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Periodical volume Nr. 118, 13. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielfe Äüsstellungs - Nachrichten. 
derer Aussteller von Filter-Apparaten, die Berliner Feinfilter- 
Fabrik Sellenscbeidt inx Masclrinen-Gebäude (Gruppe XIII) 
befolgt. Diese letzteren Filter bestehen aus einem System 
von hydraulisch gepressten Platten aus Baumwolleufaser, 
welche sich gegen feine Partikelchen, wie Eisenoxyd, sehr 
wirksam erwiesen und im Cafe Bauer in der Ausstellung 
in Anwendung gekommen sind. Die anderen zur Ausstel 
lung gelangten Filter von AV. P. Schweden und von P. Fin 
kenberg beruhen auf der Wirksamkeit der plastischen Kohle. 
Für besondere Zwecke, für Krankenträger, Soldaten, Tou 
risten, Matrosen, Afrikareisende u. s. w. existirt der Filter 
in den verschiedensten portablen Formen und Modifieationen, 
es sind dies meist einfache Bälle mit einem Gummischlauch, 
wie solche in der Ausstellung ebenfalls zu sehen sind. Auch 
die plastische Kohle besitzt bereits einen öffentlichen Charak 
ter. In Hamburg hat der Staat mtliche öffentliche Biun- 
nen, die mit dem notorisch schlechten, wenn auch jetzt, nach 
der grossen Epidemie von 1892 durch eine riesige Sandfilter- 
anlage (ähnlich der von der Stadt Berlin ausgestellten) vor 
gereinigten Elbe-, Fluth- und Ebbewasser gespeisst werden, 
mit Bübring-'sehen Filterappaijaten versehen lassen, die von 
der Fabrik in Stand gehalten werden. Ebenso liefert diese 
Fabrik an die Hausbewohner dort und in vielen Städten des 
Continents, z. B. auch Petersburg, gleiche Apparate in Eisen 
behältern. Diese werden in Küche und Wohnzimmer an den 
Wasserleitung;röhren befestigt und arbeiten vor Hochdruck. 
Auch für industrielle Zwecke ist die plastische Kohle ein 
unschätzbares Mittel, gutes Wasser zu erzielen, wenn sie 
auch bis jetzt noch weniger in Aufnahme kam, weil die Welt 
wenig von ihr erfuhr. Brauereien hängen, wie uns Dr. Lind- 
ner zeigt, ganz vom Wasser ab. Gutes Bier kann nur durch 
kalkhaltiges und von fauligen Stoffen absolut freies Wasser 
gewonnen weiden. Faulige oder überhaupt organische Bei 
mengungen fällen meistens den Kalk ganz aus. 
Man thäte daher wohl daran, erst jene durch Filtration zu ent 
fernen und dann etwas Kalk zuzusetzen. In dem grossen 
Kalkgehalt der bayerischen, namentlich der münchener Brun 
nen liegt höchst wahrscheinlich der Hauptgrund der Güte 
des bayerischen Bieres. Besonders auch die Papiermühlen 
könnten durch, Anwendung filtrirten Wassers den Werth 
ihres Fabrikats bedeutend heben, da unreines Wasser das 
Papier färbt und leicht Anlass giebt, dass dasselbe auf den 
schnell rotirenden Bollen der grossen Zeitungspressen misst 
und peinvolle Störungen und Zeitverlust veranlasst. 
Wie das Wasser, reinigt die Kohle auch die Luft. Es 
existiren desshalb unttyr Sandern dahin zielenden Dingen 
auch grosse Kohlenplatten für Krankenzimmer, welche zu 
Fussböden,, Ventihxtio ns Vorrichtungen, Wandbekleidungen 
dienen. Man sollte sie nicht verachten, denn den meisten 
Kranken ist von allen schädlichen Dingen, das schädlichste 
ib.re eigene verdorbene Lungenluft. 
An weniger wichtigen, wenn auch in England wenigstens 
sich als lucrativ erweisenden Gegenständen, die im grossen 
Maassstabe aus Kohle gefertigt werden, nennen wir noch 
Pfeifenköpfe, Pfeifenpflöcke, Cigarrenspitzen, welche den 
wohl noch nicht in seiner ganzen Schädlichkeit erkannten 
.Tabakstheer, das brenzliche Oel, zurückhalten. Die Köpfe 
u. s. w. sind für den grossen Consum berechnet, wie Thon 
pfeifen, und sollen nach vierzehn Tagen höchstens durch neue 
ersetzt und verbrannt oder doch ausgeglüht werden. Streich 
platten für Zündhölzer, Keimplatten zur Prüfung der Keim 
fähigkeit des Saamens, der aus der Kohle eine gleichmässige 
und zuth,unliebe Temperatur und Luftzufuhr erhält, Cylin 
der für die elektrische Batterie, Schmelztiegel, Löthplatten 
für Laboratorien, Eisschränke, Butterglocken, die wohl bei 
nah absolute Nichtleiter sind, Platten zur Bekleidung von 
Speisekammern, zuij Bekleidung von Pfirsich und Wein 
gärten wo sie eine die Temperatur ausgleichende Wirkung 
haben. Pfähle, durch welche Gartenland elektrisch negativ 
oder positiv durchdrungen und vor Säurebildung bewahrt 
werden kann, Gussformen, Blumentöpfe, Topfdeckel, selbst- 
keekende Kochtönfe und andere Dinae, nennbar und nicht 
nennbar, eröffnen hier noch den Blick auf eine Industrie, 
welche die feineren Bedürfnisse der Menschheit ästhetisch- 
gesundheitlicher Art immer mehr zu befriedigen lernen wircL 
0. B, 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
(Abdruck untersagt.] 
