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Volume Nr. 11, 11. April 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

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Gfsirielle AirssteUmrgs Nachrichten. 
Luft hineinlodert, stimmt int Farbenton treffend zu dem Mittel 
punkte der Kuppelglocke, in dem ein goldiges Licht das Blau 
durchdriugt. In manchen Einzelheiten läßt sich heute, wo die 
Gerüste noch stehen, diese Ausschmückung noch nicht voll würdigen. 
Der Gesammteindruck aber zeigt sich schon heute als sehr stimmungs 
kühn, kräftig und wahrhaft schön. Nur einen kleinen Wunsch 
möchte ich nicht unterdrücken, falls diese Zeilen noch rechtzeitig 
dazu kommen sollten. Als ich unten im Mittelpunkte der Kuppel 
halle stand, fand ich, daß der Uebergang von dem reichfarbigen 
Schmucke der Mitte zu dem kühlen Weiß der Flügelhallen ein 
wenig unvermittelt sei. Bunte Fenster in der Fronthalle werden 
. diese Kühle ja mit wohlthuend warmem Tone mildern. Aber 
mir schien, als ob ein leichtes Bandornament in jedem Bogen 
die Schroffheit dieses Ueberganges Vortheilhaft unterbrechen würde. 
Die Chemie im praktischen Keken. 
Von Dr. G. Döllner. 
^Abdruck untersagt.^ 
Es giebt wenige Zweige der Wissenschaft, denen es vergönnt 
gewesen ist, einen so eminent praktischen Einfluß auf das öffent 
liche wie private Leben unserer Zeit, sowohl in technischer als in 
wirthschaftlicher Beziehung zu gewinnen, wie es bei der Chemie 
der letzten 50 Jahre der Fall war und voraussichtlich noch weiter 
sein wird. Ueberall, in der Häuslichkeit und auf der Straße, auf 
dem Lande und in den rauchgeschwärzten Bezirken industrieller 
Thätigkeit begegnen wir den Spuren chemischen Schaffens, überall 
hat diese vielen noch etwas unheimliche Wissenschaft reformirend 
oder neubildend eingegriffen. Es ist fast, als könne man sich der 
Hand der Chemie selbst mit bestem Willen nicht mehr entziehen. 
Schon der nengeborne Weltbürger, dem so oft das Schicksal oder 
vielmehr die Folgen der verkehrten körperlichen Erziehung unserer 
Generation die natürlichste Nahrung, die Muttermilch, vvrenthält, 
wenn er könnte, er würde gewiß nicht dagegen Protestiren, daß 
Hunderte von Chemikern ständig damit beschäftigt sind, die 
ihm zu schwer verdauliche Thiermilch, meist Kuh- oder Ziegen 
milch, durch Entziehung gewisser und Zusatz anderer Bestandtheile, 
die wiederum die Chemie geliefert hat, in ein Product zu ver 
wandeln, das an Nahrungswerth, Verdaulichkeit und auch Ge 
schmackswerth selbst den verwöhntesten Ansprüchen eines noch so 
wählerischen jungeit Weltbürgers genügen kann. — Wenn wir auch 
verzichten müssen, uns an dem Aroma der Schweizermilch zu' 
laben, unsere Chemie hat es doch zu Wege gebracht, uns diese 
Milch in so concentrirtem, unbegrenzt haltbarem Zustande, daß 
mir in einem Theelöffel etwa den Gehalt eiiter kleinen Tasse 
Schweizermilch vor uns haben, ans den Kaffeetisch zu setzen, sie 
hat es ermöglicht, daß dem Entdeckungsreisenden am Nordpol, 
dem Erforscher der dürren Steppen, dem Soldaten auf dem 
Schlachtfelde weder die Fleischnahrung, noch die nicht minder noth- 
tvendigen vegetabilischen Speisen fehlen. Die Conserven-Jndustrie, 
die uns heute zu jeder Jahreszeit mit den schönsten zartesten Ge 
müsen und Früchten, unabhängig von der Zeit ihres Wachs 
thums und von der Zone, unter der sie gediehen, versorgt, sie 
gründet ihre gesammte Thätigkeit auf die chemische Erforschung 
der Zusammensetzung unserer Nahrungs- und Genußmittel, ihrer 
Veränderungen beim Erhitzen, Abkühlen re. Wissen Sie auch schon, 
verehrter Leser, daß das herrliche Vanille-Aroma, das so oft schon 
Ihren Gaumen ergötzt hat, auch nicht mehr durchgängig von der 
in tropischer Sonne gereiften Vanilleschote geliefert wird? Der 
unter der Rinde unserer gutdeutscheu Fichten und Tannen im 
Lenz treibende Saft enthält eine Substanz gelöst, aus der unsere 
Chemiker das duftige Vanillin herzustellen verstehen. Ja sogar 
der schwarze Steinkohlentheer, der Spender so vielseitiger Gaben, 
hat sich bei der scharfen Inquisition durch die Chemie dazu ver 
stehen müssen, ebenfalls Vanillin zu liefern. Und, was Sie 
vor Allem beruhigen tvird, verehrter Leser, dieses künstliche 
Vanillin ist nicht etwa nur ein hübsch gelungener Ersatz, 
gegen dessen Anwendting, weil es eben etwas „künstliches" ist, 
die meisten Leute ja ein gewisses Vorurtheil haben, sondern diese 
feinen, seidenartigen Nüdelchen sind thatsächlich derselbe Körper, 
der die feine aromakräftige Bourbonvanille mit einem zarten 
Pclzleiit überzieht und dessen Erscheinung derselben ihren Werth 
verleiht. Auch andere herrliche Düfte, Heliotrop, bittere Mandeln, 
Neroli, Hyacinthen sind in chemischen Fabriken „gewachsen" und 
auch das erfrischende Aroma der Fruchtbonbons, Drops re. ist 
nicht unter dem Strahl der Mittagssonne, sondern in der Destillir- 
blase einer chemischen Fabrik gereift. — Und die Farben! Ja, 
lieber Leser, das hörten Sie wohl schon, daß die farbenprächtigen 
Gewänder, die in heute gar so vielen Falten die Glieder unserer 
Frauen umschwellen, aus Theer gemacht werden? Wie? Das 
„Wie" möchte ich Ihnen heute noch nicht vorplaudern, aber das 
darf ich Ihnen schon verrathen, daß auch hier in Berlin große 
Unternehmen bestehen, die den schmierigen schwarzen Gesellen, den 
Theer, so lange bearbeiten und ihm, mittels der verschiedensten 
Säuren und Salze, Destillation und Rectification so lange gut 
zureden, bis er sich in sein manierlichem Krystallklcide darstellt 
und den Geweben die wundervollsten Färbungen zu ertheilen ver 
mag. Ich darf auch das schon sagen, daß die Gewerbe- 
Ausstellung unseren Lesern Gelegenheit geben wird, die Products 
der Farbenfabrikasion in prachtvoller Zusammenstellung zu be- 
wlindern. Wir Deutschen dürfen stolz sein, dank der rastlosen 
Thäsigkeit unseres Gewerbefleißes und dem steten harmonischen 
Zusammenarbeiten von wissenschaftlichem Laboratorium und 
chemischer Fabrik die erste Farbeuiudustrie der Welt zu haben 
und mit unsern deutschen Producten den Weltmarkt zu beherrschen. 
