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Periodical volume Nr. 128, 23. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

"WBBWBti ■ Aübb tbitangs - wacnhcmen. 
BlilienWappen in schöner Gravirung zeigt. Ar Vornehmheit 
kommt solchem alten Silbergeräth selbstverständlich der 
moderne raffinirte Luxus nicht gleich. Heute verlangt man 
auf der modernen Tafel Fischbestecks, Austerngabeln, Eis- 
löffel u. s. w. Unsere Grosseitem assen zwar alle solche guten 
Sachen auch schon, aber es verstiess damals nicht gegen den 
guten Ton, die drei- oder vierzinkige Forke zu allem zu 
brauchen. Selbstverständlich sind all’ diese nothwendigen 
und schönen Dinge in den wohlrenommirten Berliner Gold- 
und Silberschmiedefabriken, die einen Weltruf haben, ihrer 
Solidität und Reellität wegen aufs Kostbarste und Künst 
lerischste hergestellt zu haben, und es ist ganz und gar in 
der Ordnung, wenn wohlsituirte Leute solche Anschaffungen 
machen. Aber den weitaus meisten Menschen ist solche An 
schaffung echter Metalle eine Unmöglichkeit. 
Man findet nun Ersatz für das Silber im Alfenide. Gutes 
Alfenide bewahrt lange -fahre unverändert seinen Silberglanz 
und seine Schönheit. Nur sehr geübten Augen fällt auf den 
ersten Blick der Unterschied auf. Auch in dieser Art kann 
man in der Ausstellung nur schöne gediegene Sachen be 
wundern. Zuletzt gehören zum „Tischlein deck Dich“ dann 
vor allem die guten schmackhaften Gerichte! Nun, die 
zu bereiten versteht die Berliner Hausfrau auch — und sie 
hat es schon oft bewiesen. Leider gab es bisher noch keine 
Kochkunst-Ausstellung von Privat-Hausfrauen. Also schön 
gedeckte Tafel, guter Wein, schmackhafte Gerichte und fröh 
liche Laune und dann 
„Guten Appetit!“ 
N. v. Brandenburg. 
Alleweil fidel! 
[Abdruck untersagt.] 
Für die zahlreichen Verehrer des echten Pilsener Bieres 
des Bürgerlichen Brauhauses zu Pilsen ist auf der Alpenwiese 
ein klosterartiges Gebäude mit offenem Bogengang nach dem 
Alpenpanorama zu erbaut worden. Hier verkehren ausser 
den in Berlin ansässigen Stammgästen auch viele Ausstel 
lungsbesucher aus der österreichischen Monarchie. Der Blick 
vom Gesellschaftsplatz nach dem Alpenpanorama ist, wie be 
kannt, reizend und schwärmerische Gäste behaupten gerade 
zu, es wehe hier eine Art Alpenluft, die nervenstärkend und 
appetiterregend auf die Menschheit wirke. In der Bogen 
halle spielt eine Hochgebirgs-Kapelle meistens Volksweisen, 
in den Pausen hört man vom Alpenpanoiama herüber die 
Gesänge der Tiroler, abwechselnd mit den Klängen des Schuh 
plattlers, das Klatschen, Stampfen und Juchzen des tanzen 
den „Bua“ und das Beifallklatschen der Menge, dazwischen 
das Nebelhorn und die Sirenen der Spreedampfer, die rau 
schende Militairmusik im Musikpavillon, das Schiffsgeläut 
an den Landungsplätzen. Durch das alte Thor pilgert die 
Schaar der Besucher ein und aus und zieht an den Gästen 
vorüber. 
Regelmässig Abends gegen 10 Uhr entwickelt sich in 
der Halle des Pilsener Bürgerbräus ein äusserst fröhliches 
-Treiben, an welchem manche Gäste allabendlich theilnehmen. 
