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Volume Nr. 119, 14. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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ifit&'JIe Aussteilungs - flachrichten. 
Helikons möglich ist. Ferner legt die Begrenzung in der 
Höhe infolge des Tonumfanges der Trompeten und Cornets 
insofern dem Orchester eine sehr unangenehme Beschränkung 
auf, als die genannten Instrumente sehr oft gezwungen sind, 
in höchster Lage Piano- und Pianissimo-Stellen sauber und 
klar ausführen zu müssen, wozu selbstverständlich eine grosse 
Kunst des Ansatzes gehört, um den Ton nicht umschlagen zu 
lassen. Die Beschränkung in der Höhe machte es auch noth 
wendig, das Stück um einen ganzen Ton, also vom As-dur 
des Originals nacliGes-dur zu transponiren, freilich zum Scha 
den desselben, da die neue Tonart auch nicht entfernt im 
Stande ist, das eigenartige Gefühlsleben der Tonart As-dur 
zu re präsenteren. Mit anderen Worten : Der Toncharakter, 
den Beethoven beabsichtigte, wurde dadurch seines Reizes 
entkleidet. Deshalb wäre es freilich besser gewesen, von die 
sem Arrangement überhaupt abzusehen und lieber ein in der 
Originaltonart verbleibendes Tonstück zu wählen. Gegen 
Ende des Andante bereitet eine kleine Stelle in Ges-(Fis-) 
"Moll mit ihren Ausweichungen nach Fes-(E-)dur und A-dur 
ebenfalls nicht geringe Schwierigkeiten, da die in B abge 
stimmten Instrumente hier nach ihren fernliegenden (eiihar- 
inmischen) Kreuztonarten abweichen müssen. Hier auch 
liessen, manche Dirigenten die Durchgangsnoten der Beglei 
tung allzusehr hervortreten, während andererseits der bei der 
Wiederaufnahme des Hauptthemas eintretende Canon kaum 
deutlich zu hören war. Das Loos bestimmte das Garde-Feld 
artillerieregiment (Stabstrompeter Spiegelberg) zuerst. In 
10 t Minuten, etwas zu langsam, beendete es die Preisaufgabe. 
Das schöne Piano soll lobend hervorgehoben werden. Ihm 
folgte das Garde-Ulanen-Regiment unter Stabstrompeter 
Eisenhuth, 12 Minuten, dessen Kapelle zwar über scb,öne 
Bässe verfügt, leider aber nicht frei von kleinen Unfällen 
war. Die Kapelle der Gardes du Corps schlug dann unter 
Stabstrompeter Lehmann ein richtigeres Tempo (lOMinuten) 
f ein und hot auch mit dem Finale aus dem .,Don Juan“, 
abgesehen von einem kleinen Versehen, eine sehr hübsche 
Leistung. Das Garde-Kürassier-Regiment unter dem König!. 
Musikdirigenten Ruth (10L Minuten) errang sich mit einer 
sehr correcten Wiedergabe die Siegespalme, während die an 
und für sich auch recht schöne Leistung des Garde-Dragoner- 
Regimen ts sehr unter dem auffallend verschleppten Zeitmaass 
(12j Minute), das Herr Kgl. Musikdirigent Voigt beliebte, 
litt. Das Resultat der Preisjury entsprach der Gerechtig 
keit. (I. Ruth, II. Lehmann und Voigt, III. Spiegelberg, 
IV. Eisenhuth.) 
9 
Der jüngst verstorbene Neger Sonntag aus der 
Kolonial-Ausstellung ist nickt etwa ein Opfer des Klimas geworden, 
auch der Fall in’s Wasser dürfte die Krankheit nur gefördert, nicht 
aber erzeugt haben. Wie bei der Section der Leiche conStatut wurde, 
waren nur noch kleine Reste der Lunge vorhanden. Der Neger 
war jedoch nur zehn Tage krank gewesen und bei zehntägiger Dauer 
kann unmöglich die Krankheit, und selbst wenn es galoppirende 
Schwindsucht wäre, die Lunge so vollständig zerstören, wie es hier 
der Fall war. Sonntag muss schon, ehe er nach Berlin kam, 
schwer lungenleidend gewesen sein und eine Erkältung hat das 
Leiden nur verschlimmert. 
9 
Aus der Gruppe II. Von dem vom- Ausschuss der 
Berliner Gewerbe-Ausstellung der Gruppe II — Bekleidungs 
industrie — für den 17. d. M. bewilligten einmaligen Wechsel 
der ausgestellten Gegenstände wird auch die Firma J. A. Heese, 
derßii Ausstellung den ungetheilten Beifall findet, Gebrauch machen, 
I indem sie den Inhalt ihres Pavillons aufs Neue der kommenden 
Saison entsprechend in gewohntem, gediegenem, vornehmem Ge 
schmack ausstatten wird. 
