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Periodical volume Nr. 120, 15. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. a 
als auch durch billigere Allschaffungskosten, welche sogar 
geringer sein sollen, wie beim Accumulatorenbetriebe. An 
dererseits kommt aber hier wiederum in Betracht, dass trotz 
der besten Kühlvorrichtungen immerhin eine vom Motor 
ausgehenden WärmeentWickelung, welche namentlich im 
Sommer nicht sehr angenehm sein dürfte, kaum wird ver 
mieden werden können. Besonderes Interesse hat die Gas 
bahn für uns Berliner, weil, wie schon erwähnt, hiermit noch 
bis Ende diese Monats in Charlottenburg auf der Pferdebahn- 
strecke vom Bahnhof Westend bis zum sogenannten Knie, 
wo die Steigungsverhältnisse ziemlich bedeutende sind, regel 
mässige Probefahrten unternommen werden sollen. 
G. Jacob. 
Die „göttliche“ Grobheit. 
[Abdruck untersagt.] 
Was muss nicht alles herhalten, um den Menschen anzu 
locken, besonders den eine Ausstellung besuchenden zahl 
kräftigen Menschen ? Speculation und Raffinement gehen 
Hand in Hand, und aus dieser modernen Ehe gehen manch 
mal recht hübsche und unterhaltsame Kinder hervor, so dass 
uns der ausgegebene Groschen nicht reut; manchmal aber 
auch wahre Cretins, und dann kommt der sogenannte „Pleite 
geier“ und frisst die Fehlgeburten zu Gunsten des guten 
Geschmacks schleunigst auf. 
In den guten alten Zeiten des Berliner Philisterthums 
hatte man dergleichen Ueberreizungen der menschlichen Ver 
gnügungssucht noch nicht nöthig. So wusste ein jeder 
Bürger zwischen Kölln und Berlin, wo er einen guten Tropfen 
und gediegene Lustbarkeit finden konnte; wo er bei der in 
Holland eingebürgerten langen Thonpfeife, einem Päckchen 
scharfen Kanaster in den niederen, raucherfüllten, aber um 
so gemüthlicheren Tavernen derbe Witze und merkwürdige 
Neuigkeiten aus aller Herren Ländern frisch vom Fass ver 
nehmen konnte. Damals nämlich war nicht jeder Bürger 
auch,.ein brauchbarer Zeitungsloser. Die lebendige Zeitung, 
der Tavemenwirth, der ja in Folge seines Geschäftes mit 
allerlei Volk in Berührung kam und, wenn er noch dazu 
eigenen Witz hatte, die seltsamen Geschichten weit besser 
auszumalen wusste, als ein hochgelahrter Zeitungsschreiber 
von Anno damals je zu thun im Stande gewesen wäre. 
Eine solche Taverne biderbon Stils, solcher vierschrötiger 
grobkörniger, aber urehrlicher Hei bergsvater ist uns in Alt- 
Berlin der Ausstellung erhalten geblieben. Wir finden beide 
in der Nähe des St. Georgen-Thores im Bauern-Museum und 
in seinem Besitzer M. J. P. Kaufmann, einfacher Max ge 
nant, wieder. Letzterer, der die ihm angeborene Grobheit 
bis zur Virtuosität gebracht hat i-wir sind überzeugt, so 
grob konnte man nur eben im alten Berlin sein — hat sich 
im Laufe seines ruhmvollen Daseins nicht nur damit begnügt, 
aus der fahrenden Leute Munde die merkwürdigsten 
Ereignisse zu vernehmen und seinen Gästen vorzutragen; 
er hat sich in höchsteigener Person auf gefahrvolle Reisen 
durch Treptow, Stralau-Rummelsburg, Amerika,, Australien 
begeben, um aller jener Gegenstände theilhaftig zu werden, 
an die sich die verworrenen gewaltigen Ereignisse im Leben 
der Völker und Individuen knüpften; er hat in der That 
gefunden, was er suchte, dieser wackere Mann, und erklärt 
sei jetzt seinen Gästen in fliessender Rede auf Bauerndeutsch,, 
Englisch oder Französisch. 
Und zu ihm strömt das Volk der Bürger Und der Pa 
tricier in hellem Haufen; kein Fräulein selbst ist so zimper 
lich, dass es Kaufmanns Bauern-Museum fern bleiben möchte 
und sich vor dem groben Wirthe fürchtet, der, wenn es dun 
Gästen allzuviel wird mit dem groben Patron, von seinen 
eigenen Leuten an die Luft gesetzt wird. Er weiss dann 
selbst, was die grosse Uhr geschlagen hat, die er seinen Gästen 
an den Kopf zu schlagen pflegt, wenn er ihnen auf diese Weise 
höflich bedeuten will, dass es nun aber Zeit sei, seine Kata 
komben — so nennt er seine Taverne — zu verlassen, um 
anderen Besuchern Platz zu machen, die er, sobald sie zu ihm 
kommen, mit bewunderungswürdiger Selbsterkenntniss nicht 
mehr unter die anständigen Menschen rechnet. Er hat geschwo 
ren, seinen nicht vorhandenen Kindern eine grosse Erbschaft 
zu hinterlassen, und er gedenkt daher während der übrigen 
Zeit der Ausstellung noch weitere 11000 Liter Bier auszu 
schenken, welche Zahl er bereits jetzt hätte verdoppeln kön 
nen, wenn er nicht eben ein so grandehrlicher grober Kerl 
wäre, der niemals mehr verspritzt, als jemand bezahlen kann, 
Zum Beispiel wird man bei ihm für einen Thaler ein gedie 
genes Mittagbrod, bestehend aus Suppe, Salat und Kaffee er 
halten, und eher lässt er sich vom Teufel holen, ehe er noch 
einen Eierkuchen dazu giebt. 
