Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

10 ©fftcicUe Ausstelliriigs -Nachrichten.
Gegenwärtig ist die Karawane mit Ausnahme der voraus
gereisten 60 Mann zur Erholung in Hamburg, in eigens er
richteten Schuppen untergebracht. Es sind im Ganzen ca. 500
Personen, eine Anzahl Pferde von der Kolani-Raise, 25 Renn
dromedare (Mahara), 30 Mekka-Esel, dann Nilbüffel, Ziegen,
Hunde, Pelikane, Strauße, Gazellen, Antilopen nc.
Ueber die Musik-Kapelle, welche der Khedive nach Berlin zu
entsenden die Liebenswürdigkeit hatte, erzählt Herr Major Faltis:
„Als Kapelle des nnbischen Leib - Bataillons bestand das Corps
schon lange. Aber da jeder in arabischer Weise nach seiner Willkür
spielte, klang die Musik für civilisirte Ohren sehr unerquicklich.
Während seiner Studienzeit in Wien fand der ungemein
musikalische und selbst schöpferisch veranlagte Khedive solchen
Gefallen an der österreichischen Militairmusik, * daß er mich
beauftragte, nach dem Muster derselben ihm eine Hofkapelle,
welche bloß als Privat-Orchester am Hofe concertiren sollte,
zusammenzustellen. Das that ich denn nach bestem Können und
hatte seither öfters die Genugthuung, von Fachleuten Lob zu ver
nehmen, wie denn das Urtheil des Khedive auch von großem Werthe
ist. Die Instrumente wurden aus Königgrätz von Czerwsny be
zogen. In Hamburg hat die Kapelle beim Grafen Waldersee und
beim Oberbürgermeister ein Ständchen gebracht und wird vermuth
lich vor ihrer Ankunft in Berlin auch vor dem Fürsten Bismarck
zu Friedrichsruh spielen. —
Die Kapelle besteht ans 50 Mann; das Repertoire ist aus
arabischen und europäischen Musikstücken znsanimengesetzt. Eröffnen
werden wir mit einem vom Khedive componirten Marsch." —
Auch theilt Herr Major Faltis mit, daß der Khedive die
entschiedene Absicht ausgesprochen hat, nach Berlin zu kommen, wenn
die politische Situation die Reise nicht verhindert.
Dr. Ludwig Abels.
Aus dem Zillerthal.
^Abdruck untersagt.)
Das Panorama des Zillerthals und der Schwarzensteinalm
mit der „Berliner Hütte" hat das Interesse für Land und Leute
vom Zillerthal angeregt.
An die „hohen Tauern", jenen mächtigen Urgebirgsstock, in
dem der greise Kaiser Wilhelm I. und Bismarck alljährlich Stärkung
suchten und faitden (in Gastein), schließt sich nach Westen das
Zillerthaler Gebirge an, das bis zur altberühmten Brenner
straße, welche Innsbruck mit Bozen verbindet, reicht. Dieser
Gebirgsztig ist einer der schönsten und abwechslungsreichsten der
gesammten Ostalpen. Im Norden vom schönen Innthal, im Süden
durch das pittoreske Puster- und Ahrenthal begrenzt, zerfällt er in
drei Kämme; der südlichste ist der Hauptkamm, nördlich, parallel
mit diesem, der Turnerkamm, getrennt von beiden östlich die
Reichenspitzgruppe. —• Die Ziller mit vielen Nebenflüßchen
durchläuft das Gebirge von Süd nach Nord.
Für die Besucher des Zillerthales ist der Ausgangspunkt
Jenbach (die Station für den Achensee); dann geht die Reise
über Fügen, den Geburtsort der berühmten Sängerfamilie Rainer
vom Seehof am Achensee, nach Zell am Ziller und Mairhofen.
Bis dahin ist das Thal weit und fteundlich; es folgt ununter
brochener blühender Anbau und außer den genannten Hauptorten
eine Reihe von Ortschaften, welche meist ein freundliches Ansehen
haben und mit schönen Obst- und anderen Bäumen geziert sind.
Mairhofen ist Hauptführerstation; niancher Mairhofener Führer
hat den Kaukasus, die Schweiz ec. durchwandert, z. B. Simon
Fankhauser und Heinrich Moser; diese werden auch zu den ver
schiedenen wissenschaftlichen Expeditionen zugezogen.
Bei Mairhofen theilt sich das Thal in vier Gründe, deren
schönster der Zemmgrund, in welchem sieben Stunden oberhalb
die „Berliner Hütte" liegt; der Rundblick über die Gletscher-
welt, der sich von hier aus öffnet, göhört zu den prachtvollsten
der gesammten Alpcnwelt.
Gegründet wurde die „Berliner Hütte" 1879, später wurde
sie vielfach erweitert und umgebaut, heute kann sie 150 Personen
Unterkunft gewähren. — Die erste Kunde über die umgebende
Gletscherwell stammt ans dem Jahre 1783; fiir die Touristik er
schlossen wurde sie 1840 durch Touren K. Thürwieser's und in den
sechziger Jahren durch T. von Ruthner und K. Grohmann; große
Verdienste erwarben sich auch Röster und Benzien aus Berlin
(1885 und 1886).
