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Periodical volume Nr. 115, 10. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielfe Aussielfungs - Nachrichten. v 
Für „gebrochen“ hätte ich gern ein hinziehenderes Wort, da 
sie noch zusammenhält. Entblättert wäre insofern treffender, 
als sie die 'Kräfte ihres Geistes unter den Tisch fallen lässt 
und die Perlen des Wissens nicht mehr in die Unterhaltung 
rollen. 
Sonst, wenn jemand blos Telegraph sagte; sie gleich: 
„Wenn alle Linien aneinandergeknüpft würden, umgürtelten 
sie die Erde siebenunddreissigmal“ und keiner widersprach. 
Denn woher hatte sie es? Und ebenso mit den Gestirnen 
und entlegendster Geographie und was Professoren so ent 
decken. Das ist ja das Schöne bei Wissenschaft: Wer kann 
sie bestreiten? Wer wickelt den Draht um den Aequator? 
Wer streut den Kometen Salz auf den Schwanz? Einen 
Braten wiegt man nach. Obst ist schon schwieriger. Ge 
flügel geht nach Gutdünken, aber Wissenschaft ist gänzlich 
Vertrauenssache. 
Der junge Herr Brauns, der hat Ottiliens Zuversichtlich 
keit in’s Wanken gebracht. Wir waren zusammen in dem 
Chemie- und Instrumentengebäu de. Herr Brauns führte 
uns. Es war schrecklich. Ich meine nicht das Gebäude 
und nicht was drin ist. Kein, aber das Licht, das uns auf 
ging- 
Herr Brauns machte seine Aufwartung und wurde als 
Ungermann’s Keife freundlich empfangen». Wirklich ein 
lieber Mensch, man meint nach einer Viertelstunde, man 
hätte sich seit Jahren gekannt, so offen und frisch und klar 
ist sein Wesen. Und so hübsch. Jung und breitschultrig, 
ein Körper, der sich gegen Arbeit stemmt und sie meistert 
und es mit dem Tag aufnimmt, was er auch bietet, dabei 
leicht in der Bewegung und deshalb steht ihm die Höflich 
keit so gut, so ungezwungen. 
Ich gehe hauptsächlich nach den Augen. Blicke ich 
forschend hinein und sie antworten mit sonnigem Lächeln, 
weiss ich, da drinnen steht das Paradies der Kindheit noch in 
Blüthe. Leuchten die Augensterne nicht, weichen sie aus 
und senken sich die Lider, dann ist der Garten des Herzens 
nicht gut gehalten, dann ist Unkraut drin, auch wohl 
Schierling. 
Eine ältere Frau darf einem jungen Mann in die Augen 
schauen, jungen Mädchen ist es nicht erlaubt. Sie thun es 
aber doch —— gerade so wie Ottilie — und wenn sie einen 
Blick in den Rosengarten gethan haben, vergessen sie ihn 
nie wieder und träumen davon bei Tag und bei Kacht und 
versäumen alles andere, die Wissenschaft und das Häusliche 
und sind ein lebendiger Wunsch geworden, in jenem Garten 
unter den Rosen liinzuknieen in anbetender Seligkeit. 
Und er, der junge Mann, er war bereit, ihr das Schlüssel 
ehen zu dem Thore seines Herzens zu schenken. Man sah es 
ihm an. Er wurde noch einmal so hübsch in Ottiliens Kähe, 
er blühte auf, die Wangen rötheten sich tiefer, die Augen 
strahlten und lächelndes Glück öffnete die Lippen, dass 
sie auch ohne Worte redeten. 
„Ein Paar wie gemalt“, musste ich mir eingestehen, 
wenn ich sie nebeneinander sah, „und ein goldener Rahmen 
dazu“, denn er kann ihr eine glänzende Zukunft bieten. Und 
nun darf sie ihm nicht sagen, wie sie ihn liebt und muss ihn 
abweisen und kühl behandeln und darf den Schlüssel nicht 
nehmen, der die Pforte zu den Rosen erschließt, weil sie 
dem unglückseligen Kriehberg zu viel versprochen hat. Ganz 
wie mit dem vielgenannten Cäsar: — sie kam — er sah 
und wurde gefangen. Und nun hackt er. 
Er hat sich zu fest an sie geklammert, aber doch nur, 
weil sie auf mich nicht hören wollte und Tante Lina so 
lange ehestiftete, bis die Kiste vernagelt war. 
Briefe haben sie sich geschrieben und Kriehberg rückt 
ihre nicht heraus. Seit er Herrn Brauns zuweilen mit uns 
sieht, plagt ihn die Eifersucht und er drängt auf Verlobungs 
karten. 
