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Periodical volume Nr. 114, 9. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
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Die Schwarzen nahjmen die Waarenballen auf ihre Schultern, 
andere trugen die Lasten auf dem Kopfe. Dem Zuge voran 
ritt Herr Lieutenant Franke, als Führer der Karawane. Ihm 
folgten die anderen wohlbewaffneten Europäer im Tropen- 
costüm, sowie die Massai in voller Kriegstracht mit Speeren 
und Schildern, und das Gros des Zuges bildete das bunte, 
malerische Gewirre der übrigen festlich geschmückten Schwar 
zen. Die Trommelschläger schlugen auf die Felle, die Bläser 
liessen auf den Hörnern von Zeit zu Zeit kurze Signale er 
tönen und zu all’ dem wunderlichen Tongemisch gesellte sich 
noch das Schreien, Rufen, Jauchzen,, Brüllen der anderen 
Schwarzen, ein Lärm, ohrenbetäubend, unharmonisch aber 
echt, original wie das ganze Völkerbild. Die Karawane zieht 
über die Brücke, durch die Zanzibarstadt bis zum grossen 
Platze vor dem Verwaltungsgebäude, wo ein Lager aufge 
schlagen wird. Schnell sind die Lasten zusammengetragen, 
Pfähle werden eingerammt, die Zeltdecken darüber gespannt, 
die Wachen ziehen auf ihre Posten und rings um das rau 
chende, prasselnde Lagerfeuer gruppiren sich die Pioniere der 
Cultur mit ihren schwarzen Begleitern. Wer Wissmann’s 
und anderer Äfrikaforscher Reisebeschreibungen gelesen hat, 
wird-solche Scenen, wie er sie hier vor sich sieht, oft geschildert 
finden. Vach dem Mittagsmahl geht es wieder zurück zu 
den Dörfern, und bald belebt sich der Karpfenteich mit 
Cannes. Pfeilgeschwind huschen die schmalen Boote über 
die Wasserfläche. Jetzt vereinigen sich mehrere der schlan 
ken Einbäume, wie man die Fahrzeuge wegen ihrer Herstel 
lung aus einem Stamme nennen könnte, zu einer tollen Wett 
fahrt, Mit lauten Zurufen: „Jo! Ho! Jakai!“ treiben die 
schwarzen Zuschauer am Ufer die Ruderer zu immer rascherer 
Fahrt an und vom Wasser her antwortet ihnen ein tactmässi- 
ges Singen und ein wildes Jauchzen der „startenden“ Neger. 
Einen überraschenden Anblick gewährte es, als das rie 
sige Ugandaboot, welches etwa 15 Meter lang ist und in 
Afrika in der Regel von 32 Ruderern bemannt ist, von 18 Ne 
gern über den See gerudert wurde. Eine dichte Menschen 
menge wohnte dem eigenartigen Schauspiele bei. Gfg ii 
5 Uhr Nachmittags versammelten sich alle Eingeborenen 
wieder in der Zanzibarstadt. Hier zeigten die Neuguinea- 
Leute ihre Kraft und Fertigkeit im Speerwerfen. 
•Die darauf folgenden Kriegstänze der Massai 
und die Fetischtänze der Togo, besonders jedoch die Fern 
sprache der Kameruner durch, die Signale der Sprachtrommed 
waren Schaustellungen von hohem ethnologischen Werth. 
Bismarck Bell, der Sohn King Beils, gab die Befehle, die ihm 
von den Mitgliedern des Ausschusses ertheilt wurden, durch 
die Trommelschläge weiter, und bald darauf wurden die Be 
fehle durch die weit entfernt stehenden Kameruner genau 
wie verlangt ausgeführt. 
