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Volume Nr. 11, 11. April 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Gffirrelle Ausstelltmgs-Uachrichtett. 
und Evolutionen eines der interessantesten Schauspiele der Aus 
stellung sein, so werden wir doch zu ernstem Nachdenken über das 
Gesehene und zu ruhiger Sammlung den Platz am neuen See 
aufsuchen; er wird der Ausgangspunkt und der Endpunkt für den 
Besucher sein. Karsten sen. 
„Sie sind da!" 
Eine Skizze aus Kairo von Dr, Ludwig Abels. 
Abdruck untersagt.] 
In den Straßen von Treptow und Umgebung herrschte am 
letzten Mittwoch große Aufregung. „Sie sind da!" riefen sich die 
Straßenjungen zu und galoppirten von allen Seiten nach jenem 
Theil der Coepenicker Landstraße, wo die Ausstellung Kairo sich 
erhebt: dort drängte sich eine dichte Menge, um durch Ritzen der 
Bretterplanke, durch den Thürspalt einen Einblick in die egyptischen 
Geheimnisse zu erhalten. Drinnen in Kairo standen in Gruppen 
die Ankömmlinge, denen der Ruf galt, schwatzten, rauchten, be 
gafften die kunstreichen Bauten. 
Ein Theil der großen Araber-Karawane, etwa 60 Mann, 
ist am Dienstag Nachmittag von Hamburg hier eingetroffen. Es 
sind großentheils Professionisten, Silberarbeiter, Cigarettenverfertiger, 
Znckerverkänfer, Kaffeeköche je. 
Wir treten zu einer Gruppe; die Bekanntschaft ist bald gemacht. 
„Nehärak Said, Effendi“ rufen uns einige zu, den üblichen Gruß 
der Moslim gegenüber den Ungläubigen, zu deutsch: „Der Tag 
sei Dir hell, mein Herr!" (Das „Salem aleikum“ dürfen nur 
Bekenner des Propheten unter sich gebrauchen); ja einer von den 
braunen Knaben ruft uns keck ein „Morsen!" zu, das er in der 
kurzen Zeit von den Arbeitern erlauscht. Wir bieten den Leuten 
Cigaretten an; „beurum" — bitte — lautet ihre Antwort, linb sie 
stecken sich mit sichtlichem Wohlbehagen das Kraut an, das sie einst 
vielleicht selbst geschnitten und verarbeitet haben. Einer von den 
Arabern, der schon in Paris gewesen, spricht elegant französisch 
und ist so freundlich, den Dolmetsch abzugeben. So erfahren lvir, 
daß der eine ein Syrier ist, und eine Zeit lang als Koch bei dem 
deutschen Konsulat in Kairo gedient hat; mit Stolz zeigt er sein 
lobendes Dienst-Zeugniß. Ein anderer war in Kairo in einer 
Saccharie, Zuckerfabrik, beschäftigt. Ein dritter erzählt in gebrochenem 
Englisch, daß er in Skutari in einer Cigarettenfabrik gearbeitet Hai. 
Alle klagen über die Strapazen der Reise und über die Kälte der 
letzten Tage. 
Die meisten haben auch um ihren bunten Kaftan eine wollene 
Schlafdecke gezogen, tvas die Wildheit ihres Aussehens noch ver 
mehrt. — Unter dem losen Kaftan erblickt man die weite» Bein 
kleider, die ausgeschnittenen Weiten, meist in Seide, roth, blau, 
gelb, auch gemustert oder mit Silberstickerei; auf dem Kopf 
tragen sie den hohen rothen Fez mit schwarzer Quaste oder 
den bunten, gewundenen Turban. — Ein kleiner, hübscher Junge 
kommt herangesprungen; seine Wange ist mit drei Querstreifen 
tätvlvirt, im rechten Ohr trägt er einen großen, silbernen Reif und 
in den Händen eine Art Harmonika. Er giebt uns eine Probe 
seiner musikalischen Kunst; und wie wir ihm lobend die Wange 
streicheln, schmiegt er sich vertrauensvoll an —, es ist ein gut 
herziger, intelligenter Menschenschlag. „Es mak min?“ (Wie heißt 
Du?) fragen tvir. „Meeimmmet Abdalladi“ antwortet er. Ein 
zweiter, ctivaS größerer Knabe theilt uns gleich mit: „Monsieur, 
je parle frantjais!“ Er behauptet, daß schon nach so kurzer Zeit 
es ihm in Europa sehr gut gefällt, er möä)te immer hier bleiben, 
wenn er eine Stellung findet. 
