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Periodical volume Nr. 130, 25. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

8 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
Die Musik-Instrumente auf der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt]. 
II. 
Streich.- und Blase-Instru mente; Orgel. 
Die Violine ist ein verhältnismässig noch junges In- 
strument, wenn wir hier an ihre jetzt so specifische Form 
denken. Denn die Streich-Instrumente als solche sind ur 
alten Ursprungs; führt man sie doch auf eines der ältesten 
arabischen Instrumente, die sogenannte Kebek oder Rebaba 
'in rück. Die historische Entwickelung der Violine setzt in 
dessen erst mit dem Anfang des 16. Jahrhunderts ein. V or 
dern beherrschte die Viola in ihren verschiedenen Formen, 
unter anderen auch als die heute verschollene Viola da gamba 
(Kniegeige) oder kurz Gambe das Terrain. Die Discant- 
Form der Viola nannte man Violetta. Schliesslich ver 
schmolz diese mit einer eigenthümlichen kleinen Bauart, der 
sogenannten Pochette oder Taschengeige, zu einem Instru 
ment von bestimmter Grösse und Form, das später mit dem 
Namen „Violine“ belegt wurde. Es ist immerhin wahr 
scheinlich, dass schon Gaspar Duiftbprugcar (Tieffenbruckef) 
circa 1510 der erste Erbauer dieses neuen Instrumentes ge 
wesen ist. Der seit langem gebräuchliche Ausdruck „Geige“ 
ist französichen Ursprungs. Im Lexikon des Johannes de 
Garlandia (1210—1232) findet sich für die ältere Form der 
Violen die Bezeichnung „Gigue” (Schinken), weil sie 
eine gewisse Aehnlichkeit mit einem Schinken hatten. Später 
wurde in Deutschland dieser Spottname in „Geige" umge 
tauft. Die verschollene Gambe (Tenorviola) lebt heute in der 
grösseren Form des Violoncellos fort. Hier sei nebenbei be 
merkt, dass die bequeme vulgaire Bezeichnung „Cello“ gänz 
lich unrichtig ist; denn Cello ist nichts weiter, als die ita 
lienische Diminutivform, so viel wie unser „eben" oder „lein“. 
Violoncello ist eben entstanden aus Violone (grosse Bassgeige, 
Contrabass) mit der Verkleinerungssilbe cello, bedeutet dem 
nach kleine Bassgeige, und somit liegt die Unrichtigkeit 
des Wortes Cello klar zu Tage. — Zu Anfang des 18. Jahr 
hunderts steht der Geigenbau in seiner höchsten Blüthe ; wir 
nennen nur die Namen: Antonio Stradivari (1644—1737), 
Antonio Amati (1550—1635), Niccolo Amati (1596—1684), 
Giuseppe Antonio Guarneri del Gesu (geb. 1683), sämmtlich 
zu Cremona, ferm r der aus der Cremonenser Meisterschule 
hervorgegangene, zu Absom in Tirol lebende, berühmte 
Jacobus Stainer (1621—1683) u. a. Diese Namen gewäh 
rleisten für alle Zeiten die Glanzperiode der Violine, und es 
ist noch heute jedes Künstlers Wunsch, in den Besitz eines je 
ner alten Meister-Instrumente zu kommen. Welche horren 
den Summen für eine einzelne Violine, bis zu 50000 Mark, 
gezahlt worden sind, dürfte wohl bekannt sein. Woher 
kommt es nun, dass man jene alten Instrumente so enorm 
hoch bewerthet? Giebt es denn keine neueren, die jenen 
mindestens ebenbürtig sind? Die Antwort muss leider ver 
neinend lauten. Mit den Cremonenser Meistern sank ein Ge- 
heimniss in s Grab, das vorläufig noch keine befriedigende 
Lösung fand. Zwar hatte sich traditionell die alte Geigen 
bauerkunst noch erhalten, doch die Schüler erlahmten 
schliesslich unter der nationalökonomischen Thatsache, dass 
damals die Nachfrage nicht mehr so stark wie das Angebot 
war, nachdem man eine grosse Anzahl wunderbarer Meister- 
Violinen zur Verfügung hatte. Schliesslich wurde durch 
eine handwerksmässige Verarbeitung der Todeskeim in die 
alte Kunst gelegt. Der Erbauer war eben vom denkenden 
Künstler zum maschinellen Handwerker, der nach Maass und 
Form arbeitet, herabgesunken. Als dann aber eine Periode 
der Neubelebung kam, da war guter Rath theuer; denn mit 
dem mangelnden Interesse war die wahre Kunst des Geigen 
baues verloren gegangen. Man suchte säe natürlich zu re- 
construiren, und so suchte und forschte man nach alten, be 
rühmten Geigen; man nahm sie auseinander, studirte ihre 
Mensur-Verhältnisse und auch schliesslich den Lack, dessen 
gekeimnissvolle Zusammensetzung die organische Chemie an’s 
Licht bringen sollte, lauter kostspielige Experimente, die 
bis jetzt nur einen negativen Erfolg hatten. Zugleich ging 
auch die Fälschung älterer, weniger bedeutender Instru 
mente mit dieser Zeitströmung Hand in Hand; schon Mat 
thias Klot oder Khlotz, der Gründer der Klingenthaler 
Geigen-Industrie (circa 1770) betrieb das Fälschen systema 
tisch, was zweifellos ein sehr gutes Geschäft war. Nach der 
herrschenden Ansicht soll das Geheimniss im Holze oder im 
Oellack liegen. Man sprach irrthümlich von ausgestorb nen 
Holzarten, man construirte alle möglichen Lacke, und trotz 
aller Bemühungen gelang es doch nur, den Originalen eini- 
gemaassen näher zu kommen, nicht aber sie zu ei Zeichen. 