„Ich bestelle sie nicht“, sagte ich. „Sie können doch 
unmöglich als „Stellesuchender“ darauf gedruckt werden?“ 
u Als Architekt.** 
„Ich bin gegen Fremdworte. Und Baumeister sind Sie 
nicht. Also — fragen Sie nach mehreren Jahren mal wieder 
vor.“ 
„Damit ein Anderer sie mir abwendet. 0 nein. Ich 
weiche Keinem. Er stelle sich mir gegenüber, drei Schritt 
Barriere und Kugelwechsel, bis einer liegt.“ 
„Herr Kriehberg, einen solchen Wütherich hätte ich 
nie in Ihnen gesucht, und er passt Ihnen auch nicht. Zu 
komisch.“ 
Ich lachte. Er wurde leichenblass. 
„Ich dulde keinen Hohn“, rief er. „Keinen und vor 
niemand.“ 
„Wollen Sie mich am Ende fordern?“ 
„Sie nicht, aber Ihren Gatten.“ 
„Der hat so seine Ansichten über das Duell, mit dem 
werden Sie wohl kein Glück haben.*' 
„Ein Gewisser aber, ein gewisser Jemand entgeht mir 
nicht. Der Gigerl, der sich an Ottilie heranschleicht, der 
Lasse, der Schafskopf ....“ _ 
„Erlauben Sie, Herr Brauns ist durchaus kein Gigerl!“ 
Also Brauns heisst die Canaille ? Der soll mir vor s 
Messer. Ich danke Ihnen für die Adresse! 
„Herr Kriehberg, trinken Sie ein Glas Selters, Sie sind 
aufgeregt.“ 
„Mein Blut ist kalt.“ 
„Dann giebt es keine Entschuldigung für Sie. Und nun 
ist unsere Zwiesprache zu Ende; es kommen Leute.*' 
Diese Unterredung fand in der Ausstellung des Buch 
gewerbes statt, wo bei schönem Wetter die einsamste Einsam 
keit herrscht, da die Geister des deutschen Vaterlandes 
Einem blos den schimmernden Rücken zeigen und ahnungs 
los dahin verschlagenes Publikum merkwürdig rasch eben 
falls kehrt macht. 
„Also Sie weisen mich ab?“ knirschte er. 
„Kehmen Sie Vernunft an, dann sprechen wir weiter.“ 
,Was reden wir noch lange ? Sie haben mir meine Aus 
arbeitungen bezahlt; gut. Von der Verstümmelung meiner 
Geisteskinder schweige ich, sie war haarsträubend. Ich war 
in Koth ... Sie beuteten mich aus ...“ 
„Kehmen Sie die Backen man nicht zu voll. Ich wende 
Ihnen zu, was mir die Zeitung bezahlt, damit Sie nicht unter 
die Füsse kommen und Sie werfen mir Wucher vor? Und 
was Sie aufgesetzt hatten, war Quatsch, dreimal destillir- 
ter Quatsch. So nun wissen Sie's.“ 
„Wer hat das gesagt? Hat er das gesagt? der p. p. 
Brauns? Ei warte, mein Jungei“ 
„Kein, das sage ich. .Denn was man nicht verstehen 
kann, ist Quatsch. Warum schreiben Sie kein regulaires 
Deutsch? Und Ihre Pläne können Sie wieder abholen lassen, 
die waren überflüssig und sind überflüssig und werden ewig 
überflüssig sein. - Für Ihre weiteren Bemühungen danke ich, 
denn junger Mann, Sie sind mir viel zu unpraktisch. .Und 
nun denke ich, sind wir miteinander fertig.“ 
Er antwortete nicht. 
„Mütterlich hab’ ich es mit Ihnen gemeint, weil sie so 
allein standen und mit Ihnen herumgestossen wurde, woran 
Ihre Ueberzogenheit Schuld ist und Durchdrungenheit am 
verkehrten Platz. Aber ausbeuten? -. Pfui, schämen 
Sie sich.“ 
Dies ging rasch und hastig und halblaut, weil schon 
Volks uns einkreiste, sich an Skandal zu weiden, anstatt 
Goethen und Schillern und den andern Prachtwerken nähen 
zu treten. 
Kriehberg presste die Kiefer aufeinander. Dann 
brachte er mühsam heraus: „Ich glaube ... Ihnen ... Ihnen 
habe ich Unrecht gethan. Ich weiss es nicht. Ich ... ich 
kann und kann den Andern nicht ausstehen; ich hasse ihn;; 
ich kenne mich nicht mehr. Ich darf nicht an Ottilie den 
ken : er steht neben ihr, er spricht mit ihr, er ist hübscher 
als ich, ich muss es ihm lassen. Ich werde rasend. Für uns 
Beide ist die Erde zu klein, viel zu klein“. Er war nach uni
	        
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