Indessen hat sich ein heftiger Wortwechsel erhoben. Der Trai 
teur ist hinzugetreten mit der Frage, warunr ein großer Theil der 
Fremden noch nicht zum Essen gekommen sei. — In einem Kauder 
welsch von allen möglichen Sprachen bestürmt man uns, dem 
Mann mitzutheilen, daß sie Mittags nichts essen wollen; sie 
sind getvöhnt, Morgens gegen 10 und Abends nach 5 ihre 
Mahlzeiten einzunehmen. Auch die Frage, tvas sie denn Abends 
essen wollten, ruft eine große Erregung hervor. „Keinen Reis —" 
rufen die Meisten, sie haben vom Reis schon genug; sie einigen 
sich endlich aus Maccaroni, aber mit viel, mit sehr viel Oel. — 
Einige Araber schließen sich uns bei dem Rnndgang durch 
Kairo an. In den Eingängen der Fellachen-Häuschen stehen dunkle 
Gestalten, andere kauern an dem Ufer des „Nil" ttnd lassen sich von der 
zeitweilig hervorbrechenden Sonne bescheinen; große Freude bezeigen 
meine Begleiter, wenn sie eine der Bauten wiedererkennen, die große 
Moschee Kalt Bey, einThor, einen Brunnen, Erker, eine Schule, die dem 
egyptischen Original getreu nachgebildet ist. Einzelne, die weiter 
gereist sind, ergehen sich in begeisterten Lobeserhebungen über die 
gesammte Ausstellung, die man nur in Paris oder Amerika so 
tviederfinden könne. — Erfreut von dem Lob, nehmen wir die an 
gebotene Prise von Palmblätter-Tabak an, die angenehm duftet, 
aber stundenlang fortwirkt; zum Abschied müssen wir auch vom 
„Mastik" kosten, dem süßen türkischen Schnaps, der wasserhell ist 
und erst bei der Verdünnung mit Wasser ein milchähnliches Aus 
sehen bekommt. Und begleitet von freundschaftlichen Zurufen, mit 
dem Versprechen baldiger Wiederkehr verlassen wir unsere neuen 
Freunde. — 
Die Strompolizei während der Ausstellung. 
Abdruck untersagt.] 
Es wird im Ausstellungsjahre etwas kritisch werden auf der 
Oberspree; darüber ist kein Zweifel. Das stattlichste Geschwader, 
welches die Dampfschifffahrts-Gesellschaften jemals bisher erscheinen 
lassen, ivird seine Flagge an der Jannowitzbrücke zeigen; auf der 
verhältnismäßig kurzen Strecke von der Jannowitzbrücke bis zur 
Ausstellung ivird den Schiffsführern eine schwere Aufgabe er 
wachsen. Sie werden sich nicht nur vor den Carambolagen unter 
einander fein hüten und ein sorgsames Auge aus die Brückendurch- 
lässe haben müssen, sondern ihre Pflicht und Schuldigkeit ist es 
auch, sich um die gewaltige Anzahl der kleinen Boote und Kähne 
zu kümmern, die Tag und Nacht aus dem Rücken der geduldigen 
Spree schwimmen, bedient von Leuten, die oft zum ersten Mal 
einen Riemen in der Hand haben. Hat schon im Vorjahr die 
Anzahl der UnglücksfäÜe durch das Kentern der Boote eine er 
hebliche Höhe erreicht, so ist mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit 
eine Steigerung in diesem Jahre zu erwarten. Denn es heißt 
die Natur der Berliner, die für das „bischen Wasserfahren" nun 
einmal eine Schwärmerei haben, schlecht kennen, wenn man glauben 
sollte, daß sich diese — nicht etwa mit dem sportskundigen P iblikum 
zu verwechselnden — Wagehälse, unsere „Jrregulairen von der Ober 
spree", in ihrem gefährlichen Vergnügen stören lassen würden. 
Die Schifffahrtspolizei steht diesem Treiben ziemlich machtlos 
gegenüber. Ihre Gewalt reicht nicht soweit, daß sie Jemanden, 
der sich partout in den Wellen eines Dampfers schaukeln und im 
kleinen Boote vor dem großen Fahrzeug kreuzen will, ans die 
Gefahr hin überrannt zu werden, an diesem Plaisir hindern kaun. 
Sie vermag dies ebensowenig wie sie etwa im Stande ist, jeden 
Selbstmörder von seiner Absicht zurückzuhalten. Im Kampf mit 
den Jrregulairen hat die Polizei daher einen schweren Stand. 
An der Beschaffenheit der Boote, welche von dem gewerbsmäßigen 
Verleihern gestellt werden, ist in der Regel keine Ausstellung zu 
machen. Die Beleuchtung der Boote mit Einbruch der Dunkelheit 
wird im Wege der Polizei-Verordnung in diesem Jahre wohl er 
zwungen werden; darüber hinaus aber ist die Behörde ziemlich 
machtlos. Wenn sie den Bootsverleihern noch an das Herz legt, 
nur solchen Leuten, die ein Boot wirklich führen können, das 
Fahrzeug anzuvertrauen, so äußert sie einen Wunsch, welcher jedem 
geschäftsklngeu Verleiher ohnehin schon längst Befehl in eigener 
Sache ist. Denn er vertraut eben nur denen ein Boot an, von 
denen er voraussetzt, daß sie es unbeschädigt zurückbringen werden. 
Die Jrregulairen von der Oberspree werden über die Autorität 
und alle Warnungen diesmal ebenso triumphiren wie in den Vor 
jahre»; sic würden sich ihr Vergnügen auch nicht stören lassen, 
wenn statt des einen Polizeidampfers eine ganze Armada aus 
der Oberspree erschiene. Die Schifffahrtspolizei wird daher ihre 
Thätigkeit in erster Linie der Organisation des Dampf- 
schiffiahrtverkehrs, ihrem Fahrplan zuwenden müssen. 
Je besser und einheitlicher dieser aufgestellt ist, desto größer ist 
die Wahrscheinlichkeit, Unglücksfülle ans dem Strombett zu bc- 
grenzeu. Nun haben alle Dampfschifffahrts-Gesellschaften in diesem 
Jahr ganz ungewöhnliche Aufwendungen gemacht. Sie haben 
zahlreiche Dampfer neu erbaut, elektrische, schnell fahrende Boote 
eingerichtet und den alten Dampfcrbestand zierlich und fein heraus 
putzen lassen. Die Dampfer, welche in den letzten Tagen auf der 
Spree zu sehen waren, machten durchweg einen höchst stattlichen
	        
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