Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Ofstrielte Ansstell,mgs-Uachrrchten.
Der Künstler hat hier wieder völlig andere Mittel tvie an dem
Fischereigebäude herangezogen, um bei der Nachbarschaft der an
spruchsvolleren Jndustriehalle auch diesem Werke zu einer gewissen
Bedeutung zu verhelfen. Der ganze Charakter der hier unter
gebrachten Gruppen verlangte einen gewissen Ernst, wodurch auf
manche sehr effcctvolle, im klebrigen aber noch mehr spielende
Motive verzichtet werden mußte.
So ist auch bei den Dächern hier das wichtige Moment der
Farbe in Fortfall gekommen und der ganzen Fläche ein zink-
artiger Anstrich mit mäßigem Glanz gegeben worden.
Das Hauptgewicht ist auf die Ausbildung des Mittelbaues
gelegt, der durch eine zierliche galerieartige Quertheilung des
großen Frontbogens und durch eine kräftige architektonische Be
krönung des Mittelportals vortrefflich hervorgehoben wird. Ueber
dem Giebel der Ostfront ragt ein reich erfundenes eisernes Kreuz
auf, während die beiden Thürme von vergoldeten Knäufen hoch
überragt werden. Die Frontwände sind im Allgemeinen in breite
Lichtöffnnngcn ausgelöst, doch verbleiben an den Ecken der Quer-
flügel Pfeilerflächen, die durch ein einfach gegliedertes Rahmen-
werk sich angenehm abheben. In der Perspective verkürzen sich
auffällig die Lichtöffnungen der Langseiten, geben aber dadurch
eine klare Vorstellung von der großen Ausdehnung dieser Gruppe.
Die Fasungen des Holzwerks sind im Acußcrn durchweg roth
gefärbt und die feineren Profile mit bezeichnenden Tönen markant
von einander geschieden.
Das Innere der großen Halle, die ihren Zwecken gemäß
ohne besonderen Aufwand decorirt wurde, gewährt dem Beschauer
ein recht ansprechendes Bild.
Von Osten her tritt ein warmes, farbiges Licht in den hohen
Raum, indem die mächtige Frontöffnung im Giebel durch Aus
nahme alter Glasmalereien aus dem Dome zu Stendal einen
besonders feierlichen Schmuck erhalten soll. Es ist dies nur ein
Theil einer größeren Zahl kostbarer, mittelalterlicher Fenster, die
in dem Kgl. Institut für Glasmalerei in Charlottenburg unter
Leitung des Directors Bernhard wieder in Stand gesetzt werden.
Die große Spannweite der Halle hat ein reicher entwickeltes System
von schlanken Stützen und kühnen Bindern bedingt, das in schlichter,
aber wohlthuender Art in den Abfasungen, Profilen und Knäufen
etwas Farbe erhalten hat. In der duftigen Tiefe der weiten Per-
spcc.ivc schieben sich die Säulen und Bänder wie ein feines Stab
netz übereinander, aus dem die Flächemnalerei der breiten Unter
sichten hervorschimmert. An der First sind zwischen den Sparren
flotte Ornamente in grünen und rothen Tönen aufgemalt; in
halber Höhe werden die hellen Felder von einem schmalen Ranken-
sries unterbrochen und den unteren Rand säumt bortenartig tief-
rothes Blattwerk mit aufgesetzten Palinetten.
Der Raum ist im Innern von breiten Galerien umzogen und
wird in feinem Mittelgang mit zierlichem Schrankenwerk besetzt
werden. Die östliche Hälfte wird in den größeren Einbauten u. A.
auch die Ausstattung für das Ministerzimmer des Landtages auf
nehmen, die gegenwärtig unter Leitung des Professors Messel im
Knnstgewerbcmnsenm zur Ausführung kommt. Als eine Aus
stellung der dort gebildeten Kräfte wird dieser vornehme Raum
mit seinen kostbaren Boiserie», den farbigen, von Seliger gezeichneten
Ledertapeten, den reichen Skulpturen des Kamins und der effect-
vollen Behandlung der ,Holzdecke sicher das weiteste Interesse er
regen.
Der der Hanptfront zunächst liegende Theil ist der XIX. Gruppe
für Unterricht und Erziehung gewidmet und wird daher hier
vornehmlichSchnleinrichtungen, Klassenzimmer und Sitzbänke neuerer
Systeme enthalten, wozu die vom Oberbaurath Rettig (Berlin)
erfundene, neue zweisitzige Schulbank zu zählen ist. Lehr- und
Unterrichtsmittel jeder Art nebst den Leistungen technischer Fach
schulen kommen hier zur Vorführung. Die andere Hälfte des
Gebäudes jenseits der elektrischen Bahn fällt der Gruppe XVIII
zu für Hygiene, Krankenpflege und Wohlfahrts-Einrichtungen,
an deren Ausstellung mit dem Reichsgesundheitsamt und dem
Reichsversicherungsamt auch die Berufsgenossenschaften be
theiligt sein werden. Zum ersten Male werden hier die neuesten
Ergebnisse der Vorschriften für Unfallverhütung und die Ausgaben
der deutschen Industrie für die Versicherung der Arbeiter nach
dem neuesten Stande geboten werden und dadurch weiteren
Kreisen die tiefgreifende Bedeutung der svcialpvlitischen Gesetz
gebung näher bringen. Eine nicht minder wichtige Abtheilung ist
die der Stüdtehygiene, in welcher Wasserversorgung und Ent
wässerung, sowie Straßenreinigung und Müllabfuhr zur Ver
anschaulichung gelangen.
