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Periodical volume Nr. 68, 24. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Aussiellungs - Nachrichten. 
handelt wurde, und abgesehen von der Nichtbetonung der 
Innentheilung nach aussen tun an dem Mangel jeglicher 
Fensteröffnung leidet. Demgegenüber will es für unsere 
Praxis nicht viel besagen, wenn man von den vornehmen Ver 
hältnissen des Ganzen, von der glücklichen Vertheilnng der 
■Massen und der Schönheit der Profile spricht. In letzterer 
Hinsicht namentlich entspricht sehr oft die Form nicht dem, 
Inhalt oder sie ist uns wenigstens bis heute noch nicht ganz 
klar geworden. Die griechischen Formen sind aller Wahr 
scheinlichkeit nach zum Theil aus dem älteren Holzbau her 
übergenommen, zum Theil in nicht ganz verständlicher Auf 
fassung in ein anderes Material übertragen. 
Wie anders ist es in der römischen Baukunst! An dem 
Beispiel der Thermen des Caracalla lässt sich erweisen, wie 
musterhaft dort die Baumgestaltung ist, bei welcher Kuppeln, 
halbrunde Xi sehen und vierlei Gliederungen der Wände 
durch Säulen und Pilaster eintreten. Ebenso ist es mit der 
Decke, für welche vielfach abwedlest lüde Gewölbformen vor 
liegen. Auch der Schmuck der Räume durch Malerei, Bron 
zen und Marmor ist schon weit gediehen, so dass wir auch 
dort die Vorbilder für Werke eines hochentwickelten Privat 
lebens finden. Gleichwohl ist die Kunst der Römer oft unter 
schätzt worden, weil man sie als unorganisch oder als eine Ent 
leimung aus dem Griechischen ansah. Dasselbe ist aber mit 
der hellenischen Bauweise der Fall, die vielfach rein decora- 
tivesOrnament hat und ihrerseits auf egyptisclie und orienta 
lische Formen zurückgreift. 
Immerhin sollte die römische Kunst mehr im Vorder 
grund stehen, da im Grunde genommen auf ihr gerade die ro 
manische und die gothische Bauart fassen, die bis zur Neuzeit 
hin ihren Einfluss geltend machten. Als die wahre gothische 
Kunst ihren Abschluss fand, griff man auf die Römer zurück 
und schuf die Renaissance, deren Wandlungen bis in’s 
19. Jahrhundert herrschten. 
Eine neue Richtung erwuchs aus einer zunehmenden 
Schwärmerei für die Natur und für das landwirtschaftliche 
Princip, das in Parkanlagen, ruinenartigen Burgen, Borken 
häusern und in ähnlichen Dingen sich äusserte. Die nach 
folgende Rückkehr zur Antike ist im Ganzen eine unverstan 
dene und mangelhafte gebliebene, weil man die Formen der 
Alten nicht, genau genug kannte. Man bildete in gedanken 
loser Weise einfach nach, was man sah und nahm alte Vor 
bilder beliebig für moderne Bauten auf, nur weil man sie als 
klassisch ansah. Obschon das griechische Tempelschema die 
Anwendung von Fenstern ansschloss, wandte man es an bei 
der Madt leine in Paris, bei der Hauptwache in Berlin, beim 
Palais Raczynski auf dem Königsplatz und zuletzt noch bei 
der Xatioiialgalerie. An dem Widerspruch von Wesen und 
Form musste dieser Stil dann schliesslich scheitern, hatto 
aber doch länger als 50 Jahre die Berliner Schule z. B. be* 
herrscht. 
Eine ähnliche Erscheinung dilettantenhafter Nachbil 
dung bezeichnete auch die Wiederaufnahme der anderen hi 
storischen Stile, deren Kenntnis» bei den Architekten eine un 
genügende war. Dadurch dass die Architekten in allen nur 
möglichen Stilarten bauen, ist eine gewisse. Zerfahrenheit ein 
getreten, die schädigend wirkt Die. Einen sind heute be 
müht, an die alte Tradition wieder anzuknüpfen, Andere wol 
len das Fe herlieferte im modernen Sinne ausbilden und ver 
bessern. Eine dritte Klasse huldigt einem unerfreulichen 
Stilgemengsel, und wieder andere begnügen sich ohne jeden 
Gtil mit einfachen Nutzbauten, ohne zu bedenken, dass die 
Kunst des Architekten auch das kleinste Werk ohne Mehr 
kosten verschönern und adeln kann. 
