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Periodical volume Nr. 132, 27. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officieild Ausstellungs - Nachrichten. 
y 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck nntersagt] 
Porzellan und seine Decorationsarten. 
Herr Director Dr. Heinecke, der Leiter der König 
lichen Porzellanmanufactur hielt vor einem zahlreichen und 
gewählten Publikum einen ausserordentlich anregenden und 
interessanten Tortrag über das Porzellan und seine Decora 
tionsarten, der einerseits durch die kernige schlichte Vor 
tragsweise des Herrn Dr. Heinecke ganz besonders wirkte, 
andererseits aber eine prächtige ,Illustration in den ausge 
stellten reichen keramischen Schätzen aus den Sammlungen 
der Porzellanmanufactur erhielt. 
Das Töpferhandwerk darf als das älteste Kunstgewerbe 
betrachtet werden. „Gleich nach dem Schöpfer kam der 
Töpfer!“ äusserte jüngst jemand zu Herrn Dr. Heinecke und 
er ist der Ansicht, dass dieser Ausspruch, wenn wir die Ent 
stehungsgeschichte der Thonindustrie näher betrachten, sich 
als absolut wahr erweist. Der Mensch erkannte zuerst in 
den Flussniederungen, wo sich der Thon als fetter Schlamm 
abgelagert hatte, an dem Abdruck seines Fusses, in dem sich 
Wasser ansammelte, dass diese Erde eine geringere Durch 
lassfähigkeit für Flüssigkeiten, als der Sandboden und das 
Steingeröll besass. Dies brachte ihn auf die Idee, aus dem 
fetten Material rohe Gefässezu sonnen, die er zur Aufbewah 
rung seiner Nahrung, namentlich der von den Hausthieren 
gewonnenen Milch benutzte. Um diese flüssige Speise zu 
erwärmen, brachte er das kunstlose Gefäss mit dem offenen 
Herdfeuer in Berührung, wo es eines Tages zersprang. Die 
Scherben fielen in die heisse Asche und mit Erstaunen be 
merkte der Mensch beim Herausnehmen derselben, dass sie 
durch die Gluth eine gewisse Festigkeit erhalten hatten, dass 
sie gebrannt waren. Eine der wichtigsten Entdeckungen 
aller Zeiten war damit gemacht: die Eigenschaften des 
Thons, auf denen die ganze Keramik beruht, waren erkannt. 
Als'sich im Laufe der Zeit die anderen Gewerbe mehr und 
mehr entwickelten, gelangte man zur Erfindung der Töpfer 
scheibe, die noch heute für das Thongewerbe dieselbe Be 
deutung hat, wie frühen Durch sie war der Mensch im 
Stande vollkommenere Gefässe zu machen, er konnte sie ab 
runden und mit gleichmässig starken Wänden versehen, was 
für 'den Process des Brennens von hoher Wichtigkeit war. 
Die massenhaftere Herstellung dieses Hausrathes war nun 
ermöglicht und damit ein grosser civilisatorischer Fortschritt 
gemacht. Nach und nach kam man darauf, ,den Thon von 
seinen schädlichen Beimischungen zu reinigen, ihn zu 
schlemmen; man leimte, ihn nach seinen Färbungen zu 
sondern, ihm durch verschiedenartige Brennpiocrsse andere 
Farbentöne zu geben. Schon bei den alten Griechen war 
das Töpfergewerbe zu hoher Blüthe gelangt, wie die uns über 
lieferten Terracotten beweisen, die in ihrer prächtigen Linien 
führung noch heute das Auge des Kenners entzücken. Da 
mals übte man meisterhaft die Kunst, den Thon vollständig 
roth und schwarz zu färben, und schuf damit die Grundlage 
für die späteren Fortschritte der Technik, auf deren Höhe 
die Töpferei in Europa Jahrhunderte lang stand. Aber eines 
fehlte noch, was namentlich für das Gebrauchsgeschirr sehr 
wesentlich war, die genügende Glasur, ein Mangel, der in 
erster Reihe die Gefässe zu porös und nicht flüssigkeitsdicht 
genug erscheinen liess. Lange Zeit bemühte man sich ver 
geblich, diesem Uebelstande abzuhelfen, aber eine vollkom 
mene Glasur herzustellen gelang erst, als man die glasbil 
dende Eigenschaft des Bleioxyds erkannte — eine Ent 
deckung, die für die decorative Entwickelung der Thonin 
dustrie von höchster Bedeutung war, indem man nun auch 
andere farbige Metalloxyde zur Verwendung heranzog und 
dadurch zahlreiche Farbeneffecte erzielte. Die schönen Gla 
suren kamen wesentlich in Aufschwung, besonders Fayence 
in Frankreich, das diesen Waaren seinen Namen gab, und 
Nürnberg lieferten prächtige Fabrikate, die noch heute die 
Zierde! aller Sammlungen bilden. Herr Dr. Heinecke zeigte 
zum Beweise dessen eine Anzahl französischer und deutscher 
Krüge vor, die einen Bilderschmuck aufwiesen, dt v von der 
heutigen Fayence-Fabrikation in seiner Reiehheit und künst 
lerischen Schönheit kaum erreicht, keinesfalls aber übertreffen 
werden durfte. 
