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Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

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Offtcielle Ausst<U«ng-» Nachrichten. 
Das glänzendste Turnier, das Berlin gesehen hat, dürfte das 
von: Kurfürsten Johann Georg im Jahre 1581 in der Stechbahn 
vor dem alten Schloß veranstaltete gewesen sein, und dieses Fest, 
das in einem sogenannten Ringelstechen bestand, soll der jetzigen 
Generation ad oculos demonstrirt werden. Das Theater Alt-Berlin 
will diesen Versuch wagen, für dessen Ausführung eher eine Circus- 
manege denn die Bühne als der geeignete Ort erscheint. Der 
Schwerpunkt des Ringelstechens liegt in den egnestriichen Leistungen, 
und aus diesem Gründe erscheint die Durchstihrnng des Turniers, 
das einen großen Aufwand von Pferden erfordert, für das Theater mit 
großen scenischen, abernicht unüberwindlichen Schwierigkeiten verknüpft. 
Das Ringelstechen im Jahre 1581 tvar ein patriotisches 
Volksfest. Kurfürst Johann Georg war von seiner dritten Gemahlin 
Elisabeth von Anhalt am 30. Januar 1681 ein Sohn geschenkt 
worden. Der Kurfürst hatte Gefallen an der Veranstaltung glänzender 
Hoffeste, allein im Gegensatz zu seinem prachtliebenden Vorfahren 
Joachim III. schloß er von diesen die Bürgerschaft ans. Anläßlich 
des freudigen Ereignisses, das Volk und Hof gleich bewegte, befahl 
Johann Georg die Veranstaltung eines großen, allgemeinen Festes, 
an dem Fürsten und Bürger theiluehmen sollten. Das beliebteste 
Turnierspiel damaliger Zeit war in Berlin das Ringelstechen, zu 
dem durch Kurfürstliche Boten, die gleichzeitig die Einladung zur 
Taufe überbrachten, die befreundeten Edlen aufgefordert wurden. 
Am Donnerstag vor dem Sonntag Oculi zog ein glänzender Troß 
von 100 Grafen, von Herren und Junkern, von reichbetreßten 
Dienern und simplen Knechten in Berlin ein. Unter den ein 
ziehenden Fürstlichkeiten, zu bereu Ehren die waffenfähige Bürger 
schaft von Berlin-Cölln in Waffenrüstung in den Straßen Äuf- 
stellung genomnien hatte, erregte das größte Interesse Kurfiirst August 
von Sachsen, in dessen prächtigem Troß sich allein 427 Pferde befanden. 
Ueber Zweck und Charakter des Ringelstechens wurde das Volk 
von Berlin durch folgenden Erlaß aufgeklärt: „Bei allen Völkern ist 
die Kunde erschollen, daß dem Kurbrandenburgischen Hause ein Prinz 
geboren sei und die Taufe durch besondere Festlichkeiten, durch Kurz 
weil und ritterliche Uebungen gefeiert werden solle, deshalb haben 
sich die drei Ritter Amadis, Esplanadian und Florissel den: lieben 
jungen Verwandten zu Ehren und Gefallen persönlich eingefunden, 
um ein freies Ringelstechen zu halten und sich in diesen: Spiele 
als Mantenatores gebrauchen zu lassen. Zn dem Ringelstechen soll 
jeder ehrliche Ritter zugelassen werden, wenn er in irgend einer 
Verkleidung in der Stechbahn erscheint; es werden Jedem drei Läufe 
gestattet, die er, ohne mit dem Pferde zu wechseln und ohne den 
Spieß anzustützen oder auf die Achsel zu legen, vollbringen niuß. 
Derjenige, welcher in den drei Rennen mit größter Geschicklichkeit 
und Zierlichkeit die meisten Ringe nach allen Regeln und Vor 
schriften stechen wird, ist Sieger und wird durch Ueberreichung des 
Turnierpreises ausgezeichnet/' 
Ein glänzendes Bild bot der Turnierzug, der auch im Theater 
Alt-Berlin zu einem theatralischen Massen-Effect benutzt werden wird. 
An der Spitze des Znges ritten zuerst die drei Mantenatoren, 
dann folgten die eigentlichen Tnrnierritter, nämlich Markgraf Joachim 
Friedrich, der nachmalige Kurfürst, als Ritter Amadis, Fürst Joachim 
Ernst von Anhalt als Ritter Esplanadian und Hofmarschall Kurt 
von Arnim als Ritter Florissel. Dem Aufzuge lag jede höfische 
Monotonie fern, er glich ungefähr in seiner Eintheilung und Aus 
arbeitung einem modernen Festzuge. Auf die Vertreter der Gegen 
wart folgte die Historie, verkörpert durch Scipio Africanus, 
Fabius Maximus und Cajus Pompejus; die drei römischen 
Helden, die vom Herzog Christian von Sachsen Altenbnrg, Graf 
Burkhard von Barbi und Nicolaus von Miltitz dargestellt wurden, 
trugen alterthümliche, mit vergoldeten Löwenköpfen verzierte Har 
nische. Auch ein humoristischer Theil, in dem Mönche und Nonnen, 
Schornsteinfeger und Marktweiber stolz zu Pferde ritten und sich 
bereits die ersten Anfänge des Berliner Volkshumors in drastischer 
Weise zeigten, belebten den Zug. An den derben Humor reihte 
sich die zarte Allegorie. Von zwei als indianische Tauben ver 
kleideten Zwergen wird der Venusberg hereingefahren, aus dessen 
Innerem liebliche Töne erschallen, auf dessen Spitze Cupido mit 
deui Bogen thront. Der Liebesengel beugt sich nieder und berührt 
mit seinen: Pfeil den Berg, aus dem weiße Tauben flattern. Der 
Klang einer Fanfare dringt schmetternd aus dem Innern des Berges, 
Fürsten, Edle und Volk harren in tiefstem Schweigen; Cupido, auf 
dem Gipfel des Berges stehend, wendet sich dem Kurfürstlichen 
Paare zu und hält eine poetische Ansprache, die, wie Streckfuß in 
seiner Geschichte von Berlin mittheilt, den folgenden Wortlaut hatte: 
„Zu Ehren den: Churfürstlichen Sinn: 
So da glücklich sein kommen an, 
Damit sie sich ergehen mögen. 
