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Periodical volume Nr. 130, 25. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
Sehenswürdigkeiten in Augenschein. Meist in geschlossenen 
.Gruppen umherwandemd, erregten sie durch ihre lebhaften 
Gesticulationen überall Aufsehen, das mit Mitleid gepaart 
•war. Aber nichts von Trübsal und Entbehrung war auf ihren 
Gesichtern zu spüren, im Gegentheil, ein Abglanz der Ereude, 
die gestern bei dem verhältaissmässig schönen Wetter alle 
Ausstellungsbesucher erfüllte, leuchtete auch aus ihren Augen. 
Mit besonderem Interesse verweilten die Taubstummen im 
[Wohlsahrtsgebäude bei denjenigen Einrichtungen, die spe 
ciell ihrem Wohle gewidmet sind. Mehrere Lehrer der hie 
sigen und auswärtigen Taubstummen-Anstalten dienten den 
[Besuchern als Führer. 
S 
Die „Post“ im Fesselballon. Heute Nachmittag gegen 
6 IJhr wird der Kgl. Musik-Dirigent Herr C. Voigt von einer 
Höbe von ca. 430 Metern herab im Fesselballon das Schäffer’sche 
Lied die »Post« blasen, während die Kapelle des I. Garde-Dragoner- 
Regiments in der Deutschen Kolonial-Ausstellung die Begleitung 
ausführt 
V 
Warme Kleider, für schon herbstliche Kühle passend, 
haben gestern sämmtliche Eingeborenen der Deutschen Kolonial- 
Ausstellung erhalten. Wenn auch unter der modern europäischen 
Bekleidung das koloniale Colorit der Leute etwas leidet, so wird 
doch eine grössere Widerstandsfähigkeit gegen die Unbillen unseres 
Klimas erzielt. 
S 
Pech! Auf dem Platze vor dem Eingang zu 
den Marineschauspielen hatte der letzte Regenguss einen 
kleinen See entstehen lassen, der gestern Miene 
machte, „sein Opfer zu haben", trotzdemer nicht „raste", sondern 
beschaulich, vom Winde leicht gekräuselt, sein Eintagsdasein 
fristete. Kommt da um die Mittagsstunde eine Familie, be 
stehend aus Vater, Mutter und zwei Kindern, von der Halte 
stelle der Rundbahn und schreitet zu den „Riesenstämmen". 
Plötzlich entdeckt das Kleinste der Kinder, ein etwa drei 
jähriges, allerliebstes Blondköpfchen, einen Schmetterling; 
sich von der Hand der älteren Schwester lossreissen und dem 
bunten Falter jauchzend nachspringen, war das Werk einer 
Sekunde — aber die nächste verwandelte das unmuthige Bild 
in ein solches des Schreckens und der Aufregung ! Das Kind 
hatte das Wasser nicht gesehen und lag nun so lang oder viel 
mehr so klein es war, pustend und sprudelnd inmitten des 
Tümpels, der sein schmutziges Wasser über den kleinen, un 
vorsichtigen Wildfang zusammenschlug. Der Vater, der 
weiter gegangen war, wurde auf das Geschehene erst durch 
das Geschrei der Leute aufmerksam und eilte mit ängstlicher 
Hast seinem Töchterchen zu Hilfe. Das Wasser reichte 
ihm beinahe bis zum Knie. Mit starker Hand rettete er 
sein vor Angst und Schreck ohnmächtig gewordenes Kind, 
das eine ganz tüchtige Portion Wasser geschluckt hatte, und 
bettete es auf den Rasen. Das neue, weisse Sonntagskleid 
chen und Papas beste Beinkleider waren natürlich verdorben. 
'Das Kind schüttelte sich vor Frost, und so musste die Familie 
mit der nächsten Fahrgelegenheit zur Stadt zurück, zum 
grössten Leidwesen der älteren Tochter und der Mama, die 
ärgerlich über das Unglück etwas von „linkem Bein zuerst 
aufgestanden“ und von „theueren Entree“ vor sich hin 
brummten, als sie in die elektrische Rundbahn stiegen, die sie 
zum Ausstellungsbahnhof bringen sollte. 