Um dieselbe Zeit entwickelte sich in Deutschland, unab 
hängig von der Fabrikation der Fayence, eine neue Industrie, 
die des Steinzeugs, die namentlich am Rhein und in Bayern 
betrieben wurde und besonders sehr gesuchte Trinkgefässe 
lieferte. Aber noch immer hatten wir kein eigentliches Por 
zellan, das die Chinesen schon kurz nach Christi Geburt in 
hoher Vollendung herstellten und das uns im 15. Jahrhundert 
durch die Portugiesen übermittelt wurde. Indessen erst 
zwei Jahrhunderte später sollten die Versuche Porzellan in 
Deutschland zu fabriciren durch einen Zufall mit Erfolg ge 
krönt werden und Johann Friedrich Böttcher war der Mann, 
dem wir diese wichtige Erfindung verdanken. Der Lebens 
lauf Böttcher’s ist sattsam bekannt. Von Hause aus Apothe 
kerlehrling in Berlin, warf er sich der Alchymie in die Arme 
und gab sich für einen Goldmacher aus, eine Täuschung, die 
er durch allerlei geschickte Experimente aufrecht zu erhalten 
wusste. Aus Berlin, wo ihn Kurfürst Friedrich III. für seine 
Zwecke ausnutzen wollte, entfliehend, gelangte er nach, Dres 
den und trat, aus dem Regen in die Traufe kommend, in die 
Dienste August des Starken, der den angeblichen „Gold 
macher“ lange Zeit gefangen hielt, um ihn von aller Welt 
abzusperren. Bei seinen alchymistischen Versuchen fand 
Böttcher im Jahre 1704 in seinem Schmelztiegel eines Tages 
eine Masse die nach dem Brand dicht und glasig im Bruch 
und dabei so hart war, dass sie am Stahl Funken gab. Es 
war die Porzellanmasse, aus der Böttcher Gefässe herstellte, 
die er in einer Glashütte poliren und graviren, mit Farben 
und Gold bemalen und dann brennen liess. Die ersten der 
artigen Fabrikate waren roth, und rothbraun und machten 
nur den Eindruck feineren Steinzeuges und erst 1709 ge 
langte man in mühevollen Versuchen zur Fabrikation des aus 
weisser Erde und Feldspath hergestellten weissen Porzellans. 
Interessant ist, dass diese Erde diejenige war, mit der man an 
Stelle des Mehles die Soldatenzöpfe puderte. Das neue Por 
zellan hatte alle Eigenschaften des chinesischen — die grosse 
Erfindung war gemacht. Der König befahl, die Herstellung 
derselben fabrikmässig zu betreiben und Böttcher, den man 
immer noch in beschränkter Haft hielt, wurde der erste Di 
rector der Dresdener Manufactur. Die lange Zeit als tiefes 
Geheimniss bewahrte Herstellungsweise des Porzellans — 
alle Arbeiter waren durch Eid verpflichtet — wurde nach 
Böttchers Tod, der 1719 im Alter von 37 Jahren starb, durch 
dessen Obermeister Bötzel nach Wien verrathen, wo man 
1720 ebenfalls eine Porzellanfabrik gründete. Der öster 
reichischen Hauptstadt folgten Fürstenberg (1743), Berlin 
(1751), Frankenthal (1754), Nymphenburg (1756), Kopen 
hagen (1750) und Petersburg und Sevres (1756). Herr Dr. 
Heinecke schilderte noch, die Entstehung der später aufkom 
menden Steingutfabrikation und erläuterte die wesentlichen 
Unterschiede zwischen dieser Masse und dem Porzellan. Hier 
auf ging der Redner zur Herstellung des Porzellans über, 
indem er die technischen Vorgänge bei derselben in anschau 
lichster Weise und mit Zuhilfenahme zahlreicher Fabrika 
tionsproben darlegte. Den Schluss des hochinteressanten 
Vortrages bildete die Entwickelungsgeschichte der Deco 
rirung des Porzellans mit Farben, Silber, Gold und Email, 
auf die wir leider nicht näher eingehen können, die aber eine 
ausserordentlich hohe Kunststufe erreicht hat und in der wir 
heute mit Erfolg auch mit Sevres concurriren. Freilich hat 
auch die Porzeilaufabrikation noch manche Mängel aufzu 
weisen, so z. B. das starke Schwinden beim Brand, allein 
auch diese dürften durch die fortschreitende Technik besei» 
tigt werden 
Herr Director Dr. Heinecke, dem reicher Beifall gezollt 
wurde, war so liebenswürdig, nach seinem trefflichen Vortrag 
den Anwesenden nochmals alle die ausgestellten Fabrikate, 
welche die ganze Geschichte des Töpfergewerbes und der Por 
zellanfabrikation repräsentieren, einzeln zu erläutern und so 
seine fesselnden Mittheilungen ganz besonders belehrend ab- 
zxischliessen. Fritz Brentano,
	        
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