Durch Ritterspiel sich wohl bewegen, 
Zu Gottes Lobe, Preiß und Ehr, 
Der jetzt gesegnet hat noch mehr 
Das löblich Chur Hauff Brandenburg, 
Gantz wohl geziert, gemehrt dadurch, 
Mit einem jungen Herren zart, 
Den 20. Oktober geboren ward, 
Darum Churfürstliche Treve 
Erfreben wird jetzt wieder auff's nebe. 
Die Ritterlich Zusamnrenkunfft, 
Diß Ritterspiel zu ordnen an, 
Churfürst Johann Georg hat machen Iahn, 
Darumb auch hierzu diff Ritter gut 
Gelassen sei aus freyem Mut, 
Zu kämpfen, streiten gegen Jedermann, 
So mögen komnren auf den Plan, 
Sein Glück zu suchen ob mög erlangen. 
Die Krön der Ehren fiir ihn that hangen, 
Und Non den dreien Römern gut, 
Fortuna wirds erlauben wol, 
Bictori wer sie haben sol. 
Auch Judicianer geordnet eben 
Die Achtung solle hierbey geben, 
Darmit nur geschehe kein llnrecht. 
Der mag's ritterlich treiben Recht!" 
Nmintehr nahm das eigentliche Turnier seinen Anfang. Ge 
führt von den Mantenatoren, ritten die Theilnehmer in die mit 
verschiedenen Malereien und Inschriften geschniückte Bahn, deren 
allegorische Hauptverziernng ztvei Schlangen, zwei Tauben und ein 
von zivei Händen in Wolken, gehaltenes Herz als Symbole der 
Vorsichtigkeit, Liebe und Treue bildeten. Herzog Christian von 
Sachsen - Altenburg, Graf Burkhard von Barbi und Nicolaus von 
Miltitz ringen um den Preis, sie sind kampfbereit; die Mantenatoren, 
welche das An:t der Richter und Beobachter ausüben, verlassen ihr 
Zelt. Jeder der drei Mantenatoren folgt den: von ihn: zu be 
obachtenden Turnierkämpfer, der drei Mal die Bahn umkreist und 
die Ringe zu erlangen sucht. Die Mantenatoren zählen die Ringe, 
Herzog Christian ist Sieger geblieben, ihm wird unter de:» Jubel 
des Volkes der Preis zuerkannt, 
Gar so nüchtern und simpel muß es in dem alten Berlin doch 
nicht zugegangen sein, denn in dem ganzen Arrangemept, sowie in 
der Ausführung des Turniers zeigt sich eine gewisse Phantasie, 
offenbart sich eine Vorliebe fiir ritterlichen Glanz und fürstliche 
Pracht, und es scheint, daß diese Vorliebe nicht allein bei den 
Großen, sondern auch in: Volke Anklang gefunden hat. 
Alt-Berlin und das in seinen Mauern errichtete Theater wollen 
die allen Zeiten und Sitten wieder aufleben lassen, der moderne 
Geist, der Kunst und Technik des niodernen Berlins durchweht, soll 
das, ivas war, neu und lebendig gestalten. Das Theater Alt- 
Berlin hat seinem Ringelstechen ein theatralisches Gewand gegeben. 
Genrebilder, ivelche das damalige Volkstreiben illustriren sollen und 
natürlich eine hochpatriotische Tendenz haben, sind dazu bestimmt, 
einem der glänzendsten Schauspiele, die das alte Berlin gesehen 
hat, ein Bühnenrelief verleihen. Der Gegensatz zwischen der Ver 
gangenheit und Gegenwart, zwischen Alt-Berlin und Neu-Berlin 
dürfte vielleicht durch keine Veranstaltung treffender und reicher 
charakterisirt werden als durch das Ringelstechen. Hier ein Turnier, 
das Kraft, Pracht und Sitte dahingeschwundener Zeiten zeigt, dort 
ein Turnier, das die Stärke, den Glanz und die Gebräuche unserer 
Tage offenbaren wird. 
V 
Mitten im schönen Land Tirol, umstarrt von himmelragenden 
Bergspitzen und blau schimmernden Gletschern, steht ein kleines 
Haus, wetterfest, behaglich eingerichtet für den Empfang strapazen- 
müder Touristen. Der Name dieses vom deutschen und öster 
reichischen Alpenverein erbauten Schutzhanses ruft den Bewohnern 
und den Freindcn dauernd den Namen unserer Reichshanptstadt 
in Erinnerung und gemahnt daran, wie der nnternchmendc Geist 
des Völkchens, das hier in der Mark wohnt, »ach Norden und 
Süden vordringt, dem Meer wie dem Gebirge die Signatur seiner
	        
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