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Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

OfficieUe AnssteUnngs-Uachrichte». 
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dic Handwerker. Es stellt sich heraus, das; große Exporthäuser 
in Frankreich, in England, selbst in Amerika eine bestimmte 
Waare in ungeheuren Mengen auf den deutschen Markt werfen, 
zu Preisen, für die kein Handwerker arbeiten kann. Die modernste 
ausländische Großindustrie tritt in den Kampf mit dem alten 
deutschen Handwerk — ein Kampf wie mit Magazingewehren 
gegen Feucrschloßflinten. Mit schauerlicher Schnelligkeit erobert 
eine ausländische Specialität nach der anderen den deutschen 
Markt. Eine Weile erscheint es oft, als ob das deutsche Hand 
werk vernichtet, die Handwerker zu Kleinhändlern mit englischen 
und französischen Waaren herabgedrückt werden sollen. 
Doch alsbald beginnt das Handwerk die Ursachen jener 
überlegenen Concurrenz zu erkennen und sich ihnen anzupassen. 
Es ist eine glänzende Leistung des deutschen Handwerks, das; es 
in solchen Tagen genügend Männer hervorgebracht hat, welche 
ans ihrer Werkstatt eine große Fabrik herauszubilden, sich den 
gänzlich veränderten und ungewohnten Productions- und Absatz 
bedingungen anzupassen und so eine mächtige deutsche Fabrik- 
Industrie zu schaffen wußten. Ueberall entstanden in Deutsch 
land jetzt ebenfalls Fabriken. Ihre Waaren traten in 
Wettbewerb mit den ausländischen. Ein heißer Coucurrenzkampf 
entspann sich ein, zwei Jahrzehnte hindurch. Dann war die aus 
ländische Industrie geschlagen und im Wesentlichen der deutsche 
Markt für die deutsche Arbeit zurückerobert. 
An diesem Krieg und Sieg hat Berlin einen hervorragen 
den Antheil. Bei seinem großen centralen Markt, bei den viel 
seitigen Bedürfnissen seiner Bevölkerung hatte sich gerade in 
Berlin die fremde Industrie eine feste Stellung geschaffen. 
Und gerade in Berlin ist in sehr vielen Branchen die ein- 
hcimische Industrie zuerst und am kräftigsten entwickelt; 
sie hat den Coucurrenzkampf nicht nur für Berlin, sondern für 
ganz Deutschland aufgenommen und siegreich bestanden. Ja sie 
ist auch über die Grenzen, in überseeische Länder vorgedrungen 
und hat überall den Berliner Waaren einen großen Markt ge 
schaffen: sie hat selbst in Frankreich, England und Amerika im 
Coucurrenzkampf mit der eigenen Industrie jener Länder ihre 
Kräfte gemessen und manchen Sieg errungen. 
Diese Entwickelung der Berliner Industrie muß man kennen, 
wenn man das Verhältniß von Fabrik und Handwerk 
richtig beurtheilen will. Auch in Berlin hört man oft sagen: 
Dic Berliner Fabrik ist der Feind des Berliner Handwerks, sie 
hat unser Handwerk zu Grunde gerichtet und ruinirt es noch 
immer weiter. Wenn diese Fabriken nicht wären, da hätte das 
Handwerk noch seinen „goldenen Boden" und seine „gute alte 
Zeit". Nichts falscher als das. Auch wenn in Berlin, in ganz 
Deutschland sich kein Fabrikschornstein zum Himmel reckte, wenn 
die Staatsgewalt mit eiserner Hand jede Entwickelung der 
deutschen Industrie gehemmt hätte, auch dann wäre gar nicht 
daran zu denken, daß das deutsche Handwerk seine alte Form 
und seine alte Kundschaft bewahrt hätte. Die Fortschritte der 
Technik sich zu eigen zu machen, das läßt sich der Mensch nicht 
nehmen. Das Fehlen einer eigenen Industrie würde nicht unserem 
Handwerk, sondern der Industrie des Auslands nützen. Ohne 
eigene Industrie würden wir heut doch nicht in Postkutschen, 
sondern auf von Engländern gebauten Eisenbahnen fahren, wir 
würden statt der Berliner Rnudbrcnuer keine Oellampen, sondern 
Pariser Lampen brennen; statt der Berliner Heizungs-, Gas- und, 
Wasseranlagen in unseren großen Gebäuden hätten wir 
amerikanische, und jo fort in allen Stücken. Die Hunderttausende 
von Arbeitern, die aus unserer Landivirthschaft xinb aus dem 
Handwerk der Industrie zuströmen, hätten in diesem Falle in's 
Ausland gehen. müssen, um dort für den deutschen Markt zu 
arbeiten. Ihre Kaufkraft, das Capital, das in ihrer Arbeitskraft 
liegt, hätten sie dem Ausland zugeführt und dessen Wehrfähigkeit 
ans Kosten Deutschlands verstärkt. 
