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Periodical volume Nr. 125, 20. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

10 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
von Schäften oder einer Jacquard-Maschine hergestellt, aus 
nur zwei Fadensystemen, nämlich aus Kette und Schuss be 
stehen, können hei zweckmässiger Wahl des Kett- und Schuss 
materials als Fussteppiche Verwendung linden. Es zählen 
hierher die Kuhhaarfussdecken, deren Kette und Schuss aus 
zu Zwirn versponnenem Kuhhaar bestehen, die zur Bindung 
Taflet oder vierbindigen beiderseitigen Köper haben und de 
nen durch verschiedenfarbige Kette und Schuss carrirte oder 
streifige Muster gegeben werden. Ferner gehören hierzu die 
kleingemusterten Tiroler Teppiche aus Leinenkette und Woll- 
schuss,weiter die in England unter dem Kamen „Venetian 
Carpets“ oder „Stair-Carpets“ bekannten Teppiche, deren 
Muster sich aus buntfarbigen, durch die Kette gebildeten 
Streifen zusammensetzt. Aus ihnen sind die sogenannten 
„britischen“ Teppiche mit ripsähnlichem Aussehen hervor 
gegangen. 
Um Teppichen eine grössere Weichheit und Elasticität 
zu geben, als solches durch ein einfaches Gewebe, selbst bei 
Verwendung besonders dicker Geäpinnste zu erreichen ist, 
und dabei dünnere, für ein vörtheilhafteres Aussehen und eine 
feinere Musterung des Teppichs geeignetere Garne benutzen 
zu können, stellt man dieselben als Doppelgewebe dar. Mittels 
zweier Ketten- und zweier Schusssysteme werden nämlich im 
"Webstuhl zwei unmittelbar übereinanderliegende Gewebe er 
zeugt, die an bestimmten Stellen mit einander in Verbindung 
gesetzt werden, entweder.dadurch, dass die Kette des unteren 
Gewebes in’s obere gezogen wird und umgekehrt. Die Dicke des 
Doppelteppichs kann noch gesteigert werden durch zwischen 
Ober- und Unterwaare eingetragene Füllschüsse oder eine 
zwischen beide Waaren eingearbeitete Füllkette. Auch 
Doppelteppiche mit Mustern auf beiden Seiten können so 
hergestellt werden —- sie sind in England unter der Bezeich 
nung „Zweifache Ingrain-Carpets“ bekannt. — Weiter kann 
die Dicke eines Teppichs dadurch verstärkt werden, dass man 
zwischen die beiden Waaren des Doppelgewebes noch ein 
Mittelgewebe einwebt; es entsteht hierdurch das dreifache 
Gewebe. — Zu den doppelten Teppichen zählen die Kidder- 
minster-Teppiche. Ihre Ketten werden aus Kammgarnzwirn 
gebildet; ihr Schuss ist dickes, farbiges Streichgarn. Mit 
reicher Musterung versehen, bedürfen sie zu ihrer Herstellung 
der Jacquard-Maschine. Die sogenannten „Union-Carpets“ 
sind als Abänderungen der Kidderminster-Teppiehe aufzu 
fassen. Als dreifache sind die schottischen Teppiche zu nen 
nen ; sie lassen, abgesehen von dem Vortheile der grösseren 
Dicke, auch eine reichere Musterung zu. Eine Abart sind die 
„Triple-Carpets“. 
Die bisher besprochenen Alten von Teppichen besitzen 
eine glatte Oberfläche. — Ihnen gegenüber stehen diejenigen 
mit sammet- oder plüschartiger Oberfläche. Dieselben haben 
den Vortheil, dass man ihre Dicke in bedeutendem Grade er 
höhen und das Muster auf der Schauseite als ein mosaik 
artiges Farbenbild erscheinen lassen kann. Auch besitzen 
sie die Eigenschaften der Weichheit und Elasticität in ver 
stärktem Grade, haben jedoch den Nachtheil, dass sich in 
dieser Decke Schmutz und Staub leichter festsetzen und 
schwerer herauszubringen sind. — Während das Grundge 
webe eines derartigen Teppichs aus Grundkette und Grund 
schuss besteht, wird die Decke durch ein besonderes System 
dicker, verschiedenfarbiger Fäden in der Weise gebildet, 
dass diese Fäden über der Oberfläche des Grundgewebes 
Schleifen, sogenannte Noppen bilden, die entweder als solche 
in dem Teppich verbleiben oder aufgeschnitten werden. 
