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Periodical volume Nr. 140, 4. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

12 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
obige Thema sprach, ist einer jener Redner von Beruf, welche 
die geistige Beherrschung des Stoffes mit der vollkommen 
sten oratorischen Ausdrucksweise verbinden. Vollständig 
frei und fliessend sprechend, verstand es Herr Professor 
Kirchner, seine Hörer sofort zu fesseln und bis zum Schluss im 
Banne seiner interessanten Ausführungen zu halten. 
Jedes Zeitalter, so meinte der Redner, hat sein päda 
gogisches Jdeal und seine Methode, die Verwirklichung des 
selben anzustreben. Als die christliche Kirche im vierten 
Jahrhundert zur Herrschaft gelangte, gründete sie zahlreiche 
Klosterschulen, und die Scholastik rief seit dem elften Jahr 
hundert die Universitäten in’s Leben, um die Dogmatik vor 
der Vernunft zu rechtfertigen. Als der Buchdruck die an 
tike Bildung der Renaissance verbreitete, entstanden die welt 
lichen Universitäten und die humanistischen Gymnasien. 
Aber sie überlieferten die trockene Gelehrsamkeit vorwie 
gend in lateinischer Sprache und erst seit der Mitte des vo 
rigen Jahrhunderts begannen die Gelehrten deutsch zu reden. 
Alexander v. Humboldt urd Friedrich Schlegel aber brachten 
die Vorträge vor einem gemischten gebildeten Publikum in 
Aufnahme. Andere grosse Gelehrte, wie Helmholtz, du Bois- 
Reymond, Haeckel, v. Treitschke, Ranke, hielten es nicht mehr 
für ein Vorrecht des Gelehrten dunkel und langweilig zu sein 
und popularißirten die Wissenschaft. Während sich aber 
noch bis vor Kurzem die deutschen Universitäten gewisser- 
maassen vom Markt des Lebens abschlössen und ihre Wissens 
schätze nur auserwählten jungen Männern überlieferten, ha 
ben die amerikanischen, russischen und schweizer Universi 
täten sich auch den Frauen geöffnet und seit 20 Jahren ist 
die sogenannte University-Extension bestrebt, auch die Min 
dergebildeten am Universitäts - Unterricht theilnehmen zu 
lassen. 
Zunächst war es dem kleinen Dänemark beschieden, bahn 
brechend in dieser Beziehung zu wirken. Der gelehrte Pre 
diger Gründung (1,783—1872) fasste zuerst den Gedanken, 
eine Volkshochschule zu gründen, in der Bildung und Auf 
klärung befördert werden sollten. Aber erst 1844 fand die 
Idee des hochgesinnten Mannes, mit Hilfe von Privatsamm 
lungen, durch Gründung einer derartigen Hochschule ihre 
V erwirklichung.. Nach dem für Dänemark unglücklichen 
Krieg von 1864 warf man sich dort mit aller Macht auf die 
Verbreitung der gründlichen Volkserziehung mittels solcher 
Schulen und h,eilte besitzt das Land deren 70, die jährlich von 
etwa 5000 Personen, Bauern, Handwerkern, Kaufleuten, klei 
nen Beamten und Frauen besucht werden, die es für eine be 
sondere Ehre halten, wenigstens einen mehrmonatlichen Cur- 
sus durchzumachen. Das Honorar nebst Pension beträgt nur 
33 Mark monatlich und seit 1894 leistet der Staat einen Zu 
schuss von 330 000 Mark, wovon über die Hälfte, etwa 200000 
Mark, für Stipendien verwendet werden. — In England, Ame 
rika und allen englisch sprechenden Ländern hat man seit 
Jahren die University-Extension, die sich die Verbreitung des 
Universitäts-Unterrichts über das Land zur Aufgabe macht 
-— eine Institution, die sich auch der warmen Anerkennung 
der deutschen Presse erfreut. Ihre Gründung ist das Ver 
dienst des Privat-Docenteg James Stuart in Cambridge, der 
1867 auch die ersten populairen Vorlesungen vor einer Damen 
vereinigung hielt. Auf seine Anregung und mit Unter 
stützung der Universität Cambridge entstanden die Wander- 
curse in ganz England, die namentlich durch die 1876 in Lon 
don mit grossen Privatmitteln gegründete „Gesellschaft zur 
Ausbreitung des Universitäts-Unterrichts“ überall Verbrei 
tung fanden. Man stiftete Wanderbibliotheken, richtete 
Sommercurse ein und seit 1885 bereits ist die Institution in 
vollster Blüthe. Aehnlich ging man in Amerika und Austra 
lien vor, in Neu-Süd-Wales, in Queensland, Sidney, ja sogar 
in Süd-Afrika hat man die Sache in Angriff genommen und 
auch in Scandinavien, Belgien,Frankreich, Italien und Russ 
land beschäftigt man sich mit der Einrichtung solcher Volks- 
curse. In Wien ging die University-Extension aus dem dor 
tigen „Volksbildungs-Verein“ hervor, der schon 1887-88 po- 
pulaire Vorträge veranstaltete, die von mehreren Tausend Hö 
re,rn besucht wurden, eine Zahl, die 1894 auf 42000 stieg. 
