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Periodical volume Nr. 128, 23. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

12 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
Unter den Linden, eine kurze Zeit ausgestellt war, enthält in 
einer Hülle aus dunkelrothem Plüsch auf pergamentenen Blättern 
die Beschreibung des Mechanismus und der Manöver der Fahr 
zeuge der Marine-Schauspiele nebst Zeichnungen in künstlerischer 
Ausführung. 
9 
Die amtliche Einzahlung der Loose und Ge 
winn-Nummern für die Ziehung der Serie A der Aus 
stellung, die am Montag, 24. d. M., Morgens 9 Uhr beginnt, 
fand gestern Nachmittag von 2—5 Uhr im grossen Saale 
des Adlon & Dressei’sehen Hauptrestaurants statt. Anwesend 
waren seitens der Behörde Herr Notar Paul Krause, Herr 
Polizeilieutenant Haschee nebst zwei Beamten, für den Ar 
beits-Anschuss Herr Betriebsdirector Huster, Herr Banquier 
Carl Heintze mit seinen Angestellten und ein grösseres Pu 
blikum, das sich insofern lebhaft bei der Einzahlung be 
theiligte, als sich zahlreiche Personen aus der Mitte dessel 
ben selbst überzeugten, dass sich ihre Loosnummern in den . 
Kästchen mit je 500 Nummern befanden, denen die Stich 
proben entnommen wurden. Die Gewinnnummern wurden 
unter Beachtung ganz besonderer Vorsicht einzeln in das 
Glücksrad eingezählt und können wir aus eigener Anschau 
ung bestätigen, dass dies mit aller Correctheit geschah. 
Nachdem die beiden Trommeln verschlossen und mittels 
eines amtlichen Stempels versiegelt waren, nahm Herr Notar 
Krause einen diesbezüglichen Akt auf, der von den anwesen 
den amtlichen Persönlichkeiten unterschrieben wurde. 
S 
Zwischen dem Arbeits - Ausschuss der Aus 
stellung und den Directionen von Alt-Berlin, Kairo und 
der Kolonial-Ausstellung ist soeben ein Abkommen getroffen 
worden, nach welchem am Mittwoch, 26. d. Mts., versuchs 
weise der Preis von 1 Mark — Kinder unter 10 Jahren 
wie stets die Hälfte — erhoben werden soll, welcher zu dem 
Besuch der Ausstellung und der drei genannten 
Sonderausstellungen zusammen, berechtigt. Die 
Eintrittskarten werden demnach nur an den Eingängen zur 
Ausstellung selbst ausgegeben werden, während für diesen 
Tag Kassen und Kontrolen der Sonderausstellungen in Weg 
fall kommen. Man darf annehmen, dass dieses Arrangement 
überall mit Freuden begrüsst werden wird. Von dem Aus 
fall des Versuches wird es dann abhängen, ob das Abkommen 
später noch Wiederholungen findet. 
9 
Ausstellungsgäste. Zahlreiche Kränze mit farbi 
gen Emblemen schmückten gestern den Pavillon von S a - 
rotti am Karpfenteich. Die sinnige Decoration hatte der 
Chef der Firma zu Ehren seines Personals anbringen lassen, 
welches in Stärke von 350 Personen gestern die Ausstellung 
besuchte. Noch manche andere Aufmerksamkeit wurde dem 
Personal gewährt, das die in der Ausstellung verlebten Stun 
den als angenehme Abwechselung in dem gleichförmigen Ge 
triebe der Werktagsarbeit empfand. — Noch eine andere 
grosse Fabrik in Berlin hatte gestern ihrem gesammten Per 
sonal nebst Frauen und Kindern einen freien Tag zum Be 
suche der Ausstellung gewährt, die Gas- und Wasserleitungs 
fabrik von Schaffer & Oehlmann, Cbausseestrasse 40, 
welche in der Abtheilung für Maschinenbau ausgestellt hat. 
Gegen 400 Erwachsene und 75 Kinder waren erschienen, um 
die Sehenswürdigkeiten der Ausstellung zu besichtigen. Alle 
männlichen Mitarbeiter der Fabrik trugen kleine schwarz- 
weiss-rothe Schleifen im Knopfloch. 
9 
Es ist doch mal was Anderes. Nachdem in den 
letzten Tagen beständige Regengüsse die Ausstellung heimgesucht 
hatten, brachte der gestrige Nachmittag zur Abwechslung 
Wolkenbrüche, und zwar gleich zwei hintereinander. 
Der erste Wolkenbruch entlud sich im Gefolge eines Gewitters gegen 
2'/ g Uhr. Welche Wassernüssen dabei hemiederkamen, beweist 
der Umstand, * dass das Wasser des Neuen Sees binnen 
einer halben Stunde um mehrere Zoll stieg und fast bis 
zum Rande der Einfassung stand — eine Thatsache, die, j 
nebenbei bemerkt, auch ihr Erfreuliches hatte, da das Wasser des 
Sees längst dringend einer Auffrischung bedurfte. — Ueber dem 
Karpfenteich bildete sich eine Luft-Trombo zwischen den Wolken 
und dem Wasser, die beängstigend genug aussah, aber, ohne 
Schaden anzurichten, vorüberzog. — Der zweite Wolkenbruch er 
goss sich gegen fünf Uhr Nachmittags. 
