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Periodical volume Nr. 131, 26. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. u 
reien gehören einem anderen Gebiete an. Nicht so erfreulich 
ist die gegenständlich kleine Ausstellung von L. E. Frantz, 
deren Objecte vornehmlich an zeichnerisch mangelhaft be 
handelten Plänen kranken. Auf dem einzigen Antependium 
(für das Christfest) zeigt das Stickerei-Medaillon das „Lamm 
Gottes mit der Siegesfahne“ im romanischen Formenstil; 
eine Arbeit die sehr zu loben wäre, um ihrer technischen 
Ausführung willen, Knoten-Manier in Cordonette - Seide, 
Figuren- und Platt-Stich, bliebe die Zeichnung nicht gar so 
viel schuldig. Die Rand-Ornamentik aber, in Goldanlage- 
Manier einen Lorberkranz mit stilisirten Lilien und als Ecken 
die „Krone des Lebens“ — den beliebten modernen Misch-Stil 
zeigend, ist einwandfrei schön und prächtig. Eine Altarwand 
darüber, als Mittelbild mit dem Schweisstuche der Veronica, 
von zwei Engeln gehalten, ganz in färben seidenem Bildniss- 
stich kunstreich ausgeführt, wird durch die Zeichnung zur 
Profanation. 
Eine leinene Altardecke mit leichter Durchbruch- 
Stickerei und Bordüre ist hübsch und sauber ausgeführt. 
Aber dieses sowohl wie alle Altar-Leinentücher der Gegen 
wart steht ausser allem Vergleich mit den Köstlichkeiten, die 
aus früheren Jahrhunderten gerade in dieser Leinentechnik 
erhalten geblieben. Eine der ältesten und kunstreichsten die 
ser Leinen-Altar-Decken aus dem 13. Jahrhundert befindet 
sich in Zehdenick bei Berlin, eine gleichzeitige im Branden 
burger Dom. Es scheint also, als ob Berlin hier eine grosse 
Vergangenheit gehabt hat. Wo man so viel zu vergessen 
hatte, sollte man allerdings rascher lernen. 
Bei Gelegenheit der Paramente ist auch die Firma G. 
Herberth zu nennen, die allerdings nur Kirchen-Ornate führt, 
aber auch einige Anspruchslosigkeiten in gestickten Para 
menten ausgestellt hat. 
Sehr zu verwundern wäre, dass man nirgends dem ka 
tholischen Parament begegnet, das doch so unendlich viel 
reicher und geeignet zu dankbaren Vorwürfen ist, wäre nicht 
bekannt, dass letztzeitig auf diesem Gebiete so gut wie nichts 
mehr hervorgebracht, weil eben nichts bestellt wird. Köln, 
„das rheinische Rom“, hat unerschöpfliche alte Schätze und 
München hat seine grosse Vergangenheit. Wie die Kunst, so 
hat auch das Kunstgewerbe sich immer da am herrlichsten 
entfaltet, wo hochgesinnte Fürsten sie in Gunst und Pflege 
nahmen. Unter Ludwig II. wurde in München die Para 
ment- und Goldstickerei zu einer Höhe und Feinheit ent 
wickelt, die den spanischen Vorbildern alter Zeit wenig nach 
gab und die rheinische Stilistik gelegentlich überflügelte. 
Mit dem Tode des unglücklichen Fürsten fand diese glän 
zendste Epoche der deutschen Kunststickerei ihren Abschluss. 
Seither hat Berlin, wie in manchem anderen auch hier 
eine führende. Stellung sich zu erringen gewusst. Kraft sei 
nes rastlosen Eifers, seines unverdrossenen Wage-Muthes, ist 
es heute ein Centralplatz für alle kunstgewerblichen Interes 
sen und Productiv-Zweige, denen es neben der künstlerischen 
auch eine industrielle Seite abzugewinnen nicht müde wird. 
F. St. 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt] 
Die Bedeutung Berlins für das Bauwesen der 
Gegenwart. 
Ueber dieses Thema sprach in Hörsaal des Chemie- 
Gebäudes unser Mitarbeiter Herr Architekt P. Walle, 
indem er in der Einleitung zunächst den Bauten 
der Ausstellung selbst einige Betrachtungen widmete. Mit 
Unrecht habe man sich darüber gewundert, dass die Haupt 
bauten dieser ersten grösseren Veranstaltung nicht in dem sog. 
‘Berliner Stil ausgeführt seien, da es doch hier nur darauf an 
kam, Bauten von vorübergehendem Chairkter unter Vermei 
dung eines monumentalen Anscheins möglichst wirkungsvoll 
der Landschaft einzufügen, was in anerkennenswerther Weise 
geschehen. Einzelne Stimmen haben ferner mit Unrecht ge 
klagt, dass die officiellen Bauten nur an die drei Architekten 
Schmitz, Hoffacker und Grisebach gegeben worden seien; was 
diese geschaffen haben, ist bei der abweichenden Grundgestal-' 
tung der verschiedenen Hauptgebäude für die Mannichfaltig- 
keit der Erscheinung vollkommen ausreichend und es wäre 
vielleicht ein zweifelhaftes Experiment gewesen, in so kurzer 
Zeit, wie sie zur Verfügung stand, ein weiteres halbes Dutzend 
Künstler unter einen Hut zu bringen. Uebrigens sind an 
den sonstigen Bauten und decorativen Theilen der Ausstel 
lung zahlreiche andere Architekten betheiligt, wie z. B. 