Die Kunde von den geistigen Fähigkeiten und der Charakter
stärke der Zillerthal - Bewohner hat oftmals das Interesse des
deutschen Nordens erweckt. Bekannt ist, daß in der ersten Hälfte
des Jahrhunderts 400 Personen zum Protestantismus übeMatett
und, da man ihnen zu Hause Schwierigkeiten bereitete, mnthig
gefaßt das Land verließen, nach Schlesien auswanderten und in
der Nähe von Erdmannsdorf die kleine Colonie Zillerthal gründeten, aus
der die zahlreichen Erdmannsdorfer Fabriken ihre intelligentesten und
geschicktesten Arbeiter beziehen. — lind in den letzten Tagen konnte
man in allen Tageszeitungen lesen, mit welchem Löwenmuth und
welcher Umsicht sich die Zillerthaler bei dem furchtbaren Unglück
der Erdabrutschnngeu bei Brugg (am Eingang des Zillerthals) be
nommen haben. Bis vor die Kirche des Dorfes hatte die Lawine
Schnee, Humus, Felsen, ein ganzes Stück Wald hinabgezerrt, viele
Häuser umgeworfen oder die Dächer mitgerissen; aber mitten in
der Zerstörung arbeiteten die Männer an Schutzwehren gegen die
Lawinen, und weiter oben am Thaleingang stand mit Todesver-'
achtung ein Posten, um anzukündigen, wann eine neue Erd-
abrutschuug kam. —
Für die armen Bewohner des oberen Thals, die sich jetzt
durch den Führerberuf ernähren, war die Ausschließung des Ge
birges durch den deutschen und österreichischen Alpenverein von
enormem Werthe. Auch für das untere Thal, wo Ackerbau und
Viehzucht getrieben wird, bildet der Fremdenverkehr eine wichtige
Einnahmequelle. Hauptort für den Verkehr ist der Marktflecken
Zell; in Fügen ist eine Nadelfabrik; in Tux und im Schwarzen
steingrund bildet das „Granatklauben" eine wichtige Erwerbsquelle;
gerade gegenüber der „Berliner Hütte" liegt im Zemmgrund die
„Granatlerhütte".
Die rothen Halbedelsteine werden dort schon seit einem Jahr
hundert ausgesucht; die ersten Finder verkauften sie als werthlose
Feuersteine an einen Zwischenhändler; jetzt werden sie nach Böhmen
erportirt und dort geschliffen. — Schließlich sei erwähnt, daß viele
Zillerthaler als Händler mit Handschuhen und Teppichen umher-
ziehen. — Das Zillerthal enthält zwei Gerichtsbezirke und umfaßt
eine Fläche von 940 Quadrat-Kilometern mit 14 000 Einwohnern.
Bezirkshauptmannschaft ist Schwaz.
Die Bewohner des Zillerthals find in ganz Tirol wegen ihrer
kräftigen Gestalt gerühmt und wegen ihrer schönen Alpenlieder be-
liebt. Sie sind bajuvarischen Ursprungs und theilen mit dem
Oberbayern die Derbheit, Offenheit und Sangesfreudigkeit. Kein
Fest, an dem nicht inunter gezithert, geschuhplaitelt und gesungen
wird. — Nachher freilich kommt es auch zum obligaten „Raufen",
wie beim Bayern; die Ouvertüre hierzu bildet gewöhnlich ein
sogenanntes Trutzlied, ein Vierzeiler, in dem es natürlich an An
spielungen nicht fehlt. — Der Kampf wird häufig durch „Häkeln",
d. h. Ringen mit dem Finger auf der Tischplatte, entschieden.
Ueber die eigenartigen Sitten und Gebräuche der Zillerthaler
in Haus und Feld, bei Kirchweih und Tanz, ließe sich noch vieles
erzählen. Hervorgehoben sei, daß in Folge Bemühung und Gaben
der Section Berlin des D. Oe. A. V. zur Weihnachtszeit im
ganzen Gebirge eine vollkommene Bescheerung stattfindet, wie sie
in Norddeutschland üblich ist.
Schließlich sei als interessantes Factum für die Besucher des
Panoramas erwähnt, daß fast der gestimmte Umkreis der Berliner
Hütte, d. h. die ganze Schwarzensteinalm — ca. 500 Hektar — im
letzten Jahr von der Section Berlin erworben worden ist. Dr. L. A.
Auch die elektrische Thurmbahn, über deren Ausführung
wir bereits berichteten, geht allmählich ihrer Vollendung entgegen.
Wenn man sich mit der Stadtbahn dem Ausstellungplatzc nähert,
wird am Ende des weithingestreckten Parkes ein hochragender
eiserner Thurm sichtbar. Dieses mitten im „Vergnügungspark"
belegene Bauwerk, der steine Eiffclthurm der Gewerbe-Ausstellung,
ist die elektrische Thurmbahn, das Unternehmen zweier Privat-
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