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Periodical volume Nr. 129, 24. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielie Ausstellungs-Nachrichten. 11 
Wir unterhielten uns über viele, verschiedene Dinge; 
das Gespräch kam nicht in Fluss. Wie wäre es auch mög 
lich, auf die Dauer Theilnahme für Gleichgiltiges zu 
heucheln, wenn sich die Gedanken mit ernsten Dingen be 
schäftigen. Und zuletzt hielt er es nicht mehr aus, er konnte 
sich nicht länger bezwingen. 
Und wie er erst zögernd begann und erröthete und sagte, 
wie er auf uns baute, namentlich auf meine Aufrichtigkeit — 
er wusste ja nichts von meiner so eben abgelassenen IIohr 
postlüge — und dann immer lebhafter wurde, je mehr er den 
Eindruck schilderte, den Ottilie auf ihn gemacht hatte, 
gleich beim ersten Anblick und nachher wieder, so oft er sie 
gesehen, das klang sc gewinnend und innig, dass ich ihm 
freundlich zunickte. Und da sagte er, sie müsste die Seine 
werden, so liebe er sie." 
Nun war es heraus, und ich sollte Ja und Amen dazu 
sagen. 
„Sie kennen sich gegenseitig noch viel zu wenig,“ 
wandte ich ein. „Sie müssen erst vertrauter werden.“ 
„Dazu bietet uns das ganze lange Leben Gelegenheit.“ 
„Und Sie wissen so viel, da kommt Ottilie nicht gegen.“ 
„Ich will Liebe, nicht Gelehrsamkeit.“ 
„Sie ist arm.“ 
„Ich habe mehr als genug. Unsere Fabrik wächst von 
Jahr zu Jahr, unser Betrieb dehnt sich aus. Den Grund, 
den mein Vater legte, bebauen wir gemeinschaftlich, ich bin 
nicht nur sein einziger Sohn, sondern sein Mitarbeiter. Meine 
Eltern wollen mein Glück, und mein Glück ist ÜtjtilM 
meine Lebensfreude, sie mit Allem zu umgeben, was ihr 
Wünschen begehrt.“ 
„Wenn die Eltern mit der Wahl einverstanden sind,“ 
sagte mein Kail, „sehe ich nicht ein...“ 
„Karl!“ rief ich, „nicht zu hastig. Hast Du Verständ 
niss von einem Mädchenherzen? Ottilie muss doch erst ge 
fragt werden!“ 
„Das ist Herrn Braun's Sache. Wenn die jungen Leute 
einig sind, sehe ich nicht ein...“ 
„Karl, versetze Du Dich in Ottiliens Lage, ebenso schüch 
tern und gewisserjnaassen vom Lande, und Herr Brauns 
kommt mit der Thür in’s Haus gefallen und will Dich hei- 
rathen, natürlich schreist Du dann und läufst weg oder Du 
giebst erschrocken Dein Wort und sitzest hernach da und 
weinst aus Voreiligkeit, und sie schleifen Dich in die Kirche, 
und ein Jahr darauf liegst Du mit gebrochenem Herzen in 
weiss Atlas im Sarg.“ 
„Gott soll mich schützen,“ lachte mein Karl und sah mich 
verwundert an, und fragte mit seinen Blicken: „Alte, was 
hast Du?“ 
Herr Brauns lachte nicht. Der war blass geworden und 
schwieg ernst, furchtbar ernst. Ihm mochte wohl auf 
dämmern, dass etwas nicht in Ordnung sei und sein Glück 
wie Edclweiss an einem Abgrund blühte, und ich sollte der 
Führer sein und weigerte mich aus Sachgründen. 
Er brach auch bald auf. 
Wie that er mir leid. 
Er reichte uns die Hand beim Abschied, sie war kalt 
und zitterte leicht. So mächtig war der Aufruhr in ihm, 
dass er seiner kaum Herr ward, er, der Eisen und Stahl brach, 
wenn er wollte. 
Ich begleitete ihn hinaus. Meinen Karl winkte ich mit 
dem Ellbogen und der rechten Hintersohle zurückzubleiben. 
„Gewähren Sie mir drei Tage,“ sagte ich. „Ich muss 
verreisen; wenn ich wiederkomme, dann... dann sind wir... 
älter?“ 
„Aber Ottilie geht.“ 
„Vorläufig nicht; ich sagte nur so.“ 
Ein Freudenschimmer überflog seine Züge. 