Krause, Hochgürtel, Ende, Kayser & Groszheim, Messel, Jaffe, 
Schwechten, Brühn, Wohlgemut}). 
Im Einzelnen auf die Ausstellung selbst kurz eingehend, 
gab der Vortragende einige Zahlen über die bedeutenden 
Leistungen der Bau-Industrie, die bei dieser Gelegenheit den 
Drahtputz und den Stampfbeton neben einigen verwandten, 
in Berlin ganz besonders gepflegten Artikeln als bewährt und 
dauernd in die Ausstellungstechnik eingeführt haben. 
Beruht die Stellung einer Stadt nach aussen hin auf der 
Grösse der innerhalb ihrer Grenzen gelösten Aufgaben, so 
darf Berlin in unserer Zeit sicher an die Spitze treten. Allo 
die zahlreichen grossen und in ihren Ideen auch völlig neuen 
Bauten, die die Erstehung des Reiches, die Einrichtung einer 
grossen Central-Verwaltung und die Erhebung Berlins zur 
Kaiserstadt erforderten, sind in verhältnissmässig kurzer Zeit! 
in tüchtiger Weise vollendet worden. Dazu zählen der 
Reichstagsbau, das neue Reichspostamt, das Reichsamt des 
Innern, das Auswärtige Amt, das Reichsjustizamt, dann das 
Reichs-Patentamt, Reichs-Versicherungsamt und Reichs-Ge 
sundheitsamt. Diesen Bauten schloss auch der preussische 
Staat sich an, der in der gleichen Frist etwa das neue Mi 
nisterium des Innern, das neue Cultusministerium, die grossen 
wissenschaftlichen Institute der Universität, mehrere Museen, 
und zuletzt u. a. das neue Abgeordnetenhaus zur Ausführung 
brachte. Auch die Stadt blieb mit ihren Markthallen, Kran 
kenhäusern und Schulen und anderen, der öffentlichen Wohl 
fahrt gewidmeten Anstalten nicht zurück; der Privatbar» 
schuf Bahnhöfe, Theater und daneben grossartige 
Geschäftshäuser, Banken und Wohnhäuser, die an Schönheit 
und Bequemlichkeit für weite Bezirke von Einfluss wurden. 
All diesen Aufgaben ist man hier gerecht geworden und 
zwar in einer Durchführung in technischer Hinsicht, die trotz 
aller Klagen über den Rückgang des Handwerks ganz all 
gemein als gut bezeichnet werden darf. Auch in stilistischer 
Hinsicht ist recht Tüchtiges geleistet worden, obwohl der Bo 
den für einen besonderen Stil von vornherein nicht geebnet 
gewesen war. 
In Alt-Berlin ragen heute noch als bedeutsamste Punkte 
des ganzen Bildes die wuchtigen Thore hervor, die in märki 
schem Backsteinbau vor uns aufragen, in jener Bauweise, die 
vor 500 Jahren hier heimisch war und nun weiter an Kirchen 
und Rathhäusern, sowie neuerdings an der prächtigen Ober 
baumbrücke am Schlesischen Thor in rühmenswertster Weise 
wieder aufgenommen wurde und der Stadt Berlin bei weiterer 
Pflege einen Vorsprung vor anderen Städten sichern wird. 
Seit der Einführung des Backsteinbaues bis zu seiner Wieder 
aufnahme durch Schinkel, den Begründer der eigentlichen 
Berliner Schule, waren der Reihe nach die deutsche Renais 
sance, dann die Technik italienischer Arbeiter, die nieder 
ländische Schule und die klassische Richtung der Pa 
riser Akademie aufgetreten; aber selbst Männer wie Schlü 
ter, Knobelsdorfs und Gontard hinterliessen keine Schule. 
Diese war erst denkbar seit Begründung der Königlichen 
Bau-Akademie im Jahre 1799, zu welcher Zeit auch Genz» 
der Architekt der ehemaligen Münze, und Friedrich Gilly, 
Schinkel’s Lehrer, berufen wurden. 
Der Schinkel’schen Schule entstammen das Schauspiel 
haus, das Museum und die Neue Wache, Unter den Linden, 
welch letztere beide sich dem Rahmen des von Friedrich dem 
Grossen geplanten, von Friedrich I. vorbereiteten Forum 
würdig einreihen. Dieser Theil der Berliner via triumphalia 
sieht gegenwätig zwei bedeutenden Veränderungen entgegen, 
durch das Nationaldenkmal, das an dieser Stelle eine starke 
Häufung der künstlerischen Effecte befürchten lässt, und
	        
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