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Volume Nr. 131, 26. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

12 Officieüe Ausstellungs-Nachrichten. 
durch den neuen Dom, dessen mächtige Wirkung jetzt an 
einzelnen Theilen schon zu erkennen ist. 
Der erste grosse protestantische Dom an dieser bedeut 
samen Stelle hätte von Rechts wegen zu einer interessanten 
Concurrenz Gelegenheit geben sollen, bei der es sich auch 
zeigen musste, ob wir wirklich auf dem Wege zu einem natio 
nalen Stile sind und ob die protestantische Kirche jetzt schon 
einen festen Typus gewonnen hat. 
In einem werthvollen Buche über deutsches Wesen in 
deutscher Baukunst hat Robert Neumann in Erfurt ausge 
sprochen, dass unserem germanisch religiösen Empfinden 
am meisten der romanische oder der gothische Stil ent 
sprechen. In diesem Falle wäre der Stil des neuen Domes 
verfehlt; man muss dabei beachten, dass so fromme Fürsten 
wie Friedrich Wilhelm IV. und sein Bruder Wilhelm I. that 
sächlich einem romanischen Dom bezw. einem gothischen 
Plane sehr zugeneigt waren, schliesslich aber, gerade wie zur 
Zeit Friedrichs I. und Friedrichs II. ein Kuppelbau siegte. 
Das religiöse und nationale Gefühl deckt sich hiernach nicht 
so ganz bestimmt mit dem Kunstgefühl, weshalb wir in erster 
Linie trachten mögen, dass die Kirchen schön seien. 
Obwohl auch jetzt noch der romanische, wie der gothi 
sche Stil hier nicht in Fleisch und Blut übergegangen, wol 
len wir doch froh sein, dass vorläufig immer weiter noch Kir 
chen gebaut werden; sie bilden in dem immer grösser und 
endloser wachsenden Bilde der Stadt als Abschlüsse langer 
Perspectiven wichtige und unentbehrliche Marksteine. 
In der nöthigen Weiterentwickelung der Prachtstrasse 
Unter den Linden, der Wilhelmstrasse u. s. w. wäre es er 
wünscht, dass der Adel des Landes sich mehr mit stolzen Pa 
lästen an der Strasse seiner Könige ansiedelte, damit hier ein 
geschlossener Charakter auftrete, während jetzt leider Prin 
zen und Herzöge ihre Paläste zu verkaufen beginnen — an 
geblich, um in Berlin die Steuern zu ersparen. 
Durch die zahlreichen Siege der Berliner Architekten 
bei öffentlichen Bewerbungen, durch die bauliche Thätigkeit 
unserer Techniker in Tokio und Olympia, in Varna, Stock 
holm, Kairo und Jerusalem, in LaPlata, Venezuela und an an 
deren Orten lässt sich das hohe Ansehen unserer Berliner 
Schule erhärten, das durch die technische Hochschule, die 
vortreffliche Fachpresse und eine hochentwickelte Bau-Indu 
strie täglich vermehrt wird. 
Von der Lotterie - Ziehung. Auch a > gestrigen 
zweiten Ziehungstage war die launische Glücksgöttin sehr freigebig 
mit dem Austheilen ihrer Gaben, indem sie ebenfalls schon in 
früher Morgenstunde den zweiten Haupttreffer im Werthe 
von 15 000 Mark, der auf die Nummer 177 820 fiel, dem 
Bado entsteigen liess, so dass er bereits um 10 '/ 2 Uhr an den 
Tafeln unserer Depeschensäle prangte, um vielen Tausenden die 
Gewissheit zu geben, dass sie ihn — nicht gewonnen hatten. Von 
sonstigen grösseren Gewinnen entfielen in der Morgenziehung auf 
Nummer 46 839 2 000 Mark; auf die Nummern 171158, 
186701 und 208381 je 500 Mark; auf 280117, 223512, 
226546, 274928, 323263, 384 362, 45745, 26311, 48066 
und 181024 je 300 Mark; auf 401309, 441681, 406275, 
489848, 220371, 224 881, 231534, 231058, 298373, 385013, 
386175 und 18 345 je 200 Mark. 
V 
Vom Hauptgewinn. Der Gewinner des Hauptgewinnes 
der ersten Serie der Gewcrbe-Ausstellungs-Lotterie ist ein Berliner, 
der Inhaber einer Agentur für Porzellan, der seinen Namen nicht 
veröffentlicht sehen will. Er hat das Loos bei Herrn Heinrich Krön, 
Berlin, Alexanderstrasse 54, wo er langjähriger Kunde ist, gekauft 
nnd hat Herrn Krön beauftragt, den Hauptgewinn für ihn zu ver 
kaufen. Reflectanten resp. Käufer wissen also, wohin sie sich zu 
wenden hätten, wenn sie Absichten auf den grossen Silbergewinn 
im Werthe von 25000 Mark haben. 