Der Staat gewährt den Veranstaltern einen jährlichen Zu 
schuss von 6000 Gulden, was eine erhebliche Förderung der 
Ziele und Zwecke der Vereinigung bedeutet. 
Seit Monaten begegnet man nun in verschiedenen Zei 
tungen Artikeln, die sich mit der University-Extension be 
schäftigen und energisch deren Einführung in Deutschland 
befürworten. Sie schildern diese englische Einrichtung in 
den glänzendsten Farben und erklären es für schimpflich, 
dass sich Deutschland, das sich bisher rühmte, 
die besten Einrichtungen für die Verbreitung der Bildung zu 
besitzen, von allen Ländern, sogar von Russland, Afrika und 
Australien in den Schatten stellen lassa Diesen Vorwurf 
glaubte Herr Professor Kirchner ent schieden zurückweisen zu 
müssen, da wir in der Berliner Humboldt-Akademie eine An 
stalt besitzen, die den Grundgedanken der University-Ex 
tension von ihrer Gründung an verfolgt und theilweise ver 
wirklicht hat. 
Seit 1844 bereits veranstaltet der „Verein junger Kauf 
leute“ wissenschaftliche Vorträge, die wiederholt schon zu 
mehrstündigen Cursen erweitert wurdet » In anderen Städ 
ten folgte man diesem Beispiel und seit 1885 bildete sich ein 
grosser Vortrags-Verband über ganz Deutschland; der tüch 
tigen Rednern Gelegenheit zu Vorträgen auf allen Gebieten 
des Wissens giebt. Die seit Mitte der vierziger Jahre existi- 
ronden Deutschen Handwerker-Vereine bieten Aehnliches und 
die seit 1871 in das Leben gerufene „Gesellschaft für Verbrei 
tung von Volksbildung“, welche die meisten schon existiren- 
d«.n Bildungsvereine an sich zog, verfolgt mit regem Eifer 
und grossem Erfolg den Zweck, Bildung und Wissen in das 
Volk zu tragen. Endlich aber ist es die Humboldt-Akade 
mie in Berlin, die, wie schon oben bemerkt, alle Vortheile der 
University-Extension anstrebt. Im Jahre 1877 von dem be 
kannten trefflichen Volkswirth Dr. Max Hirsch, dem jetzigen 
Generalsecretair der Akademie, mit Hilfe thatkräftiger 
Freunde geplant und 1878 definitiv in das Leben gerufen, 
bietet sie Cyklen von 10—12 Vorlesungen, um durch diese die 
Hörer zu gründlicher wissenschaftlicher Beschäftigung anzu 
leiten. Die Docenten sind theil weis« Universitätslehrer, der 
aus drei Mitgliedern bestehende Vorstand entwirft das Pro 
gramm der Cyklen für die drei Vortrags-Quartale und 
leitet die finaneiellen Geschäfte. Die Akademie behält sich, 
vollkommene Lehrfreiheit vor, gestattet allen Wissbegierigen 
beiderlei Gschlechter den Zutritt und erhebt ein bescheidenes 
Entgelt für ihre Leistungen, weil sie von dem Grundsatz aus 
geht, dass man das höher schätzt, was man bezahlt. Die Ge 
bühren, fünf Mark für den ersten, vier Mark für den zweiten 
Cyklus werden indessen den Mitgliedern des wissenschaft 
lichen Central-Vereins zum Theil, Unbemittelten ganz er 
lassen, trotzdem die Mittel der Akademie sehr bescheidene 
sind und viel mehr geschehen könnte, wenn ein grosser Fonds 
vorhanden wäre, wie ähnliche Institutionen in England und, 
Amerika ihn dank wahrhaft fürstlicher Stiftungen für Bil 
dungszwecke besitzen» Viele, viele Tausende haben die, 
Humboldt-Akademie mit Freude und Nutzen besucht, aber 
keiner hat bisher aus eigenen Mitteln eine grössere Summe 
gestiftet oder vermögende Freunde dazu veranlasst. Jeder, 
der die Humboldt-Akademie näher kennen lernt, findet sie 
segensreich und ihre Leistungen bewundernswert!,, aber es 
fällt ihm nicht <in, sie in werkthätiger Weise zu fördern, 
trotzdem sie alle Unterstützung verdient, weil sie durch die 
Mannichfaltigkeit ihrer Cyklen, die ganze Entwicklung des 
wissenschaftlich»n Lebens in Berlin widerspiegelt. Bis heute 
hat die Akademie 1028 solcher Cyklen gehalten, die von 
25 950 Hörern aus allen Schichten der Bevölkerung besucht 
wurden. Hauptsächlich waren es Kaufleute, Beamte, Lehrer 
und Damen, welche die Vorlesungen frequentirten. Nach all’ 
dem glaubt der Redner mit Recht behaupten zu dürfen, dass 
die Humboldt-Akademie die erste Volkshochschule 
Deutschlands ist und wohl beanspruchen kann, der Uni 
versity-Extension ebenbürtig an die Seite, ja theilweise sogar 
über dieselbe gestellt zu werden. 
Hoffen wir, dass der mit lebhaftem Beifall aufgenommene 
Vortrag des Herrn Professor Kirchner auch dg, Blicke derer
	        
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