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Periodical volume Nr. 127, 22. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officieile Äusstellungs-Nachrichten. 
(Apfel xnid Pflaume, deuten an, dass nicht nur Kohl und an 
deres Gemüse auf den Rieselfeldern gedeiht, sondern dass 
man auch edlere Pflanzenzucht treibt. Einen charakteristi 
schen Beitrag dazu liefern die hochstämmigen Rosenbäume, 
von denen eine Rosa canina als einjähriger und als drei 
jähriger Stamm ausgestellt ist. Die Anlage dieses Miniatur- 
Rieselfeldes wird genau so gepflegt, wie die grossen, mehrere 
Quadratineilen umfassenden Rieselfelder der Stadt Berlin. 
Zu diesem Zweck ist ein sachkundiger Beamter von den 
städtischen Rieselgütern während der AussteHungszeit nach 
Treptow versetzt worden, der vornehmlich dafür zu sorgen 
hat, dass die Berieselung nicht einen Augenblick zum Still 
stand kommt. Derselbe ist auch gern bereit, Allen, die es 
•wissen wollen, Aufschlüsse über die Einrichtung und das 
[Wesen der Berliner Riesel-Wirthschaft zu ertheilen. 
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Nachdem im Hippodrom der Gewerbe-Ausstellung 
am letzten Dienstag der 850 OOOste Besucher die Kasse pas- 
sirt hat, gelangt am Sonntag das 125 OOOste Reitbillet zum 
Verkauf. Für das heute im Vergnügungspark stattfindende 
grosse Volksfest hat das Hippodrom eine Menge sportlicher 
tJeberraschungen geschaffen, ebenso wird das Etablissement 
durch seineBeleuchtungs-EffecteeineUebenaschung bringen. 
rs 
Welche Halsweite? Die Halsweite aller in der Aus 
stellung beschäftigten Aufseher ist festgestellt worden. Ein originelles, 
aber jedenfalls willkommenes Geschenk hat die bekannte Firma 
Mey & Edlich dem über 100 Mann starken Aufseherpersonal der 
Ausstellung gemacht, indem sie jedem Aufseher sechs Dutzend 
Kragen und sechs Dutzend Paar Manschetten verehrte, zu welchem 
Zweck vorher die Halsweite jedes einzelnen der Beschenkten ein 
gefordert wurde. 
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Eine schwarze Probirmamsell. Tong-king-king, 
einer von den Neu-Gninea.leuten, ein daheim nicht unbe 
güterter Mann, der hei seinen Stammesgenossen etwa das 
Amt eines Ortsschulzen bekleidet, hat mit Staunen die ele 
ganten Toiletten unserer Berliner Modedamen gemustert. 
Er beschloss seiner zu Hause gebliebenen Gattin als Reise 
geschenk ein schönes Kleid mitzubringen. Auf sein Er 
suchen begleitete ihn ein Aufseher in ein Confectionsgeschäft, 
wo Ton-king-king eine nach seinen Begriffen sehr ge 
schmackvolle Toilette für seine Gattin erstand. — Aber als 
er den grossen Einkauf besorgt hatte, quälte ihn der Gedanke, 
wie seine „Alte“ wohl in dem Gewände aussehen werde, und 
liess ihn nicht eher zur Ruhte kommen, als bis er beschlossen 
hatte, die Kleidsamkeit des Costüms auszuprobiren. Met- 
sa-la — so nennt sich die Gattin des schwarzen Ortsschulzen 
>— ist nicht gerade schön, Kenner von Frauenschönheiten 
würden zu tadeln haben, dass ihr Mund sich bedenklich den 
[beiden Ohren nähert und dass die Augäpfel einen bewunde- 
rungswerthe Neigung zur Carambolage haben, der nur die 
etwas breite Nase hinderlich ist. Ton-king-king hält in ehe- 
männischer Bescheidenheit und Unterwürfigkeit seine Gattin 
für eine seltene Schönheit und so sann er lange, welche Dame 
wohl würdig sei, die zukünftige Toilette Me't-sa-la’s anzu- 
probiren. Endlich hatte er das richtige gefunden. Missiggi, 
eine 18 jährige Suaheli schwarze, Wittwe, (halb verheirat bet 
und halb frei) gilt unter den Eingeborenenstämmen unserer 
Kolonial-Ausstellung als eine „beaute.“ Ein wunderschöner 
[Wuchs, für eine Schwarze nicht unschöne Züge und perlen- 
veisse Zähne unterstützen diese Ansicht. Ton-king-king 
bat Herrn Franke, den Platzcommandanten der Tembe, dass 
iMissiggi das Kleid einmal anziehe. Es geschah und als 
iMissiggi in demCostüm, dem weiten dreisaitigen Rock und der 
puffärmeligen eleganten Taille erschien, versammelte sich 
das schwarze Volk aus der Boma und jeder gestand, / dass 
iMissiggi „chic“, „famos“ und „fesch“ aussehe. Aber wie 
Verstand sie es auch die Probirmamsell zu spielen! — Mit 
einem gewissen Avec warf sie dten Faltenwurf des Rockes 
über den rechten Arm, den sie keck in die Hüfte stemmte — 
gerade wie sie es hei den Berliner Damen gesehen hatte — 
und stolzirte so über den freien Platz vor dem Suahelihause, 
dass jedes Negers Auge heller blitzte und die weissen Zu 
schauer sich eines schallenden Gelächters nicht erwehren 
konnten. „Missiggi“, meinte Herr Franke auf Kissuahdi, 
„möchtes Du auch solche Kleider haben?“ — „0, wie gern !" 
