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Periodical volume Nr. 112, 7. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

10 Officielle Äusstellungs-Nachrichten. 
„0 Jotte nee!“ 
„Nich schreien, dazu ist später Plötzensee das passende 
Lokal. Warum haben Sie nicht aufgepasst ?" 
„Se war ja nachher janz vernünftig, blos mit eenmal weg 
lin nich zu finden!“ 
„Und Sie suchen nicht? Und Ihr Schutzmann läuft 
nicht hinterher und setzt die Polizei in Bewegung? Und 
schwemmen ihn mit Lafite an?, den zieh ich Ihnen vom 
Lohn ab.“ 
„Et war ja keen Anderer da.“ 
„Wozu ist denn die Wasserleitung?“ 
„Da jeht keen Schutzmann ran.“ 
Ich sprang auf. „Kommen Sie, wir wollen suchen, ob 
Ottilie nichts Schriftliches hinterlassen hat. Keinen Ab 
schiedszettel oder irgend ein Zeichen.“ 
So viel wir auch stöberten. Nichts. Nichts und nir 
gends. 
„Am Ende hat sie die Anna Kliebischen wat anvertraut, 
ick jloobe sogar, se sagte, vergiss es nich oder Vergissmein- 
nich oder so, wie man so bei’s letzte Lebewohl sagt.“ 
„Die weiss von sich selbst nichts, viel weniger von 
Ottilie.“ 
„’S. kann wohl sind. Se sass da so trübe und da sagte 
mein Breitijäm, en Grogli würd’ ihr wohl nich schaden, da 
kriegt se de richtige Bettschwere nach un wäre unter de Füsse 
aus.“ 
„Und sie folgten dem bodenlosen Vorschlag und machten 
idem Kinde einen GroghF“ 
„Zwee.‘ 
„Von Cognac? Aber Dorette, waren Sie denn gänz 
lich...?“ 
„Ick sage ja, et is hier nich mehr scheene im Hause.“ 
Was nutzte es, aus dem Kinde war nichts herauszu 
dringen, das hatte ich eben vergebens, versucht und was Do 
rette erzählte, war so klar verwickelt, dass ich klug blieb wie 
zuvor. Wenn nur Ottilie nicht zu Wasser gegangen war. 
Das wäre schrecklich. Aber was ging die Kliebisch mit 
Herrn Brauns von dannen? Und Ottilie hatte ihr Hand- 
küffefchen mitgenommen. Man ertränkt sich doch nicht mit 
Gepäck ? Wohin konnte sie geflohen sein und warum? 
Wir sahen nochmal nach. Auch ihre Toilettegegen 
stände waren weg und ihr Morgenanzug und ihr Regen 
mantel. Nein, nasse Absichten hatte sie nicht gehabt. 
„Dorette“, sagte ich, „selbst wenn alles gut abläuft, einen 
anderen Dienst werden Sie sich suchen. Das sehen Sie 
hoffentlich selber ein?“ 
„Bis zum Frühjahr, dann wir Hochzeit machen, 
et kann sind ooch ehr. Warum soll ick mir vorher verändern ? 
Det wttd die Frau mir doch nich änmutheh sind? Die Frau 
is ja so jut.‘ . . .. ..... 
Sie.weinte sp reuevoll, dass ich sagte:. „Es hängt, von 
Ihrem ferneren Betragen ab. Gehn Sie zu Bett, Dorette.“ 
Ich setzte mich in das nur schwach von Dorettes Küchen 
lampe beleuchtete Berliner Zimmer noch im Reiseanzug und 
innerlich aufgelöst. Waren das Zustände. Kaum wendet 
man den Rücken und die Welt geht unter. 
I ml mein Karl geht sich amusiren, gerade da er noth 
wendig nicht weichen durfte. Ob ich hinüber ging nach 
Betti, ihr mein Herz ausschüttete? Ich kannte ihren Trost 
im \ oraus : „Mama, warum hast Du das Hotel eingerichtet?“ 
Endlich kam etwas die Treppe herauf und in die Woh 
nung herein. Ich richtete meine Blicke fest auf die Thür. 
Sie lachten. „Wir nehmen noch einen“/ sagte jemand, 
„Ihr Cognac ist gut.“ — Das war Kliebisch’s Stimme. 
„Mir recht." Das war mein Karl. 
„Nur um mich nicht auszuschliessen“, sagte der Dritte. 
Das war Ungermahn. 
Und herein kamen sie. Und mein Mann, meine Un 
schuld von Mann schwankend zwischen Kliebisch und Un 
germ ann. 
Ich erhob mich. „Meine Herren !“ sagte ich. Weiter 
nichts. Aber der Schreck. 
