Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

12
GfficieUe Ausstellung» Nl"1srichte«.
Durch den Zeichenunterricht, welcher ja auch auf die Bildung
der Hand abzielt, kann er keineswegs genügend ersetzt werden.
Tie Muskelkraft, welche beim Zeichnen aufgewendet wird, ist
natürlich nur sehr gering, und doch können Muskeln und Bewegungs
nerven nur erstarken, wenn sic oft, >vie das bei der Handarbeit
der Fall ist, in die Lage versetzt werden, auch grössere Hindernisse
zu überwinden. Und hier bei der Handarbeit giebt es nicht bloß
mit einer leichte» Bleifeder einseitig Striche zu ziehen, sondern
hier giebt es unter Anwendnng verschiedenster Werkzeuge auch zn
heben, zu ziehen, zu stoßen, zn beuge» und zu strecken. Daß
aber die Hand hierbei mehr gekräftigt und allseitiger
gebildet wird, ist klar. Ferner hat der Schüler beim Zeichen-
Unterricht fast nur die Form zu beobachten, dagegen muß
er beim Handfertigkeits-Unterricht neben der Form auch die
verschiedenen Eigenschaften des Materials berücksichtigen, er muß
sich über den inneren Ban des Gegenstandes und über das
Verhältniß der einzelnen Theile genau unterrichten, er kommt
häufig in die Lage, darüber nachzudenken, ob sich dieses oder jenes
Werkzeug für einen bestimmten Theil der Ausführung besser eigne,
er stoßt öfter auf unvorhergesehene Schwierigkeiten, wobei er
znm Nachdenken, Untersuchen, Erfinden angeregt wird; kurz,
es ivcrden hier mehr Sinne und Kräfte in Thätigkeit versetzt
als dort.
Man darf auch nicht vergessen, daß das Kind für die Dinge
selbst immer ein größeres Interesse zeigt, als die bloß zeichnerische
Darstellung derselben. Der jedem Kinde innewohnende Thüügkeits-
»nd Schaffenstrieb drängt dasselbe schon in frühester Jugend zur
Beschäftigung mit Gegenständen hin, deren Lage es verändern, die
cs umgestalten, bei welcher cs sich schöpferisch thätig zeigen kann.
Der Baukasten, welcher ihm diese Gelegenheit bietet, gilt daher mit
Necht als eins der besten Beschäftignngsmittcl. Aber der Hand-
fcrtigkeitsnnterricht leistet zur Befriedigung des Bedürfnisses, zu
gestalten, zn schaffen, sich praktisch thätig zu erweisen, noch mehr.
Hier hat der Knabe nicht nur fertige, genau abgepaßte Steine
und Klötzchen zusammenzusetzen, hier muß er selbst messen, ab
schätzen, schneiden, hämmern, hier erhält er Gelegenheit, aus eigener
Anschauung kennen zn lernen, was hart, weich, spröde, zähe und
fest ist, hier wird auch das Blut in Wallung gebracht und so ein
Gegengewicht gegen die Anstrengung des Geistes geschaffen. Und
»'ährend das Product des Baukastens durch eine Handbewegung
zerstört werden kann, ist das hier geschaffene Werk ein dauerndes
und verschafft ihm oft das wohlthuende Gefühl, Vater oder
Mutter, Bruder oder Schwester durch das Werk seiner Hände
erfreuen zn können.
Wenn nian also beim Handsertigkeitsnntcrricht aus den gelverb
lichen Arbeiten für die Kleinen die einfachsten Elemente heraus
sucht, wenn man sie dabei schon frühzeitig ihre Hände gebrauchen
iilid das einfachste Werkzeug handhaben lehrt, so fördert man die
allgemeine Ausbildung und will keineswegs einem dein Leben
vorgreifenden Abrichten für ein Handwerk Vorschub leisten.
Dieser Unterricht soll auch nicht einen Theil der Vorbereitung für
ein bestimmtes Fach Übernehmen; nein, wie z. B. das Gymnasium
als grundlegende Anstalt für die Universität die Pflicht hat, seine
Schüler dahin zu befähigen, daß sie sich später je nach Neigung
dieser oder jener Facultüt zuwenden können, um jetzt erst
die besondere Ausbildung für ein bestimmtes Fach der Wissen
schaft mit Erfolg zn betreiben, so soll auch die Schiller-
werkstatt nur die grundlegende Kenntniß, nur dasjenige, was
als erste Voraussetzung zur Erlernung eines jeden Handwerks
gelten muß, nämlich Geschicklichkeit der Hand, Uebung des Auges
und praktischen Sinn, vermitteln. Wer sich also diese grund
legende Kenntniß und Fertigkeit in seiner Jugend erworben hat,
der wird, falls er ein Handwerk ergreift, für jedes Fach besser
vorbereitet sein, und die Industrie wird einen so vorgebildeten
Arbeiter als werthvollerc Hilfskraft aufnehmen können. Nahe
liegt auch der Gedanke, daß es für das Allgemeinwohl von nicht
zu unterschätzendem Werthe ist, wenn diejenigen, die im späteren
Leben dem Gewerbe fern bleiben, wenigstens in ihrer Jugend Ge
legenheit haben, die körperliche Arbeit kennen z» lernen, wenn sic
aus eigener Erfahrung wissen, welcher Fleiß, welche Mühe und
welche sonstigen Eigenschaften dazu gehören, eine gute Arbeit her
zustellen. Sie werden solche Arbeiter besser schützen und den
jcnigen. der sie hervorbringt, achten lernen.