V 
Eine Perle der Lichtdruckkunst hat die Firma 
W Neumann & Cie. in ihrer Koje im Chemiegebäude aus 
gestellt. Es ist dies die Reproduction eines Christuskopfes 
nach einem Raphael'schcn Gemälde von Bertrand in Kupfer 
gestochen, dessen Original im Besitze des Königs von Spa 
nien ist. Das Raphael’sehe Gemälde ist so gut, wie unbe 
kannt geblieben, durch Zufall wurde es von Bertrand ent 
deckt, der einen Kupferstich danach fertigte und ihn dem 
spanischen Hofe dedicirte. Raphael hat in diesem Werke 
Christus, das Kreuz tragend, dargestellt, den schönen Kopf 
leicht zur Seite gelegt, das thränenfeuchte Auge mit schmerz 
lichem Blicke fragend nach oben gerichtet. Wohl kaum ist 
das Antlitz des Erlösers je ergreifender dargestellt worden. A 
Die Reproduction ist vortrefflich gelungen und giebt jede '1 
Einzelheit, selbst im tiefsten Schütten genau wieder. Sehr % 
interessant sind ferner die ausgestellten Reproductionen der 
letzten Handzeichnungen Adolf MenzeTs, die | 
er bei Gelegenheit des Akademie-Jubiläums angefertigt und 
die bis jetzt nicht veröffentlicht worden sind, ein Stamm-.D 
bäum von ungeheuren Dimensionen und ein schönes fastü-| 
unbekanntes Bild: eine Leda von Leonardo da Vinci. 
V 1 
In poetischer Form die ganze sociale Frage j 
SU lösen versucht ein Aussteller in Gruppe III, Bau- und 
Ingenieurwesen. Derselbe hat einen ganz aus Schmiedeeisen con- 1 
struirten Pavillon errichtet, welcher an etwas versteckter Stelle® 
zwischen dem »Bauhof« und der elektrischen Rundbahn steht und j 
daher nicht von allen Besuchern entdeckt wird. Die Meisten aber '■ 
gehen achtlos an den Sinnsprüchen vorüber, die den Pavillon J 
zieren und die allerdings nicht so leicht und auf den ersten Blick 1 
zu entdecken sind, da sie sich direct unter der Bedachung des 4 
ziemlich hohen Pavillons befinden. Die an den vier Seiten ange-jj 
brachten Sprüche sind in der antiken Form des Hexameters ge-« 
halten und behandeln das Thema von »Freiheit, Gleichheit und 
Brüderlichkeit« allerdings in negativer Form. Ueber dem Eingang i 
stehen die Worte: 
Freiheit! So höre ich rufen, doch sagt mir endlich das Quantum, 1 
Welches ein Jeder verträgt, dass er mir nüchtern auch bleibt. 
Rechts davon liest man: 
Wollt Ihr auch Gleichheit, so schafft sie Euch selbst nur, wenn es 
gefällig; 
Wenn dieses Kunststück geglückt, ist der Welt Ende auch da. | 
Die Rückseite ist mit folgendem Distichon geziert: 
Brüderlichkeit, diese Dritte im Bunde, ist eine Pflanze, 
Harmlos und drollig zu schau n! Pflückt sie nur, wo ihr sie trefft., 
Und endlich heisst es zum Schluss in einem vierten Sprüch- 1 
lein, aus dem der Schalk hervorblickt: 
Hat nun ein jeder Besucher die Sprüchlein eifrig studiret, 
So ist um’s Haus er herum, so ist ihr Zweck auch erfüllt. 
