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Periodical volume Nr. 97, 23. Juli 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

12 Officielle AubStellungs-Nachrichten. 
tusch mischten. Der Künstler musste sich zu einer Zugabe, 
„Die Rache“ verstehen. — Am Abend vorher hatte sich das 
„Philharmonische Dias-Orchester“ mit dem Trompetercorps 
des Regiments der Gardes du Corps verbündet und entrirte 
so eine Art von Monstre-Concert. Drei historische Märsche 
von Heroldstrompeten, bei denen die silber- und goldgestick 
ten Fahnen des Herrn Baumann weithin glänzten, klappten 
Vorzüglich, und das bekannte •militairische Potpourri von 
Saro: „Deutschlands Erinnerungen an die Kriegsjahre 
1870/71“ erzielte, obschon besonderer Umstände halber ohne 
(!) Probe ausgeführt, einen grossartigen Erfolg, der bei einer 
eweiten Vorführung nach genauerer Verständigung noch be 
deutend gewinnen dürfte. 
V 
Musikdirector Bilse, der greise Jubilar, der jetzt 
in seiner Heimathsstadt Liegnitz lebt, besuchte gestern auf 
der Durchreise durch Berlin die Kolonial-Ausstellung. Der 
'Arbeits-Ausschuss hatte ihn vor wenigen Tagen ersucht, das 
Preisrichteramt bei dem musikalischen Wettstreit der Mili 
tärkapellen zu übernehmen, doch musste Herr Bilse einer 
Unpässlichkeit wegen ablehnen. Seinen kurzen Aufenthalt 
in Berlin gedachte Herr Bilse zu benutzen, um seinen Dank 
für die zugedachte Ehre auszusprechen. Auf seinem Gang 
durch die Kolonial-Ausstellung besuchte Herr Bilse auch die 
Kalomal-Halle, wo er auf den Pianinos aus der Fabrik von 
Seiler & Co. in Liegnitz einige Piecen spielte. Die beiden 
speciell für den Export gearbeiteten Pianinos, von denen das 
eine mit Binsengeflecht überzogen ist, sind mit Malereien des. 
Malers Hellgrewe ausgeschmückt, von denen die eine eine 
Landschaft am Kilim'a-Ndscharo, die andere eine deutsche 
Küstengegend darstellt. 
S 
Das Restaurant der Marine-Schauspiele (Gerbsch) 
sieht augenblicklich stattliche Vereinigungen in seinen eleganten 
Räumen. Nach dem Dänischen Reisestipendien-Verein, der unter 
der Protection der dortigen Regierung steht und seine Mitglieder 
in diesem Jahre in die Berliner Ausstellung gesandt hat, sind in 
den letzten Tagen über 300 Angehörige des Verbandes der öster 
reichisch-schlesischen Genossenschaft aus Troppau dort zum Mittag- 
und Abendessen versammelt. 
S 
Der Grosse Kurfürst für acht Mark — steht seit 
gestern (Montag) auf dem Marktplatz in Alt-Berlin vor dem 
Restaurant, das den Kamen dieses grossen Hohenzollern- 
Fürsten im Schilde führt. Es ist eine aus bronzirtem Gips 
hergestellte Reiterstatue, die bisher dem Theater „Alt-Berlin“ 
angehörte und in der vorige Woche stattgehabten Versteige 
rung der Theater-Requisiten für den oben angegebenen Preis 
von Herrn Zellermayer, dem Wirth des „Restaurant zum 
Grossen Kurfürsten“ erworben wurde. Eine Zierde des 
Platzes ist das Denkmal augenblicklich nicht, da dem Kur 
fürsten der rechte Arm fehlt und das Hintertheil des Pferdes 
bei dem Transport ebenfalls stark gelitten hat. Aber der 
Schaden soll sogleich reparirt werden, und dann dürfte die 
Kurfürsten-Statue auf dem Hauptmarkt immerhin ihren 
Zweck erfüllen. 
* 
Die „Camera obscura“ am Ende des westlichen. 
Wandelganges zwischen dem Karpfenteich und der grossen 
zum Ausstellungs-Bahnhof führenden Treppe gehört zu den 
jenigen Sehenswürdigkeiten der Ausstellung, die aus einer 
iUnkenntniss ihrer Bedeutung viel zu wenig beachtet werden. 