Sie wundern sich, hier in Berlin und auch in der Umgebung 
so wenig Rasenfläche zu sehen und fragen, wo denn die großen 
Webereien ihre Products bleichen? Rasenbleichen? Nein, wisse» 
Sie, dazu ist hier der Grund und Boden zti theuer. Sehen Sie 
dort das hohe Fabrikgebäude. Sie meinen, das könnte keine 
Bleicherei sein, da könne ja keine Sonne hinein. Allerdings da§ 
geht auch ohne Sonne. Es wird eben „chemisch" gebleicht. 
Die eisernen Fässer, die dort auf dem Hof liegen, enthalte» 
das Bleichmittel. Da ist der Chlorkalk, da ist die Bleichlauge, 
Wasserstoffsuperoxyd und andere Products, die die chemischen Fa 
briken aus den verschiedensten Theilen Deutschlands hergeschickt 
haben, da werden die feinsten und gröbsten Gewebe wundervoll 
gebleicht, da erhalten sie Glanz und Appretur durch Stärke- 
präparate, die wieder andere chemische Fabriken herstellten. Ja 
dort, wo Sie die starken Kupferkabel vom Maschinenhause in das 
eigentliche Fabrikgebäude geleitet sehen, da wird sogar ein elektro 
chemisches Bleichverfahren, mittels „Ozon", ausgeführt. Das 
merkwürdigste dabei ist, daß dieses Ozon jedenfalls auch derselbe 
Körper ist, womit Mutter Sonne die Gewebe schon seit Jahr 
hunderten bleichte. Möge Mutter Sonne für diese Entlastung 
der Ausstellung, in der Sie auch die künstliche elektrochemische 
Bleiche zu bewundern Gelegenheit haben werden, recht freundlich 
lächeln. — Leider haben Sie wohl öfter schon zur Apotheke pilgern 
müssen, um nach dem Rathe des Arztes zur Wiederherstellung 
Ihres leidenden Ichs die Kunst des Apothekers in Anspruch zu 
nehmen. Der alte Apotheker wird Ihnen auch erzählen, wie zur Zeit, 
als er noch jung war, doch so Alles anders war in der Apothekerei. 
Da mischte und kochte jeder Apotheker seine Trünklein und Thees 
selber und das war eine Kunst! Heute, ja heute wird der Apotheker 
mehr und mehr Wiederverkäufer der großen chemischen Fabriken, 
die ihm die Arzneimittel kiloweise liefern, fix und fertig, sodaß er 
sie womöglich nur noch abzinviegeu oder aufzulösen braucht. Und 
dann die vielen, vielen und so schweren Namen! Alle die schön 
klingenden Bezeichnungen auf in, al, ol und so weiter, man kennt 
sich schier nicht mehr aus. — Soweit hatten Sie schon etwas von 
dem Apotheker gehört, der naturgemäß etwas stark pessimistisch 
voit der Sache dachte. Indeß wenn Sie in der Ausstellung erst 
sehen werden, in welchen Quanten diese Arzneimittel verbraucht werden 
und wie gewaltige Unternehmungen sich dieser Fabrikation widmen, da 
werden Sie doch empfinden, daß sich zum mindesten einzelne der schön 
benamseten ueuen Mittel doch einen dauernden Platz im modernen 
Arzneischatz erworben haben, also auch wohl etwas taugen müssen. 
Und fragen Sie erstaunt, woher? Aus Theer! Aber Ivo kommt 
denn diese Masse Theer her, die zur Farben- und Arzneimittel- 
Darstellung k. gebraucht wird? Die überwiegende Menge giebt 
uns die Leuchtgasfabrikasion, wieder eine chemische Technik, die 
unsern nächtlichen Heimweg freundlich zu erleuchten gestattet, um 
so freundlicher und heller, je mehr das Gasglühlicht in Aufnahme 
gelangt, dessen zartes Mineralgewebe ebenfalls eine chemische Er 
findung ist und in chemischen Fabriken hergestellt wird. — Wenn 
Sie an einer Gasanstalt vorbei wandern, so werden Sie öfter
	        
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