Daniel Bartels und Heinrich Jührs, zwei platt 
deutsche Dichter. 
Herr Redacteur A. Schacht, geborener Hamburger 
und mit seinem heimathlichen Idiom auf das Innigste ver 
traut, unternahm es gestern, den zahlreich im Hörsaal des 
Chemiegebäudes erschienenen Freunden der plattdeutschen 
Muse zwei Vertreter derselben biographisch und in Proben 
aus ihren Werken vorzuführen — ein Beginnen, das mit 
Erfolg gekrönt war und eine wohlthätige Abwechselung in 
die etwas eintönige Reihenfolge der bisherigen, streng wis 
senschaftlichen Vorträge brachte. 
Als Fritz Beuter, so führte der gewandte Redner aus, 
es vor nunmehr 44 Jahren, mehr „der Noth gehorchend, 
nicht dem eigenen Triebe”, unternahm, sein erstes Bändchen 
„Lauschen und Riemeis” erscheinen zu lassen, that er dies 
mit grossem Zagen und war höchst überrascht von dem. 
lebhaften Erfolg, den diese plattdeutschen Scherze fanden. 
Wir alle wissen, wie rasch der gemüth- und humorvolle Poet 
in der Gunst des Publikums stieg, und heute giebt es fast 
kein besseres Hans mehr, in dem Eritz Reuter nicht Eingang 
gefunden hätte. Ariele Stellen aus seinen Werken sind als 
geflügelte Worte Gemeingut der Nation geworden. AVo ci- 
tirte man nicht: „Dass Du die Nase in’s Gesicht behältst !” 
des alten ehrlichen Entspeckter Bräsig oder Jochen Nüssler’s: 
„Dat’s all so as dat Ledder is” und „Wat schal'k dobi 
dauhn?” sowie zahlreiche andere Kernsprüche aus den be 
rühmten Hauptwerken des Dichters: „TJt in ine Stromtid”, 
„Hanne Nüte un der lütte Pudel”, „Kein Hiisung” u. a. m., 
die in ihrer ergreifenden, aber auch von derbstem Humor 
durchtränkten Poesie überall das Entzücken der Lesewelt 
bilden. Fritz Renter's Erfolg aber war bahnbrechend für 
die plattdeutsche Literatur und die Zahl • seiner Nachtreter 
und Nachahmer ist gross. Zu ihm heran reicht allerdings 
Keiner, wenngleich seine dichtenden Zeitgenossen manches 
Gute schufen und ganz besonders die Arbeiten Brinckmann’s 
auf diesem Gebiet und namentlich sein Hauptwerk „Kaspar 
Öhm un ick” allen Freunden des Plattdeutschen bestens em 
pfohlen werden können. 
Das mecklenburgische Idiom und das schleswig-hol- 
stein’sohe sind sehr nah verwandt und doch unterscheiden 
sie sich wieder so vielfach von einander, dass es Personen 
giebt, die das eine vollständig beherrschen und doch von dem 
anderen absolut Nichts verstehen. Von den verschiedenen 
Abarten des schleswig-holstein’sehen Plattdeutsch, ist das 
Hamburgische das breiteste und daher auch das schwerver 
ständlichste und nicht besonders angenehm klingendste. 
Neben dem Mecklenburger Fritz Reuter und dem treff 
lichen Klaus Groth sind in Schleswig-Holstein, wohin Herr 
Schacht der sprachlichen Zugehörigkeit wegen auch Ham 
burg rechnet, zwei Männer durch ihre plattdeutschen Dich 
tungen bekannt und beliebt geworden: Daniel Bartels und 
Heinrich Jührs, deren Schöpfungen auch in weitere Kreise 
drangen, während diejenigen von Cornelius Gurlitt, des kürz 
lich verstorbenen Bürgermeisters von Husum, Heinrich 
Schacht und Johannes Piening in Hamburg kaum über die 
Grenze ihrer Vaterstadt hinaus bekannt wurden. Daniel 
Bartfis, zu seinen Lebzeiten eine der populairsten Persönlich 
keiten Hamburgs, wurde am 18. November 1818 in Lübeck 
geboren, wo er auch seine Jugend verlebte, siedelte aber dann 
mit seinen Eltern nach Hamburg über und kam dort nach 
seiner Confirmation zu einem Maler in die Lehre. Schon als 
Schulknabe erregte er Aufsehen, aber auch Anstoss durch 
seine humoristisch-satirischen Gedichte auf Lehrer und Mit 
schüler und auch mit seinem Lehrherrn hatte er manchen
	        
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