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Periodical volume Nr. 116, 11. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstelfunqs - Nachrichten. y 
goldet, während der übrige Theil des Gehäuses die Naturfarbe 
des Eisens zeigt, welches nur zum Schutze gegen Oxydation 
mit einem farblosen Firniss überzogen ist. Durch den sehr 
geschickt gewählten Hintergrund aus dunklem, blaugrünem 
Sammet wirkt diese originelle Uhr, die ein Meisterwerk der 
Schmiedekunst genannt werden kann und deren Werth meh 
rere tausend Mark beträgt, besonders stimmungsvoll. Das 
Uhrwerk ist von Conrad Felsing geliefert. 
Zum Schlüsse sei noch einer Uhr gedacht, die zwar nicht 
als Industrie-Erzeugniss in Gruppe XI oder IV, sondern als 
Schauobject im Vergnügungspark ihren Platz gefunden hat, 
dafür aber vielleicht von der grossen Menge umsomehr auf 
gesucht wird und das ihr entgegengebrachte Interesse wohl 
verdient: das unter dem Namen „Zwölf-Apostel-Uhr” be 
kannte Kunstwerk. Es ist dies eine in Nürnberg von dem 
Hofuhrmacher Gustav Speckhart verfertigte, mit beweglichen 
Figuren ausgestattete Kirchenuhr von altarähnlichem Auf 
bau, der reiche gothische Schnitzarbeit von vorzüglicher 
Ausführung zeigt. Die Maassleisten und durchbrochenen 
Spitzbögen erheben sich bis zu einer Höhe von über 3 m und 
werden durch reichen figürlichen Schmuck (Apostel, Engel 
gestalten etc.) noch mehr hervorgehoben. Der gegen 2-| m 
breite Unterbau ist mit poetischen Inschriften geschmückt, 
die auf das durch die beweglichen Figuren zur Darstellung 
gebrachte Oberammergauer Passionsspiel Bezug haben. Im 
Mittelbau befinden sich zwei Felder, deren Füllungen meister 
haft in Flachrelief geschnitzte Ansichten von Jerusalem ent 
halten. Die gesammte Schnitzarbeit ist vom Bildhauer Blab 
ausgeführt. Die in einer Art Nische erscheinenden Figuren 
zeichnen sich gegenüber den sonst üblichen Automaten durch 
weit natürlichere Bewegungen aus; acht einzelne Gruppen 
ziehen vor den Zuschauern selbstthätig vorbei, sobald der Me 
chanismus von dem Erklärer ausgelöst ist. Ein mit der Uhr ver 
bundenes Orgelwerk spielt dazu passende getragene Melo- 
dieen. Stimmungsvolle Decoration und Beleuchtung des 
Baumes erhöhen den 6 esammt-Eindruck. Diese Uhr, 
deren zahlreiche Mechanismen durch vierzehn ein 
zelne, jedoch miteinander in Verbindung stehende 
Werke getrieben werden, wurde seiner Zeit für die Weltaus 
stellung- in Chicago angefertigt und in Anbetracht ihres her 
vorragenden künstlerischen Werthes von der Deutschen 
Beichs-Begierung mit mehreren tausend Mark subventionirt, 
was allerdings die sehr bedeutenden Transport- und Auf- 
stellungskoSten nicht deckte. Doch erzielte sie daselbst einen be 
deutenden Erfolg, indem ihr nicht weniger als sechs Preise 
zugesprochen wurden. Der starke Besuch- der Uhr, haupt 
sächlich auch aus den besseren Kreisen des Ausstellungs 
publikums, beweist, dass sie auch hier viel Interesse erregt 
und erheblich über dem Niveau sonstiger „Schaustellungen” 
steht. 
Ziehen wir in Betracht, dass aus den in unserer ersten 
Besprechung (No. 102 dieses Bl.) dargelegten Gründen in 
Berlin eine eigentliche Uhrenfabrikation nicht besteht und 
dass der Uhrmacher von heutzutage — nicht, wie die meisten 
Laien irrthümlich meinen, keine Uhren mehr machen kann, 
aber — sich mit der Anfertigung von Uhren deshalb nicht 
befasst, weil er mit der fabrikinässigen Herstellung derselben 
im Preise nicht concurriren kann, so können wir sagen, dass 
die Uhren auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung, trotzdem 
einige hervorragende Uhrenverfertiger Berlins sich nicht 
dabei betheiligten, alles in allein recht gut vertreten sind; 
wenn sie gleichwohl ziemlich verschwinden, so liegt das mehr 
an der überreichen Fülle des dort Gebotenen. 
Willi» Schultz. 
Die Musik der Blinden. 
[Abdruck untersagt.] 
Es ist bekannt, dass den Blinden als Ersatz für das ver 
lorene Augenlicht die wunderweise Natur die anderen noch 
übrig gebliebenen Sinne in ausserordentlicher Weise gekräf 
tigt hat. So sind nameiitlich der Tast- und Gehörsinn meist 
ganz hervorragend ausgebildet, wozu noch sehr scharf s Ge- 
dächtniss und gesteigerte Intelligenz das ihrige beitragen. 
