Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Ofstrielle AussteUnngs-Uachrichte»».
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mittelbarer Nachbarschaft folgen alsdann ddr stattliche Pavillon
für Loescr & Wol ff (born Architekt H. 91 Krause), die Con-
ditvrei von Bruno Pache, das bescheidene, freundliche Heim der
Friseure und Perrückenmacher-Jnnung, der Pavillon Mar-
tienzens (ebenfalls von Herrn. Krause), die flott erfundene, an-
heimelnde Anlage „Bade zu Haus" und die Diamant-
schleiferei von Felix Wolfs. Längs des zierlichen, kostbar aus
gestatteten orientalischen Pavillons der „seligen Wittwe" Zuntz
trifft man voni Ufer des Karpfenteiches, das hier einen wunder
vollen Blick nach Alt-Berlin hinüber bietet, zunächst auf das
niedliche Puppenhäuschen von Desca Reichel, das der holden
Jugend, dem Hänsel und Gretel verlockend winkt. Die geschickteste
Spielerei mit Ziegel und Patina, die die hellen Holzflächen mit
den kleinen Fensterchen kräftig gliedert, hat hier einen überraschen
den Effect erzielt, wozu der schlanke Thurinaufsatz vieles beitrügt.
Nach einer kleinen Biegung des Weges nach Osten liegt
plötzlich vor den erstaunten Blicken ein bayerisches Gebirgshaus,
dessen bemoostes Dach mit großen Blöcken beschwert ist. Neben
dem Eingang der Giebelseite ist das Bild des h. Florian auf
gemalt mit dem biederen Herzenswunsch:
„O heiliger Sanct Florian,
B'schütz unser Haus, zünd' andere an!"
Die grünen Fensterladen sind weit aufgeschlagen und in der
Mitte mit wirklich wunderbaren Rosen geziert. Im Oberstock sieht
man neben denr Giebelfenster den Sankt Hubertus vor dem
Hirsche knieend, links ein Erkerlein mit dem Bilde des heiligen
Nepomuk und allerlei niedlichen Scherzen. An dem Quaderwerk
der Ecke ist die Allmutter Eva abgebildet, die mit unverhüllter
Unschuld den fatalen Apfel dem Adam reicht, der „um die
Ecke" in treuem Conterfei erscheint. Alles verlockt zum Ein
tritt in dies trauliche Heim, und mit großer Freude liest man
darum an der Vorderseite die Aufschrift „Ehrengerechtsame Wirth
schaft des Münchener Bürgerbräu, ausgeübt von RobertBaitz
undFritzJahn." —Auf der Galerie des holzvcrkleideten Giebels werden
Betten gesonnt und Kleider getrocknet, unter der First leuchtet
wieder ein vielsagendes Bild aus dem Gebirge; links ist eine
Seepartie auf die Front aufgemalt, rechts winkt der „Zeige
finger Gottes", ein kunstvolles Wirthshausschild mit den Abzeichen des
Bürgerbräus. Alles ladet zum Bleiben ein, und man kann dieser herz-
erquickenden Schöpfung des Münchener Malers Lenkn er nur
wünschen, daß der im Innern angebrachte Spruch seine einladende
Wirkung bethätige:
Gott grüß' Euch all' miteinander
Lustige Madeln, durstige Mander!
Weiterhin am Karpfenteich erhebt sich der vom Baurath A. Tiede
in maurischem Stil entworfene Pavillon Sarotti, vor welchem
eine in kräftiger Farbenwirkung gehaltene offene Halle am Ufer
sich ausbreitet. Die decorativen Einzelheiten der großen Flächen
sind von besonderem Reize.
Das durch Hoffacker in großer Naturtreue wiedergegebenc
Wendenhaus mit seiner Tenne und Diele, mit seinen altmo
dischen Stiegen und Galerieen wird eine ausgewählte Costüm-
sammlung des Museums für Völkertrachten aufnehmen.
Nach einem kurzen Blick auf den phantasievollen Bau der
Firma Wolfs in Buckau, der nach dem gewaltigen Sturme des
10. März wie ein Phönix neu und verschönert entstanden ist,
überschreiten wir auf der Terrasse des Hauptrestaurants den
Canal6 grande und gelangen zu dem das Marineschanspiel um
gebenden Theile des Parkes, in welchem in der letzten Zeit
mehrere geschmackvolle Bauten aus der Erde geschossen _ sind:
die reichgruppirte Ko st halle der Berliner Groß-
destillateure und die überaus originelle Weißbier-
halle von L a n d r 6, die beweist, wie die Architekten bei
einigem Geschick immer wieder ältere Motive mit Glück ver
werthen können. Auf dem Rückwege tauchen noch weitere Bauten
auf, die in ihrer Erscheinung niemals übereinstimmen. Als bemer-
kenswerth seien für jetzt nur noch hervorgehoben das hübsche Tücher-
bräu an der alten Chaussee, nach den Plänen von Carl Hoffacker,
und schließlich auf der andern Seite dieser Straße der ausgedehnte
Hefter'sche Bau, der außerordentlich geschickt gruppirt ist und
eine der reizvollsten Silhouetten bietet, hoch überragt von einen:
dem Rufe des Hauses entsprechenden „geschmackvollen" Thurme.
