Path:
Periodical volume Nr. 117, 12. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

12 
Qfficielle Ausstellungs-Nachrichten. 
und die grosse Sonne auf dem See, das decorative Prachtstück des 
Ganzen, glänzte gestern Abend in einer so abwechslungsreichen 
Farbenpracht, dass sie einen wahrhaft feenhaften Anblick gewährte. 
Der Totaleindruck der Illumination war packender denn je, und 
hörte man unter dem zahlreichen Publikum, das in dichten Schaaren 
den See umlagerte und grösstenteils aus Fremden von Nah und 
Fern bestand, nur Ausrufe der Bewunderung, die sich noch wesent 
lich mehrten, als die Lichtfontaine in ihrer herrlichen Erleuchtung 
den wunderbarsten Mittelpunkt des glänzenden Arrangements bildete. 
s 
Eine Hausse in Ausstellungsloosen herrschte am 
Montag Nachmittag. Gegen 6 Uhr waren die Loose der ersten 
Serie vollständig vergriffen. Manche Ausstellungsbesucher boten 
drei auch vier Mark für das Loos, ohne dass ihre Wünsche erfüllt 
werden konnten. 
V 
Das Nebelhorn bleibt wegen des Ablebens seines Er 
finders und Ausstellers, des Herrn Fabrikbesitzers und Civilingenieurs 
Otto Lilienthal, der bekanntlich mit seiner Flugmaschine am 
Montag verunglückte, bis Freitag Abend ausser Thätigkeit. 
S 
Alt - Berlin bleibt erhalten. Nachdem durch eine 
Sachverständigen-Commission die einzelnen Baulichkeiten der Special 
ausstellung »Alt-Berlin« auf ihre Haltbarkeit und Wetterbeständig 
keit geprüft und für gut befunden worden sind, ist der Gesammt- 
complex von dem bekannten Grosshändler Max Zellermayer an 
gekauft. Die Untersuchungen der Commission ergaben, dass die 
Bauten fest genug sind, um mindestens fünf Jahre stehen bleiben 
zu können, und so werden sie mit fast allen Restaurants 
und Verkaufsständen uns noch einige Jahre erhalten bleiben. 
Im Winter soll zwischen den Häusern eine Eisbahn an 
gelegt werden, und im nächsten Sommer wird »Alt-Berlin« eine 
unmuthige Folie durch die Gartenbau - Ausstellung erhalten. Was 
in den folgenden Jahren an besonderen Veranstaltungen in Alt- 
Berlin erfolgen wird, ist noch nicht festgestellt. Herr Zellermayer 
hat überdies während der Dauer derGewerbe-Ausstellung unter anderem 
auch das Wirthshaus »Zum Kurfürsten« am Marktplatz in »Alt- 
Berlin« gepachtet. 
» 
Ein Festtag war der gestrige Dienstag für zahlreiche 
Schüler aus verschiedenen Klassen hiesiger Gemeindeschulen, die 
unter Leitung des Herrn Rector Bonnelt die Kolonial-Ausstellung 
besuchen durften. Herr Rector Bonnelt erklärte seinen Schutz 
befohlenen nicht nur die Eingeborenen-Dörfer und die Tembe, er 
erläuterte auch die Ausstellungen der Araberstadt an der Hand des 
Kolonial-Atlas, der den Knaben überreicht wurde. Ein solcher 
Besuch ist für die Jugend sehr instructiv und bringt ihnen mehr 
Nutzen als viele Bände Reiseheschreibungen, welche nur zu häufig 
die Phantasie der Kleinen auf falsche Bahnen lenken. 
V 
Eine Hertzog’sche Postkarte. Eine äusserst sinnige 
und zugleich auch praktische Erinnerungsgabe hat die Firma 
Rudolph Hertzog in Form einer in ihrer ganzen Herstellung äusserst 
gut gelungenen Postkarte geschaffen, welche zum ersten Male von 
der Kaiserlichen Reichsdruckerei zu privaten Zwecken gedruckt 
worden ist. Diese Postkarte, in welche die Marke eingedruckt ist, 
zeigt auf der Schreibseite links den Hertzog’schen Ausstellungs-i 
Pavillon, während der ganze obere Theil derselben durch andere 
Ansichten, wie diejenige der Fischerei-Ausstellung, des Cafe Bauer, 
der Haupthalle u. s. w. bedeckt ist. Rechts unten ist ein Raum 
für Mittheilungen frei geblieben. Etwa hunderttausend Exemplare 
dieser höchst interessanten Postkarte, auf welcher selbstverständlich 
der übliche »Grass« nicht fehlt, sind in dem Hertzog’schen Pavillon 
und im Hauptgeschäft unter die Besucher zur Verthcilung gelangt. 
V 
Tonga-Lika am Telephon. Eine reizende Scene spielte 
sich gestern Nachmittag im Bureau des Verwaltungsgebäudes der 
Kolonial-Ausstellung ab. Herr Director von Beck versuchte dem 
Neger Tonga-Lika und seinem zwölfjährigen Sohne von den Neu- 
Guinea-Leuten den Mechanismus des Telephons zu erklären. Die 
beiden Schwarzen sahen sich mit verwunderten Gesichtern die 
beiden Hörmuscheln an, blickten zu den Drähten empor und 
brachen in ein schallendes Gelächter aus. Ein Aufseher begleitete 
nun Tonga-Lika nach dem Bureau der Neu-Guinea-Compagnie, 
Unter den Linden, und nach einiger Zeit wurde der Kleine durch 
das Telephon angerufen, — sein Vater wünschte ihn zu sprechen. 