Diese Umstände haben im letzten Drittel des vorigen Jahr 
hunderts Veranlassung gegeben, den des Augenlichts Be 
raubten eine der schönsten Künste zugänglich zu machen, 
die Musik. Der erste, der in dieser Beziehung bahnbrechend 
wirkte, war der Franzose Valentin Hauy (1746—1822), der 
1784 den ersten Versuch machte, nach Analogie der von 
Abbe de l’Epee gegründeten Taubstummenanstalt, eine solche 
für Blinde einzurichten. Alsbald beschäftigte er, von der 
Philanthropischen Gesellschaft zu Paris unterstützt, seine an 
fänglich nur wenigen Zöglinge neben den für das Leben Wis 
sens werthen Kealien auch mit Musik, indem er von der rich 
tigen Erkenntniss ausging, dass diese himmlische Kunst den 
Blinden ein Trost und Segen in ihrem Unglück sein werde. 
Und dies ist sie auch in höchstem Maasse; wir selbst hatten 
Gelegenheit, verschiedene blinde Musiker über diese Frage 
zu interpelliren, und sie antworteten einstimmig, dass die 
Musik ihnen als ein Gnadengeschenk des Himmels erscheine, 
als etwas von Gott gesandtes. Auch dem Sehenden hilft sie 
über manch’ trübe Stunde hinweg, um wie viel mehr muss 
sie da noch demjenigen, der von Geburt an oder durch einen 
unglückseligen Zufall oder eine böse Krankheit den Haupt 
sinn verlor, eine göttliche Tröstung sein. Dies bleibt auch 
dann der Hauptzweck der Musik, wenn der Blinde leider 
darauf angewiesen ist, mit ihrer Hilfe sich sein tägliches 
Brod zu verdienen. Dieser rein prosaische Zweck wird in 
Wirklichkeit in den Hintergrund gedrängt; die Musik des 
Blinden ist die verkörperte Poesie. 
Da nun aber, wie wir eben sagten, gerade die Blinden 
über eine höchst ausgebildete Schärfe des Tast- und Gehör 
sinnes verfügen, so ist es auch ohne weiteres klar, dass sie zur 
Musik förmlich prädestinirt sind; das äusserst subtile Ge 
hör giebt ihnen die beste Gewähr, in die Geheimnisse der 
Musik so tief wie möglich einzudringen. Wir haben häufig 
constatirt, dass es einem musikbegabten Blinden schier eine 
Unmöglichkeit war, einen auf dem Flavier angeschlagenen 
Ton oder gar ganze Accorde nicht richtig und genau anzu 
geben oder zu entziffern. Dazu kommt ferner ein nicht 
zu unterschätzendes Agens. Das Gefühlsleben der Blinden 
ist zumeist so ausserordentlich entwickelt, dass mancher Se 
hende stolz darauf sein könnte, wenn ihm ein gütiges Ge 
schick die Gabe, tief und innig zu empfinden, verliehen hätte. 
Die Musik ist nun aber einmal die Sprache des Herzens, der 
heiligen Empfindung. Der Verstand kommt hierbei erst in 
zweiter Linie in Betracht und unterstützt dann nur das Ge 
fühlsleben. Blinde, die über die genannten Kequisiten ver 
fügen — und deren giebt es nicht wenige — werden stets 
wahrhaftige „Musiker” sein; sie werden den inneren Gehalt 
einer Beethoven’sehen Sonate den Zuhörern weit besser er- 
schliessen, als mancher Sehende, da sie ein Stück von sich 
selbst geben. Wir haben dies im Laufe von fast zwei De- 
cennien vielfach bestätigt gefunden» 
Wenn nun aber die Blinden solche Lieblinge der Frau 
Musika sind, so mussten auch Wege gefunden werden, sie mit 
derselben innig zu vereinen. Dies war anfangs sehr schwie 
rig. Man musste sich damit begnügen, sie das, was ihnen zu 
Gehör gebracht wurde, soweit es ihnen möglich war, auf der 
Orgel oder dem Flavier oder auf der Geige nachspielen zu 
lassen. Diese Methode ist auch noch heute vielfach in Ge 
brauch. Vor etwa zehn Jahren waren wir in der Lage, 
auf solche Weise einem schon älteren Blinden eine B ei he 
Beethoven’sehen Sonaten einzuprägen. Der Gang dieses für 
uns sehr lehrreichen Fursus war folgender. Man spielte zu 
nächst einen kleinen Abschnitt möglichst langsam und sehr 
präcis etwa drei bis vier mal dem Blinden vor, wobei compli- 
eirtere Stellen abwechselnd von der linken und rechten Hand 
allein ausgeführt wurden. Danach wurde dieselbe Stelle 
schneller und dann einmal im wirklichen Zeitmaasse vorge 
tragen ; dies genügte fast immer; denn der Blinde war nun* 
meh,r iüi Stande, die in Frage stehende Stelle meist tadellos, 
abgesehen von kleinen Ungenauigkeiten, nachzuspielen- Auf;
	        
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