Sv kann also der Handferügkeitsunterricht durch die Er-
I weckuug des Sinnes für Fleiß und Arbeitsamkeit und durch die
Vermittelung des Verständnisses für gewerbliche Arbeit auf die
Prodnctivnskraft unseres Volkes befruchtend einwirken, voraus
gesetzt, daß er in methodischer und zielbeivnßter Weise betrieben
ivird. Das ist aber in unseren Schülerwerkstätten der Fall. Die
bei den anderen Unterrichtsgegenständen anerkannten und be
währten Grundsätze sind auch hier maßgebend. Mit den ein
fachsten Vorübungen, mit den leichtesten Arbeiten ivird begonnen:
jeder folgende Gegenstand »'eist einen kleinen Fortschritt ans, er
fordert die Handhabung neuer Werkzeuge, die Ueberwindung wider-
standsfähigeren Materials und steigert so unter steter Rücksicht
nahme auf die Körper- und Geisteskräfte des Kindes allmählich
die Anforderungen an seine Leistungsfähigkeit, bis ihm schließlich
auch die Anfertigung schwierigerer Sachen ganz gut gelingt.
Hierbei wird gleichzeitig auf die größte Sauberkeit und Genauig
keit der Ausführung, auf die rechte Entwickelung des Formen-,
Farben- und Schönheitssinnes und auf die Bildung des Ge
schmackes in rechter Weise hingearbeitet. Die Erfolge eines solchen
vernünftigen Unterrichts bleiben denn auch nicht aus. Die kleinen,
gefügigen Finger fördern bald Sachen zu Tage, die bei Unein
geweihten den Zweifel erregen, ob sie auch von Kinderhand her
gestellt sind. Wer aber den großen Eifer, die aus den Augen
hell leuchtende Freude der kleinen Arbeiter gesehen, wer das Ent
stehen der nach verhültnißmüßig kurzer Zeit gut gelungenen Er
zeugnisse ihres Schaffens beobachtet hat, der ist des Zweifels
überhoben und kommt zu der Ueberzeugung, daß die durch eine
solche Schule gegangenen Knaben, was sie auch werden mögen,
ihren Platz im späteren Leben besser ausfüllen werden, als cs
ohne diesen Unterricht der Fall sein würde.
Aus diesen Andeutungen dürfte wohl hervorgehen, daß die
Berliner Schülerwerkstätten bestrebt sind, die Erziehung des
Einzelnen zu unterstützen und zu erweitern und damit zugleich der
Wohlfahrt des Volkes zu dienen. Ihre Products haben daher
mit Recht einen Platz zwischen Erziehung und Wohlfahrt ange
wiesen erhalten. F. Groppler.
Die Berliner Gewerbe-Ausstellung
und das Ausland.
tAbdruck untersagt^
Die großen politischen Zeitungen Londons, an der Spitze die
Times, haben der Berliner Gewerbe-Ausstellung wiederholt in
rühmlichster WeiseErwähnung gethan, aber in richtigem journalistischen
Takt beschränkten sie sich mehr oder weniger auf Voranzeigen, um
erst nach Eröffnung der Ausstellung sich ausführlicher mit derselben
zu befassen.
Desto zahlreicher und eingehender sind die Besprechungen der
Ausstellung in den leitenden Provinzialblättern. Gerade die Städte,
die sich durch Handel und Industrie einen Weltruf errungen haben,
sind es, die sich der sie am meisten interessirenden Einzelheiten der
Ausstellung bemächtigen und sie mit wirklicher Sachkenntniß erörtern.
Keine größere Genugthuung für die Vorkämpfer der Berliner
Gewerbe-Ausstellung, als die folgenden Auslassungen des in
Manchester — bekanntlich das englische Chemnitz in gewaltig ver
größertem Maßstab - erscheinenden Manchester Examiner, des
berufensten Dolmetschers der dort herrschenden Meinung:
„Die Berliner Gewerbe-Ausstellung wird der langen und liebevollen
Vorbereitung völlig entsprechen. Sie umfaßt einen größeren Flächenraum,
als je zuvor eine Ausstellung in Europa und wird einzig dastehen. Ihr
Hauptzweck ist, den Besuchern die Leistungsfähigkeit der Berliner Industrie
auf allen Gebiete» interessant und lehrreich vor Augen zu führen: sie
soll jedermann von der Vielseitigkeit und Solidität der Berliner Erzeug
nisse überzeugen und die Bedeutung Berlins als Handels- und Industrie-
Centrum erster Größe außer jeden» Zweifel stellen. Eine derartig an
gelegte Ausstellung wird zweifellos einen großartigen Erfolg erzielen."
Ans Birmingham, der zweitgrößten Handelsstadt Englands,
könnten wir die wohlthnendsten Preßstimmen ans den Birmingham
News, der Birmingham Daily Gazette, der Birmingham Daily
Post—iittb vielen anderen Zeitungen anführen, beschränken uns jedoch
heut ans die Birmingham News, die sich folgendermaßen äußern:
..Die Handelsschulen, eine ganze besondere Einrichtung Deutschlands,
iverden auf der Ausstellung in voller Thätigkeit vorgeführt werden. Diese
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.