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Volume Nr. 142, 6. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielfe Ausstellungs- Nachrichten. u 
einher, musterte liier und da einen Gegenstand ui fl schüt 
telte dann wie zweifelnd das weise Haupt mit den langen 
grauen Haaren. Eine ehrfurchtsvolle Scheu erfasste mich, 
als ich diesen Geistesheros einer langst entschwunderpn Zeit 
auf mich zukommen sah. Plötzlich blieb er wie angewurzelt 
stehen. Sein Auge war an einem Gegenstände haften ge 
blieben, nach welchem er jetzt unverwandt hinstarrte. Ich 
näherte mich ihm uitd wurde gewahr, wie seine Blicke auf 
einen Stahlcylinder mit der Aufschrift, „verdichteter Sauer 
stoff“ ruhten. Er bemerkte mich anfangs nicht. „Mit Ver 
laub, Herr Doctor“, begann ich zaghaft. Er wandte mir 
jetzt das edle, durchgeistigte Gesicht zu und sah mich fragend 
an, während er mit der Hand auf den Stahlcylinder deutete. 
„Verdichteter Sauerstoff“, sprach ich, ..ein comprimirtes, Gas, 
wenn Sie sich für flüssige Gase interessiren, die Erzeugnisse 
Professor Pictet’s sind —“ Sein Gesicht nahm einen 
solchen Ausdruck des Staunens an, das/? ich unwill 
kürlich abbrechen musste; ich sah, dass er kein 
Wort voii dem verstand, was, ich ihm sagte. „Sauer 
stoff“, murmelte er leise uiyl zuckte die Achseln. Eben 
wollte ich fortfahren, als ich ihn erschreckt zusammenzucken 
sah in Folge des Geräusches einer eben in Betrieb gesetzten 
Maschine. Er hatte sich aber bald gefasst, und wir wandten 
uns Beide dahin, woher das Rasseln zu uns herüberdrang. 
„Die Herstellung von Seife“, bemerkte ich erklärend. Er 
schien mich aber nicht zu hören, denn er war ganz in den 
Anblick der ineinandergreifenden Räder und AValzen und der 
hervorquellenden langen Seifenbänder versenkt. Als die 
Maschine einen Augenblick still stand, kam er wieder zu sich. 
„Der elektrische Betrieb", begann ich, „bewährt sich —“ 
Ich kam nicht weiter — eine gebieterische Handbewegung 
hiess mich schweigen. „Herr, dunkel ist, mir der Rede Sinn“, 
sprach er, „und jedes AVort ist mir ein Räthsel. Ist es ein 
Werk der Hölle, das ich hier schaue, sind es Mephistos Gau 
keleien, die man hier vorführt, oder habt Ihr endlich das 
wunder thätige Gemisch, den Stein der Weisen, gefunden?“ 
Jetzt erst besann ich, mich, dass es zu lange her ist, seitdem 
der Alte sich mit Chemie beschäftigt hat, als dass er meine 
AVorte begriffe. „Es ist nicht Teufelswerk, das Ihr hier 
schaut, Herr Doctor“, sprach ich, „und den Stein der AVeisen, 
den freilich fanden wir nicht —- doch die AVeisen fanden 
wir, jene AVeisen, die an dem l ebeilieferten zu zweifeln be 
gannen, die durch eigene Erfahrungen das Material sammel 
ten und durch Variation und Combination von eigenen Beob 
achtungen zur Entdeckung neuer Gesetze gelangten. Da Ihr 
von falschen Voraussetzungen ausginget, musstet Ihr zu 
falschen Schlüssen kommen. Es ist eine Reihe glänzender 
Namen, deren Träger einen Irrthum nach dem anderen auf 
klärten und eine lange Kette von zufälligen und beabsichtig- 
tigten Erfolgen war nothwendig, bis wir dahin gelangten, 
wo wir uns heute befinden. Euch galt noch die Lehre des 
Aristoteles etwas. Ihr glaubtet an einen Urstolf oder eine 
Materie, die als Bleibendes allem Werdenden zu Grunde liegt 
und kanntet nur vier Elemente, welche Euch wiederum ein 
fache materielle Körper waren. AVar auch bereits die Un 
haltbarkeit dieser Theorie durch Roh. Boyle nachgewiesen 
worden, lehrte auch er schon, dass jeder Stoff als einfach an 
zusehen sei, bis es gelungen ist ihn durch chemische Mittel 
weiter zu zerlegen, so fand sie doch noch Gläubige zu Eurer 
Zeit. Als aber Joseph Priestley den Sauerstoff, H. Cavendish 
den Wasserstoff entdeckten, musste jene Lehre des Griechen 
von den Elementen in sich zusammenfallen. Und nun folgte 
eine grosse wissenschaftliche That nach, der anderen. Laur. 
