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Periodical volume Nr. 133, 28. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Aussteilungs - Nachrichten. 
Das Buchgewerbe auf der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.] 
Etwas abseits von den Erzeugnissen der Industrie, auf 
3er linken Seite des Hauptgebäudes, liegt der Raum, in dem 
sieh die Ausstellungen der Gruppe VIII, Buchgewerbe und 
graphische und decorative Künste befinden. Wir glauben 
nicht, dass dieser Flügel des Hauptgebäudes für die Gruppe 
deshalb gewählt wurde, weil sie mit ihren Leistungen dem 
Gros der Besucher etwa unbekannt bleiben sollte. Im Gegen 
theil — wenn die Gewerbe-Ausstellung unbestreitbar viele 
Momente hat, welche die Arbeit Berlins in bestem Lichte 
zeigen, so gehört die Gruppe VIII zweifellos zum Besten. 
Wer nur einigermaassen für den geistigen Fortschritt 
der Reichshauptstadt Interesse hat, wird nicht ohne Freude 
diese Ausstellung betrachten, die in ihrem äusseren Gewände 
so bescheiden, in ihrem Wesen aber für den Kundigen so 
vielsagend und bedeutungsvoll ist. Wir wollen an dieser 
Stelle von der Ausstellung der graphischen und decorativen 
Künste, zwecks einer besonderen Behandlung absehen und 
hier nur das Buchgewerbe im Auge behalten. 
Die Ausstellung präsentirt sich dem flüchtigen Blick 
bescheiden, sehr bescheiden. In den Fächern der in einfach 
ster Form gehaltenen Regale sieht man die Bücher, in Reih’ 
und Glied nebeneinander gestellt, ganz wie in einer Buch 
handlung. Kur hie und da bemerkt man den schwachen Ver 
buch zu einem gefälligeren Arrangement, und nur eine Ver 
lagshandlung hat in einer Vitrine ausgestellt. Etwas mehr 
Originalität in der Anordnung wäre wirklich nicht von Fach- 
theil gewesen, ebenso wenig, wenn dafür gesorgt werden wäre, 
dass die Ausstellungen der einzelnen Verlagshandlungen sich 
etwas stärker von einander abgehoben hätten. So eng sind 
stellenweise die Bücher mehrerer Verlagshandlungen an ein- 
»ndergedrängt, dass man Werke verschiedener Herkunft für 
Ausgaben eines Verlags halten kann. 
Aber diese Uebelstände sind glücklicherweise nur neben 
sächliche Aeusserlichkeiten. Die Ausstellung als Ganzes 
lässt bald über die nicht vortheilhafte Anordnung hinweg 
sehen, und der Besucher wird immer mehr gefesselt von der 
Gesammtleistun g, die sich in der Ausstellung als Verlagsthä 
tigkeit Berlins darstellt. 
Und diese ist, wenn man nur einen Moment an die Ver 
gangenheit zurückdenkt, in jeder Hinsicht überraschend. 
Sagen wir es gleich heraus : Berlin hat innerhalb weniger 
Jahre in vielen Beziehungen die Centrale des deutschen Bü- 
eherverlags Leipzig überflügelt. Die Behauptung erscheint 
etwas kühn, aber sie wird durch die Thatsachen einfach be 
stätigt. 
Wer irgendwie mit dem Buchhandel in Berührung steht, 
weiss, dass Berlin als Verlagsort noch vor etwa zwei Jahr 
zehnten einen ziemlich untergeordneten Rang einnahm. Ver- 
leger gab es wohl, sogar sehr bedeutende Verlagsanstalten, 
aber ihre Zahl war sehr gering, und was sonst neben diesen 
grösseren Verlags-Instituten vorhanden war, hatte einen 
vorwiegend ephemeren Charakter. Aber auch das, 
was die - grösseren Verlagshandlungen producirten, 
stand nicht gerade auf der Spitze deutscher 
Verleger - Thätigkeit. Umfangreichere und kostspieli 
gere Werke erschienen nur in geringerer Anzahl in 
Berlin, und auch hinsichtlich der typographischen, illustra 
tiven und sonstigen Ausstattung standen die Berliner Bücher 
hinter denen der Leipziger und Stuttgarter Verlagsanstalten 
zurück. 
Wie anders ist das Bild heute! In demselben scharfen 
Schritt, mit dem in Berlin die Grossindustrie vorwärts ge 
stürmt ist. ist auch der Buchverlag vorwärts gegangen. Die 
Zahl der Verlagsbnndlungen wuchs gewissermaassen zu 
sehends von Jahr zu Jahr und mit der Zahl auch die Unter 
nehmungslust. Wer mit dem Berliner Buchhandel Fühlung 
bat, konnte es beobachten, wie diese Entwickelung vor sich 
gegangen ist. Keue Leute, neue Kamen tauchten plötzlich 
auf. bescheiden, zaghaft; was sie boten, hatte sozusagen einen 
tyiidustriösea“ Anstrich, einen recht modernen Zuschnitt- 
Aber der neue Karne kam immer häufiger, das Geschäft 
wuchs und dehnte sich aus, der Charakter des „Inclustriösen“ 
verwischte sich immer mehr und verschwand schliesslich 
völlig. — Berlin und Deutschland war um einen beachtens- 
werthen und ernst zu nehmenden Verlag reicher geworden. 
