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Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

12 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
toskope aus den Gängen, welche den Demonstrationsraum um 
geben, zu entfernen und in’s Freie zu schleppen, wo sie eine Art 
Barrikade gegen die andringenden, aufgeregten Zuschauer bildeten. 
Fun nahm das Kettungswerk rasch seinen Verlauf, die brennende 
Kuppel, der rothglühende metallene Knauf, die Eingangsthüren, 
welche bereits zum Theil verkohlt waren, wurden bespritzt, 
ein vorübergehender Strichregen unterstützte die Bemühungen 
der Feuerwehr, und in weniger als 20 Minuten, noch vor 
5 Uhr war der Brand bereits so weit gedämpft, dass alle 
Gefahr für die benachbarten Pavillons von Hildebrand, Bruno Bache 
und Loeser & Wolf, sowie für die prachtvollen, den Edison’schen 
Pavillon zum Theil überschattenden Bäume abgewendet war. 
Ueber die Entstehung des Brandes berichten uns der 
Demonstrator und der zufällig im Theater anwesende Baumeister 
Bauer, Besitzer des »Kaiserschiffs«, übereinstimmend: 
Die um 1 / 2 5 Uhr beginnende Vorstellung war eben in bestem 
Gange, das zahlreich versammelte Publikum hatte mit grossem 
Interesse das erste Bild. eine »Schaukel in Bewegung«, betrachtet, 
als der in einer hinteren Keihe nahe dem Eingang sitzende Bau 
meister Bauer einen brenzlichen Geruch und unerklärliche Wärme 
verspürte. Er wendete sich nach der im Hintergrund befindlichen 
Camera, in welcher die Lichtbilder-Apparate sich befinden, und 
blickte durch eines der in der Wand befindlichen 
■runden Löcher in den Raum; dort hatte sich schon eine 
Flamme gebildet. Der französische Mechaniker, der den 
Apparat bedient, und sein Gehilfe wendeten sich zur 
Flucht. In dem vollkommen abgedunkelten Raum hätte kein Mensch 
den Ausgang gefunden und das Brandunglück hätte so im Falle 
einer Panik die furchtbarsten Folgen haben können. Glücklicher 
weise hatte Baumeister Bauer die Aufschrift »Ausgang« schon 
vor Beginn der Vorstellung bemerkt; er riss nun die Portieren 
zurück, rief in das Publikum: »Bitte bewahren sie die Ruhe, es 
brennt im Pavillon!«—und ohne den geringsten Unfall oder irgend 
eine Beschädigung gelangte das Publikum in’s Freie.. — Allgemein 
wird darüber, geklagt, dass beim Ausbruch des Feuers keiner der 
Angestellten wusste, wo ein Feuermelder zu finden sei, trotzdem 
ganz in der Nähe des Pavillons an der Treppe zur Ausstellungs 
brücke ein solcher vorhanden ist. Diese Unkenntniss und das an 
fängliche Versagen des Hydranten haben grosse Schuld an dem 
Schaden und es kann im Interesse der Aussteller und Garantiefonds 
zeichner sowie zur Sicherheit des Publikums bei dieser Gelegenheit 
nur der entschiedenste Rath an sämmtliche Aussteller und Beschäf 
tigten der Ausstellung ertheilt werden, sich um all’ diese Sicherheits 
porkehrungen mehr zu kümmern. 
-l- * 
* 
Ueber die Ursachen des Brandes haben wir auf Grund einer 
Lokalbesichtigung an Ort und Stelle folgendes ermittelt: 
Am Apparat, der die kinematographischen Bilder durch Pro- 
jection zeigt, arbeiteten zwei Mechaniker, die die Bewegung der 
Bilder leiteten. Der Apparat ist im Grossen und Ganzen ungefähr 
so construirt, wie die meisten Projectionsapparate, die durch 
Bogenlicht beleuchtet werden. Vor der Sammellinse befindet 
sich die feststehende Bogenlampe, die aus zwei Kohlestiften 
besteht, zwischen denen der elektrische Lichtbogen flammt. Den 
ganzen Tag hindurch functionirte die Lampe ganz gut, ohne dass 
sich irgend ein Uebelstand bemerkbar gemacht hätte. Um 4‘/ 2 Uhr 
aber muss plötzlich eine Lockerung im Gewinde des oberen 
Kohlestiftes eingetreten sein, da der noch flammende Stift herausfiel 
und in den unteren Kasten sank, wo sich die langen Collodium- 
bänder — die Films —■ befanden, die bekanntlich das Material 
für die projicirten Photographiecn bilden. Im Nu fingen die Films 
Feuer. Schon nach wenigen Minuten, kaum dass sich das Publikum 
in’s Freie geflüchtet hatte, schlug auch die Flamme helllodernd zum 
Dache hinaus. 
