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Periodical volume Nr. 136, 31. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs - Nachrichten 
Aussteliungsbriefe 
von W i 1 h e 1 m i n e B u c h h o 1 z. 
[Abdruck untersagt J 
XIX. 
Provinz-Erlebnisse. 
Sehr geehrter Herr Redacteur! 
Geschäftsreisen sind keine Vergnügungs-Ausflüge. Frei 
lich kann eine Geschäftsreise sich zur Quelle reinster Freu 
den gestalten, wenn der Absatz fluscht, neue Kunden an- 
beissen und die alten die Waare auftraggebender Weise lo 
ben. Anerkennung in Worten klingt sehr schön und be 
friedigt Dichter und Künstler, zumal in gedrucktem Zu 
stande, aber mit Aufblähung ist dem einfach civilen Bürger 
nicht gedient ; der hat Wechsel einzulösen, Fabrikanten zu 
zahlen, Rohstoffe anzuschaffen und Arbeiter zu lohnen, der 
muss umsetzen; denn was auch aufkommen mag, Geld 
bleibt egal Mode. In keiner Religion sind die Menschen 
orthodoxer, als in der Anbetung des Geldes. 
Unser Felix Schmidt konnte auf das Ergebniss seiner 
letzten Tour stolz sein, als er zurückkehrte. Er war vergnügt 
und mein Karl war so vergnügt, dass er mich mit in das Ge 
schäfts-Vergnügen hineinzog, was er nur selten thut, wie ich 
ihm ja auch nicht mit jeder zerbrochenen Schüssel in’s Ge 
sicht springe und nur dann und wann erfreue, wenn ich 
wirklich Billiges, tief unter dem Einkaufspreis erworben habe. 
Gewöhnlich berechnet er nach, dass er trotzdem viel zu hoch 
kam. Xeulich kaufte ich auch etwas. Es sah aus wie eine 
Kneifzange und war patentirt und von zwei Mark auf fünfzig 
Pfennige herabgesetzt, blos es liess sich nirgend wozu ge 
brauchen. Mein Karl drohte, das nächste Mal käme ich 
unter Curatel. Ich < ntgegnete: „Wer eine Mark fünfzig 
sparen kann und es nicht th.ut, versündigt sich; übrigens 
die Frau soll auch erst geboren werden, die einem Ausverkauf 
widersteht. Also was murrst Du?“ 
Jetzt hatte ich Verwendung für den Gegenstand, indem 
ich ihn nebst etlichen anderen Niedlichkeiten als Aufmerk 
samkeit für Tante Lina mitnahm. Kann sie auch nichts 
damit anfangen, so freut sie sich doch über dt n guten Willen, 
der bei Geschenken das Werthvollste ist. Und den hatte ich. 
Ob ich auf einer Geschäftsreise war, als ich in der Eisen 
bahn sass und nach Tante Lina fuhr, das vermochte ich nicht 
bestimmt zu beantworten, eine Vergnügungspartie war es je 
doch nicht. Würde ich meinen Zweck erreichen ? Vielleicht. 
Blieben meine Bemühungen fruchtlos, waren Fahrkarte, Zeit 
und Spesen der Katze geweiht. Aus der Füllung des Ab 
theils machte ich mir nichts, die Stadtbahnfahrten nach 
Treptow hatten mich abgehärtet, und schon längst hatte ich 
den Unterschied zwischen Häringen und Berlinern heraus 
gefunden. Die Häringe werden nämlich mit Salz gepökelt 
und die Berliner mit amtlichen Zumuthungen. Die Ver 
packung ist dieselbe. 
Bei der herrschenden Sommerwärme zog ich die dritte 
Klasse der gepolsterten zweiten vor, und das hatten sämmt 
liche Mitleidensgenossen aus demselben Grunde gethan, wie 
sie sagten, als das allgemeine Gespräch mit Bahnbeschwer 
den eröffnet wurde. So mächtig wird stets über die Leitung 
des Ganzen geurtheilt, dass sie aus dem Ohrenklingen gar 
nicht herauskommt, wobei sie natürlich keinen vernünftigen 
Verbesserungs-Gedanken fassen kann. Hinterrückisehes 
Zähneknirschen hat gar keinen Einfluss, ebenso wenig wie das 
Anblaffen der unschuldigen Schaffner und Fahrkarten- 
Durchlöcherer etwas an dem Bahngesetze ändert. Man gebe 
den Herren vom grünen Tisch mehr Ferien mit der Ver 
pflichtung, sie abzureisen. Das würde ihnen gut thun. 
So und ähnlich äusserten die Herrschaften sich, und 
nachdem die Eisenbahn ihre Wischer weg hatte, kam Berlin 
daran. 
Ich gab mich nicht zu erkennen, um die freien Aeusse 
rungen nicht zu hemmen. 