Als der Abend hereinbrach, prangte die ganze Koloniai- 
Ausstellung im Schmuck einer Illumination durch farbige 
Lämpchen, die in hohen Bogen über den Wegen und in den 
Anlagen zu zierlichen Arabesken geordnet waren. Am Ein 
gang auf dem grossen Beet erglänzte in Riesenbuchstaben 
der Name des verunglückten Schiffes „Iltis” mit einem W 
darüber, ein sinniges Arrangement des Herrn Beleuchtungs 
inspectors Goldschmidt. Die Neger ordneten sich jetzt zu 
einer Karawane. Voran die Europäer, die Sehutztrappenuuddie 
Reiter, der Wagen mit den Frauen, die Träger und eine kleine 
bewaffnete Nachhut folgen. Im Kraal der Hottentotten wird 
Nachrast gemacht. Um die Zelte, das Lagerfeuer und die 
Waaren bilden sich Gruppen der plaudernden, singenden und 
kochenden Karawanentheilnehmer. Plötzlich tauchen aus 
serhalb des Lagers dunkle Gestalten auf, die sich langsam, 
katzenähnlich geräuschlos heranschleichen. Ein wachsamer 
Posten hat sie jedoch bemerkt — ein Alarmschuss kracht 
und im nächsten Augenblick wandelt sich das Bild fried 
licher Rast in einen Kriegsschauplatz. Eine räuberische 
Horde der Massai wollte das Lager überfallen, wird aber mit 
blutigen Köpfen heimgeschickt und sucht, verfolgt von den 
Siegern, sein Heil in der Flucht. Die. ganze Scene mit der 
malerischen Umgebung des Kraals, der Palmen und der 
Schilfhütten wirkte so mächtig, dass der Zuschauer sich nur 
schwer des Eindruckes erwehren konnte, hier statt eines 
Spiels den vollen Ernst der Wirklichkeit mitzuerleben, 
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In der KuppelhaUe befindet sich bekanntlich ein pracht 
voller Bechstein’scher Flügel, der als einer der Hauptgewinne für 
die Ausstellungslotterie angekauft worden ist. Um nun den Be 
suchern auch einen Begriff von der. mächtigen Tonfülle des In 
struments zu geben, die neben der formvollendeten äusseren Schön 
heit den Bechstein’schen Flügeln und Pianos einen Weltruf seit 
lange verschafft und gesichert hat, spielt seit gestern eine 
bekannte Claviervirtuosin täglich in den Nachmittagsstunden und 
zwar zwischen fünf und sechs Uhr einige Stücke auf dem Flügel. 
Es ist Miss Mary Wurm, die berühmte Nichte ihres be 
rühmteren Onkels, des deutsch-englischen Malers Hubert Her- 
komer. Miss Wurm trat schon im zartesten Alter als »Wunder 
kind« auf und studirte dann in Deutschland, besonders unter 
Leitung der kürzlich verstorbenen Pianistin Clara Schumann, 
sowie unter Joachim Raff, der entscheidend auf ihre Thätig 
keit als Componistin blieb. Von ihren Compositionen ist be 
sonders bekannt eine Violin-Sonate, ausserdem componirte sie 
Operetten, Clavierconcerte und mehr. In England bewarb 
sie sich um ein von Jenny Lind für hervorragende Leistungen 
gestiftetes Stipendium und erwarb es, trotz einer ungemein 
starken Betheiligung. drei Mal hintereinander. Vor ihr 
hatten es Eugen d’Albert und Sir Arthur Sullivan inne. 
— Wie sich denken lässt, land sich heute eine enorme Zuhörer 
menge zu ihrem Vortrag ein, die aufmerksam ihrem wundervollen 
Spiel lauschte und in immer wiederholtem rauschendem Applaus 
ihren Beifall kund gab. Unter den übervielen Musikdarbietungen 
der Ausstellung nimmt die Musikproduction der Miss Wurm einen 
hervorragenden Platz ein. 
Beim Riesenfernrohr ist eine kleine Betriebsstörung 
eingetreten. Die elektrischen Motors, welche zum Lenken des, 
Riesenrohres dienen, wurden gestern probeweise in Betrieb gesetzt. 
Aus noch nicht aufgeklärter Ursache schaltete sich die 
Kuppelung zu dem Mechanismus des Rohres selbst ein. 
Die Speichen und Anker, welche das Rohr an dem 
Fundament befestigen, wurden durch eine plötzliche Drehung 
des Apparates zum Theil aus dem Fundament heraus 
gerissen, und bis zur völligen Ausschaltung der Motore entstand ein 
Schaden, dessen Beseitigung einige Wochen dauern dürfte. Es 
wird jedoch möglich sein, das Rohr wenigstens vertical einzustellen 
und es so für gewisse Beobachtung zu benutzen. 
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In der Sanitätswache wurden in den letzten 24 Stunden, 
14 Patienten behandelt. Zu bemerken ist, dass gestern der 2000 stü 
Patient die Hilfe der Sanitätswache in Anspruch nahm. — In der 
Unfall-Station waren in den letzten 24 Stunden acht Fälle in 
Behandlung. 
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Obermeister P. Allen kann man es nicht recht machen. Uns 
lassen derartige Reclamationeu sehr kalt. Wenn man einen Artikel 
über drei oder vier Aussteller schreibt und jeden der Aussteller über 
das Menschenmögliche lobt, so findet sich doch einer der Gelobten, 
der sich beschwert, er sei nicht, genügend gelobt worden. So war 
es immer und so wird es immer bleiben! 
Herrn J. P. Usedomstrasse. Werther Herr! Sie kommen 
auch noch dran. Es geht doch eben nicht, dass alle Aussteller 
zuerst besprochen werden. 
Aussteller in Leipzig. Erbitten Sie vom Propaganda-Bureau 
der Berliner Gewerbe-Ausstellung das gedruckte Verzeichniss der 
„Organe der Ausstellung". Sie finden in demselben die Antwort aul 
alle von Ihnen gestellten Fragen.
	        
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