* * * 
Etwa anderthalb Stunden dauerten die Lösch- und Bergungs 
arbeiten. Ausser sämmtlichen kleineren Edison’schen Apparaten 
gelang es auch den Apparat von Lumiere, also den wichtigsten 
Apparat aus dem Feuer zu retten. Der Pavillon, der zu den 
schönsten Bauten der Ausstellung zählte, bietet jetzt ein trauriges 
Bild. Sämmtliche Glastheile sind zerstrört, die Verglasung des 
Rundbaues ist gänzlich entfernt. Am stärksten hatte der Brand 
im Rundbau selbst, also im grossen Mittelraum, gewüthet. 
Die Wände sind völlig verkohlt; dort wo die Spuren 
des Brandes nicht sichtbar sind, haben die Löscharbeiten die Wände 
so stark mitgenommen, dass der Drahtputz blank liegt. Die früher 
verputzten Säulen, die einen hübschen architektonischen Schmuck 
bildeten, sind völlig durchgehrannt und erscheinen jetzt als ver 
kohlte Balken. Das ganze Innere des Baues ist eine traurige 
Trümmerstätte, nur der fast intact gebliebene Aussenbau berechtigt 
zu der Hoffnung, dass der Pavillon bald wieder in früherer Schön 
heit erstehen und wie bisher eine Zierde der Ausstellung bilden 
wird. 
* * * 
Interessant war es, die zahlreich,en Zuschauer 
hei dein Feuer zu beobachten. Viele Tausende um 
standen die Brandstätte, während draussen auf dem Pro 
menadenwege viele Tausende von Regenschirmen sichtbar 
waren. Als die lodernden Flammen noch nicht ganz ge 
löscht waren, gingen die meisten Berliner gleichgiltig davon. 
Nicht so die vielen Fremden, welche wohl zum ersten Mal 
Gelegenheit hatten, unsere wackere Feuerwehr bei ernster 
Arbeit zu sehen. Man konnte vielfach, laute Ausbrüche der 
Bewunderung über die Feuerwehr hören. Die Dampf spritze 
arbeitete laut pustend vor dem Fernsprechgebäude und 
schleuderte aus starken Schläuchen mächtige Strahlen von 
Wasser, auf dem brennenden Dache des Pavillons waren die 
Wehrleute beschäftigt, den Giebel des Portals abzudecken 
und brennende Holz theile zu entfernen, von Zeit zu Zeit stieg 
eine qualmende schwarze Wolke, auf. Schlecht erzogene 
Rangen, denen weder Feuerwehr noch Schadenfeuer h,eilig 
ist, verübten im Gedränge allerlei Unfug und Geschrei. 
Stuhljungen, die in ziemlicher Anzahl am Platze waren, 
wurden angerufen: „Nu jebt man Eure Stühle her, hier is 
’n -Jeschäft zu machen!“ Es sah recht bunt aus in der Um 
gebung der Brandstelle, zahlreiche italienische Gondelführer 
in ihrem leuchtenden Sonntagsstaat, Damen in hellen Klei 
dern, Ausstellungsaufseher, Gendarmen, Militairs aller Trup 
pen theile, Publikum in städtischer und ländlicher Festtracht, 
helle und dunkele Schirme im Verein mit den bunten 
Ausstellungsgebäuden im dunklen Grün, mit regenspenden 
den dunklen Wolken, unterbrochen hie und da von einzelnen 
Lücken, durch die der blaue Himmel lachte, vereinten sich 
zu einem recht farbenreichen Gesammtbilde. 
V 
Die morgen (Dienstag) stattfindende grosse 
Illumination wird wieder verschiedene hübsche Neuerungeii 
bringen. In erster Reihe findet bei den Beleuchtungskörpern ein 
vollständiger Farbenwechsel statt, sodass ganz neue Effecte erzielt 
werden, dann wird, Wie man uns mittheilt, das grosse Mittelstück 
im Neuen See, die von der Firma Hoppenworth auf den beiden 
Prähmen errichteten fünf Obelisken, das am verflossenen Donnerstag 
schon fungiren sollte, erstmalig glänzend erleuchtet werden. Auch 
die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft bereitet für diesen Abend 
einige farbenprächtige Ueberraschungen vor. 
S 
Aus Anlass des 80. Geburtstages des Kapell 
meisters und Componisten B. Bilse (geb. 17. August 
1816) hat das Philharmonische Blas-Orchester in das Programm 
des heutigen Concerts verschiedene Compositionen des Altmeisters 
aufgenommen. 
V 
Die Mitglieder des Verbandes der österreichisch 
schlesischen gewerblichen Genossenschaft Troppau 
und Tetschen besuchten gestern die Kolonial-Ansstellung, Alt-Berlin 
und Kairo und zum Schluss das Haupt-Industriegebäude. Das 
Mittagessen wurde im Restaurant der Marine-Schauspiele und im 
Restaurant Peters (Theater Alt-Berlin) eingenommen, das Abendessen 
im Hauptrestaurant der Kolonial-Ausstellung. Heute wird der Ver 
band am Vormittag einen Ausflug nach Potsdam machen und Nach 
mittags das Chemie-Gebäude, die Fischerei-Ausstellung und die 
Marine-Schauspiele besuchen.
	        
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