Je nachdem nun die Noppen entweder in der Richtung des 
Schusses — als Florschüsse — oder in der Richtung der Kette 
durch eine besondere Polkette erzeugt werden, unterscheidet 
man Schlussflorteppiche und Kettenflorteppiche. Anderer 
seits macht man den Kettenflorteppichen noch, je nachdem 
ihre Noppen unäufgeschnitten bleiben oder aufgeschnitten 
werden, den Unterschied zwischen gezogenen und geschnitte 
nen Sammetteppichen, welch’ letztere auch Plüsch- oder Ve- 
löurteppiche heissen. Die Polfäden werden entweder, bevor 
sie in den Webstuhl kommen, gefärbt oder stückweise mit 
denjenigen Farben, die der betreffende Faden an den einzel 
nen Stellen des Musters zeigen soll, bedruckt. Nach diesen 
Behandlungsarten unterscheidet man 
L Brüsseler Teppiche — gefärbt), unäufgeschnitten. 
2. Tapestry „ — bedruckt, „ 
3. Tournay-Velour-Teppiche — gefärbt, aufgeschnitten, 
4. Tapestry-Velour-Teppiche — bedruckt, „ 
Zu den Schussflorteppichen gehören die Chenilleteppiche, wie 
die jetzt allgemein unter der Bezeichnung Axminsterteppiche 
bekannten Fabrikate. — Eine besondere Art der Schussflor 
teppiche bilden die Knüpfteppiche, denen je nach ihrer Her 
kunft sehr verschiedene Gattungs- und Einzelbenennungen 
gegeben werden. So kennt man orientalische, persische, in 
dische, türkische Teppiche, Smyrnateppich/e, Savonnerytep- 
piehe etc. Sie kennzeichnen sich dadurch, dass die das Muster 
in der Haardecke bildenden Florfäden mit dem Grundgewebe 
durch Einknüpfen verbunden sind. Der hierfür verwendete 
Handwebestulil ist der denkbar einfachste. Er enthält die Kett 
fäden fast durchweg vertical ausgespannt, und vor ihm sitzen 
nebeneinander die Arbeiter oder Arbeiterinnen und knüpfen 
in gleichem Tempo einer Musterpatrone gemäss die vorher 
auf gleiche Länge, abgeschnittenen Fadentheile unter Be 
nutzung des gebräuchlichen Smymaknotens ein. Nachdem 
eine Noppenreihe fertig gestellt ist, werden unter Trennung 
der Kettenfäden zum Fach ein oder zwei Grundschüsse ein 
getragen ; alsdann erfolgt das Einknüpfen einer neuen Nop 
penreihe. — Die, vereinigten Smymateppich-Fabriken 
Schmiedeberg, Cottbus, Hannover, Linden haben durch Auf 
stellung eines solchen Teppichstuhles in einer Koje der Gruppe 
I der Gewerbe-Ausstellung den Besuchern Gelegenheit ge 
boten, die Teppichknüpferei praktisch ausüben zu sehen. Ar 
beiterinnen in wendischem Costüm führen das Knüpfen aus. 
In Persien, Indien etc. hat der Knüpfteppichstuhl einen 
primitiveren Aufbau, aber wesentlich gleiche Einrichtung. 
Knüpfteppiche gewähren bezüglich des Musters sowohl in 
der Zeichnung als auch im Farbenwechsel und hinsichtlich 
der Höhe und Dichte des Flors unbegrenzte Freiheit; ihre 
Festigkeit ist unübertrefflich; sie lassen sieb, in jeder Grösse 
und jeder Umriss-Form herstellen, also jedem Raum anpas 
sen. Sie bedürfen allerdings zu ihrer Anfertigung einer lau 
gen Zeit und werden, da sehr viel Fadenmaterial hineingeht, 
oft sehr kostspielig, aber eben darum ist der Knüpfteppich 
das edelste unter allen Erzeugnissen dieser Industrie. 
Dr. L. A. 
i 
Die Illumination am heutigen Elitetage der Ausstel 
lung unterscheidet sich vollkommen von allen bisherigen Be 
leuchtungen. Sie wird durch, einige Hundert römische 
Fackeln — helllodernde Flambeaux — hergestellt, die sich 
um den See und aus dem See erheben und durch starkes 
Rothfeuer unterstützt werden. Die Beleuchtung wird dem 
nach einen stark phantastischen Charakter tragen und na 
mentlich denjenigen willkommen sein, welche es lieben, an 
den Elitetagen den Abend in der Ausstellung zu verbringen 
und deren Schaulust nun durch eine vollständige Neu-Ein 
richtung befriedigt werden dürfte. Der Eintrittspreis be 
trägt den ganzen Tag eine Mark, Kinder unter zehn Jahren 
die Hälfte. ' i 
15 
rür das volksthümliche Fest im Vergnügungs 
park, das am Sonnabend von den Pächtemdesselben veranstal 
tet wird, ist seitens des Amtsvorstehers von Treptow die Polizei 
stunde auf 1|- Uhr Morgens festgesetzt worden. Es wird 
selbstverständlich dafür gesorgt, dass die Beleuchtung, welche 
sonst um 12 Uhr schliesst, bis zu dieser Stunde ausgedehnt
	        
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