Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Gfficrelle AnssteUnngs-Aachrichtett. 11
in die Lage gekommen sein, einen kräftigen Fluch zu unterdrücken,
wenn der Wind einen Hauch Gasanstaltsatmosphäre Ihrer Nase
zugeführt hat. Aber es war nicht der Gasgeruch, sondern ein
viel unangenehmerer. -Ich will es Ihnen erklären, das Rohgas,
wie es aus der schwelenden Kohle entweicht, ist ein brauner, höchst
übelriechender Dampf, aus dem sich beim Abkühlen der Theer ab
setzt; beim Waschen wird ihm Ammoniak entzogen (Salmiakgeist
der Apotheke, doch roh sehr unangenehm riechend), und durch
Eisenrost in großen Kästen wird aus dem Gase noch der nach
faulen Eiern riechende Schwefelwasserstoff entfernt. Diese beiden
letzteren, Ammoniak und Schwefelwasserstoff sind es, die beim
Passiren einer Gasanstalt Ihr Geruchsorgan beleidigt haben.
Und doch spielen diese beiden Products im Etat der Gaswerke
eine große Rolle, ohne sie dürften wir uns einer so billigen Gas
beleuchtung nicht erfreuen. Das Ammoniakwasser wird von großen
Fabriken gekauft, die es reinigen und aus ihm geruchloses schwefel
saures Ammon machen, eines der werthvollsten künstlichen Dünge
mittel, aus dem, als Stickstoffquelle, die Feldfrüchte ihren Eiweiß
gehalt aufbauen. Ueberhaupt stammt der größte Theil der heute
auf das Feld gelangenden Pflanzennährmittel und Dungstoffe
ans chemischen Fabriken, so die Superphosphate, die Knochenmehl-
präparate und andere. — Nochmals die Gasfabrikation zu be
rühren: selbst der abscheulich duftende Schwefelwasserstoff wird
nutzbar gemacht. Die zu feiner Beseitigung dienenden Eisenrost
massen werden von anderen chemischen Fabriken auf Schwefel
säure und wundervolles Berliner Blau verarbeitet.
Ueberall, verehrter Leser, wv Sie Hinblicken, Chenne; aber zu
gegeben, daß ihre schlotüberragten Werkstätten etwas Düsteres,
ja für Manchen Unheimliches haben, so ist doch dieselbe Industrie,
lediglich schon vom technischen Standpunkte aus, als ein wesent
licher Factor der modernen Culturentwicklung sowohl ans ästhetischem
wie ans praktischem Gebiete zu betrachten, ganz abgesehen von
ihrer wirthschaftlichen Bedeutung, die ihr speciell in unserm Vater
lande zukommt, und abgesehen von der großen Rolle, die heute
die untersuchende Chemie in der Technik wie in der gesetzlichen
Kontrole der Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände spielt. Die
Chemie greift eben theils allein, theils im Bunde mit anderen
Wissenschaften fast in alle Gebiete des modernen Lebens ein.
Unsere Plauderei macht nicht den Anspruch, die Betheiligung der
Chemie am gewerblichen Leben unseres Volkes auch nur annähernd
erschöpfen zu wollen. Sie soll nur ein kleines, aber charakteristisches
Bild, mitten aus der Fülle des Materials gegriffen, geben.
Die Bedeutung der Chemie für die praktische Hygiene, für die
Desinfectionstechnik, für die graphischen und reproductiven Künste,
für die Textilindustrie und für viele andere Zweige ist nicht minder
wichtig, als die oben herausgegriffenen Beispiele.
Der gewaltigen Bedeutung, die die chemische Industrie für
das wirthschaftliche Leben, speciell des Deutschen Reiches, hat,
wollen wir ein ander Mal gedenken.
Die landschaftliche» der Ausstellung.
Was wiederholt schon ausgeführt wurde, nämlich, daß die
einzelnen Ausstellungsgebäude und Pavillons wahre Kleinode an
äußerer Schönheit und Eleganz sein würden, tritt, je weiter die
großen Vorarbeiten auf dem Ausstellungsplatze sich ihrem Ende
zuneigen, mehr und deutlicher zu Tage, und da wohl anzunehmen
ist, daß das Ganze halten wird, was die einzelnen Theile jetzt
schon versprechen, glauben wir der Berliner Gewerbe-Ausstellung
einen großen und vollen Erfolg voraussagen zu können. Einen
nicht geringen Antheil an diesem Erfolge hat die anmuthige und
freundliche landschaftliche Schmückung des Ausstellungsterrains,
wie sie Natur und Kunst in harmonischer Ergänzung geschaffen
haben. Wohl fehlt den Bäumen und Sträuchern des Parkes
jctzt noch das belebende Grün, und kahl und nüchtern wie die
einfarbigen Gebäude und die hohen Gerüste erscheinen uns die
Alleen und Haine, die zu den verschiedenen Plätzen hinführen oder
sie von einander abgrenzen. Der Park ist eben auch noch nicht
fertig, aber schon fängt er an sich zu bereiten, und wo sich jetzt
schüchtern und zagfaft die ersten Blätter und Knospen hervor
wagen, da wird bald Baum und Strauch prangen in her vollen
Schönheit des somnierlichen Kleides.