Wir persönlich möchten bezweifeln, dass das Kriterium im 
Lacke liege; denn, die Chemie ist heute so ausserordentlich 
entwickelt, dass sie wohl im Stande wäre, die wahre Zusam 
mensetzung zu enthüllen. Wir glauben vielmehr, dass das 
Alter der Zeit wie die physikalische und mathematische Con- 
struction neben ausgesuchtem Holze hier in Betracht zu 
ziehen sind. Das Wesentlichste bei der Geige ist noch immer 
der Resonannzboden, und dessen Construction mag das grosse 
Geheimniss noch bergen. Eine blosse Copie wird aber sel 
ten das Original völlig erreichen, und deshalb meinen wir, 
dass trotz aller Mühe einem Zufall es überlassen bleiben wird, 
jene Bedingungen, die einstmals die höchste Vollkommenheit 
bedeuteten, wieder zu entdecken. 
Die Versuche, die alten Meistergeigen zu verjüngen, 
sind sehr zahlreich. Auch in unserer Ausstellung (Gruppe 
XII) sind sie vertreten. Oswald Möckel, ein Schüler des Ber 
liner Hof-Instrumentenmachers Carl Grimm und von Chri 
stian Adam, ebenfalls zu Berlin, hat eine ganze Reihe von 
Violinen nach italienischen (Cremonenser) Modellen ausge 
stellt und hat mit seinen Arbeiten sehr gute Erfolge erzielt, 
wie er auch als Conservator beziehentlich Reparatur alter 
Meisterwerke einen grosen Ruf geniesst, den er vor allem 
festigte, als ihm 1886 der bekannte Meistergeiger AugustWil- 
helmi seine Sammlung alter Violinen, worunter ein Stradi- 
varius, zur Reparatur gab. Auch Ernst Kessler ist als Re- 
parateur sehr geschätzt. Nicht minder celebrirt die Firma 
L. Neuner, die zu den ältesten Geigenbauern Bayerns zähst 
und zur Zeit unter dem Namen Neuner & Hornsteiner in 
Mittenwald in Oberbayern ansässig ist. Joseph Hornsteiner, 
ein Schüler Neuner’s, hat es ausserordentlich verstanden, sich 
zu einem trefflichen Geigenbauer emporzuarbeiten. Seine- 
Fabrikate sind neuerdings sehr geschätzt und werden von 
Kennern bevorzugt. Carl Schulze und Franz Günther sind 
ebenfalls mit ansehnlichen Instrumenten vertreten. Nur 
dürfte eine sehr gedrückte Form der Violine recht proble 
matisch sein. In Wirklichkeit ist es sehr schwierig, sich über 
den. Ton-Timbre der einzelnen Instrumente zu informiren, 
da meist niemand als Vertreter anwesend ist. Wir hatten aber 
zufällig Gelegenheit, einer Prüfung der Preisjury, wobei Herr 
Professor Carl Halir die einzelnen Instrumente mit Meister 
hand spielte, beizuwohnen, und darnach will es uns scheinen, 
als ob Möckel, Neuner & Hornsteiner gleichwerthig in den 
Vordergrund treten. 
Eine merkwürdige Specialität, gewissermaassen als Er 
satz der Streichzither, hat Otto Heinrichs in seiner „Schooss- 
Violine“ ausgestellt. Besonders wird vom Erfinder die Alt- 
Schoossvioline, welche eine Octave tiefer als die wirkliche 
Violine steht, hervorgehoben. Allein wir glauben, dass trotz 
mancher Vorzüge dadurch der Kunst nicht recht gedient-sei. 
Es handelt sich vielmehr um ein gutes Dilettantin-Instru 
ment, das gelegentlich einmal mit Erfolg verwendet werden 
kann. Die Violine indessen und die Zither, welche übrigens 
in mehreren Pracht-Exemplaren vertreten ist, wird es schwer 
lich verdrängen, weil die Erleichterung des Spiels hier doch, 
zu handgreiflich ist. Wie ganz anders wirkt da z. B. das er 
leichterte System der Jankö-Claviatur. Hier ist Geist mit 
Kunst eng verknüpft. 
Aeusserst vollkommen werden jetzt die Blase-Instru 
mente gebaut. Die Fortschritte dieses Jahrhunderts sind 
ganz gewaltige, so dass unsere Symphonie- und Militair- 
Orchester stolz darauf sein können. Von Alters her sind die 
Blasinstrumente, welche bekanntlich in solche von Holz- und 
in solche von Metallkörper zerfallen, ein Gegenstand grossen
	        
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