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Volume Nr. 12, 18. April 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Offiricllc AussteUnngs-Uachrichten. 
Vortheile, welche aus der Sammlung erwachsen, vielfach aus 
gewogen werben. Man muß nämlich dabei berücksichtigen, 
daß durch Vergleichung an verschiedenen Orlen aufgenommener 
coelestischer Photographieen gerade die hervorragendsten Forschungen 
ermöglicht werden, geben doch schon die von einem Observatorium 
zu verschiedenen Zeiten gemachten Aufnahmen eines Gestirnes eine 
erheblich bessere Kenntniß von den Eigenthümlichkeiten des Objects. 
Zum Schluß seien hier noch einige Bemerkungen über das 
kolossale Fernrohr selbst gestattet. Während von anderen civili- 
sirten Völkern schon längst die erforderlichen Mittel aufgebracht 
wordenwaren, größere Refractoren in den Dienst der astrono 
mischen Wissenschaft stellen zu können, hatte man es in Deutsch 
land, die Kosten scheuend, noch nicht über einen Achtzehn-Zöller 
biuausgebracht und ist daher auch hinter anderen Staaten in 
Specialforschungen verhältnißniäßig zurückgeblieben. Es regte sich 
daher unter den einheimischen Astronomen schon lange der 
Wunsch, die Erbauung eines größeren, womöglich den größten 
Refractoren gleichkommenden Fernrohres zu ermöglichen und 
hiermit der deutschen Astronomie die Gelegenheit zu geben, 
durch ihre Forschungen mit anderen Observatorien von Welt 
ruf in Concurrenz zu treten. Nach langjährigen Bestrebungen 
erst ist es dem bewährten Astronomen der Grunewald-Sternwarte 
gelungen, mit Hilfe des Arbeitsausschusses und zahlreicher Gönner 
der Wissenschaft die Mittel sicherzustellen, welche die Erbauung 
eines nach seinen Entwürferi zic coustruirenden „Rieien-Fernrohrs", 
des größten der Welt, auf dein Terrain der Gewerbeausstellung 
wenigstens theilweise ermöglichen. Allerdings muß aus pecuniären 
Gründen das eigentliche Doppelobjectiv zunächst noch in unfertigem 
Zustande zur Ausstellung gebracht werden, da die Mittel zum 
Ankauf und für die Bearbeitung der gewaltigen 44 zölligen 
Objectivlinse, deren Guß sehr gut gelungen ist, erst während der 
Ausstellungsperiode zusammengebracht iverdeu können. Dagegen 
ist das zweite Objectiv mit einer Oeffnung von 70 Centimelern 
und einer Brennweite von 21 Metern bereits vollkommen fertig 
gestellt und wird am 1. Mai in Benutzung genommen werden 
können. 
Im Ganzen wird man dem Vater des Unternehmens zu seiner 
Erfindung — denn als solche muß man wohl die neue Fernrohr- 
Construction ansehen ■— nur Glück wünschen können, denn sobald 
sich dieselbe bewährt, ist eine bahnbrechende Neuerung geschaffen 
worden, welche eine noch erheblichere Vergrößerung der Objective, 
die bisher gewöhnlich wegen der enormen Kosten für den Kuppelbau 
beschränkt werden niußle, mit sich führen und so ein noch besseres 
Eindringen in die Geheimnisse der Sternenwelt ermöglichen wird. 
G. Jacob. 
Kaireirser Interviews. 
^Abdruck untersagt.) 
Das Bild der Stadt Kairo geht rasch seiner Vollendung ent 
gegen. Während die großen Bauten, die Moscheen, Restaurants rc. 
in ihren Jnncuräumen mit Teppichen und Shawls decorirt iverdeu, 
sind deutsche und arabische Arbeiter damit beschäftigt, die Apparate 
und Vorrichtungen herzustelleit, welche die verschiedenen Stände des 
arabischen Volkes in ihrer Arbeitsthätigkeit zeigen sollen. 
Ein Theil des Platzes ist reservirt, um den eigenartigen egyptischen 
Ackerbau vorzuführen. In jenem Land ist die Arbeit des Bauers 
nicht nach Jahreszeiten geregelt wie bei uns, er kann nicht 
mit Wechsel von Regen und Sonnenschein rechnen. Monate 
hindurch bleibt der Regen aus, und die Bewässerung des Ackers 
muß auf künstliche Weise, durch Verwerthung des Nilwassers 
geschehen. Die Zeit des hohen Wasserstandes im Stil nmß 
ausgenutzt werden. Die reicheren Besitzer arbeiten mit „8akkien“, 
Schöpfwerken, welche durch Büffel oder Dromedare geführt 
werden: während' die wenig bemittelten Fellachen einfachere 
Apparate, „Schadüfs“, benutzen und das Wasser oft Kilo 
meter weit wegführen müssen. Die ganzen sogenannten „Wasser 
irrigationen des Nils" werden in der Umgebung des Wasserbeckens, 
welches zwischen dem Assuaner Tempel und der großen Pyramide 
von Gizeh ausgehoben wurde, demonstrirt werden. 
Die Waarensendungen aus Egypten, sowie die prachtvolle 
Waffensammlung des Khedive sind am Mittwoch vom Zollamte 
nach der Ausstellung übergeführt worden. Nun kann man die 
Araber, die bisher zur Unthätigkeit verdamnit waren, an der Arbeit 
sehen: Zcltdecken, Waffen, Kaffee ec. auszupacken, nach den Be- 
stinimnngsorten zu fahren, die kleinen Kaffeeschänken, Läden und 
Bazare einzurichten, — da giebt es alle Hände voll zu thun. 