Das letzte der sogenannten officiellcn Gebäude auf der Ge
werbe-Ausstellung bildet die Halle für Gas- und Wasser
anlagen, die etwa 60 Meter südlich des Fischereigebäudes nahe
dem Alpenpanorama sich erhebt. Ter der Spree zugewandte
Hanptflügel ist in der Mittelachse nach rückwärts um eine etwa
50 Mieter lange Halle erweitert, die als Putzbau ausgeführt und
mit hohem Scitcnlicht versehen ist. Eine reichere architektonische
Durchführung erhält vor allem die Vorderfront, deren Mitteltheil mit
seinem Giebel die etwas niedrigeren Hallenwände überragt. In das
riesige Portalfenster des Giebels ist ein vornehmer Eingang geschmack
voll eingebaut, so daß möglichst viel Licht in dieHalle geführt wird. Der
Hauptbogen wird von einem plastisch behandelten Wappenfries um
zogen und kunstvoll gebildete Dreifüße bilden die Akroterien des Giebels.
Die Galeriewände sind in der Front durch kräftige Pfeiler mit
kartuschenartigcu Schildern getheilt, zu deren Bekrönung man antike
Schalen gewählt hat. Ans der Mitte der Pfeiler springen fein
modellirte Knäufe vor, ans denen die Träger großer Beleuchtungs
körper herauswachsen. Bis zur halben Höhe bleiben die Wände
der Halle geschlossen, über dem kräftigen Quergesims aber wird
die ganze Fläche zwischen den Pfeilern von großen Fenster
öffnungen eingenommen. Die Grundfläche dieser Halle, an welcher
vor Allem das Gasglühlicht zur wirksamsten Vorführung ge
langen soll, betrügt rund 1200 Quadratmeter. P. Walls.
Die Kuppet des Hauptgebäudes.
Von Fritz Bley.
(Abdruck untersagt.)
Die große Kuppel des Hauptgebäudes erhält einen Schmuck
von ebenso starker decorativer Wirkung, wie hohem künstlerischem
Werthe. Die Pfeilerbogen werden gegen den Kuppelring zu von
Professor Vogel mit vier Riesenfiguren geziert, die Handel,
Gcwerbefleiß, Kunst und Wissenschaft darstellen. Der Bildhauer
ist durch seine Arbeiten für das Reichstagsgebäude bestens be
kannt, und es ist eine wahre Genugthuung, der markigen Kraft
seines Ausdruckes auch an dieser Stelle zu begegnen: schon weil
dadurch der in Jung-Berlin fast zum Aberglauben gewordenen
Meinung entgegengetreten wird, als ob verrenkte Kniee, Hüften, weg-
gespreizte kleine Finger, überbaumelnde Beine und sonstige manirirte
Geschmacklosigkeiten zum Wesen des decorativen Stiles gehörten.
Das von Vogel den vier Figuren zugefügte symbolische Beiwerk ist
entsprechend den ungewöhnlichen Größenverhältnissen der Kuppel
sehr kraftvoll und reich in Plastik, Farbe und Gold gehalten,
ohne indessen überladen zu wirken. Den Kuppelring schmückt in
mächtigen Buchstaben der gut Berliner Spruch: „Arbeit ist des
Bürgers Zierde, Segen ist der Mühe Preis." Dieser Spruch hat
augenscheinlich dem Maler Klein-Chevalier als Motiv für
seine Ausmalung der Kuppel gedient. Er schildert in vier auf
dem Kuppelring sitzenden Gruppen die Arbeit in den Vier-
Elementen: hünenhafte Gesellen bei der Erdarbeit, Fischer im
Kahne, ein Ambos an funkensprühender Esse und ein Adler,
der sich in die Lüfte schwingt. All dies ist, wie von diesem
begabten Schüler Peter Janssens nicht anders zu erwarten war,
mit ungemein realistischer Kraft gezeichnet, aber weit entfernt von
jener trivialen Sucht nach dem Gemeinen, die sich an anderen
Stellen uns so oft als Verismus, Materialismus oder wie der
neueste „Ismus" sich nennen mag, aufdrängt und wie ein Mühl
stein an den Hals hängt, anstatt die Seele zum Aufschwünge zu
beflügeln. Andererseits hält der junge Maler sich in dankens-
werther Frische frei von den ganz modernen Narren, die das
Wesen der Phantasie in verglasten Glotzaugen, verschwonnucnen
Umrissen und verzerrten Schreckgestalten suchen. Er spricht klipp
und klar aus, was er will, und seine gesunde, dem Wesen des
Vorwurfes entsprechend oft etwas cyklopenhafte Charakteristik wirkt
darum in um so tieferer Kraft auf die Phantasie. Verständigerweise
hat Klein Chevalier die figürliche Darstellung auf dein Kuppel-
ansatz beschränkt; gleichwohl hat er durch das Concert einer-
kraftvollen Farbengebung auch die Kuppel in Mitivirknng gezogen.
Ein Flammenmeer, das an dem Kuppelringe in das Tiefblau der
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