Dic Berliner Industrie ist nicht der Feind des Berliner 
Handwerks. Sie hat nicht ihm sein Arbeitsgebiet entrissen. Denn 
dies war schon vor ihrer Entwickung an die fremde Industrie 
verloren, der Verlust war doch sicher vorauszusehen. Sie hat 
vielmehr der ausländischen Industrie das Arbeitsgebiet wieder 
abgenommen und so den Sühnen der alten Handwerker in anderer 
Form ihre Nahrung zurückgegeben. Die Entwicklung vom Klein 
zinn Großbetrieb, wie sie sich vollzogen hat und auf manchen 
! Gebieten noch weiter vollzieht, ist natnrnothwmdig und international; 
sie zu verhindern, steht nicht in der Macht einer Stadt oder 
eines Landes. Aus ihr eine Feindschaft zwischen Handwerk und 
Fabrik herzuleiten, ist thöricht. Dem Handwerker ist auch heut 
noch ein weites Arbeitsgebiet geblieben, und er erkennt in Berlin 
arich inr Allgemeinen sehr wohl, wo er concurrenzfähig ist, wo 
nicht. Durch genossenschaftlichen Zusammenschluß, durch verbesserte 
technische und kaufmännische Ausbildung will er sich gerade jetzt 
manche Vortheile des Großbetriebes zu eigen machen. Ueber die 
Versuche, sich im Fluß der Dinge eine feste künstliche Monopol 
stellung zu schaffen, geht die allgewaltige wirthschaftlichc Ent 
wickelung zur Tagesordnung über. Dem Land, das sich dazu 
hergeben wollte, könnten sie nur schaden. Nicht gegen die Fabrik, 
sondern neben der Fabrik, in zweckmäßiger Arbeitstheilung mit 
ihr, geht der Weg des Handwerks. 
Ueber die Entstehung der Fabriken geben die Akten des 
Berliner Polizeipräsidiums ein brauchbares Bild. Aus ihnen hat 
der Berliner Statistiker Dr. Meinerich die Zahlen der polizei 
lichen Genehmigungen von Fabrikbauten ausgezogen. In 
den Jahren bis 1880 waren es pro Jahr 10 bis 20. Das 
Jahrzehnt 1851—60 ist die erste große Fabrikbanperiode. In 
diesen zehn Jahren entstanden: 24, 36, 134, 88, 132, 62, 49, 
32, 32 und 32 Fabrikbauten, zusammen 621. Im nächsten Jahr 
zehnt waren es 487. 1872 hob sich dic Zahl auf 204. Damit 
war dic höchste Zahl erreicht. 1871—75 sind 681 Fabrikgebäude 
entstanden, in den nächsten fünf Jahren nur noch 183, im Jahre 1878 
nur 10. Seither ist die Zahl der jährlich genehmigten Bauten 
nicht mehr so bedeutend gewesen. Sie betrug im vorigen Jahr 
zehnt durchschnittlich 82,5 pro Jahr und war 1893^auf 25 ge 
sunken. 
Dabei ist noch zu bedenken, daß die letzten Zahlen wesentlich 
Ernenernngsbauten gewesen sind. Dic Berliner Fabrik-Industrie 
ist nach dem siegreichen Vorschreiten früherer Jahrzehnte also 
jetzt zu stabilen Verhältnissen gekommen, und das ist auch 
begreiflich. Denn sie ist im Coucurrenzkampf jetzt aus einer an 
greifende!; in eine vertheidigende Stellung gekommen. Gleichwie 
sie bei ihrer Ausbreitung den deutschen Besitzstand gegen das 
Ausland wahrte, so sind jetzt in den kleineren deutschen Industrie- 
centren überall eigene Industrien entstanden, die ihrerseits wieder 
den Markt des Ortes oder der Provinz gegenüber den Berliner 
Fabriken zu erringen trachten. Daraus folgt die schwierige Stellung 
der letzteren. Manche Orte, manche Branchen geben ihren Absatz 
verloren, aber das spornt ihren Erfindungsgeist zu neuen Leistungen 
an. Nene Wege für den Absatz . und neue Branchen für die 
Fabrikation werden dafür erschlossen. Im Allgemeinen behauptet 
Berlin seinen Besitzstand. Die Ausstellung zeigt, daß Berlin seine 
jüngeren Mitbewerber nicht scheut, das; es offen seine Kräfte mit 
ihnen messen, mit seinen Voxzügen und seinen Schwächen getrost 
das Urtheil der öffentlichen Meinung herausfordern will. Die 
gespannte Erwartung, mit der die Industriellen des ganzen Landes 
dieser Ausstellung entgegensehen, zeigt, daß die Ueberlegenheit 
Berlins ans weiten Gebieten auch jetzt noch willig anerkannt >vird, 
das; man bereit ist, seine Leistungen zu bewundern und von ihnen 
zu lernen. 
Der Pavillon des 
„Berliner Kollo!-Anzeiger". 
Abdruck untersagt.; 
Während der Ausstellung werden, >vie jetzt schon vorauszu 
sehen, die Vorgänge im Parke zu Treptow den wesentlichsten Theil 
des Tagesinteresses bilden, sowie Monate lang alltäglich ungezählte 
Tausende dem eigentlichen Verkehrscentrum der Kaiserstadt fernhalten. 
Darum ist es von Bedeutung, daß auf dem Ansstellungsplatze 
selbst für die Berichterstattung sowohl wie für den Zeitnngsverkanf 
die ivcitgehendsten Maßnahmen getroffen sind, um Presse und 
Publikum in gleicheni Maße so rasch >vic möglich zu befriedigen 
und zu unterrichten. 
Von den Tagesblättern ist es allein der „Berliner Lokal- 
Anzeiger", der sich mit Rücksicht auf die weitgehenden Anforde 
rungen der O öffentlichkeit au die Presse da draußen eine eigene 
Heinistätte aufgeschlagen hat, in welcher dem Publikum jede Aus-
	        
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