9 
Die „Hidschra“ die Auswanderung Mubammed’s, 
des Propheten, von Mekka nach Medina, bildet bekanntlich 
den Zeitpunkt, von welchem die Zeitrechnung der heutigen 
islamitischen Welt ihren Anfang nimmt. Die jedesmalige 
jährliche Wiederkehr dieses Zeitpunktes, der freilich mit 
Bestimmtheit nicht festgesetzt werden kann, giebt den Hecht- 
gläubigen Veranlassung zu einer besonderen Festlichkeit, 
welche sie „Maulid-al-nabi“ irrthümlich nennen, denn dieses 
Wort besagt eigentlich „Geburtstag des Propheten“. Mu 
hammed wurde aber «m's Jahr 570 zu Mekka geboren, wäh 
rend die „Hidschra“ von dem Zeitpunkte ab datirt, als der 
Prophet (622 n. Chr.) mit seinen Gläubigen aus Mekka aus 
wanderte und seinen Aufenthalt in Medina nahm. Von die 
ser Zeit ab beginnt seine eigentliche wirksame Thätigkeit als 
Religions-Informator, und das ist wohl der Gnmd, dass die 
Moslims diesen Tag, — er fällt zwischen Ende August und 
Anfang September ; viele Muhammedaner, die Mehrzahl, ver 
legen ihn auf den 22. resp. 23. August, — als „Maulid-al-nabi“ 
besonders festlich begehen. In der Special-Ausstellung 
„Kairo“ legen die Araber und Beduinen diesem Tage ein 
ganz gesunderes Gewicht bei und begehen ihn, fern von der 
Heimath, fast in der Weise, wie wir Deutschen unser Neu 
jahrsfest; in jeder Hütte, in jedem Bazar herrscht in den 
nächsten 24 Stunden eitel Lust und Freude. Jeder will sei 
ner Freude über die Sendung Muhammed'« Ausdruck 
geben und sich dadurch sein Wohlgefallen erwerben und 
seiner Fürsprache bei Allah versichern. Für die mit den 
orientalischen Sitten und Gebräuchen nicht vertrauten Be 
sucher der Ausstellung dürfte diese fröhliche Feststimmung 
ein neues und fesselndes Moment bilden in der langen Kette 
belehrender Unterhaltungen in der „Gewerbe-Ausstellung 
1896.“ 
9 
Stenographische Curiosa sehr interessanter Art 
sind in den Kojen der Stenographen-Vereine im Wohlfahrts 
gebäude ausgestellt. Während der Gabelsberger Verband 
zumeist historische Documente, arg vergilbte Blätter mit Ste 
nogrammen aus den Tagen des Frankfurter Vorparlamentes 
1848, Originalbriefe von Franz Xaver Gabelsberger und 
Stenogramme von Adolf Zuckertort von den Verhandlungen 
des Rheinischen Provinzial-Landtages mit Bleistift, aber un- 
gemein leserlich geschrieben dem Beschauer vorführt, giebt : 
der deutsche. Stenotachygraphen-Verein Miniatur Schriften, ' 
die nur mit bewaffnetem Auge entziffert werden können. So j 
eine, von dem 15jährigen Schüler Friedrich Jaeger in Leit- ; 
meritz an den Verein adressirte Postkarte, die nicht weniger j 
als 10 000 Worte oder 20052 Silben enthält. Nämlich: je j 
zweimal die Gedichte: „Der Ring des Polykrates“, „Die j 
Kraniche des Ibykus“, „Das Lied von der Glocke“, „Der ' 
Taucher“, „Der Kampf mit dem Drachen“, und als Zugabe: j 
einmal „Die Kuh“ von Bürger. Drei weitere Postkarten 
weisen je 12 880, 6600 und 4000 Silben auf. Die Arends- -i 
Stenographen stellen eine ca. 1,50 Meter hohe Säule aus, die { 
20 Centimeter breite Streifen umspannen, auf denen der ganze '' 
erste Band des von der kriegsgeschichtlichen Abtheilung des» 
Grossen Generalstabes iredigirten Werkes: „Der deutsch- 
französische Krieg 1870—71“ in stenographischer Nieder 
schrift deutlich zu lesen ist. Ausserdem finden wir in dieser 
Abtheilung als stenograpliische Raritäten das Original- 
Stenogramm einer Rede des Kaisers, die er am 16. Juni 1894 
im Casino des Offieiercorps der Garde-Jäger bei der Feier des 
50jährigen Jubiläums dieses Regiments gehalten hat und die 
kurzschriftliche Wiedergabe eines Gedichtes von einem 
13jährigen blinden Knaben mit einem Elfenbeingriffel 
gekritzelt. Der Stolze-Verein endlich stellt amtliche Steno
	        
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