Der Pavillon ist aus der Bauschlosserei von A. Hummel hervor 
gegangen, und man muss es dem Aussteller lassen, dass er nicht 
nur eine tüchtige Schmiedearbeit zu liefern versteht, sondern dass 1 
er auch, ähnlich wie weiland »Hans Sachs der Schuhmacher und 
Poet dazu« ganz geschickt den Pegasus zu tummeln weiss. Da 
könnte man am Ende auch von ihm sagen: 
A. Hummel macht Schmiedearbeit und auch Poesie. 
V 
Von der Sanitätswache wurden in den letzten i 
24 Stunden in 17 Fällen Hilfe geleistet. Unter den Patienten 
befand sich auch ein zwölfjähriges Mädchen, welches sich durch - 
Absturz von einer Treppe einen Bruch des rechten Vorderarmes 
zugezogen hatte. — In der Unfallstation wurden in den 
letzten 48 Stunden 29 Fälle behandelt. 
Sehenswürdigkeiten Berlins. 
(Weitere Sehenswürdigkeiten werden auf Verlangen in diese Rubrik 
aufgenommen) 
Abgeordnetcn-Haus,Leipzigerstr.75. Eintrittskarten parterre, Abds.vorher v. 5 Uhr ab. 
Aquarium, Unter den Linden 68 a. 9—7. Wochentags 1 M., Sonntags 50 Pf. 
Kinder die Hälfte. 
Berg- und Hüttenmuseum, in der Geologischen Landesanstalt, Invalidenstr. 44. 
Ausser Montag und Sonnabend von 12—2 Uhr. 
Berliner Rathhaus, (mit Ausnahme Donnerstags und Freitags) 11—3 Uhr. 
Beuth-Schinkel-Museum, Charlottenburg in der techn Hochschule. Montags und 
Donnerstags von 10—12 Uhr. 
Bibliothek der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte im 
König!. Museum für Völkerkunde, Eingang Prinz Albrechtstrasse- Be 
suchszeit von 10—3 Uhr- 
Bibliothek in der Königs Bau-Akademie an der Schleuscnbrücke. 9—12 Uhr ausser 
Sonnabend und Sonntag. 
Bibliothek, König!., am Onernplatz- 1—2 Uhr. 
BibliotheK des Kunstgewei be-Museums, Prinz Albrechtstr. 7. Besuchszeit v. 10—10 Uhr; 
Bibliothek der polytechn. Gesellschaft, Neue Friedrichstr. 35. 2—3 Uhr. 
Bibliothek der Universität, Dorotheenstr. 9. 9— 1 Uhr. 
Botanischer Garton, Potsdam erstr. 75. 8—12, 2—7 Uhr, ausser Sonntags. 
Börse, Burgstrasse und Friedrichstrassen-Ecke. 12-2 Uhr, ausser Sonntag. 
Depeschensaal des „Berliner Lokal-Anzeiger“, Unter den Linden 3 Eintritt frei- 
Flora-Etablissement. Palmen- u- Blumengärten in Charlottenburg. Eintritt 1 Mk. 
Friedrichshain, mit dem Denkmal Friedrichs des Grossen. Platz vor dem Lands 
berger Thor, Ruhestätte der im März 1848 Gebliebenen. 
Herrenhaus, Leipzigerstr. 3. Eintrittskarten im Bureau daselbst. 
Historisches Museum im Schloss Monbijou (reich an Gegenständen aus der vater 
ländischen Geschichte) 10—3 Uhr. . . 
Hygienisches Museum, Klosterstr.35. Sonntags 11—1 Uhr, Dienstags u. Fcitags 10—2 Uhr. 
König!. Institut für Glasmalerei, Charlottenburg. Berlinerstr. 9 (beim Chausseehaus) 
täglich ausser Sonntags von 9—4 Uhr. 
Königliches Kunstgewerbe-Museum, Prinz Albrechtstr. 7. Wochentags mit Ausnahme 
des Montags v. 10—4 Uhr im Sommer, v. 10—3 Uhr im Winter, Sonntags im 
Sommer von 12-6 Uhr, im Winter je nach der Jahreszeit von 12—3, 12—4, 
12-5 Uhr. . __ 
König! Museum, Gemälde, Sculpturen, Antiquarium, Antike Vasen u. Bronzen 
Egyptisches Museum, Kupierstichsammlung etc. Wochentags mit Ausnahilio
	        
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