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Periodical volume Nr. 131, 26. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 13 
Ein interessantes Modell einer Krankenhaus-Anlage 
ist in der Koje der Irrenanstalten im Pavillon der Stadt Berlin 
ausgestellt. Es ist eine plastische Darstellung der städtischen 
Irrenanstalt Herzberge in Lichtenberg. Das Modell ist deshalb 
besonders interessant, weil es von Kranken, welche die Anstalt 
beherbergte, angefertigt worden ist und bei seiner minutiösen 
Ausführung sehr viel Geduld und Sorgfalt von seinen Verfertigern 
gefordert hat. Wenn man bedenkt, wie schwer es ist, 
Geisteskranke zu einer langwierigen Arbeit zu bewegen, und 
welche Mühe es kostet, die Aermsten für längere Zeit an 
den Arbeitstisch zu fesseln, muss man dem ärztlichen 
Leiter dieser Modellarbeiten die grösste Anerkennung zollen. Das 
Modell, etwas über einen Quadratmeter gross, ist nach einem 
Plane und nach der Natur angefertigt und zeigt in Holz geschnitzt 
das Verwaltungsgebäude, acht grosse Krankenhäuser, sieben kleinere 
Landhäuser, Werkstätten, Küchen-, Wasch- und Badehäuser, 
Maschinen- und Kesselhäuser. Der Grund ist grün gehalten und 
granirt. Die ausgedehnten Parkanlagen zeigen Miniaturbäumchen 
und auf dem das Anstaltsterrain durchschneidenden Bahnkörper 
der Nordbahn steht ein Eisenbahnzug. Wie peinlich genau die 
Arbeit ausgeführt ist, beweist das Vorhandensein der Signalstangen 
und der Barrieren an der Bahn, ja selbst die Weichenstellapparate 
fehlen nicht. 
9 
Der grosse Kehraus in der Ausstellung findet jeden 
Morgen in der Zeit vor zehn Uhr statt, wenn nur die bevor 
rechtigten „höheren“ Zahler, Angestellten und jener unend 
liche Proviantzug Zutritt zur Ausstellung haben, welcher 
über die Vertilgungsfähigkeit der Besucher derselben unge 
heuerliche Vermuthungen aufkommen lässt. Zu diesem 
Kehraus gehört eine Armee würdiger Matronen in aufge 
schürzten Röcken, mit mächtigen Schürzen, die das. wich 
tigste Stück ihrer Ausstellung bilden, mit Besen und Pan 
tinen, grossem Strohhut und so fort. Die Treptower Aus 
stell ungs-Kehrfrau ist die Scheuerfrau in das Sommerliche 
übersetzt; während man dem Wirken der letzteren in den 
heimischen Wänden aber nur mit Grauen entgegenblickt, 
bildet erstere eine nicht zu verachtende Stütze der Aus 
stellungs-Arbeitsgilde. Böse Zungen haben einstmals die 
Nachricht verbreitet, der Arbeits-Ausschuss hätte auch sie 
uniformiren wollen, um sie mit ihrer Umgebung in einen 
ebenso sehenswerthen als ästhetischen Einklang zu versetzen. 
Das wäre falsch gewesen, denn gerade der Gegensatz zwischen 
ihrer Erscheinung und ihrem Wirken erhöht ihren wahren 
Werth. Die Treptower Ausstellungs-Kehrfrau ist damit 
auch überall verwendbar: wenn bei wolkenbruchartigem 
Regen das Wasser in Strömen in die Hallen dringt, schippt 
sie Wasser in Kannen und Eimern, wie eingelernte Schiffer, 
dann scheuert und trocknet sie das feuchte Element, welches 
ja-in der That das ihre ist, oder sie harkt nach ebendenselben! 
Gussregen in den Wegen den neu aufgeschütteten Kies sauber 
•und gleichmässig. Die Krone ihrer säubernden Thätigkeit 
aber bildet der Kehraus eines jeden Morgens, die grosse 
Toilette der Ausstellung. In dieser Stunde handelt es sich 
nicht nur um das Harken der Parkwege, sondern vor Allem 
um ein allgemeines Sammelwerk. Hat man einen Begriff, 
welche Spuren eine vieltausenköpfige Menge Besucher täg 
lich in der Ausstellung hinterlässt! Man kann ihn nicht 
haben, ohne zu sehen, wie sich die mächtigen Schürzen jener 
ehrwürdigen Frauen schon nach kurzem Auflesen blähen, 
wie sie im feierlichen Zuge schwerfällig zur Sammelstätte 
wallen, um dort den Ballast abzuladen und aufathmend sieh 
zu neuen Thaten anzuschicken. Was sie sammeln? Nun, 
was sie finden, zumeist Papier; Papier in allen Farben, 
Grössen und Formen, bedrucktes und sauberes, geknülltes 
und glattes, in der Mehrheit das Einschlage- und Reclame- 
Papier aller jener Finnen, bei denen es einen „guten oder 
süssen Happen“ giebt; ferner auch Cartonhüllen aus den 
Automaten und Cartontablettes, an welchen Mostrichspuren 
verrathen, dass ehedem auf ihnen saftige „Wiener“ geruht 
haben. Und der Papierberg eines jeden Morgen, namentlich 
aber der Sonntage reichst bin, um einer Einstampfmühle 
vollauf zu thun zu geben. Zu seiner Fortschaffung erschein 
nen grosse Wagen mit Doppelgespannen. 
