Path:
Periodical volume Nr. 117, 12. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

8 
Officielle Aussteilungs - Nachrichten. 
Physikalische Schulapparate in den Gruppen 
XVIII und XIX. 
[Abdruck untersagt.] 
Dem oberflächlichen Bummler auf der diesjährigen Ber 
liner Gewerbe-Ausstellung wird vielleicht mit Hecht auf 
fallen, dass in verschiedenen Gruppen scheinbar dieselben 
Gegenstände ausgestellt sind. Er wird vielleicht mit Nasen- 
rümpfen bemerken, dass die Zutheilung derselben Gegen 
stände in verschiedenen Gruppen offenbar den Zweck habe, 
die Ausstellung grösser erscheinen zu lassen, als dies that 
sächlich der Fall ist. Und doch kann ein solches Urtheil 
nur von einem oberflächlichen Beschauer abgegeben werden, 
denn in den meisten Fällen wird der aufmerksame Besucher 
und insbesondere derjenige, welcher einen gewissen Zweig 
3er Ausstellung seinem Specialstudium unterwirft, sehr bald 
darauf kommen, dass scheinbar dieselben in verschiedenen 
ünippen vertretenen Gegenstände je nach ihrer Bestimmung 
:ine ganz verschiedene Technik und Anordnung zeigen. Be 
sonders oft hörte ich die Meinung aussprechen, ganze Unter- 
abtheilungen der Gruppen XVIII (Gesundheitspflege und 
W ohlf ahr ns ein rieh tu ngen) und XIX (Unterricht, und Er 
ziehung) seien ganz entbehrlich, da man ja genau dasselbe in 
der im Chemiegebäude untergebrachten Collectivausstellung 
der Deutschen Gesellschaft für Mechanik und Optik sehen 
kann. Es wäre jedoch ein arger Irrthum, diese Meinung für 
richtig gelten zu lassen; denn die obenerwähnte Collectiv 
ausstellung soll diejenigen Fortschritte zeigen, welche die 
Deutsche Präcisionsmechanik seit der letzten Berliner Ge 
werbe-Ausstellung 1879 gemacht hat, sie soll diejenigen An 
regungen verwirklichen, welche ihr seit Gründung der physi 
kalisch technischen Reichsanstalt in Charlottenburg von 
dieser in. so reichemMaasse zugeströmt sind; sie soll beweisen, 
dass sie die scharfsinnigsten Intentionen des Gelehrten in 
die Sprache der Drehbank und des Winkels zu übersetzen, 
dass sie die giösstmögliche Präcision mit Eleganz und 
Leichtigkeit der Ausführung in Einklang zu bringen ver 
steht. Das Präcisionsinstrument wird in der Hand desje 
nigen, der nicht bis in die kleinsten Details die Conslruciion 
kennt, der nicht von vornherein weiss, mit welchem Fehler 
er zu rechnen hat, der nicht jeder Laune seines Apparates 
— denn je präciser ein Instrument gebaut ist, desto mehr 
Launen hat es — gerecht zu werden versteht, zum 
werthlosen und kostspieligen Spielzeug. 
Ein anderes ist es mit den zum Unterricht bestimmten 
Instrumenten; diese sollen weniger ein Abbild wissenschaft 
licher Gedanken des Erfinders sein, als vielmehr die Inten 
tionen desjenigen verwirklichen, was eben gezeigt werden 
soll, d. h. sie soffen in möglichst einfacher übersichtlicher 
Weise denjenigen Ablauf der Erscheinungen zeigen, welchen 
wir Experiment zu nennen pflegen. Das Präcisionsinstru- 
mont soll auf die Bahn neuer Forschungen führen, das De 
monstrationsinstrument alte, von der Wissenschaft gefestigte 
Wahrheiten dem Lernenden vor Augen führen. Und in die 
sem l) nterschied liegt auch zugleich der Unterschied zwischen 
beiden Arten von Instrumenten und wie jedes „gemacht 
wird“. Sind nun die Zwecke, denen die beiden Species von 
Apparaten dienen, so grundverschieden, so wird es auch un 
gerecht, ja geradezu undenkbar sein, bei der Beurtheilung 
beider denselben Maassstab anzulegen; was mir den einen 
Apparat höchst schätzenswerth erscheinen lässt, wird mir 
beim andern sehr unwillkommen sein, die Vorzüge der einen 
Art verwandeln sieb bei der anderen in Fehler. So werde ich 
beispielsweise von einem Präeisionsinstrument möglichste 
Stabilität, von einem Schulapparat leichte Transportabilität 
verlangen; soff ein Apparat unserer Art so gebaut sein, dass 
sine Demontirung nur in Ausnahmefällen stattzufinden 
braucht, so wird der zum Schulgebraucb bestimmte Apparat 
möglichst leich,t demontabel sein müssen, damit die Lernen 
den seine innere Beschaffenheit kennen lernen: wird es beim 
Präcisionsinstrument durchaus kein Fehler sein, wenn die in 
ihm ablaufenden Vorgänge so fein sind, dass man sie unter 
Umständen nur mit Hilfe einer Lupe oder eines Mikroskopes 
beobachten kann, insofern nur die Fehlerquelle dadurch ver 
ringert wird, so wird man beim Schulapparat darauf sehen 
müssen, dass die am Instrument auftretenden Veränderungen 
möglichst augenfälliger Natur seien, dass sie mehreren, wenn 
nicht allen Lernenden die Möglichkeit bieten, zu gleicher 
Zeit zu beobachten. Man wird daher bei einem Demonstra 
tio,nsapparat von vornherein auf Präcision verzichten, ja dem 
selben nicht unbedeutende Fehlerquellen gerne nachsehen, 
wenn er nur das, was gezeigt werden soll, in recht klarer, 
deutlicher, möglichst einfacher und vom Standpunkt des 
Lernenden einwandfreier Weise zeigt. 