Tischler, Messingschläger, Schuhmacher, Zelldeckennäher, Händler mit 
Halaui (Süßigkeiten) wimmeln durcheinander: Tarbüsch- und Fez 
fabriken werden installirt: der arabische Bäcker läßt seinen Ofen bauen. 
Die Araber gehen mit sichtlicher Freude an ihre Thätigkeit. Um 
sich die Arbeit angenehm zu machen, singen sie ihre arabischen 
Volkslieder, mehrstimmige, kanonartige Gesänge von eintöniger 
Melodie. 
Der vornehmste unter den bis jetzt eingetroffenen Moslims 
ist Haggi Machmüt Abdel Hädät, mit dem wir eine kurze 
Unterredung hatten. Aus seinen Mittheilungen entnehmen wir, 
daß er in Kairo eilt großes Waarenhans für verschiedene Branchen 
besitzt. Außerdem hat Haggi Machüt eine Fabrik von Teppichen, 
Zeltbedachungen, türkischen Pantoffeln, auch einen Kaffee-Ausschank 
und eine „Kneipe" für süße Getränke, Sorbets ec., sowie ein 
Lokal fiir Haschischraucher. — In seine Berliner Unternehmung 
hat dieser arabische Kaufmann 60 000 Mark hineingesteckt: er hat 
vier Räumlichkeiten in „Kairo" gemiethet und alles mitgebracht, 
was ihm eine vollkommen getreue Vorführung des arabischen 
Originals ermöglicht: die Waaren, den Kaffee, Stärke, Tische, 
Stühle, Wasserpfeifen, Tombaks ec. — Haggi Machmüt's Er 
scheinung ist stattlich, sein braunes Gesicht von schwarzem Bari 
umrahmt, er trägt einen Turban um das Haupt gewunden, 
seidenen Kaftan, rothe Lederhalbschuhe; sein Benehmen ist höflich 
und vornehm. 
Ein Kairenser Unternehmer deutschen Ursprungs, der gleichfalls 
von Egypten hergekommen ist, hat eine bayerische Bierwirthschaft, 
getreu nach dem Muster der in Kairo bestehenden, hier etablirt: 
Es ist August Gorff, der lustige Bierwirth, bei dem alle Deutschen 
einkehren und die Orientnialer ihren Stammtisch haben; unter dem 
Namen August ist er in Kairo eine populaire Persönlichkeit, die jeder 
Fremdenführer kennt. 
Zit dem echten Eindruck tragen die Embleme viel bei, welche 
die Ladenbesitzer vor und über ihren Lokalen befestigen; einzelne 
nialeu in naiver Technik eine Eisenbahn oder ein Dampfschiff an 
die Wand, um der Welt zu verkünden, daß sie zu den Aus- 
erwählten gehören, welche die Pilgerfahrt nach Mekka gemacht 
haben, und mit Hagg angesprochen werden müssen. 
Eine wünschenswerthe Ergänzung des so kunstvoll hergestellten 
Orieurbildes giebt die Bilder-Ausstellnng der Orientmaler, ivelche 
in einem Oberlichtsaal im Anbau an dem Tenipel von Edfu 
etablirt tvird. — In einem andern Raum des Tempels befindet 
sich, den Augen aller „Unbefugten" verborgen, eine große Werkstatt, 
in welcher an der Kolossalbüste des Khedive gearbeitet wird; 
Hintergründe, Perspectiven, Dioramen tverden dort auf die Lein 
wand gezaitbert, Stickereien und Anderes von geschickteit Frauen 
händen verfertigt. 
Jnteressaitte Mittheilungen über die demnächst eintreffende 
Araberkarawane, sowie speciell über die Hofkapelle des Khedive 
verdanken wir den kürzlich angelangten Herren Director Möller 
und dem Dirigenten der Kapelle, Major Faltis. 
„Einen größeren Menschen-, Thier- und Waaren-Transport 
hat man wohl — mit Ausnahme militairischer Transporte — noch 
nicht gesehen, als diese Ueberführung der arabischen Karawane nach 
Berlin" — erzählt Herr Director Möller. — „Als ich meine Leute 
in Alexandria glücklich beisammen hatte und eben an's Einschiffen 
gehen will — erscheinen Beamte der Regierung und arretiren mir 
sämmtliche waffenfähige Männer; man brauche sie für den Sudan 
feldzug, hieß es, und wenn auch die Militairpflicht in Egypten 
nicht eingeführt ist, müsse man doch alle brauchbaren Leute an 
werben. Dennoch gelang es mir, durch den Gouverneur die 
Freilassung zu erwirken. — Bei der Verladung auf die Schiffe 
hatten wir ganz Alexandria als Zuseher; alles war auf 
den Beinen. — Auf der Fahrt hatten wir anfänglich un- 
günstiges Wetter, bis Malta mußten wir bei stürmischer See 
fahren, später besserte sich die Witterung, so daß der Transport 
in Hamburg in vorzüglicher Condition einlangte. Bei der Ein 
fahrt in den Hafen intonirte die Kapelle des Khedive die deutsche 
Nationalhymne, an den Landungsbrücken standen Tausende von 
Menschen."
	        
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