Und doch bietet das „lebende Gemälde“, das sie dem Besucher 
zeigt, einen solch’ eigenartigen Genuss des Anschauens, dass 
jeder, der es zum ersten Male sieht, seiner Ueberraschung 
Ausdruck giebt. Namentlich bei klarem Wetter kann es 
kein hübscheres Bild geben, als den auf die Tischplatte ge 
zauberten Ausstellungsverkehr an der Wandelhalle. Wie 
diese zwerghaften Menschen eiligst oder in langsamem Pro 
menadenschritt vorüberziehen, wie die Fahnen im Winde 
wehen und die benachbarten Pavillons in naturgetreuer Wie 
dergabe sich aufbauen — man muss es gesehen haben, um 
sich einen Begriff von den Wundern einer Camera obscura 
machen zu können. Dann verändern sich plötzlich die Bil 
der. Man erblickt das grosse Portal des Hauptgebäudes mitidem 
riesenhaften Verkehr im Cafe Bauer, die Kuppeln und Mi 
narets der Wunderstadt der Pharaonen werden sichtbar; 
man sieht den Karpfenteich mit seiner stets beweglichen, 
silbernen Fluth, über welche bald ein elektrisches Boot, bald 
eine venetianische Gondel mit fröhlichen Insassen dahin 
gleitet ; plötzlich springt aus der Tischplatte der Camera 
ein hoher' Wasserstrahl; man hört ihn förmlich plätschern 
und fürchtet, dass in wenigen Augenblicken der ganze Raum 
unter Wasser gesetzt wird. Aber es ist nur das Wunderspiel 
der hochsteigenden Fontaine auf dem Karpfenteich, die mit 
wunderbarer Deutlichkeit auf die Platte gezaubert wird. 
Viele Hunderte und Tausende gehen achtlos an diesem zwar 
alten, aber vielfach gänzlich unbekannten Wunder der Optik 
vorüber, Manche auch begehren gegen Abend bei eintreten 
der Dunkelheit Einlass und beweisen damit ebenfalls, dass 
sie wie die grosse Menge keine Ahnung von dem Wesen und 
der Bedeutung einer Camera obscura haben, die natürlich nui 
bei hellem Sonnenlicht den allerbesten Effect hervorbringt. 
9 
Eine Äffenjagd setzte gestern Nachmittag die Besuchet 
der Kolonial-Ausstellung in der Zanzibarstadt in einige Aufregung. 
Eines der winzig kleinen brasilianischen Seidenäffchen, welche Herr 
Oscar Hertel in seiner zoologischen Sammlung ausstellt, entsprang 
seinem Käfig und flüchtete blitzschnell auf einen der in der Nähe 
stehenden Bäume, von wo er erst nach allerlei Lockungen herab 
kletterte, worauf er schnell wieder eingefangen wurde. 
S 
Aus unserer Kolonial-Ausstellung wird sich nach 
den jetzigen Aussichten höchst wahrscheinlich die bleibende Insti 
tution eines Kolonial-Museums entwickeln. Die Regierung be 
schäftigt sich schon lange mit dem Plane, alle ethnologischen und 
zoologischen Sammlungen aus unseren Kolonieen, ferner deren 
Handelsproducte und Erzeugnisse der Eingeborenen in einem 
Kolonial-Museum zu einem culturellen Gesammtbilde zu 
vereinigen. Die jetzige Kolonial - Ausstellung bietet die 
willkommene Gelegenheit, eine Reihe von wichtigen Samm 
lungen unserer bedeutenden Forscher zu erwerben und 
von den anwesenden Eingeborenen auch manches herstellen 
zu lassen, was das decorative Milieu in seiner Originalität wesent 
lich vervollständigen würde. Aber eine Umfrage bei maassgebenden 
Gelehrten hat ein dem Project nicht gerade günstiges Resultat er 
geben. So hat sich Professor Bastian entschieden gegen ein 
Kolonial-Museum ausgesprochen, das dem jetzigen Völker- 
Museum einen Theil seiner interessantesten Sammlungen rauben 
würde. Andere Gelehrte wünschen, dass in dem jetzigen Völker 
museum eine besondere Abtheilung für unsere deutschen Kolonieen 
geschaffen würde. Unsere Kolonialfreunde jedoch und die eifrigen 
Förderer der Kolonialbewegung sind mit einer solchen Lösung der 
Frage nicht zufrieden, und so wird augenblicklich eifrig dafür 
agitirt, ein Deutsches Kolonial-Museum in Berlin aus privaten 
Mitteln in’s Leben zu rufen. 
XS 
Eine Ausstellung von Fischereigeräthschaften 
aus Ost-Afrika und Neu Guinea wird jetzt an den Ufern des künst 
lichen Sees in der Zanzibarstadt der deutschen Kolonial-Ausstellung 
arrangirt. Netze, Fischkörbe, Angelgeräthe, Fischspeere, Boote und 
andere Gegenstände werden ein ziemlich übersichtliches Bild über 
die Entwicklung der Fischerei bei unseren transoceanischen Lands 
leuten bieten. 
S 
Gefunden wurde auf dem Ausstellungsterrain unter zahl 
reichen anderen Dingen auch eine anscheinend sehr werthvolle 
goldene und mit zahlreichen Perlen besetzte Breche in Gemmen 
form. Dieselbe ist auf dem Fundbureau eingeliefert und kann 
dort reclamirt werden. 
9 
Auf der Sanitätswache sind innerhalb 48 Stunden 
35 Patienten behandelt worden, darunter ein Knabe, der an Wein- 
kriimpfen litt und von Besuchern der Ausstellung eingeliefert
	        
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