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Volume Nr. 11, 11. April 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Glficielle AnssteUtmgs Nachrichten. 
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Eindruck. Es soll den Gesellschaften das Lob nicht vorenthalten 
werden, daß sie ihr Möglichstes bisher gethan haben, die Transport 
mittel für den Wasserweg angemessen für die Ausstellung her 
zurichten. Da die Unternehmer dieses Betriebes nicht immer auf 
Rosen gebettet füit, ; st ihnen wahrlich die goldene Ernte zu 
gönnen, welche sie von der Ausstellung erwarten. Aber anderer 
seits darf die Sicherheit des Verkehrs nicht unter dem Bestreben 
leiden, die Dampfer mit möglichster Ausnutzung der Zeit in allzu 
schneller Folge auf einander zu expediren. Es könnten sonst 
Zusammenstöße und gegenseitiges Anfahren an der Tagesordnung 
sein. Die Behörde ist denn auch bemüht, einen Fahrplan auf 
zustellen, durch welchen die Interessen der Unternehmer und des 
Publikums gleichmäßig gewahrt werden. Wenn während des 
Hanptverkehrs alle fünf Minuten etwa ein Dampfer die An 
legestelle verläßt, so wäre dies die äußerste Zeitgrenze, in welcher 
die Schiffe nach Ansicht Sachverständiger ohne Gefahr ans ein 
ander folgen sollten. 
Das in der Stadt verengte Strombett und die vielen 
Brückendurchlässe machen besondere Vorsichtsmaßregeln noth 
wendig. Es soll daher in die Hand eines jeden Schiffsführers 
eine Skizze gelegt werden, durch welche die für die Durchfahrt 
erlaubten und verbotenen Brückenbogen scharf gekennzeichnet 
werden. Diese Vorsichtsniaßrcgel erscheint sehr angebracht, weil 
die ansehnliche Vermehrung des Schiffsparks in diesem Jahre 
Schiffsführer nach Berlin berufen hat, die nicht immer auf der 
Oberspree und besonders auf Berliner Gebiet befahren sind. 
Die meiste Sorge und das meiste Kopfzerbrechen macht den 
Capitainen die Oberbaumbrücke. Dieses neuerbaute monumentale 
Werk soll an denselben Leiden laboriren wie die Mühlendamm- 
brücke: sic soll nämlich zu niedrig sein. Klagen, die bereits im 
Vorjahre dieserhalb erhoben wurden, sind ' mit der Erklärung ab 
gewiesen worden, daß die Dampfer, welche nicht schlank hindnrch- 
kommen, von veralteter Bauart wären. Da aber dieselben Fahr 
zeuge auch in diesem Jahre in Thätigkeit sind, so wird das alte 
Lied der Klage auch diesmal wieder erklingen. Auf der Ober 
baumbrücke wird ein optischer Telegraph aufgestellt werden. 
Derselbe erhält die Einrichtung der bei den Geleisverlegungen in 
den Straßen Berlins üblichen Apparate und wird von einem 
Beamten bedient, welcher signalisirt, ob die Durchfahrt frei oder- 
verboten ist. 
Der Revision der in Dienst gestellten Fahrzeuge und vvr 
Allem der Kesselrevision wird in diesem wie in jedem anderen 
Jahre die gesetzlich vorgeschriebene Sorgfalt gewidinet werden. 
Da die Dampfer zumeist außerhalb Berlins im Winterhafen 
liegen, so erfolgt die eigentliche Besichtigung daselbst. Die hiesige 
Behörde kommt daher nur als Ortspolizei in Betracht, welche ans 
Grund des Gutachtens einer nautischen Autorität und des Kessel- 
revisors die Erlaubniß ertheilt, den Dampfer zu Passagierfahrten von 
Berlin aus zu benutzen. Die Anlegestellen und die Dampfer 
steige werden auf ihre Leistungsfähigkeit eingehend geprüft; bei 
dem großen Andränge des Publikums, der in dieser Saison zu 
erwarten steht, wird die eingehende Prüfung ihrer Leistungsfähigkeit 
mit großer Strenge gehandhabt. 
Die Schiffsführer, welche ans der Spree ein Dampfschiff 
cvminandiren, müssen ihre Befähigung auf Grund eines vor einer 
Staatsbehörde abgelegten Examens nachweisen, wonach ihnen der 
polizeiliche Fahrschein ausgehändigt wird. Die Spreecapitaine 
haben namentlich an Sonntagen viel unter der Unbotmäßigkeit des 
Publikums zu leiden, welches oft ihren Anordnungen zuwider 
handelt und sich unangenehm und radaulustig benimmt. Es mag 
sein, daß diese Capitainc, die sich zumeist aus beit Küstengebieten 
an der Ostsee rekrutire», nicht immer den richtigen Ton mit den 
Berlinern anzuschlagen wissen, um ihre Autorität aufrecht zu er 
halten. Andererseits ist eine Stärkung derselben nothwendig, wenn 
nicht die Ordnung und Sicherheit auf dem Schiffe gefährdet 
werden soll. Durch polizeiliche Verfügungen lassen sich diese 
Dinge nicht regeln, denn es kann nicht daran gedacht werden, 
den Schiffsführern privater Gesellschaften die Qualität von Be 
amten zuzubilligen. Sie sind aber Herren auf ihrem Schiffe, d. h. 