Dieser Process vollzog sich — im Gegensatz zu früheren 
Zeiten, da es vieler Jahre bedurfte, ehe der Weg schrittweise 
zurückgelegt wurde — oft innerhalb weniger Monate. Und 
auch nur so konnte es geschehen, dass der Berliner Buch 
verlag innerhalb einer erstaunlich kurzen Zeit dermaassen , 
erstarkte, dass er neben Leipzig die wichtigste Stellung in 
Deutschland einnimmt. 
Keben Leipzig freilich — denn dieses ist als Central- 
Commissions- und Expeditionsanstalt noch immer ein Mittel 
punkt des deutschen Buchhandels, wodurch die Verleger ge- J 
zwungen werden, ihren geschäftlichen Betrieb zwischen dem 
Sitz des Verlages und Leipzig zu theilen. Vielleicht gelingt 
es doch den Berliner Buchhändlern noch in absehbarer Zeit 
Commission und Expedition in Berlin zu centralisiren —- ' 
dann wird Berlin unstreitig die allererste Stellung im Buch 
handel einnehmen. 
Jetzt aber schon sehen wir, wie sieh der Berliner Verlag 
fast aller Fächer des Buchhandels und fast aller wissenschaft 
licher Disciplinen bemächtigt hat. Und was mindestens 
ebenso viel zu bedeuten hat, nicht nur quantitativ sind die 
Leistungen sehr bedeutend, sondern auch qualitativ in tech 
nischer Beziehung. Die Herausgabe von grossen illustra 
tiven und Prachtwerken bildete früher das Monopol von Leip 
zig und Stuttgart. Der Berliner Verlag producirt nun schon 
seit Jahren Illustrationswerke, die ebenso in künstlerischer 
Beziehung wie in ihrer Ausstattung die besten Leistungen 
der modernen — deutschen — Buchtechnik repräsentiren. 
Ein Blick auf die prachtvollen Publicationen der Firma 
Kanter & Mohr, auf die gewerblichen Musterbücher und die ,1 
brillant ausgeführten Muster der Decorationsmalerei der Ge 
genwart, ferner auf die grossartigen Illustrationswerke für 
Architektur,Bildhauerei, Ornamentik, Kunstgewerbe, Costüm- 
Kunde etc. der Architektur - Buchhandlung Ernst Was- 
muth zeigt den Berliner Verlag auf der höchsten Stufe der 
modernen Leistungsfähigkeit. Mit imposanten Illustrations- - 
werken ist auch eine ältere Firma vertreten, Dietrich Reimer, 
in deren Ausstellung man das bekannte grossartige Werk 
v. Richthofen’s über China und prachtvoll illustrirter Werke • 
über Asien und Afrika findet, deren technische Ausstattung 
geradezu musterhaft ist. Ueber die kartographischen Lei 
stungen dieser Firma noch viele Worte des Lobes zu sagen, 
wäre Wasser in’s Meer tragen. Ihr Ruf und ihr Ruhm sind 
ebenso fest begründet, wie wohl verdient. Das Schwergewicht 
der illustrativen Arbeit Berlins liegt freilich im Zeitschriften 
wesen. Und hier kann man sagen, dass Berlin gegenwärtig 
in der That an der Spitze des Illustrationswesens nicht allein 
von Deutschland, sondern der ganzen eivilisirten Welt steht. 
Von Berlin ist jene neueste Aera ausgegangen, die uns in 
illustrirten Zeitschriften das farbige Bild, den effectreichen 
lebensvollen Farbenholzschnitt bringt. Richard Bong, der 
energievolle Herausgeber der „Modernen Kunst“ hat diese 
neueste Kunsttechnik, die jezt ihren Triumphzug über die 
Erde macht, gewissermaassen erst geschaffen. Mit scharfem 
Blick hatte er den Werth der von H. W. Vogel erfundenen 
Dreifarbenphotographie erkannt und mit starker Initiative 
verstand es Bong diese Erfindung technisch dermaassen aus 
zugestalten, dass seine Farbenbilder, die sich an Schönheit 
mit den feinsten Aquarellen messen können, das beste dar 
stellen, was in dieser Hinsicht bis jetzt überhaupt geleistet 
worden ist, So viele Kachalimungen diese Art Farbenillu 
stration bisher auch gefunden hat, so reicht doch keine in der 
Schönheit, Plastik und Tiefe der Farbennuancen an das 
Original hinan. An Schnelligkeit der Darstellung hat diese 
Technik die Chromolithographie völlig geschlagen, aber auch 
in der Feinheit des Details und der äusseren Gesammtent- 
wickelung. In der That behauptet denn auch die Firma 
Richard Bong mit ihren farbigen Kunstwerken das Monopol 
in einer Art, dass sie nicht nur für vornehme englische, son-
	        
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