— „Ja, aber von wem denn?“ — „Das ist mir gleichgültig, 
wenn ich nur recht viele kriege!“ — „Würdest Du dann aber 
auch hier bleiben?“ — „0 nein, ich 'muss mich doch zu 
Hause damit zeigen!“ 
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Reissbrettstifte. Ein Artikel von unscheinbarer 
Form, der aber für den Techniker eine grosse Rolle spielt, 
bildet das wichtigste Ausstellungsobject der Metallwaaren- 
Fabrik mit Dampfbetrieb von C. W. Motz & Co. in Schöne- 
berg, nämlich Reissbrettstifte. Mehr als für den Fabrik 
arbeiter noch gilt die Vorschrift, auf tüchtiges Handwerks 
zeug zu halten, für den Zeichner, besonders in technischen 
Fächern. Jeder Zeichner weiss, wie es einen zur Verzweif 
lung bringen kann, wenn mitten in ehr Arbeit ein Reissnagel 
abspringt und das sorgsam aufgespannte Zeichenblatt sich 
ablöst. Den „Kampf mit dem Object“ hat der berühmte 
Aesthetiker Friedrich Theodor Vischer diese kleinen Wider 
wärtigkeiten genannt und ein ganzes philosophisches System 
darauf gebaut. lind gerade bei den kleinsten Gebrauchs 
gegenständen wie Handknöpfen, Stiften etc. beklagt Vischer, 
wie unpraktisch sie gearbeitet werden und wie nervös sie den 
denkenden Menschen machen. Den Fabrikaten der Firma 
Motz kann dieser Vorwurf nicht gemacht werden. Der erste 
Mitinhaber dieser Firma hat eine Methode erfunden, die 
Reissbrettstifte aus Stahlblech (sogenanntem Silherstahl) zu 
schneiden und die Spitze aus der Kopfplatte herauszustossen, 
also die Nägel aus einem Stück herzustellen; durch Stanzen 
erhält der Nagel seine Form, durch Pressen seine Spitze 
und, nachdem er gehärtet und polirt, ist er handelsfähig. 
Dieser Artikel wird in allen möglichen Construetionen her 
gestellt, rund, mit Nickelzink, Messing etc. überzogen, fünf- 
oder dreieckig, auch einseitig zum Befestigen von Glas oder 
Blech und hat sich in den 16 Jahren seit seiner Erfindung 
Weltruf erworben ; überall auf dem ganzen Erdboden, soweit 
Cultur vorhanden ist, hat derselbe Verbreitung gefunden. 
V 
Allerlei Wasserdichtes. Angesichts der hartnäckig 
regnerischen Hebers alle, denen wir seit einiger Zeit stündlich 
ausgesetzt sind, hat das Wort „wasserdicht“ etwas ausser 
ordentlich Anheimelndes und ein gewisses Gefühl des Neides 
und der Begehrlichkeit überkommt uns, wenn wir an all’ den 
praktischen Dingen vorübergehen, die zum »Schutze von 
Mensch und Thier gegen das IJebermaass des himmlischen 
Wassers geschaffen und ausgestellt sind. Da finden wir in 
der Sport- und Fischerei-Gruppe eine Fülle des Nützlichen 
auf diesem Gebiete, Körperbedeckungen vom Hut bis zum 
wasserdichten Riesenstiefel herab, die das wohlige Gefühl der 
Sicherheit selbst gegenüber dem grimmigsten Platz- und dau 
erhaftesten Landregen erzeugen, und müssen bekennen, dass 
die Industrie Berlins auch auf dem Felde der „Wasserdichtig 
keit“ ganz bedeutende Fortschritte gemacht hat und sich in 
allen Ehren präsentiren kann. Allein nicht nur die wasser 
dichte, directe menschliche Bekleidung allein ist es, die uns 
in ihrer Vollendung imponirt, auch die überaus praktischen, 
jedem Regen Trotz bietenden Pavillons und Zelte, kleinsten 
und grössten Kalibers, die wir in praktischem Gebrauch über 
all aufgestellt finden, bezeugen die Leistungsfähigkeit der be 
treffenden Betriebe, die — was wir ganz besonders hoch 
schätzen — auch dem Thier und in erster Reihe dem Pferd, 
ihre besondere Aufmerksamkeit widmen. „Thiere schützen, 
heisst Menschen schützen“, lautet die Inschrift der Preis 
medaille, die gelegentlich der 1893er Allgemeinen Pferde- 
und Thierschutz-Ausstellung in Berlin zur Vertheilung kam 
und u. a. auch der Firma Oscar Eckert, die auf unserer Aus 
stellung mit ihren zahlreichen wasserdichten Fabrikaten ganz, 
besonders reichhaltig vertreten ist, verliehen wurde. 
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