P. Wall6.
Die Berliner Schülerwerlrstätten auf der
Gewerbe - Ausstellung.
^Abdruck untersagt, j
Neben den von unsern Getverbetrcibcndeu im ernstep, ehr
lichen Cvncurrenzkampf geschaffenen, auf der höchsten Stufe des
gegenwärtigen gewerblichen Könnens stehenden Erzeugnissen, neben
den durch die „schwielige Faust" in schwerer Arbeit hervorgebrachten
Producten werden auch einfache, äußerlich unscheinbare, mit leichtem,
fröhlichem Sinn von Kinderhand gefertigte Gegenstände den Tau
senden voir Besuchern auf der Ausstellung vorgeführt werden.
Kleine Papier-, Carton- und Stäbchenarbeiten 8 bis II jähriger
Kinder: Papp-, Kerbschnitz- und Hvbelbankarbeiten älterer Knaben,
ivie sie während des letzten Schuljahres in den 5 Berliner
Schülerwerkstätten mit vieler Lust und großem Fleiß hergestellt
tvorden sind, werden dort einen selbstständigen, ja sogar einen bc
vvrzugtcn Platz erhalten. In dem Gebäude, dessen eine Hälfte
der Gruppe XIX „Unterricht und Erziehung" und dessen andere
Hälfte der Gruppe XVIII „Wohlsahrtscinrichtnngen" dient,
werden sie in der Mitte zwischen beiden, auf der Galerie, welche
jeder Besucher, der aus der einen in die andere Abtheilung über
geht, passiren muß, zur Aufstellung gelangen.
Unwillkürlich fragt man sich wohl: Was haben dergleichen
Schülerarbeiten auf einer Gewerbe-Ausstellung zu thun, und wes
halb hat der Arbeitsausschuß dem Verein für Kmrbenhandarbeit,
der die Schülerwerkstätten unterhält und leitet, in zuvorkommendster
Weise diesen Platz eingeräumt? Ein kurzer Blick auf Wesen
und Ziel der in allen Culturländern unaufhaltsam vorwärts
schreitenden Bewegung wird darauf Antivvrt geben.
Hervorragende Pädagogen der Vergangenheit und einsichtige
Männer der Gegenwart verlangen, daß bei der Erziehung und
Ausbildung des Kindes mit Vermeidung jeder Einseitigkeit alle
vorhandenen Anlagen und Kräfte gleichmäßig berücksichtigt und
ausgebildet werden, daß also neben der planmäßigen Entwickelung
aller geistigen Kräfte auch die methodische Ausbildung der
praktischen Anlagen, neben der Schulung der Geistesorgane
auch diejenige der körperlichen Organe, besonders der Hand, zu
ihrem Rechte kommen soll. Gerade in der heutigen Zeit, in welcher
das wirthschaftliche, gesellschaftliche und politische Leben an jeden
Einzelnen täglich höhere Anforderungen stellt, in welcher jedermann
alle seine Kräfte anstrengen muß, um den schweren Kampf um's
Dasein erfolgreich zu bestehen, muß neben der geistigen Fähigkeit
auch die körperliche Tüchtigkeit, neben der geistigen auch die
praktische Intelligenz in entsprechender Weise gesteigert werden.
Nun erkennt unsere Schulerziehung schon längst an, daß
zwischen Geist und Körper eine unleugbare Wechselwirkung besteht,
daß einseitige Thätigkeit des einen zur Erschlaffung des anderen
Theiles führt, und daß beide geübt werden müssen, um sich
gegenseitig zu stärken. Sie läßt daher in dankenswerthcr
Weise dem Turnunterricht, welcher den Körper kräftigen,
und dem Zeichenunterricht, welcher Hand und Auge bilden soll,
immer größere Pflege angedeihen. Aber so vorzüglich und un
entbehrlich der Turnunterricht zur Stählung und Kräftigung der
Muskeln, zur Förderung des Muthes, der Unerschrockenheit und
des Unterordnungssinnes auch ist, Geschicklichkeit und praktischen
Sinn kann er nicht in genügendem Maße hervorrufen: er kann
auch nicht das wichtigste Organ des Menschen, nämlich die
Hand, durch welche der Geist erst seine Gedanken und Absichten
in Thaten umzusetzen vermag, so ausbilden, wie sie es, ent
sprechend ihrem Zwecke als Organ der That, verdient. Je früher
aber dieses wichtige Organ geübt und geschult wird, desto größer
wird der Erfolg sein. Unthätigkeit eines Organes führt ebenso
zur Verkümmerung desselben wie übermäßige Anstrengung. Da
nun die häusliche Erziehung eine methodische, der Kindesnatur an
gepaßte Handausbildung höchst selten giebt, da die Hand der heutigen
Jugend, besonders in der Großstadt, infolge der fortschreitenden
Industrie, die alle Schutbedürfnisse so bequem, billig und gleich
vollständig fertig liefert, »och mehr als in früheren Zeiten zur
Unthätigkeit vernrtheilt ist, so muß ein besonderer Unterricht die
Pflege der Handausbildung der Knaben übernehmen, ivie dies ja
bei den Mädchen schon längst der Fall ist. Und das ist eben der
Handfertigkeits-Unterricht.
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