Path:
Volume Nr. 13, 25. April 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

14 GfstrteUe AusstrUnngs Nachrichte«. 
Des Spaßes halber sthll es nicht an kleinen Seitenhiebeu 
und Sticheleien, aber im Ganzen waltet angemessener Ernst und 
loyale Anerkennung vor. Bald ist die Berliner Gewerbe-Ausstellung 
ein nationales Fest par excellence, bald ein weihevolles Jubiläum 
deutscher Jndustie oder sogar ein stolzer Meisterschaftssieg der 
deutschen Coucurrenz auf deni internaiionaleu Weltmarkt. Die 
Besorgnis; über die wachsende Coucurrenz Deutschlands blickt überall 
durch. Das berühmte,»Nulle in Germany«, welches jetzt in Eng 
land so vielen Artikeln als beste Flagge dient, entlockt der englischen 
Presse bei der Besprechung der Berliner Unternehmung manch' 
liefen Seufzer. 
Seitens der Presse eines Landes, das allen anderen Ländern 
in Bezug auf Handel und Industrie bis vor Kurzem unbestritten 
voranging, wäre es unbescheiden, mehr zu verlangen. 
E. Gagliardi. 
Hinter den Coulissen des Theaters Alt-Kerlin. 
Von Alfred Holzbock. 
^Abdruck untersagt^ 
„Es ist vollbracht" kann Baumeister Sehring mit Stolz und 
Genugthuung ansrufen, und: „Es ist prachtvoll" ruft der Beschauer, 
vor dem sich das „Theater Alt-Berlin" malerisch erhebt. Wir 
haben uns bereits früher in eineni Sonder-Artikel mit der Architektur 
und Einrichtung des Theaters eingehend beschäftigt, und jetzt, da 
der Bau als etwas Fertiges und Ganzes dasteht, zeigt es sich erst, 
einen wie scharfen Blick für das Praktische, einen wie ausgeprägten 
Sinn fiir das künstlerisch Schöne und Wirkungsvolle Sehring besitzt. 
Eine schwierige Aufgabe war zu lösen: ein modernes Theater zu 
schaffen, daS dein Geist und Wesen einer allen Zeil sich anpassen 
mußte. - - Ganz besonders eindrucksvoll geben sich die mit alten 
historischen Motiven bildhanerisch und malerisch geschmückten Faeaden, 
deren eigenartiger, deeorativcr Charakter das Auge erfreut und die 
Phantasie anregt, nur die untere Backstein Malerei der rechten 
Seitensaqade trägt ein allzu theatralisches decoratives Gepräge. Durch 
das tonnengewölbartige Vestibüle führen die Haupteingänge in. 
den Zuschauerranm, der außer mehreren Logen 650 Parkettsitze nitd 
500 Sitze im ersten Rang, sowie fernerhin je 350 obere und 
untere Stehplätze enthält. Das Gefühl der Sicherheit, welches das 
große Vestibüle mit seinen in's Freie führenden Thüren gewährt, 
wird tioch durch die von Herrn Branddirector Giersberg angeordnete 
Anlage erhöht, nach der stets Ick Hydranten disponibel sein müssen. 
Der namentlich am Plafond überaus reiche Velarienschmuck umkleidet 
auch in kostbarer iiitb geschmackvoller Form die Brüstungen der 
links vom Zuschauer angebrachten Kaiserloge. Hunderte von Lorber- 
gnirlanden umranken den Plafond, umschlingen die Ränge und ver 
leihen dem Ganzen etivas Frisches und Hoffnungsfrohes. Der 
mächtige, von einer wundervollen Plüschdraperie umrahmte Vorhang 
zeigt iit seinem oberen Theile das von dem rothen Schleier der 
Morgensonne umhüllte, in seinen Umrissen verschwommene Berlin; 
allmählich verschwinden die Schatten, das eigentliche Vorhanginotiv, 
die Entwicklungsgeschichte der deutschen Reichshauptstadt, erscheint 
immer klarer und findet seinen gedanklichen und künstlerischen Höhe 
punkt in der kraftvoll realistischen Allegorie der Arbeit, des Fleißes, 
der darstellenden Kunst, der Musik und der Dichtkunst. Eine weiche, 
fein abgetönte Farbengebung, die jedoch das für einen Theater 
vorhang unbedingt nothwendige bunte Colorit zur Geitüge betont, 
bringt jedes Detail in einer von aller Aufdringlichkeit fernen und 
doch markanten Weise zur Wiedergabe. 
Der vom Vorhang abgeschlossene Znschauerraum liegt öde und 
vereinsamt da, er gemahnt in seiner Leere und Verlassenheit an das 
große Ungewisse, an die dunkle Hoffnung, die dem entscheidenden 
Ereignisse vorangeht. Aber hütter dem Vorhang herrscht Leben 
und Arbeit, da ivird an jenen Worten und Dingen gedrechselt und 
gemodelt, durch die einst der heute so finstere und leere Zuschauer- 
raum voit fröhlichen Menschen belebt werden soll. Vorn sitzt 
Director Witte-Wild, der Leiter der Massen, der Führer der Künstler. 