N 
Unser Pavillon wurde gestern von der Frau Prinzessin 
Friedrich Leopold von Preussen und dein Herzog Ernst 
Günther von Schleswig-Holstein durch einen Besuch geehrt. 
Die hohen Herrschaften, die mit Gefolge erschienen waren, besich 
tigten mit lebhaftestem Interesse die amerikanischen Setzmaschinen, 
mit verständnissvoller Aufmerksamkeit der Arbeit des Setzers folgend, 
dann wandten sich die Prinzessin und der Herzog zur Stereotypie, 
den Entstehungsprocess einer Stereotypplatte beobachtend, und zum 
Schluss folgte die Besichtigung der gewaltigen Zwillings-Rotations 
maschine, welche 96 000 Bogen gedruckt und gefalzt innerhalb einer 
Stunde liefert. Der Rundgang der hohen Herrschaften im Pavillon 
dauerte etwa eine halbe Stunde. 
V 
Im Donnerstags-Concert des Philharmonischen Bias- 
Orchesters (Dirigent Kapellmeister Gustav Baumann) wird wieder 
der Kammermusiker Herr Paul Weschke mitwirken, dessen Po- 
saunenvorträge schon kürzlich berechtigtes Aufsehen erregten. Unter 
anderen wird Herr Weschke das berühmte Concert für Posaune 
von F. David und das Virtuosenstück »Garneval de Venise« zum 
Vortrag bringen. 
ts 
Einen gefährlichen strafwürdigen Unfug ver 
übten gestern Abend zwei Mechaniker während einer Fahrt auf der 
Stufenhahn. Einer dieser Männer schabte von einem Leitungs 
draht, der zum Zweck der elektrischen Beleuchtung an den Sitz 
bänken entlang läuft, die Gummiumhüllung und die Verspinnung ah, 
und hielt, um einen Kurzschluss herbeizuführen, einen Draht, an 
dem ein Holzgriff befestigt war, an den Nebendraht. In demselben 
Augenblick verlöschten 25 bis 30 Glülilämpclien. In diesem Augen 
blick jedoch wurde der unbefugte Elektriker von einer nervigen 
Faust im Nacken gepackt. Herr Director Forchheimer hatte das 
Manöver des Patrons bemerkt und nun schleppte er diesen und 
seinen Gefährten zu einem zufällig vorbei patrouillirenden 
Gendarmen, der die Namen der Herren feststellen musste. Für 
den angerichteten Schaden mussten die Herren sofort 100 Mark 
erlegen und ausserdem dürften sie sieh noch eine Anklage wegen 
Gefährdung eines Eisenhahnzuges zuziehen, da die Stufenhahn unter 
das Kleinbahngesetz gehört. Wäre der elektrische Betrieb der 
Stufenhahn nicht mit allen nur möglichen Sicherungen für eventuelle 
Kurzschlüsse angelegt, so hätte durch diesen gefährlichen Unfug 
leicht ein schweres Unglück entstehen können. 
ö 
Als verloren angemeldet wurden bis gestern auf dem 
Fundbureau der Ausstellung nicht weniger als 73 Loose der 
Lotterie, die gegenwärtig im Gange ist. Von allen wurden die 
Loosnummem angegeben ; wieviel verloren wurden, von denen die 
Nummern seitens der Verlustträger nicht angegeben werden können, 
ist natürlich nicht bekannt. Wir begreifen, offen gestanden, diese 
Leichtfertigkeit nicht, die um so bedauerlicher ist, als, falls 
eines dieser Loose gewinnt und von dem unredlichen Finder zur 
Einlösung präsentirt wird, es dem wirklichen Eigenthümer sehr 
schwer fallen dürfte, sein Besitzrecht nachzuweisen. 
V 
Ein Araber machte in der gestrigen Nacht einem Nacht- 
wachtbeamten in der Ausstellung viel zu schaffen. Der Lohn des 
Südens hatte Kairo anscheinend des »süssen Weines voll« verlassen 
und hatte seinen Weg in die Haupt-Ausstellung genommen. Hier 
belästigte er verschiedene Ausstellungsbesucher und machte am Pavillon 
von Siemens & Ilalske einen furchtbaren Lärm. Mehrmalige Auf 
forderungen zur Ruhe fruchteten nichts; der Wächter versuchte es 
endlich mit kurzem Process, indem er den Menschen nach Kairo 
führen wollte. Aber da kam er sehr schlecht an, denn wie ein 
Rasender geherdete sich nun der Araber und schlug den Wächter 
mehrmals über den Kopf. »Nun wallt dem Deutschen auch sein 
Blut«. Der trefflicheNachtwächter prügelte jetzt den tobendenMuselmann 
so windelweich, dass sich dieser nunmehr, ohne weiteren Widerstand 
zu versuchen, nach Alt-Kairo transportiren liess. 
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