„Versprechen Sie mir, keine Thorheit zu begehen?“ 
„Thorheit?“ lächelte er, „Thorheit? Nein.“ 
„So ist’s recht. Sehen Sie, Herr Brauns, wenn ein 
junges Mädchen heiss und verzehrend liebt, dann fürchtet 
es sich vor der Entscheidung. Es ist, als sollte sie in Gluth 
und Feuer springen und schliesst die Augen und beträgt sich 
wie blind.“ 
„Verstehe ich Sie recht?“ 
1 „Adieu, Herr Brauns.“ — 
Mein Karl wollte Auskunft haben; ich bat ihn, mir die 
Angelegenheit zu überlassen. Heirathen sei Frauen aufgäbe. 
— Er stritt nicht gegen. 
Ungermanns und Ottilie kamen spät nach, Hause. 
Mein Karl fragte: „Ottilie, würden Sie Herrn Brauns 
Ihre Hand geben, wenn er sie verlangte?“ 
Sie sah ihn starr an, dann mich — Ungermanns hatten 
sich gottlob zurückgezogen — und lauschte, als hätte sio 
nicht recht gehört. 
„Er will Sie zur Frau.“ 
„Karl!“ rief ich. 
Es war zu spät. Ottilie lag ohnmächtig auf dem Tep 
pich. Die Wahrheit war ihr zu viel gewesen. 
„Karl, wie konntest Du?“ 
„Einmal muss den Heimlichkeiten ein Ende gemacht 
werden. Ich will nicht, dass Du mir draufgehst.“ 
„Wie egoistisch, Karl.“ 
Ottilie kam wieder zu sich. Ich half ihr, sich zur Ruhe 
zu legen und wärterte an ihrem Bette, bis sie schlief. — 
In der Nacht hörte ich sie weinen. 
„Ottilie“, sprach ich, „es kann ja noch Alles gut werden." 
„Ich wollte, ich wäre todt,“ schluchzte sie. 
Da beschloss ich, mit Onkel Fritz zu sprechen, wie es 
geschah. Und seinen Rath, Tante Lina vor das Messer zu 
nehmen, befolge ich. 
Wenn jemand Schuld an dem Jammer hat, ist es Tante 
Lina. Nichts ist verderblicher, als das Heirathsstiften, zu 
mal von älteren Jungfern, die nur in der Theorie Bescheid 
wissen. 
Ihre ganz ergebenste 
Wilhelmine Buchho 1 z. 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.] 
Spitzen - Fabrikation. 
Jeder der Vorträge im Chemiegebäude hat sein ganz be 
sonderes Publikum. Während man bei Themen der chemi 
schen oder Maschinen-Industrie unter den 10 bis 100 Zu 
hörern kaum fünf Damen entdecken kann, war bei dem Vor 
trag des Herrn Gürtler, Directors der städlischen höhe 
ren Webeschule, über „Spitzenfabrikation“ das schönere 
Geschlecht in überwiegender Mehrzahl vertreten. Neben 
sehliehtgekleideten Arbeiterinnen mit schlechter Haltung 
und blassen Mienen sah man elegante Damen aus den vor 
nehmsten Gesellschaftskreisen. Gerade die Frauen, und vor 
allem die der vermögenden Klassen waren ja im Laufe der 
Jahrhunderte die Hüterinnen und Pflegerinnen dieser kunst 
vollsten Handarbeit gewesen. Eine Kunst, die in der stillen 
Wohnstube ausgeführt werden kann, und neben der Geschick 
lichkeit der Hand und dem feinempfindenden Auge die hin 
gebende Geduld in Anspruch nimmt, erscheint gewiss als der 
ureigenste Arbeitszweig der Frauen; ja auch für die streit 
baren Frauengemüther unserer Tage wäre hier ein Feld ge 
geben. Jene hochentwickelten Methoden der Spitzen-Ver- 
fertigung wiederzugewinnen, welche vergangene Jahrhunderte 
besassen, die uns in späteren kriegerischen und schönheits 
feindlichen Tagen abhanden kamen und gegenwärtig eine 
sehr mühsam-langwierige Wiedergeburt erleben. 
Mit den prachtvollen Mustern jener vergangenen Tage, 
als in Frankreich, Spanien, Italien, Belgien mit Spitzen ein. 
so ungeheuerer Luxus getrieben wurde, als vornehme Damen 
wie Lucrezia Romana und Elisabetta Catanea Parasole 
Musterbücher herausgaben, beschäftigte sich allerdings der 
Vortrag des Herrn Director Gürtler nicht. Lediglich die 
heute gebräuchlichen Herstellungsarten von Spitzen kamen 
zur Besprechung. 
Zunächst die Handarbeit. Unter den zur Spitzen-Her-
	        
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