In dem alterthümlichen, anheimelnden Raume schiebt man 
um diese Zeit die Tische zusammen, die sofort voll besetzt 
werden; nur schmale Durchgänge für die schmucken Mädel, 
die das goldhelle Getränk kredenzen, bleiben. Die Fenster 
bretter, Stufen und Vorsprünge sind mit Publikum besetzt, 
ja, selbst im Kamin haben auf einer dorthin gebrachten Bank 
drei Männer Platz genommen. Vor dem Kamin aber steht 
ein Tisph, an den sich niemand wagt; macht jemand Miene, 
hier Platz zu nehmen, so wird er durch drohende Geberden 
und Zurufe zurüekgescheücht und erfährt auf Umwegen, 
dass dies der Platz für die Biermusik ist, die füi gewöhnlich 
gegen 10 Uhr naht. Voran der würdevolle Bassgeiger, 
dann der bewegliche hagere Clarinettist, die Geiger mit den 
Hängeschnurrbärten, sogenannten Bierwischen, und der Cel 
list, alle in ihrer anmuthenden Hochgebirgstracht, grauen 
Joppen mit grünem Kragen und grünen Hüten mit nicken 
den Hahnfedern. Die meisten Instrumente sind doppelt be 
setzt, damit ein Musiker immer trinken kann, meist hat auch 
jeder dieser äusserst beliebten Leute zwei Glas Bier vor sich 
stehen. ,,S’ is halt wegen der Kellnerin, damit’s nich so 
viel laufen braucht 1“ Es ist ein Vergnügen, in diese idealen 
Biergesichtei zu schauen. Das Programm macht das Publi 
kum durch Zuruf. Hier ruft es „Petersthurm“, da „Schun 
kelwalzer“, dort „Lauterbach“ oder „Fischerin“. Es ist rath- 
sam, sich vor Beginn des Spieles reichlich mit Stoff zu ver 
sorgen, später ist das fast unmöglich, weil in allen Gängen 
Menschen stehen. Jetzt beginnt das Concert mit dem Gigerl 
walzer, dessen Refrain natürlich mitgesungen wird. Sonder 
bar, die weiche Musik der Holz- und Seiteninstrumente ver 
mag den Lärm zu durchdringen. Das Stück ist zu Ende. 
Es erfolgt lautes Bravorufen, Prosit und Gläs erklirren. 
Durch den Gang drängt sich eine kräftige Kellnerin, sie trägt 
in jeder Hand sechs Glas Bier, eine Leistung, die bemerkt und 
allseitig anerkannt wird. Da ruft eine Stimme aus dem Hin 
tergründe : „Hut ab !“ Natürlich weiss kein Mensch, wer 
gemeint ist, Es erfolgt ein anderer Ruf: „Setzen 1“ 
Ein jüngerer Herr mit Monoele hat einen Tisch bestie 
gen lind beginnt zu reden: „Meine. Herren!“ „Ruhe“, 
schreit ein Dutzend Gäste. „Bravooo! Bravo!“ 
„Meine Herren!“ 
Fürchterliches Getös mit Gläsern, Stöcken und Schir 
men. Es ist unmöglich, zu Worte zu kommen. 
Ein dicker Herr mit durchdringender hoher Stimme 
ruft: „Rixdorfer! Hie Rixdorfer!“ Antwort: „Hier Pan 
kow !“ Es erklingt ein gut imitirtes Hundegebell, Katzen 
geschrei, Hammelgeblöke. 
Wieder ein Ruf : „Petersthurm !“ 
Täuschendes Krähen eines Hahnes. Die Musik setzt ein, 
man lässt sie ruhig spielen bis zum Refrain, der wieder mit 
gesungen wird: 
„So lang der alte Peter, der Petersthurm noch steht,“ 
Das Lied ist zu Ende. 
„Silentium!“ 
Erneuter Versuch, von anderer Seite zu sprechen : 
„Meine lieben Berliner!“ 
„Oho, das darf nur der König sagen.“ 
Beim Schunkelwalzer ist’s am Schönsten. 
Tische und Stühle werden bestiegen und die bekannte 
Kette wird gebildet. Die Stimmung hat ihren Höhepunkt 
erreicht. Ich habe ältere Damen besserer Stände gesehen, 
die neben ihrem Gemahl in der Kette standen, den Schunkel 
walzer mit mimten und sich ausgezeichnet unterhielten. 
Nach dem Schunkelwalzer folgen Hochs auf die Musik, 
auf die Gäste, auf die Berliner. 
Ein Versuch, Hammerstein und Friedmann ein Hoch 
zu bringen, wird als der schlechteste Witz bezeichnet, der je 
begangen wurde und erfährt die gebührende Ablehnung. 
Eine ältere Dame hat die Unvorsichtigkeit begangen, 
sich in einen Gang zu stellen, der Chorus singt sie an: 
„Wir brauchen keine Schwiegermama!“ 
Es wird trotz des Gedränges der Versuch gemacht, zu 
' tanzen. Ganz unmöglich ! 
Die Musik intonirt die Holzauction, deren Melodie vom 
Publikum sofort aufgenommen wird. 
In der folgenden Pause werden in scherzhafter Weise 
einige Cylinder bedroht, deren Eigenthümer besorgt werden 
und die Ausgänge suchen. 
All’ dieser Lärm ist aber nur harmlos und künstlich. 
Niemand lässt sich irgend eine Taktlosigkeit gegen irgend 
einen Theilnehmer zu schulden kommen, denn hier gehören 
alle Gäste der anständigen Gesellschaft an. Uneingeweihte, 
die etwas übel nehmen wollen, werden ausgelacht und sehen 
bald ein, dass Empfindlichkei t. hier schlecht angebracht ist. 
Es ist eine Eigenthümlichkeit des hier verzapften Bür 
gerlichen Pilseners, dass es bald fröhlich macht. Nichts aber 
ist ansteckender als laut« 1 harmlose Fröhlichkeit, 
Punkt zwölf Uhr schweigt die Musik.
	        
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