Darin wird sich die kommende Ausstellung Vortheilhaft von
vielen ähnlichen Veranstaltungen unterscheiden, daß ihr das Jahr-
marktmüßige, die enge Aufeinanderdrängung der Ausstellungs-
Gebäude, fehlt. Sie wird nicht ermüdend, sondern anregend auf
den Besucher wirken. Prächtige Laubhölzer flankiren das große
Eingangsthor an der Treptower Chaussee und breite Alleen wohl
gepflegter Linden- und Ahornbänme führen von der Hauptstraße
zu den einzelnen Bauten. Schattige Wege verbinden die großen
Straßen in unmuthigen Windungen und, wo breite Wasserflächen
den Blick hinüberleiten zu schlanken Thürmen und kühn ge
schwungenen Dächern, da schließt ein malerischer Hintergrund dichter
Waldungen das entzückende Bild. Reiche Abwechselung und Be
lebung verleihen die künstlichen Wasseranlagen der Landschaft.
Da ist zunächst außer der Spree mit der stillen Rohrinsel der
alte Karpfenteich, der neue See vor dem Haupt-Gebäude und
das Bassin für die Marine-Schauspiele.
Wer vom nordöstlichen Ende der Ausstellung in einer der
zahlreichen und schnellen kleinen Motorbarkassen den Strom hinauf
fährt, vorbei an dem imposanten Kaiserschiff und am Ufer entlang,
der wird einen Anblick von unvergeßlichem Reize haben. Links
das freundliche Kirchlein des ehrwürdigen Stralau, vor sich die
Rohrinsel und zur Seite in rascher Aufeinanderfolge erst die
schimmernden Gipfel der Alpenlandschaft des Panorama's mit
ihren grünen Matten, dann der mächtige Bau der Ausstellung
für Fischerei, Nahrungs- und Genußmittel, anschließend die luftigen
Pavillons der verschiedenen Brauereien mit ihren theilweisen kecken
und capriciösen Constructionen, das Alles belebt von einer fröh
lichen und geputzten Menge und überallhin abgeschlossen von
dichtem Grün des Parkes, aus dem da und dort die hohen
Thürme und schlanken Minarets der Hauptgebäude und der Aus
stellung Kairo hervorlugen.
Leben und Bewegung hier, Ruhe und Träumen am lieblichen
Karpfenteich. Tief buchtet er sich ein in die stillen Ufer, melancholisch
neigen sich die Weiden über die spiegelnde Fluch und schweigend
ziehen die Schwäne ihre Bahn. Werden wir uns am Flußufer
in einen fashionablen Seebadeort versetzt glauben, so ruft uns des
Teiches regungsloses Bild die Erinnerung an die lauschigen Binnen
seen zurück, in benen der sinnigere und poetische Glaube unserer
Vorfahren das Heiligthum der segenspendenden Hertha suchte und
verehrte. Hier hat man die altehrwürdigen Bauten des früheren
ehrsamen und bedächtigen Berlin neu erstehen lassen. Pavillons
und kleinere charakteristische Häuschen zieren die mannichfachen Land
zungen, die in den Teich sich vorschieben und ein immer wechselndes
Bild, das sich in seinem Reize stets gleich bleibt, bietet sich uns
bei einem Rundgang die Ufer des Teiches entlang.
Anders, vornehm und raffinirt elegant zeigt sich der neue
See, der in langem Oval, eingeengt in der Mitte, tvo sich in
munteren Cascade» die Wasser mischen, vom Hanptausstellnngs-
gebäude mit dem mächtigen Wasserthurm sich hinüber erstreckt
zum großen Restaurant. Hier ist alles Kunst. ' I» Reih und
Glied und nicht in jenem regellosen Durcheinander wie am
Karpfenteich stehen die Bäume, die in weiterem Umkreise den See
umgeben. Wohlgepflegte Rasen- und Teppichbeete, steinerne Ein
fassungen und reicher monumentaler Schmuck erhöhen den Eiitdruck.
Ob wir vom Hauptgebäude oder von einer der Langseiten aus den
Blick über die weite Fläche schweifen lassen, immer sind wir iiber-
rascht von der Großartigkeit und eigenen Schönheit des Panv-
ramas. Hier ist der Höhepunkt edler Schönheit erreicht und in
richtiger Anpassung an den Geist der Anlage sind die Gebäude,
die dem See ihre Front zeigen, das Hauptgebäude, das Restau
rant und das Haus des Berliner Lokalanzeiger in ruhigem,
ernsten Stil gehalten. Da ist nichts Buntes und Herausfordern
des. In reinem Weiß ziehen sich die Arkaden und Balustraden
der beiden Gebäude, die den See an den schmalen Endseiten be
grenzen, dahin, und wohlthuend und beruhigend berührt das
Auge, das gerne die mancherlei Bizarrerien der kleineren Bauten
und Pavillons bewunderte, die strengen und majestätischen Linien
des Seepanoramas.
Wird uns das abwechslungsreiche lebendige Bild, das von
der Spree aus sich darbietet, in hohem Grade fesseln und anregen,
werden wir gerne die lieblichen Ufer des Karpfenteiches entlang
wandeln und lvird uns das Marincbassin mit seinen liliputanischen
Nachbildungen der deutschen Flotte und mit den Schiffsexcrcitien
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