„Du liier, Wilhelmine?“ 
„Wie Du siehst! Ich will nicht fragen, wo Du warst, 
ich will es nicht wissen. Dein Zustand verräth genug. Ich 
danke Ihnen, meine Herren, namentlich Ihnen, Herr Unger- 
mann,' dass Sie als künftiger Stadtvater so väterlich für 
meinen Mann gesorgt und ihn auf Ihre Studienfahrten mit 
genommen haben, während ich weg war.“ 
Ungermann verfärbte sich. „Wir waren ein bischen 
vergnügt, zum Schluss ... weil ich morgen abreise,“ fing er an. 
„Dummes Zeug, Du bleibst“, sagte mein Karl. 
„Herr Ungermann reist“, entschied ich, „Du hörst, er 
will es. Und Sie, Herr Kliebisch. Sie als mehrfacher Fa 
milienvater, helfen meinen Mann verführen ? Das hätte ich 
nicht erwartet. Und zu trinken giebt es nichts mehr.“ Ich 
nahm die Flasche und schloss sie ein. 
„Aber Mienchen, es war so schön auf der Ausstellung.“ 
„Die ist längst aus.“ 
„Ich habe mit Ungermann Brüderschaft getrunken und 
wir wollen noch fidel sein. Komm, Mienchen, sei mit lustig.“ 
„Das kann ich nicht. Ottilie liegt vermuthlich tief in 
der Spree/Frau Kliebisch ist mit dem jungen Brauns durch 
gegangen, alles drüber und drunter und Ihr geht Herrn 
Ungermanns Spuren.“ 
„Was ist das?“ 
Ein Sturzbad kann nicht eisjger wirken als meine 
Worte, und als* sie vernommen, was ich wusste, da war ihre 
Antäubung verflogen. 
„Vorläufig lässt sich nichts thun,“ sagte ich, „die einzige, 
die etwas Weiss, die Anna, ist nicht vernehmungsfähig. 
„Der Schmerz über die Mutter“, stöhnte Kliebisch. 
„Sie muss, ihn erst ausschlafen,“ versetzte ich ihm. 
„Und nun gute Nacht, meine Herren. Komm Karl, Du 
gehst mit mir, ich habe Dir noch viel mitzutheilen.“ 
„Ich schlafe doch in der Fabrik.“ 
„Heute nicht, Du kannst nicht in Dein Zimmer, der 
Schlüssel ist abgedreht. Komm nur.“ 
Ein zerknirschteres zu Bett gehen habe ich noch nie er 
lebt. Aber in dem Taumelbecher der Freude ist der Rest 
Bärme. Das mögen die Herren bedenken, wenn sie sich 
nicht nach Hause finden können. 
Ihre ganz ergebene 
Wilhelmine Buchholz, 
Oie Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt) 
Das Togoland. 
Herr Dr. Richard Büttner unternahm es, an der 
Hand einer trefflichen Wandkarte seine Hörer im Chemie- 
Gebäude in die geographischen, klimatischen etc. Verhält 
nisse des Togolandes einzuführen und ihrem Gesichtskreis 
eine jener Gegenden zu erschliessen, die für Viele noch, eine 
vollständige terra incognita ist. 
Das Togoland ist unsere kleinste Colonie. Sie besitzt 
nur einen Küstenstmfen von 52 km Länge, und wenn der 
Dampfer an der Westgrenze bei Lome anlegt, kann man mit 
einem guten Fernrohr das deutsche Gebiet bis an die nächste 
Grenzlinie absehen. Freilich ist nicht viel an dieser Küste 
zu sehen; sie.erscheint als ein niedriger gelber Sandstreifen, 
der nur stellenweise mit Buschvegetation odifir Cocospalmen 
bestanden ist, zwischen denen die Dörfer der Eingeborenen 
Versteckt liegen. Nur Lome an der West- und Klein-Popo 
an der Ostgrenze liegen unmittelbar am Meer und machen mit 
ihren weissgestrichenen, ansehnlicheren Gebäuden einen halb 
städtischen Eindruck. Einen Hafen giebt es an dieser 
Küste nicht, und alle Schiffe gehen weit draussen, ausserhalb 
der Brandung, die Herr Dr. Büttner als ausserordentlich 
tückisch schildert, vor Anker. Der schwarze Postbeamte, der 
von Lome aus mit dem Boot an Bord des Dampfers kommt, 
um die Europapost abzuholen, bringt eine feste, mit Eisen 
ringen beschlagene Tonne mit, in welche die Briefschaften 
verschlossen werden. Wenn auf der Rückfahrt das Boot in 
der Brandung umschlägt, was zuweilen, vorkommt, so wird
	        
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