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Periodical volume Nr. 130, 25. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

10 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
interessanten Ausstellung den 'Eintritt kostenfrei gestatten. 
Jeder Freund alter Volkssitten und Gebrauche — und deren 
giebt es Gott sei Dank noch recht viele in deutschen Landen 
— wird hier mit Freude und Befriedigung weilen und hier 
reiche Anregung und Belehrung finden. Die wendische 
Bauernstube mit ihren kleinen Fenstern bildet den passend 
sten Rahmen für eine solche Trachten-Ausstellung, wenn man 
auch bedauern muss, dass in Folge des gedämpften Tages 
lichtes die leuchtenden Farben der zum Theil recht kostbaren, 
bunten Costüme nicht recht zur Geltung kommen können. 
Das vom Architekten Herrn Alfred Klepsch angefertigte 
Modell des wendischen Spreewaldhauses ist allerliebst. Alle 
Eigenarten eines solchen Hauses sind sauber und minutiös, 
möglichst getreu wiedergegeben. Die lange Front des Bauern 
hauses wird unterbrochen durch Thüren, in denen Mägde, 
Hausthiere etc. stehen; eine Kuh schaut neugierig durch dis 
offene Stallthür, auf den Bänken steht allerlei Milchgeschirr 
und dazwischen sitzen Katzen und Hunde. Unter dem über 
hängenden Strohdach hängen Krautblätter zum Trocknen, 
vor dem Hause steht in einem mächtigen Haufen geschichtet 
der Holzvorrath in Knüppeln und Scheiten, darauf liegen 
Reissigbündel, obenauf aber Kürbisse, Schubkarren, 
Stangen und Latten, Körbe, Spaten und Hacken stehen und 
liegen umher, an der Giebelwand hängen Netze, neben der, 
.geschwungenen Holzbrücke über dem Spreearm steht ein 
Boot, in dem eine Weiidin Wäsche spült, dabei sitzt ein Junge 
auf dem Fischkasten und angelt, hinter dem Hause stellt ein 
mächtiger Heuschober. Das Ganze ist durch einen grossen 
Kasten aus Spiegelglas geschützt. Ein grosser Schrank, 
welcher die nördliche Giebelseite einnimmt, enthält ein hal 
bes Dutzend Volkstrachten und zwar fünf weibliche und eine 
männliche: letztere besteht aus Leclerhose, langem dunklen 
Rock mit Metall-Buckel knöpfen, Pelzmütze und Schnallen 
schuhen. Sehr schön ist che bunte Tracht eines Ziebinger 
Mädchens (Brautanzug), ein Geschenk der Gräfin von Fin 
kenstein in Ziehingen, originell ist das Costüin eines Mäd 
chens aus Rohrbeck hei Jüterbog und eine Tracht aus dem 
Spreewald, eine dunkelblaue Schürze mit sauber gestickten 
weissen Blumen und Ranken und weissem Busentueh, dessen, 
Grundfarbe jedoch unter den grossen, lebhaft roth aufgedruck 
ten Blumen fast verschwindet. Der Schrank enthält ferner 
eine grosse Anzahl von Flügelhauben, weiss und bunt, Parade- 
handtüchern, Schmucksachen, Stickereien, mächtige Haar 
kämme und die rothe bemalte Nähschachtel, die man heute 
noch in vielen Lausitzer Bauernhöfen antrifft. Ein Pult 
schrank enthält altbrandenburgische Hauben mit Perlen- 
Schmelz und Seidenstickereien, im unteren Theil einen Du 
delsack. Hier vermisst man die Htissla und den Bock', die 
charakteristischen Musik-Instrumente der oberlausitzerWen 
den, die zum Theil noch im Gebrauch sind; wenigstens habe 
ich sie noch im Brummstall der Baiitzner Schiessbleiche spie 
len sehen. In einem weiteren Schranke befinden sich neben 
einander die Tracht einer katholischen und die einer evan 
gelischen wendischen Braut und eine Festtracht für Mäd 
chen. Der charakteristische Kopfschmuck, die Perlen 
schnüre und der Rosenkranz der katholischen Braut, fallen 
besonders in’s Auge. Seidene Prunktücher, Bräutigams- 
sträusschen, weisse Hauben und bemalte Ostereier füllen den 
übrigen Raum. 
