- und 
Holzgeräthen schwer beladenen Dampfer entdeckte. Endlich 
schlug (he Erlösungsstunde für den dicken Nordpolfahrer, 
und er traf wohlbehalten am Berliner Kronprinzen-Ufer ein, 
von wo er nach dem Nordpol in Rixdorf geschafft wurde. 
Aber bald erkannte das schlaue Thier, dass hier in dieser un- 
wirthlichen und verödeten Gegend sein Weizen nicht blühen 
würde. Sobald er auf dem naheliegenden Ausstellungsbahn 
hof einen Eisenbahnschaffner erblickte, überkam ihn gewal 
tige Sehnsucht nach den glücklichen Tagen von Amsterdam, 
und es war, als klinge durch seine dicklappigen Ohren die 
schöne Melodie: 
„Ach Schaffner, lieber Schaffner, 
Was haben Sie gethan? 
Sie haben mich nach Berlin gebracht, 
Ich wollt’ nach Amsterdam“. 
Aber schliesslich fand er auch hier zahlreiche Freunde, 
die gerne zu ihm emporstiegen und von seinem Thurm die 
herrliche Fernsicht genossen. Und wer es noch nicht gethan, 
der hole das Versäumte bald nach, denn schon nabt sein 
hie siger Aufenthalt seinem Ende, und dann zieht er wieder 
weit in die Welt hinaus, nach Stockholm oder Washington, 
wenn nicht eine Berliner Brauerei es vorzieht, den fetten 
Bissen als Ausstf llungsobject zu erwerben. Kurz vor seinem 
Abschied aber macht der Amtsvorsteher von Rixdorf dem, 
armen Elephanten noch viel zu schaffen. Er verlangt näm 
lich, dass alle Ausstattung«- und Decorationsstoffe, wie 
Fahnen, Vorhänge, Portiören etc. jetzt plötzlich entfernt 
werden, nachdem sie seit dem 14. Juni dem Koloss zur Zierde 
gedient haben. Die Stoffe sollen jetzt als feuergefährlich an 
zusehen sein. Der gute Elephant hat über diese amtliche Ver 
fügung nur mit den kleinen listigen Augen geblinzelt. 
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Berliner Ansichten. Aus Anlass der Berliner Ge 
werbe-Ausstellung ist eine wahre Hochflutb von Ansichten 
aus Berlin und Umgegend erschienen, und es giebt kaum ein 
nennenswertlies Gebäude in Berlin, keinen interessanten 
Winkel, keinen einigemiaassen prächtigen „Blick“ in eine 
Strasse, die man nicht reproducirt unter diesen Berliner An 
sichten vorfände. Dass diese Bilder nicht alle erstklassig 
und vollendet schön sind, ist eigentlich selbstverständlich, 
aber man findet auch herrliche Sachen unter diesen Repro 
duktionen, die selbst den eingesessenen Berliner in Ent 
zücken versetzen, weil sie, ihm zeigen, wie herrlich doch seine 
Vaterstadt ist. In allererster Reihe stehen nun unter diesen 
Reproduktionen die „Ansichten von Berlin“, welche der 
rührige Verleger Dittmar Schweitzer in Berlin schon seit 
Jahren herausgiebt. Die zahlreichen Heliogravüren, die er 
in einzelnen Blättern abgiebt,, erfreuen sich nicht nur in ganz 
Deutschland sondern auch im Auslande, wo man sie in allen 
Kunsthandlungen findet, eines vortrefflichen Rufes, den sie 
aber auch im vollsten Maasse verdienen. Neben diesen he-
	        
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