Es bildeten sich bald zwei Parteien. Die eine liess an 
Berlin kein gutes Haar, die andere war der Anerkennung voll, 
wenn man jedoch genau hinhörte gingen die meisten Klagen 
aus dem Portemonnaie hervor. Die, die Alles hatten sehen 
und gemessen wollen, ohne dass es etwas kosten sollte, waren 
böse, die Anderen, die sich gesagt hatten, dass, wer Vieles 
in kurzer Zeit abmachen will, an einem Tage mehr ausgiebt, 
als zu Hause in einer bis mehreren Wochen, waren zufrieden. 
Kann Berlin etwas dafür, dass die Strassen so lang sind ? 
Die Droschken waren ihnen zu theuer. 
Warum sie nicht Pferdebahn gefahren wären oder Om 
nibus ?“ 
Wer wusste denn, wo man damit hinkäme? 
Man brauchte nur zu fragen. 
Um sich Grobheiten auszusetzen ? 
Wo das der Fall gewesen wäre? Der Berliner gäbe gern 
und willig Auskunft. 
Damit liefe man den Bauernfängern in die Arme. 
„Jawohl,“ rief ich dazwischen, „wenn man nämlich ein 
Bauer ist.“ 
„Sie sind wohl aus Berlin und wissen alles besser ?“ ent 
gegnen der Mann. „Wie ist es einem Herrn gegangen, den 
ich zufällig kennen gelernt hatte? Er machte nämlich, die 
Bekanntschaft von einem Grafen und der Graf führt ihn in 
höhere Kreise ein und es ist auch sehr nett in den Kreisen, 
blos dass die Gesellschaften immer so spät in der Nacht statt 
fanden. Doch dies fiel ihm nicht weiter auf, indem er sich 
ausgezeichnet amusirte mit ungarischen Grä binnen und Com- 
tessinnen aus Polen, in die er ganz weg war; hochfein, und 
da er sich nicht knauserig zeigen durfte, wenn mal gespielt 
wurde, haben sie ihm nicht blos sein Geld abgenommen, son 
dern auch die Uhr und, wie er sie ain nächsten Abend einlö 
sen will, hat die Polizei die ganze noble Gesellschaft aus 
gehoben.“ 
„Hat er seine Uhr wieder?“ fragte jemand. 
„Nicht doch. Wenn er sich meldet, muss er als Zeuge 
vor Gericht und das passt ihm nicht wegen seiner Stellung. 
Wenn sein Name in der Zeitung steht und wie die Frauen 
zimmer ihn hereingelegt haben und dass der Graf ein entlas 
sener Heilgehilfe mit Vorstrafen war; die Blamage ist zu 
enorm.“ 
„Was man nicht alles mit guten Freunden erlebt,“ be 
merkte ich. Die übrigen lachten und tuschelten und einer 
rief: „Der gute Freund sind Sie doch nicht am Ende selber?“ 
„Würd’ ich die Geschichte dann erzählt haben?“ 
„Na, na !“ zweifelte ein Herr. 
„Ich bin es weiss Gott nicht“, suchte er sich herauszu 
reden. „Sie können es mir glauben.“ 
„Wer glaubt, wird selig.“ 
„Auf Ehrenwort, ich bin es nicht. Ich kann Ihnen 
auch den Namen nennen, es war ein gewisser Ungermann.“ 
„Ein kleiner untersetzter Herr mit durch gewachsenem 
Schädel ?“ platzte ich los. 
„Ganz derselbige. Kennen Sie ihn?“ 
„Nur so von Ansehen. Ich kann mich auch irren.“ 
„Vielleicht wissen Sie mehr von den ungarischen Grä 
finnen als wir?“ argwöhnte der Herr und flxirte mich. 
Ich wurde verlegen. 
„Und wo die Uhr geblieben ist?“ 
„Mein Herr!“ fuhr ich auf. 
„Ich kenne Berlin,“ höhnte er. 
„Berlin bei Nacht,“ gab ich ihm zurück, „gerade so wie 
Ungermann. Jawohl! Den hat die gerechte Strafe für seine 
Aushäusigkeit und nächtliche Herumtreiberei ereilt. Hof 
fentlich sind seine Genossen auch nicht leer ausgegangen. 
Sie sagten doch, er wäre ein guter Freund von Ihnen ?“ 
„Ich verbitte mir jede Anspielung.“ 
„Ich mir dito!“ 
„Uebrigens, wenn Sie es interessirt, wurde ich in Alt- 
Berlin mit dem Herrn bekannt. Die Ausstellung ist doch! 
für Fremdenverkehr, da treffen sich eben die Fremden.“ 
Es trat eine peinliche Pause ein. Voller Aufregung 
suchte ich nach meinem Riechsalz, wobei die merkwürdige
	        
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