in ihrem eigenen Hause, und können radaulustige Elemente eben 
sowohl an die Luft bezw. an das Land ohne Weiteres spediren, 
wie etwa der Wirth es mit einem unliebsamen Kunden zu halten 
pflegt. Der Besitz des Passagierbillets schützt nicht vor der so 
fortigen Exmission bei etwaigen Ausschreitungen, unabhängig von 
den mit Erfolg gegen die Ruhestörer anhängig zu machenden 
Strafverfahren. Es wird in diesem Jahre, des Ansturms auf die 
Schiffe wegen, ganz besonders nothwendig werden, di"-ch öffent 
lichen Anschlag auf diese Bestimmungen hinzuweisen. Auch den 
Ichiffsführcrn wird seitens der Schifffahrtspolizei die besondere 
Verantwortlichkeit, die ihnen im Ausstellungsjahre obliegt, ein 
dringlich durch eine besondere Instruction zu Gemüthe geführt 
werden. Etwaige grobe Verstöße gegen die Fahrordnung sollen 
nicht mit Geldstrafen, welche schließlich verschmerzt werden, ge 
ahndet, sondern cs soll die Einziehung des Fahrscheins verfügt 
werden. In diesem Siinic sollen die Schiffsführer zur größten An 
spornung ihrer Aufmerksamkeit angehalten werden. 
Einen wesentlichen Vorschub würde der Sicherheit des Schiff 
fahrtsdienstes innerhalb des Berliner Stromgebietes durch die vom 
Magistrat in Aussicht gestellte elektrische Beleuchtung der 
Oberspree geleistet werden. Es ist daran gedacht, diese Ein 
richtung als eine dauernde zu erhalten, und nur der Geldpunkt 
kommt für die Lösung des ebenso wichtigen wie interessanten 
Problems noch in Frage. Berlin hat keine hell erleuchteten Quais, 
sondern dunkle Uferstraßen, deren Erleuchtung auf weite Strecken 
mittelst des milden elektrischen Lichts die Gefahren der Schifffahrt 
bei dunkler Nacht wesentlich herabmindern würde. Die Magistrats 
commission, welcher die Berathung dieser Angelegenheit obliegt, ist 
augenblicklich noch in enger Verbindung mit den in Betracht 
kommenden übrigen Behörden. Hoffentlich kommt bis zur Er 
öffnung der Ausstellung etwas Ersprießliches zu Stande. 
M C. 
Das Ringel stechen. 
Von Alfred Holzbock. 
^Abdruck untersagt.] 
In unserer modernen Zeit dienen Kraft und Geschicklichkeit 
dem Sport. Der beste Radfahrer, der kräftigste Ruderer, der wag 
halsigste Reiter, der geschickteste Schwimmer, der eleganteste Lawu- 
tennis Spieler und der schnellste Läufer, von denen jeder natür 
lich Mitglied einer Sportvereinigung sein muß, werden heutzu 
tage mit bcm Kranze des Siegers geschmückt. Ehedem wagte 
man Hals und Bein, mit einen verheißungsvollen Blick ans 
den Augen seiner Dante zu erringen oder um als Muster 
und Meister edler, ritterlicher Kraft sich zu erproben, heute reitet, 
radfahrt, schtvimmt und segelt man, um seine Liebe für einen 
niehr oder minder wünschenswerthen Sport zu zeigen, um einen 
hohen Geldpreis zu erringen, uni eine Wette zu gewinnen oder, 
und das ist das Höchste, uni den Ehrentitel tbo ollamxion vk 
the world zu erringen. Ehedem gab es glänzende Turniere, 
ati denen Ritter, Edle und Fürsten theilnahmen, heute giebt 
es Wettrennen und Sportfeste, bei denen der Bürgerliche ebenso 
gut wie der Adlige seine Kraft erproben kann. Man niag 
die Ausdehnung unseres heutigen Sports billigen oder ver- 
urtheilen, man niag die Behauptung aufstellen, daß mit deut 
Sport, dessen Grundlage eine gesund natürliche ist, heutzutage 
ein manchmal unvernünftiger Sport getrieben wird, eines steht 
doch fest: In unserer etwas nervengelockerten Zeit, in der an Geist 
und Genußsucht die höchsten Ansprüche gestellt werden, ist ein 
gewisses Forciren der Kräfte und der Geschicklichkeit des Körpers 
geradezu als eine Nothwendigkeit zu betrachten. Wie jetzt betn 
Sport gehuldigt wird, wie er vor länger als 800 Jahren auf 
gefaßt tvurde, luirb unsere Ausstellung lehren, in der Vergangenheit 
und Gegenwart sich die Hand reichen, in der das große, mächtige, 
moderne Berlin und das kleine, langsani aufstrebende Alt-Berlin 
ihre Verkörperung finden. 
Durch Wettrennen und Sportfeste wird die praktische Gegen 
wart, durch ein Ringelstechen die selbst in deni nüchternen Berlin 
eines romantischen Anstriches nicht entbehrende Vergangenheit 
warakteriürt werden.
	        
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