9 
Ein Original ist ein Arbeiter, der zu den gewissen 
haftesten und eifrigsten Sammlern in der ganzen Ausstellung 
gehört. Der etwa 70jährige alte Mann ist ein warmer Ver 
ehrer des Tabakrauchens, dem er noch nach der älteren, jetzt 
mehr und mehr verschwindenden Methode mittels Pfeife 
huldigt. Jede freie Minute benutzt er dazu, die Wege der 
Ausstellung auf der Suche nach Cigarrenstummeln zu durch 
streifen, sein geübtes Auge entdeckt schon aus einer Ent 
fernung von mehr als 20 Schritten die Ueberreste einer Ci 
garre, die er dann schnell in seiner Tasche verschwinden 
lässt. Der Mann erzählt, dass er an manchen Tagen schon 
mehr als drei Pfund Cigarrenstummel erbeutet habe. Da 
heim werden die Tabakreste sorgfältig gewaschen, getrock 
net, geschnitten und schmecken dann, wie der sonderbare 
Kauz versichert, aus der Pfeife geraucht, vortrefflich. Wohl 
bekomme! 
V 
vis kolonial« Fischerei - Ausstellung, welche 
Herr Maler Hellgrewe in der Zanzibar-Stadt an den Ufern' 
des kleinen Sees sehr hübsch arrangirt hat, bietet ein recht 
übersichtliches Bild der Ausübung der Fischerei in den über 
seeischen Kolonieen Deutschlands. Auf dem der Kolonial 
halle zugewendeten Ufer erblickt man ein Kanoe von den 
Marschalls-Inseln, dessen mangelhafte Beschaffenheit den 
Schiffsbau in seinen rohesten Anfängen zeigt. Dicke, nur 
behauene Bretter sind durch Bast mit einander verbunden. 
Nur so vortreffliche Schwimmer wie die Bewohner der Süd- 
see-Inseln sind, können es wagen, mit so gebrechlichem 
Fahrzeug dem Fischfang obzuliegen. Das daneben liegende 
lang gestreckte, schlanke Kanoe, das durch bunte Bemalung 
in das Auge fällt, ist ein Boot aus Kamerun, mit dem die 
Neger sich ziemlich weit in’s offene Meer hinaus wagen. 
Ein in der Mitte des Sees schwimmendes Boot mit auf dem 
Wasserspiegel ruhenden Seitenbalken, die das Kentern ver 
hüten sollen, stammt aus Neu-Guinea und ein anders ganz 
ähnliches Fahrzeug dient den Bewohnern West-Afrikas für 
ihre Fischereiausflüge. Ein Stellnetz von Neu-Guinea 
hat die stattliche Länge von ca. 120 Metern, auch Fisch 
hamen, Reusen, aus Bast geflochten, und andere recht sinn 
reich und zweckmässig construirte Reusen zeigen, dass die 
schwarzen Fischer sich auf ihr Handwerk verstehen. Eine 
aus Rohr geflochtene Reuse sieht etwa wie das Netz des 
australischen Webervogels aus. Ruder, Fischspeere und 
andere Geräthe vervollständigen die Ausstellung, die ein 
wichtiger und interessanter Theil der kolonialen Bilder auf 
Treptower Terrain sind. 
9 
Ein Jubiläum ganz eigener Art feierte man gestern' 
im Ausschank der Weissbier-Brauerei von Gebhardt. Hier wurde 
gestern von beiden Ockonomen dieses Ausschankes, den Herren 
Jahn und Michaelis einem Gaste eine »grosse Weisse« präsentirt, 
welche die 100 000 ste Weisse war, die dieser Ausschank auf der 
Ausstellung credenzte. 
9 
Der Wettlauf um 3 Uhr. An jedem Dienstag spielt 
sich ein reizendes Intermezzo vor dem Hauptportal auf der Trep 
tower Chaussee ab, wenn es gilt, die Kasse und Kontrole noch vor 
dem Glockenschlag 3 Uhr zu erreichen, um dadurch 50 Pfennige 
pro Person zu sparen, da bekanntlich schon eine Minute nach 
3 Uhr das erhöhte Eintrittsgeld von einer Mark verlangt wird. 
Bei einer zahlreichen Familie will das etwas sagen, und so kann 
man namentlich solche, aus Vater, Mutter und mehreren Kindern 
bestehend, nach dem Eingang traben sehen. Dass sich dabei die 
ergötzlichsten Scenen ereignen, lässt sich denken. Die dicke 
Madame, die mit ihrem Gatten und vier Kindern eben der 
»Elektrischen« entstiegen ist, läuft, das ihr »die Puste« ausgeht. 
»Willem, ick kann nicli mehr« — ruft sic ihrem Manne 
nach, der mit den schnellfüssigen Kindern bereits an der 
Kasse steht — »ick will lieber ’ne Mark berappen«.' 
Ein biederer Provinziale hat das Pech, gerade Punkt 3 Uhr vor
	        
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