Form und Charafter in die 200 Menschen hineinzubringen, in 
jene Männer, Frauen, Mädchen und Kinder, die, ans ihrem Berufe 
ausgestoßen oder mit ihni unzufrieden, zum Statistenberuf gegriffen 
haben, das ist eine Aufgabe, die nicht nur Siiui für große theatra 
lische Wirkltngen, sondern mehr noch Geduld und Energie voraus 
setzt. Mit den Comparserie-Büchern in der Hand stehen sie da und 
lauschen gespannt und ängstlich auf ihr Stichlvort, nach welcheni 
sie Glückliche oder Unglückliche, Jubelnde oder Murrende, Tapfere 
oder Feiglinge, Ritter oder.Knechte sein müssen. Ein von acht 
Pferden und einem Kameel geführter festlicher Zug naht heran; 
„Alles kniet tiieder, bis auf die Pferde", donnert der gestrenge 
Leiter, und Alles sinkt in die Kniee, nur die Pferde, die ausschließ 
lich im Circus unterwürfig zu sein brauchen, bleiben stolz stehen. 
Jede Bewegung, jedes Volksgemurmel, jeder Massenschrei muß 
zwanzig und dreißig Mal wiederholt werden, und mit einer un 
endlichen Gewissenhaftigkeit und fabelhaften Geduld repetirt Herr 
Witte-Wild jede Einzelheit und läßt nicht eher locker, als bis die 
undiscipliuirten, zusammengewürfelten Massen disciplinirt und ge- 
forntt sind und ihre anscheinend so unwesentlichen Aufgaben, deren 
glückliche Lösung den Erfolg des Ganzen mitenffcheidet, begriffen 
haben. Die Solisten gleichen während einer solchen Probe jenen 
Zeugen, die um 9 Uhr zun> Verhandlungsterniin geladen sind, 
pünktlich zur Stelle sein, stundenlang warten und um 8 Uhr Nach 
mittags erfahren müssen, daß der Termin verschoben wurde. Die 
Vertreter der Sprechrollen müssen natürlich pünktlich auf der Probe 
erscheinen, allein da das Studium mit den Statisten eine vorher 
nicht zu berechnende Zeit in Anspruch nimmt, so müssen der erste 
Liebhaber in heldenhafter Geduld und die erste Naive in naiver 
llngeduld ausharrren, bis ihr Stichwort fällt. Und während die 
Statisteir da draußen huldigen oder rebelliren, wird zwischen den 
halbdunklen Coulisseirgäugen manches zärtliche Wort geflüstert, das 
nicht in der Rolle steht und einem mit Langeweile verbundenen 
Gefühl seinen Ursprung verdankt. An allen Ecken und Enden, in 
jedem verfügbaren Raum des Theaters wird probirt und studirt. Aus 
den Pavillons an der Hauptstont erklingt Chor- und Orchester- 
musik; der Componist des Theaters Alt-Berlin, Adolph Mohr, und 
sein Adjittant, Herr Kapellmeister Bäcker, sind eifrig bei der Arbeit; 
daneben giebt es Solo- und Ensembleproben, Licht- und Decoratious- 
proben, ja sogar equestrische Proben, da die Gebrüder Beermanu, 
tvelche bekanntlich den circensischen Theil des „Märkischen Ringel- 
stechens" ausführen, mit den Vorarbeiten bereits begonnen haben. 
In wenigen Tagen wird das, tvas jetzt noch als unfertiges Chaos 
erscheint, geordnet und gelöst sein, iverden Intelligenz und Arbeit 
die Massen und die Einzelheiten bewältigt und harmonisch zu einem 
künstlerischen Ganzen geformt haben, in dem neben der Pracht der 
Ausstattung und den verblüffenden Wundern des Maschinenmeisters 
auch das Wort des Dichters und die Kunst der Darstellung in 
würdiger Form zur Geltung kommen sollen. 
Professor Hans Müller, der ständige Secretair der 
Akademie der Künste, hat eine Jubiläums-Festschrift ver 
faßt, deren erstes Exemplar, wie wir erfahre», dem Kaiser im 
Verlaufe des Jubilüums-Festaktes überreicht werden wird. Die 
Schrift, die sich mit der Geschichte der Akademie befaßt, wird erst, 
nachdem sie der Monarch empfangen hat, der Ocffentlichkeit über 
geben werden. 
Der innere Ausbau des „Olhmpia-Riesentheaters", 
Alexanderstraße, Ecke Magazinstraße, ist schon so weit vorgeschritten, 
daß mau ein anschauliches Bild des Ganzen gewinnen kann. 
Wenn man das Gebäude durch das Hauptpvrtal Magazinstraße 
betritt, dehne» sich rechts und links geräumige Wandelgänge aus, 
welche in die an beiden Seitenfronten des Hauses entlang laufenden 
offenen Hallen einmünde». Von diesen Hallen aus führen 
ca. sechs Meter breite, bequeme Treppen zu den einzelnen Plätzen. 
Das amphitheatralisch gehaltene Auditorinm ist nahezu vollständig 
fertig. Die Anordnung desselben erinnert an das- Kroll'schc 
Theater. Außer dem großen Parkett, welches von jedem einzelnen 
Platze aus dem Zuschauer einen freien Blick auf die riesengroße 
Bühne gestattet, sind nur Logen vorhanden. Vor der Bühne 
befindet sich der ca. 980 Quadratmeter große Wasserkanal. Die
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.