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Periodical volume Nr. 125, 20. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

8 Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
Das Bleibende von der Berliner Gewerbe- 
Ausstellung. 
Von P. Kuuzeudori 
[Abdruck untersagt.] 
Bei Befrachtung des vorliegenden Themas haben wir es 
weniger mit der eigentlichen Ausstellung zu thun, als viel 
mehr mit denjenigen Neuerungen und Verbesserungen, die 
infolge der Ausstellung in’s Leben gerufen worden sind. Die 
architektonischen Kunstwerke unserer Ausstellung können 
niemals als etwas bleibendes angesehen werden, selbst wenn 
sie noch fünf, höchstens zehn Jahre nach der Ausstellung 
bestehen sollten. Es wird unabänderlich die Zeit kommen, 
wo kein Stein, keine Säule von der entschwundenen Pracht 
der Meisterwerke unserer Architekten im Treptower Park 
zeugen wird. „Nichts ist bleibender, als der Wechsel“ — 
aber zum Glück hat unser Berlin keine Verwaltung, die sich 
von pessimistischen Grundsätzen leiten lässt, und so wird der 
Stadt Berlin vieles und schönes bleiben, was durch die Aus 
stellung geschaffen wurde, worauf wir ohne dieselbe vielleicht 
noch Jahre und Jahrzehnte hätten warten können. 
Ohne allzu rosig in die Zukunft zu schauen, kann man 
behaupten, dass die Ausstellung von 1896 einen neuen, blü 
henden Stadttheil, wenn nicht erschlossen, so doch mit der 
inneren Stadt in engste Verbindung gebracht hat. Wer den 
Stadttheil vor dem Schlesischen Thore noch aus der Zeit in 
der Erinnerung hat, wo an eine Berliner Gewerbe-Ausstel 
lung noch nicht zu denken war, wird erstaunt sein über die 
gewaltigen Verbesserungen und Verschönerungen, die seit 
dem dort vor sich gegangen sind. Ganz neue Verkehrs 
strassen sind eröffnet und mit einem weit in das Herz des mo 
dernen Berlin hineinreichenden Schienennetz belegt worden. 
Die elektrische Bahn, die bisher für die Grossstädter an der 
Spree ein unbekannter Begriff war, gilt schon heute als das 
öffentlichst Beförderungsmittel der Zukunft, Wer weiss, wie 
lange sie uns noch vorenthalten worden wäre, wenn nicht die 
Berliner Gewerbe-Ausstellung energisch mit dem Hammer in 
der nervigen Faust Einlass begehrt hätte für das bisher ver 
kannte und schon jetzt als unentbehrlich erachtete Trans 
portmittel. Und als nothwendige Folge dieser Bahnanla 
gen, des ganzen durch die Ausstellung erzeugten Verkehrs 
srgab sich die Verbreiterung von langen Strassenzügen, die 
Anlage besserer Beleuchtungskörper, die Erbauung neuer 
massiver Brücken, die dauernd unserem. „Ausstellungs-Stadt- 
theil“ zur Zierde gereichen werden. Durch industriereiche 
Strassen, die bisher abseits von jedem Verkehr mit der inne 
ren Stadt lagen, fährt jetzt der Wagen der elektrischen Bahn. 
Es sei nur an das Berliner Messviertel, an die Ritter- und 
Reichenberger-Strasse erinnert. Aber auch die Verbindung 
so volksreicher Strassenzüge, wie Grünauer- und Wiener- 
Strasse, mit dem Centrum Berlins, wird für Handel und 
Wandel in unserer Stadt für die Zukunft von grösstem 
Nutzen sein. 
Dann sehe man sich die prächtigen Brückenbauten am 
Schlesischen Busch an und vergleiche sie mit den dürftigen 
Hebergängen, die vordem den Verkehr vermittelten. Die 
Schlesische- und Humannbrücke werden dauernd die Erinne 
rung an die Zeit wachrufen, wo sie den Hauptverkehr nach 
der Berliner Gewerbe-Ausstellung vermittelten, und die nach 
Treptow führenden Strassenzüge werden für die Berliner in 
Zukunft beliebte und belebte Verkehrsstrassen für Lust- und 
Erholungsfahrten und für Wanderungen in’s Freie sein. Das 
mögen sich auch die Treptower Gastwirthe zum Trost gesagt 
sein lassen, die, mit ihrem Amtsvorsteher an der Spitze, die 
ganze Berliner Gewerbe-Ausstellung zur Zeit noch ver 
wünschen und am liebsten zum Teufel schicken möchten. 
Treptow hat eine Zukunffj, wie kein anderer Vorort von 
Berlin, und die Erinnerung an die 1896er Ausstellung wird 
ihn Jahrzehnte hindurch wie mit einem. Glorienschein ver 
klären. 