Man sage, was man wolle, aber man wird mir zugeben, 
dass die Erhaltung des Bauern-Kaufmanns sowohl für das 
alte Berlin wie für unsere Ausstellung ein nicht zu unter 
schätzendes Glück ist. Die von ihm ausgehende Behandlung 
wirkt wie ein Brausebad an einem schwülen Augusttage, sie 
macht Epoche. Man wird des feinen Tones nachgerade satt, 
man will wieder Bauer unter Bauern .sein. Wer sich zu Kauf 
mann hineinbegiebt, weiss sofort, woran er ist: er wird so 
„göttlich“ grob empfangen, dass sich zwischen' ihm, den 
Gästen, dem Besitzer und seinen Henkersknechten in Hemds 
ärmeln sofort die angenehmste und von den ausgesuchtesten 
Liebenswürdigkeiten übersprudelnde Unterhaltung entwickelt, 
bis der dicke Wirth einen Rohrstock ergreift — um zu schla 
gen? nein — sich eine lockige Peirficke und einen grauen 
Landsknechtsfilz auf das Epikuräer-Haupt stülpt, den alt 
berliner Sonntagsnachmittagsausgehrock umwirft und zur 
Beschreibung seines unvergleichlichen Museums übergeht 
Man muss so etwas sehen, um zu glauben, was es in der Welt 
alles giebt und gegeben hat und welche eiserne Zähigkeit 
dazu gehörte nebst feinem Beobachtungsgeiste, um das 
Werthvolle zu erkennen und nach Alt-Berlin zu schleppen. 
Einige wenige Beispiele. Dass zwei Tonnenreifen die Trau 
ringe des ersten Menschenpaares gewesen sind, dass der ge 
spenstige fliegende Holländer ein an einer Strippe baumeln 
der alter Eidamer, dass Kaffee Bauer eigentlich nur ein Vogel 
bauer mit einer Kaffeetasse darin ist — das zu ergründen 
reichte unser gewöhnlicher Menschenverstand nicht aus. Dazu 
bedurfte es eben eines Kaufmann's in Alt-Berlin. Weitere 
Raritäten : Ein Fläschchen Maurerschweiss von der Berliner 
Gewerbe-Ausstellung (sehr selten!) — Der Handschuh von 
Schiller — Die Rippe Adams — Das Wasser, welches Simsen 
im Munde zusammenlief, als er Susanne im Bade erblickte— 
Die Sprossen der Himmelsleiter, welche Jacob im Traume 
sah, — Eine Mumie von den Ausgrabungen Schliemann’s; 
sie besteht aus 84er Gold, ist aber weiss angestrichen, damit 
das Gold nicht lädirt wird — Ein Fläschchen mit egyptischer 
Finsterniss — Ein Zahnstocher von Ludwig XIV — Der 
Pferdestall der elektrischen Bahn — Der Kamm des Riesen 
gebirges — Ein eigenhändiger Tintenklex Alexanders des 
Kleinen (von Serbien) — Der Nagel, den Bismarck immer 
auf den Kopf getroffen hat, nnd so fort durch 230 Nummern. 
Bis jetzt haben sich alle Staaten der Erde vergeblich um den 
Ankauf dieses, wie gesagt, einzig dastehenden und dahän 
genden Museums und seines Besitzers bemüht. Seitdem dieser 
sein Fremdenbuch mit dem Namen Allerhöchster und Fürst 
lichster Besucher gefüllt sieht, lässt er sich nicht einmal mehr 
die Zahnwurzel der alten Eisiieke ausziehen, die ebenfalls in 
seiner Sammlung vertreten ist. 
Man hat immer geklagt, dass die guten alten Zeiten un 
widerruflich dahin sind. Irrthum ! Unsere Ausstellung be 
weiset es, wie gesagt. Man gehe nur in Kaufmann’« Bauern- 
Museum und man wird dasselbe grobe, altväterliche, unge 
hobelte Wesen vorfinden, welches schon unsere UrgrossVäter 
entzückte. Glacehandschuhe sind unbedingt eine schöne 
Sache, aber etwas ohne Glacehandschuhe anfassen zu sehen, 
ist eine ausserordentliche, weil seltene Unterhaltung der Aus 
stellungsbesucher. Kaufmann hat daher alle Lacher für sich, 
denn er weiss sehr wohl, dass man ihm nie so grob kommen 
kann als er uns, die wir seine Grobheit mit klingender Münz* 
belohnen, A, R u.
	        
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