Anfangs war der Knabe nicht zu bewegen, die Hörer in die Hand 
zu nehmen, er fürchtete sieh, — endlich fasste er Muth. Kaum 
aber hatte er das Ohr der Muschel genähert, so lachte er laut auf. 
Jetzt vernahm er die Stimme des Vaters, der ihn in der heimischen 
Sprache fragte, wie es ihm gehe. Ein grenzenloses Staunen prägte 
sich auf den Zügen des Burschen aus, er drehte den Hörer nach 
allen Seiten, dann warf er ihn fort. Nur wiederholten Bemühungen 
gelang es, ihn zu einer Antwort zu bewegen. Aber als der Vater 
wieder sprach, blickte der Kleine scheu umher und suchte den 
Vater in allen Winkeln des Zimmers, sodass sich die Anwesenden 
kaum des Lachens erwehren konnten. 
V 
Die Chemie-Ausstellung heisst das Gebäude gleich 
links hinter dein Eingänge zur Gewerbe-Ausstellung. Das 
selbe ist aber in der That mehr; es umfasst die ganze wis 
senschaftliche Industrie. Und hierin ist Berlin 
gross. Die Sache ist ja streng wissenschaftlich, wie keine 
andere Abtheilung der Ausstellung, aber trotzdem bietet sie 
auch dem Laien viel Interessantes. Da sieht man die soeben 
erreichten transparenten Photographieen eines menschlichen 
Oberkörpers, eines Armes, eines Beines in Lebensgrösse. 
Daneben steht ein Apparat zur Demonstration der berühm 
ten Kathodenstrahlen. Wie die Kohlensäure hat man jetzt 
noch Sauerstoff verdichtet auf Stab,'Waschen gezogen; man 
sieht daneben die Figur eines Tauebers, welcher aus einer 
solchen Flasche athmet. Unsere Apotheken sind gross ; man 
weiss, wie sie dem Patienten die bitterste Pille zu versässen 
wissen. Aber noch interessanter sind ihre Handapotheken vom 
Flaschenformat an. So hat eine Berliner Apotheke sogar für 
den Kaiser eine Satteltaschen-Apotheke hergestellt. Ton der 
selben stammt auch die Schiffsapothfke für 8. M. Aviso Ho- 
henzollern, in welcher selbst eine subcutane Injection nicht 
fehlt. Nicht minder interessant ist die Reise-Apotheke des 
Herzogs Johann Albrecht von Mecklenburg. In umfassender 
Weise baut dieselbe Apotheke Special-Apotheken für die Tro 
pen und unsere Kolonieen. Selbst für den jetzt viel genann 
ten belgischen Hauptmann Lothaire, den Henker des Eng 
länders Stokes, hat sie den Apotheken-Koffer für die Durch 
querung von Afrika geliefert, ebenso die Reise-Apotheke! 
für unsere Gesandschaft nach Marokko. Wir sehen die Re 
gierungs-Apotheke für Tanga, die für das Krankenhaus in 
Zanzibar, eine Apotheke für den Exkönig Behanzin von Da- 
homey, eine für Wind hock in Südwest-Afrika, für das La- 
zaretb, des deutschen Frauen-Vereins in den Kolonieen, eine 
Universal-Tropen-Apotheke u. drgl. m. So kennt Berlin be 
reits die. halbe Erde. Unsere Optik und Mechanik hat schon 
lange einen Weltruf. Sie leistet z. B. auf der Ausstellung 
einen Apparat zum automatischen Sortiren und Wägen von 
Infanterie-Geschossen. Eine Getreide-Wage in Taschenfor 
mat ist eine nicht minder geniale Leistung. Für die Astro 
nomen ist Berlin nicht minder thätig. Eine besonders inte 
ressante Arbeit ist ein Fernrohr mit Uhrwerk, welches dem 
Gange der Himmelskörper folgt. Wie der Astronom Nacht 
für Nacht den Sternhimmel kontrolirt, sehen wir an 
einer Reihe von photographischen Aufnahmen, von Partieen 
des Sternenhimmels. Die Hauptuhr der Leipziger Sternwarte 
giebt uns einen Begriff von der wunderbaren Feinheit einer 
Stemwarten-Ulir, welche Sonnen- und Sternzeit gleichzeitig 
anzeigt. Wenn Etwas das Zahnausziehen angenehm machen 
könnte, so wären es die etagenmässig aufgebauten Opera 
tionsstühle der Königlichen zahnärztlichen Klinik. Und 
auch das Vieh ist in dieser Abtheilung der Berliner Gewerbe- 
Ausstellung nicht vergessen. Ein Bandagist hat zierliche 
Gummi-Knöpfstiefel für Sckosshündchen ausgestellt, 
V 
Aus der Gartenbau-Ausstellung. In dem Drei 
eck zwischen dem Gebäude des ,,Lokal-Anzeiger”, dem 
Schmidt’sehen Blumen - Pavillon und dem Tücher*sehen 
Restaurant liegt eine Gruppe kleinerer Gartenanlagen, 
die viele reizvolle Einzelheiten an Topf- und Freilandpüanzen
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.