Es ist ein für jeden Lehrenden offenes Geheimniss, dass 
ein Demonstrationsexperiment einfach gelingen muss, weil 
nichts den Glauben des Lernenden so sehr erschüttert, als ein 
nicht gelungener Versuch. Ich kannte einen alten Professor 
der Physiologie, welcher mir in einer schwachen Stunde ein 
gestand, dass, wenn sein Versuchsfrosch nach stattgehabter 
Berührung der Elektroden sich manchmal beharrlich weigerte, 
zu zucken, er ihn ganz heimlich,, ungesehen von den Studen 
ten, kräftig in das Hinterbein zwickte, worauf das Experiment 
sofort gelang. Er nannte dies nach berühmtem Vorbild: 
„corriger la grenouille“ und begründete diesen Unterschleif 
damit, dass er ja wisse, dass der Frosch zucken müsse, also 
käme es darauf an, dass die Studenten es sähen. „Das 
Zwicken in das Hinterbein“, setzte der metaphysisch ange 
hauchte Physiologe hinzu, „ist zwar keine „Causa efficiens“, 
aber eine „Causa sufficiens“ für das Zucken.“ Nun soweit 
wollen wir denn doch die „Licentia meehanica“ nicht treiben, 
aber von sonstigen oben entwickelten Gesichtspunkten aus 
gehend, muss man rückhaltlos zugestehen, dass die Berliner 
Mechaniker auf dem Gebiete der Fabrikation von Schulappa 
raten sehr Beaehtens werthes geleistet haben, wenn sie auch noch! 
nicht die Stufe erreicht haben, welche die englischen Mechani 
ker erklommen haben. Den Grund hierfür einzusehen, fällt 
dem Kenner der Verhältnisse nicht schwer. Wie auf allen 
Gebieten, so spielt auch bei den englischen Mechanikern das 
Princip der Arbeitstheilung eine sehr grosse Rolle; es giebt 
in England riesige mechanische Werkstätten, welche sich, bei 
spielsweise ausschliesslich mit der Herstellung vonlnductions- 
apparaten beschäftigen, andere stellen wiederum nur Queck 
silberluftpumpen her, und seitdem die Röntgen’sche Ent 
deckung blitzartig vom ganzen Erdball Besitz ergriff und 
täglich neue Verbesserungen und Vervollkommnungen daran 
gemacht werden, ist in der Nähe von London eine Fabrik ge 
gründet worden, welche es sieh zur alleinigen Aufgabe setzte, 
Hittorfsche Röhren zu blasen und dieselben zu evaeuiren. 
Das bei einem solchen Stande der Production die von ih,v auf 
den Markt geworfenen Waaren das Vollkommenste bieten, 
was der Abnehmer verlangen kann, bedarf nicht erst einer 
besonderen Begründung und Erhärtung. So finden wir auch 
auf der britischen Halbinsel Fabriken, welche 800 und mehr 
Arbeiter beschäftigen und sich ausschliesslich mit der Her 
stellung von physikalischen Schulapparaten befassen, während 
andere kleinere Werkstätten hinwiederum nur auf Bestellung 
arbeiten und Präcisionsinstrumente von einer Ausführung 
und allerdings auch einer Höhe des Preises liefern, wie man 
sie hier bei uns kaum kennt. Anders verhält es sich in 
Deutschland, wo die Arbeitstheilung noch lange nicht so vor 
geschritten ist. Der Präcisionsmechaniker macht hei uns so 
ziemlich alles. Er liefert im Bedarfsfälle eine Hand-Dynamo 
gerade so gut wie eine optische Bank, das Modell einerDampf- 
mascliine und ein meteorologisches Registririnstrument. Es 
ist selbstverständlich, dass je intelligenter der Mechaniker ist, 
er seine Aufmerksamkeit um so mehr den Präcisionsinstru 
menten zuwenden und die viel einfacheren Schulapparate nur 
aus leidlichem Geschäftsinteresse herstellen wird. Daher 
kommt es auch, dass nur zwei Firmen in. Gruppe XVIII 
(Wohlfahrtseinrichtungen) und nur vier Firmen in Gruppe 
XIX (Unterricht und Erziehung) physikalische Schulappa 
rate ausgestellt haben. Von diesen Vieren sind eigentlich
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.