Ganz eigenartig ist die Spreewälder Bauernstube, welche 
den anderen Giebelraum einnimmt; eine zweite dürfte in sol 
cher \ ollkommenheit der Ausstattung wohl kaum noch vor 
kommen. Das reiche Mobiliar aus den letzten beiden Jahr 
hunderten stammt aus Lehde, Leipe und Burg. Es besteht 
aus Schränken, Küchengestell, Bett, Wiege, grossem Tisch 
mit gespreizten Beinen, Lade oder Truhe und Holzlehnstüh 
len. Alle diese Möbel sind mit Blumen bunt bemalt. Im 
‘deutschen Theile der sächsischen Oberlausitz bestanden noch 
um die Mitte dieses Jahrhunderts viele wohlhabende Bauern 
häuser, welche Möbel mit solcher Malerei zeigten. Selbst 
die Fensterläden in den Stuben hätten solche Oelmalerei, 
Eist phantastische Landschaften, Schäferszenen. Vasen etc., 
und heutigen Tages noch finden wir dort derartig bemalte 
Sonnenuhren. Die ländlichen Maler, meist die Tischler 
meister selbst, versuchten sieh in allem Möglichen, vorzugs 
weise aber malten sie Blumenvasen, Blumenkörbe, Blumen- 
sträusse und Blumengewinde, meist in grellen Farben. Als 
man in den vierziger Jahren anfing, diese Art Malerei in 
Kirchen und Wohngebäuden zu übertünchen, angeblich, 
weil sie zu katholisch aussehen sollten, theils auch, um die 
Räume heller und freundlicher zu gestalten, verschwanden 
gar viele solcher bemalten Möbel und nur wenige Tischler 
meister übten ihre Kunst noch weiter aus, meist auf aus 
drückliche Bestellung, an Laden, Kleiderschränken und so 
genannten Brodhäuseln (Brodschränken), die sich zum Theil 
in die Gegenwart hinüber gerettet haben. Einzelne Dorf- 
kirchen, wie die zu Ebersbach in der Oberlausitz, sind noch 
vollständig mit derartig bemalten Bänken, Emporen, Säulen 
und Decken ausgestattet; die ganz untere Empore ist dort 
mit Darstellungen aus der biblischen Geschichte in recht 
naiver Auffassung gemalt; auch dieser Künstler war ein T sch 
iermeister. Stühle und Mangelbrett zeigen noch den Kerb- 
schnitt, den man in der sächsischen und preussischen Über 
lausitz auch jetzt noch zuweilen an Treibe- und Spinnrädern, 
an Salzmästen, Quirl brettern und Mangelbrettern findet, 
wobei die Holzfläche meist angebräunt ist, während die 
Schnitte oder Kerben weiss bleiben. Rings um die ganze 
Stube zieht sieb ein Gesims, auf welchem der \ orrath an 
buntbemalten Steinguttellern, Töpfchen und Krügen zur 
Schau gestellt ist. Darunter hängt an Pflöcken 
Deckelkrug an Deckelkrug, ebenfalls in bemaltem Stein- , 
gut oder gebranntem Thon, und vor den Tellern 
stehen blankgeputzte Zinnkrüge und Seidel. Sehr 
bemerkenswerth ist eine Collection von Leuchtern aller For 
men aus Eisen, Blech, Kupfer, Draht und Holz, Hängeleuch 
ter undSchiebeleucliter und die hölzernen V ii tlisliaus-Leuch- 
ter mit dem Fidibuskelch auf dem Küchengestell und das 
Himmelbett mit den Leinendamastdecken in blau und weiss, 
deren Muster die Leidensgeschichte Christi zeigt. Die wen 
dische Herkunft des Leinens möchte ich bezweifeln, sofern es 
alte Bezüge sind. Solche wurden ausschliesslich nur zu Gross- 
schönau in der Oberlausitz, zu Warnsdorf in Böhmen und in 
Schlesien gefertigt, weil dazu eine äusserst complieirte Wehe 
vorrichtung erforderlich ist. Neuerdings webt ja auch die 
Niederlausitz solche Sachen. Der Leinwandrock hat sich 
bei den Wenden am längsten erhalten und wird hier und da 
jetzt noch getragen. Die Leinenweberei war ja in der Lau 
sitz sehr früh zu Hause und Garn wurde auf allen Höfen ge 
sponnen, denn es galt zu manchen Zeiten als Zahlungs 
mittel und bildete einen Theil der Gesindelöhne. Ja, es 
musste mitunter als Abgabe an die Herrschaft geliefert wer 
den. Die deutschen Fürsten und ihr vornehmes Gefolge am 
Hofe Karls des Grossen zu Ingelheim am Rhein trugen bor- 
dirte Leinengewänder. Sehr gut müsste sich eine wendische 
Spinnstube machen und sehr interessant würde es sein, wenn 
man im Spmwaldhof die von Schmaler und Haupt gesam 
melten wendischen Lieder hören könnte. 
Die Stube bildet den Rahmen für eine hübsche Gruppe 
lebensgrosser Wachsfiguren. Eine wohlhabende Lehder Bäu 
erin stellt am Tisch beim Mangeln, vor ihr sitzt willkommener 
Besuch, eine Gevatterin, ihrer kostbaren Kleidung nach zu 
beurtheilen, eine reiche Frau, die, vom Kirchgang kommend, 
hier ausruht und plaudert. Neben dem Himmelbett sitzt 
die Grossmutter mit der Brille auf der Nase; die Alte spinnt 
und bewegt gleichzeitig die Wiege, in der ein schreiender 
Balg mit weit aufgerissenem Maul liegt. Neben dem Küchen 
gestell steht eine junge Bürgerin, angethan mit reicligestick- 
ter Schürze und malerischem Kopftuch. Die Hauptfigur ist 
der Hochzeitsbitter aus der Oberlausitz, welcher soeben ein 
getreten, den bändergezierten Hochzeitsstock vor sich 
streckend, seinen Einladiingsspnich hersagt. Die Gruppe 
ist gut modellirt, die kräftigen Formen der blossen Arme und 
der slavische Typus der Gesichter sind lebenswahr und von 
bester Wirkung.
	        
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