9 
Die Cacteen-Sammlung von Walter Mundt in Pankow 
in der Gartenbau-Ausstellung ist jetzt die besondere Freude aller 
Liebhaber dieser eigenartigen Pflanze, deren Verehrer und Züchter 
sich in Berlin bekanntlich zu einem Verein zusammengefunden 
haben. In dem Glaspavillon neben dem Gürss’schcn Rosengarten 
sind 500 Arten von Caeteen ausgestellt, die Herr Mundt entweder selbst 
gezüchtet oder vom' Auslande herimportirt bat. Viele von ihnen stehen 
jetzt in Blüthe. Zart und duftig steigt aus der Stachelkrone von Mamil- 
laria cirrifera die rothe Blüthe empor, während der viel grössere 
Echiuocactus longihamatus eine prächtige Blüthe von gelber 
Farbe zeigt. Daneben erregt das Riesenexemplar von Echinoeactus 
Wislicenii allgemeine Bewunderung, während der Cereus senilis, der 
in drei schönen Exemplaren vorhanden ist, wie ein alter lebens 
müder Greis seine langen weissen Haarsträhnen herabhängen lässt. 
In besonders schönen Pflanzen ist auch die Familie der Mamillaria 
und Echinopsis vertreten, wie überhaupt die ganze Sammlung aus 
ausgesucht schönen Exemplaren besteht und somit einen ganz be 
deutenden Werth repräsentirt. 
Ueber der Erde. Dreihundert Meter ist keine Meile. Es 
ist die Höhe des Eiffelthnrms. Und doch, ein wie enormer 
Unterschied in der Anschauung der Menschen und Dinge 
gegt n die übliche der ebenen Heerstrasse ! Die ganze grosse 
Berliner Gewerbe-Ausstellung liegt zu Deinen Füssen, man. 
möchte sagen : „thf unter Dir im Staube“. Denn das ganze 
Gelände des Treptower Parkes ist nur ein kleiner Theil des 
grossen Gehirns, über das Du nun erhaben bist und das Dein. 
Blick nun umspannt. Du könntest es, so scheint es Dir, 
unter Deinen Füssen zermalmen. Du bekommst endlich ein 
mal (inen Begriff von der Wirklichkeit, ich will ,sagen, von 
der unendlichen Kleinheit und am Ende auch Geringfügigkeif 
alles irdischen Daseins. Die vielen Tausende wimmeln 
der Menschenkinder, die da unten durcheinander hasten, 
schrumpfen Dir zu einem Begriff zusammen, gegen den der 
Ameisenhaufen noch eine Vergrößerung bedeutet. — Aber bei 
alledem welche Erhebung über Dich seihst erlebst Du hier, 
angesichts dieses Landschaftsbildes. Es ist Abend. Die 
Sonne, welche für Dich schon hinter dem Horizont hinab 
gesunken war, ehe Du aufstiegst, wird Dir nun wieder sicht 
bar. In allen Tinten Tintoretto’s strahlt die Welt wie eine 
Königin im Diadem, schön wie eine Braut im Rosenkränze 
früherer Zeit. Die Felder unter Dir «-freuen Dich durch 
ihr smaragdenes Grün; sie sehen aus wie die kleinen Figuten 
eines Häkelwerkes. Im Westen lagert eine braunrothe Wolke, 
aus der in unbestimmten Con touren das Weichbild derReichs- 
hauptstadt hervorblickt, und über sie hinweg ragen die wal 
digen Berge der Havel. Im Korden erglänzt die Spree wie 
ein goldenes Band. Im Osten siehst Du über die Müggel- 
berge hinweg in das Gebiet der Dahme hinein. Und blickst 
Du hinab durch das Rund, welches die Mitte der Gondel bil 
det, auf die Ausstellung hinab, so verschmelzen Dir der Neue 
See und der Karpfenteich zu einem Begriff; nur ein schmaler 
Terrain streifen trennt sie, auf dem Pünktchen sich bewegen 
— Deine Mitmenschen. Dort das Eckchen links ist dio Ko 
lonial-Ausstellung. Es findet soeben das augekündigte grossä 
Abkochen der Neger statt. Von hier oben sieht, es aus, als 
oh da ein paar brennende Streichhölzer flackerten. Du lieber 
Gott! Wie khin und doch wie erhaben und schön ist die 
Welt! Ergriffen blickst Du um Dich. Du bist allein mit 
dem Capitain und dem Matrosen, während doch 15—20 Per 
sonen im Fahrzeuge bequem Platz habe n, welches mit star 
ken Stricken an dem Riesenballon von 0000 Kubikmetern 
vertäut ist. Du wunderst Dich, dass nicht noch mehr arme 
Menschenkinder dieses Anblickes theilhaftig werden wollen. 
Können sie. sich denn nicht auf ein Viertelstündchen los- 
reissen vom Erdboden und vom Bier? Gefahr ist nicht da 
bei. Ich, der ich sehr zum Schwindel neige, empfand in die 
ser Höhe keine Spur einer Anwandlung desselben. Auch 
beim Aufstieg hast Du nicht das Gefühl, als oh Du Dich be 
wegtest. Es ist die Erde, die sanft hinabzusinken scheint. 
Der Ballon selbst bat eine sechsfache Hülle starken Seiden 
stoffes. Jeder Druck in seinem Innern ist. völlig aus 
geschlossen. Das Drahtseil ist auf einen zehnfache n Auftrieb 
geprüft. Man sollte meinen, jeder nicht völlig verphilisterte 
und emporstrebende Mensch sollte sich herzudrängen, um 
diese Gelegenheit zum Aufstieg wahrzunehmen, die sich so 
selten bietet und uns mit einem Aufwande von so grossem. 
Capital und Risico bereitet wird. Aber wir haften am Staube
	        
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