Hinsichtlich eines neuen Stils sind die Erwartungen 
nicht erfüllt worden, die man vor etwa 30 Jahren an die stär 
kere A ei wendnng des Eisens im Hochbau und an die gross- 
artig geplanten Bauten der Eisenbahnen knüpfte. Die Bahn 
höfe sind in vielen Gegenden noch ebenso monoton wie früher 
und das Eisen hat verschiedene Mangel, die sgine künstlerische 
Verwendung beeinträchtigen. Das Walzeisen in den fa- 
brikmässig- erzeugten Profilen ist nicht biegsam wie Holz, 
und vermöge der grossen Festigkeit leiden alle stützenden 
Theile an einer viel zu dünnen Abmessung, die die Architek 
tur im gewissen Sinne unkörperlich macht und sie. vernichtet. 
Will man an eine Verbesserung der Architektur herangehen, 
so müssen die Baukünstler besst r die Sprache der Formen ver 
stehen lernen und einen Stil beherrschen und die Stilmengerei 
vermeiden. Ob man romanisch, gothisch oder in Renais 
sance baut, ist einerlei, wenn man nur nicht blind copirt, son 
dern das ganze Werk aus seinem Wesen und seiner Bestim 
mung heraus erfindet und in allen Theilen entwickelt. Da, 
sind aber sehr eingehende Studien erforderlich, die in meld 
ren Punkten eine Verbesserung der Technischen Hochschull 
und ähnlicher Anstalten bedingen. 
Professor Schäfer empfiehlt zu diesem Zwecke die EH 
Schränkung des Unterrichts in der reinen wie in der ans 
wandten Mathematik, dann die Hebung und Erweiterung (i 
Unterrichts in der Bauconstruction, wobei die ConstructhJ 
immer nur in anschaulicher Verbindung mit der Form 
lehrt werden soll. An dritter Stelle sollte man (insehen, dal 
griechische Formenlehre nicht die beste ist zur Einführunl 
in den architektonischen Untt nicht, weil das Schematiscl 
derselben die Liebe zur Architektur nicht erwecken und e| 
halten kann. P. W. 
Am heutigen Mittwoch beträgt das Eintrittsgeld in 
die Ausstellung für alle Veteranen, die sich durch Anlegen ihrer 
Kriegsdenkmünzen als solche kenntlich machen, 25 Pfennige. 
Aus Anlass des grossen Festes, welches der Verband Deutscher 
Architekten- und Ingenieurvereine in der Ausstellung heute feiert, 
findet auch festliche Illumination des Hauptgebäudes statt, bei 
welcher die Hand mit dem Hammer durch das Wahrzeichen der 
Architekten und Ingenieure, das Winkelmaass und den Zirkel er 
setzt wird. Das Eintrittsgeld wird trotz der Illumination nach 
3 Uhr Nachmittags nicht erhöht. 
* 
Der zweite Mark-Tag mit combinirtem Eintrittsgelde 
für die Hauptausstellung und die Sonderausstellungen brachte einen 
erhöhten Besuch gegen den ersten Tag. Am Mittwoch, 26. August, 
betrug der Besuch 32000 Personen, am vergangenen Montag 
37000 zahlende Personen; die zum allergrössten Theile den 
Tag in den Special-Ausstellungen zubrachten. Der nächste Tag i 
mit combinirtem Entree ist auf Mittwoch, 9. September, 
festgesetzt. 
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Die Eingeborenen der Kolonial - Ausstellung 
und die Berliner Damen. Die Neger der Kolonial- 
Ausstellung sind bei der Berliner Damenwelt ausserordent • i 
lieh beliebt. Wo sich nur einer von den schwarzen Gesellen, 
ausserhalb der Tembe blicken lässt, ist er in kürzester Zeit 
von einer Schaar jüngerer und älterer Damen umringt. Eins 
besonders warmes Interesse findet der Häuptling Bruce von ] 
den Togoleuten. Er ist ein hochgewachsener breitschulte-J 
riger Mann, von wahrhaft herkulischen Formen mit intelli-T 
geilten, durchaus nicht unschönen Gesichtszügen und freundl 
liehen Augen. Er ist verheirathet, seine Frau und seii| 
Ti jähriges Söhnchen Quasi sind ebenfalls hier, aber di| 
Umstand wirkt durchaus nicht erkältend auf die Gunst, b 
sich Bruce bei den Berlinerinnen erfreut. Und neuj) 
sind die Damen, — dass Bruce manchmal das krause 
zu Berge steht! In die intimsten Angeh 
Familien mischen sich die Dämchen, dafür werden sjj 
die haarsträubendsten Lügen bestraft, die ihnen 
Negerhäuptling in ziemlich gutem Deutsch ulldj 
winnendster Höflichkeit auftischt ,,Wie viel 
Du?“ (Die Fragerinnen sind der festen Meinnnx
	        
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