Hnd über Treptow’s Grenzen hinaus wird der directe 
Verkehr mit Berlin ausgedehnt werden. Schon heut spricht 
man lebhaft von dem Project der Verlängerung der elek 
trischen Bahn bis zu den weiter gelegenen Vororten an der 
Oberspree, Wie die Landwege wird auch der Wasserweg 
einen geregelteren Verkehr auf zu weisen haben. Die Ber 
liner Gewerbe-Ausstellung hat den Erlass einer neuen Was 
serpolizei-Ordnung gezeitigt, die den auf der Spree fahrenden 
Passagieren grössere Sicherheit garantirt. Die Spreeufer 
haben innerhalb der Stadt neue, festere Schutzwehren, ausser 
halb des Häuserviertels unmuthige, das Auge der Wasserfüh 
renden erfreuende Anlagen erhalten, währen die beiden Ufer 
strassen au der Weichbildgrenze, die nach Stralau und nach 
Treptow führenden Strassenzüge durch ein Brückenbauwerk: 
verbunden worden sind, wie es Berlin in gleicher Grossartig 
keit noch nie besessen und wahrscheinlich nicht zum zweiten 
Male erhalten wird. Und auch die prächtige Ober baum 
brücke — sie ist gemeint — ist eine Schöpfung unseres ge 
schäftsreichen und glückverheissenden Ausstellungsjahres. 
Noch eine Errungenschaft, deren Bedeutung nicht zu 
übersehen ist, verdanken wir der 1896er Ausstellung: die 
Freigabe der Pferdebahn-Deckplätze für die Frauen. Sie 
ist allerdings vorläufig nur vorübergehend erfolgt. Aber der 
bisherige Verlauf hat gezeigt, dass nicht die geringste Gefahr 
aus dieser Neuerung erwächst, und so liegt es ausser allem 
Zweifel, dass auch diese Ausstellungs-Neuheit etwas Blei 
bendes werden und nich,t nur auf alle Wagen des gesammten 
Berliner Pferdebahnnetzes, sondern auch auf die Omnibus 
wagen der Stadt ausgedehnt werden wird. 
Dass durch alle diese Errungenschaften, durch die Ver 
schönerung und Verbreiterung der Strassen, durch die fast all 
gemeine Einführung des Asphaltpüasters an Stelle des noch 
bis in die jüngste Vergangenheit oft recht holprigen Stein 
pflasters, Grund und Boden jenes Stadtheils ungemein ge 
winnen muss und bereits im Werthe gestiegen ist, ist eine 
natürliche Folge. 
So wird man alle Veranlassung haben, das grosse und 
schöne Werk unserer Ausstellung noch nach Jahrzehnten 
zu preisen als etwas Vollkommenes von bleibendem Werth. 
Das ist der grosse ideelle Erfolg des Unternehmens vom Jahre 
1896, der selbst durch einige materielle Misserfolge Einzelner 
nicht abgeschwächt werden kann. 
Was Menschenfleisch und geistige Thatkraft zu ersinnen 
vermochten, das ist in tausendfältiger Gestalt im Treptower 
Park vor Augen geführt worden. Dass nicht alles verschwin 
det, was uns das Ausstellungs jähr gebracht hat, dass vielmehr 
von dem Bleibenden immer neue Ausnutzungen und Ideen 
befruchtend ausgehen werden, das wird bis in das neue Jahr 
hundert hinein die Berliner Gewerbe-Ausstellung von 1896 
in ihrer ganzen Grösse und Bedeutung erscheinen lassen. 
Für die künftigen Herren der Schöpfung. 
[Abdruck untersagt.] 
Was dem einen recht ist, ist dem andern billig! 
So gut die reizendsten Toiletten für die kleinsten Damen 
von Ende des 19. Jahrhunderts in der Gewerbe-Ausstellung 
vertreten sind, finden wir auch Anzüge für die kleinsten und 
kleinen Herren auf’s reichhaltigste dort in den 
Schränken der Berliner Kinder-Confectionsfirmen. Im jüng 
sten Lebensalter sind ja bekanntlich die Kinderkleider nicht 
für das Mädchen oder den Knaben; sie sind einfach für 
„Baby“ bestimmt. In den meisten Fällen ist ja auch der 
Rufname, trotz des anspruchsvollen: Siegfried, Günther, 
Wolf, Rolf oder der idealen Barbara, Brunhilde, Roswita oder 
Gudrun, den die kleinen Erdenbürger in der Kirche oder auch 
nur im Protokoll des Standesamtes bekommen, einfach :| 
„Baby“, oft so lange, bis ein kleines Geschwisterchen diesen 
Namen für sich in Anspruch nimmt. 
Fängt nun also „Baby“ an, sei es Siegfried oder sei es 
Brunhilde, auf eigenen Füssen zu stehen, so ist die Toilette 
die gleiche; das Faltenkleid, meist ausgeschnitten und mit
	        
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