Lavoisier stellte neue Gesetze für den Verbrennungsprocess 
auf, J. Dalton trat mit seiner Atomtheorie auf, L. Gay- 
Lussac gab über die Verbindung der Gase Aufschlüsse, Jacob 
Berzelius schuf für diese Wissenschaft sogar eine eigene 
Zeichensprache, und weiter stets drang man auf der einmal 
gewiesenen Bahn vor. Alan wusste nunmehr, dass die Kör 
per aus untheilbaren kleinsten Theilchen, aus Atomen, be 
stehen, deren Gruppirung, Verhältniss, Structur und deren 
Verbindung mit anderen man zu erforschen suchte. Alan 
überzeugte sich, dass auch, die lebenden Organismen nicht 
anderen Gesetzen unterworfen sind, dass die „Lebenskraft, - ’ 
welche nach Eurer Meinung in ihnen enthalten ist, nichts 
weiter als eine Erfindung der Phantasie war. „Kann ich mir 
auch kaum Eure Worte deuten”, sprach jetzt Doctor Faustus, 
„so sehe ich doch, dass Ihr am Ziele seid; ich sehe es an die 
sen Werken, an den Wundern, die mich, umgeben.” „Am 
Ziel ? Wo denkt Ihr hin ? Der Anfang ist es vielleicht nur, 
der Beginn neuer ungeahnter Ergebnisse, denn Kräfte schlum 
mern noch im Schoosse der Natur, die heute ungekannt den 
Menschen einst auf Wege führt, von denen er sich noch nichts 
träumen lässt; eröffnet doch jede neue Entdeckung neue Aus 
sichten, neue Hoffnungen.” Ein dumpfes, fernes Brausen 
drang jetzt an mein Ohr. Der alte Faust stand nicht mehr 
vor mir. Wie aus weiter Ferne glaubte ich nur noch, dio 
Worte zu hören: 
„So ist es also, wenn ein sehnend Hoffen 
Dem höchsten Wunsch sich traulich zugerungen 
Erfüllungspforten findet Flügel offen. 
Nun aber dringt aus jenen ewigen Gründen 
Ein Flammenübermaass 
Da fuhr ich auf. Um mich dröhnten und rasselten die Ma 
schinen im Chemiegebäude, eine tausendköpfige Menschen 
menge wogte hin und her und, von den Strahlen der Nach 
mittagssonne umfluthet, sass wie immer der alte Faust voi 
seiner brodelnden Retorte und sann und dachte. Dr. F-g. 
Die drei jüngsten Kaiserlichen Prinzen trafen 
gestern Nachmittag in Begleitung ihrer beiden Militair-Gouvemeure 
im Vergnügungspark ein und wohnten der Vorstellung in Ilagenbeck’s 
Cirkus bei. 
V 
Der Eisenbahnminister Thielen, welcher gestern in 
Begleitung seiner Familie nnd einiger Herren die Ausstellung be 
suchte, nahm nach einem Rundgang durch »Alt-Berlin« Gelegen 
heit, die Stufen bahn zu benutzen und sich eingehend mit dem 
System derselben vertraut zu machen. Mehrmals machte der 
Minister, der von den Beamten nicht erkannt wurde, die Rundfahrt, 
während deren er häufig das Auf- und Absteigen versuchte. 
S 
Der Axntsvorsteher von Treptow. Die Unan 
nehmlichkeiten und Unliebsamkeiten, welche den amtlichen 
Verkehr zwischen dem Amtsvorsteher von Treptow Herrn 
Hoffmann und dem Arbeite-Ausschuss der Ausstellung ohne 
ein Verschulden des letzteren in so hohem Alaassc erschweren, 
dass fast kein Tag ohne eine unfreundliche Erfahrung ver 
geht, haben es zu Wege gebracht, dass seitens des Arbeits- 
Ausschusses nunmehr zehn Beschwerden an den Herrn Land- 
rath Stubenrauch über den Herrn Amtsvorsteher gerichtet 
worden sind. Zwei dieser Beschwerden sind bereits zu Gun 
sten des Arbeits-Ausschusses erledigt worden. Dass eine 
ebensolche Entscheidung auch in der Angelegenheit der 
Schliessung der Kioske an den Sonntagen ergangen ist, ohne 
dass der Arbeits-Ausschuss Beschwerde zu führen brauchte, 
ist in diesen Tagen gemeldet worden. Am gestrigen Sonn 
abend sind nun erneut zwei Beschwerden an den Herrn Land- 
rath abgegangen, von denen wir die eine wörtlich folgen 
lassen: 
Berlin S. O., 5. September 1896. 
Sein geehrter Herr Land rath! 
Durch Verfügung des Amtsvorstandes zu Treptow vom 
17. August er. Tgb. No. 8403 war uns angedroht., dass die zur 
täglichen Entleerung der Senkgrube in der Ausstellung „Nordpol“ 
und Abfuhr ihres Inhaltes erforderlichen Arbeiten auf unsere 
Kosten, welche vorläufig auf 500 Mk. testgesetzt waren, ausgeführt 
werden würden. 
Hiergegen hatten wir sowohl bei Ew. TIocliwobigeboren als hei 
dem Amtsvorstand zu Treptow Beschwerde eingelegt.
	        
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