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Periodical volume Nr. 114, 9. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

8 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
Lebende Photographie. 
(Abdruck untersagt) 
„Unglaublich ist es, was heutzutage mit Hilfe der Elek 
tricität und Optik geleistet wird.“ Dieser Ausspruch eines 
Ausstellungsbesüchers, welcher soeben den nahe der zum Aus 
stellungs-Bahnhof führenden Brücke am südlichen Wandel 
gang belegenen Edison-Pavillon verliess, veranlasste mich, 
der ich mich wohl für die Ausstellungshallen, weniger jedoch 
für die zahllosen Einzelpavillons, abgesehen von Erfrischungs 
stätten, interessirte, auch einmal die sogenannten „Lebende 
Photographieen“ aus dem Kinematograph zu besichtigen. Ich 
nahm mir eine Eintrittskarte und hatte bald darauf, verständ 
nisinnig harrend auf die Dinge, die da kommen sollten, mei 
nen Platz in dem halbdunklen Zuschauerraum eingenommen. 
Binnen Kurzem waren alle Plätze besetzt, die Thüren wurden 
geschlossen, die Lampen ausgelöscht und wir befanden uns 
in dichtester Einsterniss. 
Da plötzlich bildet sich auf der vor uns liegenden Wand 
eine rechteckige, matt erleuchtete Stelle, welche, nachdem sich 
das Auge an die Beleuchtung gewöhnt hat, allmählich heller 
erscheint. Jetzt erkennen wir auch deutlich die Umrisse des 
darauf vorhandenen Bildes. Es zeigt in natürlicher Deut 
lichkeit einen Theil einer Parkanlage. Auf dem kiesbedeck 
ten Wege steht ein Kohrstuhl, auf welchem eine Zeitung zu 
sammengefaltet liegt. Da kommt ein elegant gekleideter 
Herr aus dem Hintergründe, nennen wir ihn Mstr. Smith, 
mit schnellen Schritten nähert er sich dem Stuhle, nimmt die 
Zeitung in die Hand, setzt sich nieder und beginnt eifrig zu 
lesen, wie man an dem Umblättern erkennt. Da erscheint 
plötzlich ein zweiter Herr, er stutzt einen Augenblick und 
geht dann schnell zu dem Sitzenden. Anscheinend ist er Be 
sitzer dos Blattes. Er redet Mstr. Smith an, dieser springt auf 
und beide gerathen in heftigen Wortwechsel, in dessen Ver 
laufe die Zeitung zerrissen und zusammengeballt zur Seite 
geworfen wird. Jetzt erreicht beider Erregung ihren Höhe 
punkt. Die Champions entledigen sich im Nu ihrer Röcke 
und schleudern dieselben wüthend in das Gras. Dann packen 
sie sich an und verwickeln sich in einen regelrechten King- 
kampf. Bald wird der eine Gegner vom andern mit kräfti 
gen Armen emporgehoben, bald kollern sich beide ringend 
am Erdboden umher. Immer heftiger wird der Kampf, an 
welchem auch die Zuschauer mit grossem Interesse theil- 
nehmen. Da verschwindet plötzlich das Tableau,-die elek 
trische Glühlampe erleuchtet den Raum und die Zuschauer, 
welche sich kaum aus der Illusion in die Wirklichkeit zurück 
zudenken vermögen. 
Bald jedoch umfängt uns abermals Finsterniss und das 
zweite Bild erscheint auf dem Tableau. Unbeweglich, wie 
eine Statue steht ein schwarz gekleideter Künstler; in der 
rechten Hand hält er ein zusammengefaltetes Papierband. 
Plötzlich kommt Leben in die Gestalt, Mit blitzschnellen 
Bewegungen schleudert er den Papierstreifen in kunstvollen 
Schlangenwindungen durch die Luft. Bald dreht er sich 
in schneller Kreiselbewegung und umgiebt sich mit spiral 
förmigen Windungen der Papierschlange; dann steht er 
einen Augenblick still und beginnt das Spiel von neuem. 
Das nächste Bild zeigt-ebenfalls alles in lebendiger Be 
wegung. In Gruppen und einzeln schlendern oder stehen 
die Menschen auf der breiten Promenade umher, zwischen 
durch eilen wohl auch einzelne, welche noch nicht sich der 
Ruhe hingeben können, sondern noch zum Wohle ihres Ge 
schäfts eilig zu thun haben. Da, wie auf einen Wink, theilen 
sich die Massen und geben zwischen sich eine Gasse frei, 
durch welche ein aus dem Hintergrund kommender Motor 
wagen nach dem andern pfeilschnell hindurchrollt. Aeusserst 
interessant ist es hierbei, die Bewegungen und Physiogno 
mien der einzelnen Passanten zu beobachten. Hier unter 
nimmt es jemand nach vielem Zaudern mit komischer Schnei - 
digkeit zwischen zwei Wagen hindurch zu flitzen; dort wird 
jemand energisch voi seinen Freunden von einem derartigen 
kühnen Wagniss zurückgehalten. Namentlich erregt es all 
gemeine Heiterkeit, wenn zum Schluss ein im Vordergrunds 
auftauchender junger Mann den Damm überschreiten will, 
dann aber von einer zum Vorschein kommendenHand zurück 
gehalten, sich mit einem erstaunt-verblüfften Gesicht dem 
Zuschauerraum zuwendet, um sodann wieder dorthin abzu 
gehen, wo er hergekommen ist. 
Die nächsten Bilder haben einen Iristorischen Hinter 
grund. Da ist erst die Ankunft Sr. Maj. Kaiser Wilhelms II. 
in Frankfurt. Auf dem Platze reiten mehrere Schwadronen 
Cavalleiie auf, welche sich zu dem bereits dort stehenden 
Militair gesellen. Sie escortiren den Kaiserlichen Wagen. 
An einer Tribüne wird der Herrscher von befrackten Herren 
empfangen, er begrüsst dieselben und begiebt sich, dann 
schnellen Schrittes nach rechts. Bei diesem Bilde ereignete 
sich ein heiteres Intermezzo. Auf dem Bild treten nämlich 
drei Herren so vor Sr. Majestät hin, dass dieser vollkommen 
einen Augenblick verdeckt wird. Hier glaubte nun jemand, 
aus dem Zuschauerraum wären einige Personen, um besser 
sehen zu können, aufgestanden und rief mit Stentorstimme 
„sitgen bleiben“. Dass dieser unbewussten Anerkennung 
der gebotenen Leistungen donnernder Applaus folgte, braucht 
wohl nicht besonders bemerkt zu werden. 
' Die nächsten zwei Bilder beschäftigen sich mit den Krö 
nungsfeierlichkeiten in Moskau. In vollständiger Deutlich 
keit sehen wir die Galawagen mit der Zarin und ihrem Hof 
staat, sehen wir den Zaren hoch zu Ross mit seiner militairi- 
schen Begleitung an uns vorüberziehen. 
Den Schluss der Vorstellung bildet eine Manöverscene 
aus Spanien. Auf dem nur mit wenig Infanterie besetzten 
Anger fährt mit grosser Schnelligkeit eine Batterie Geschütze 
auf. In wenigen Augenblicken sind die Kanonen abgeprotzt, 
die Kanoniere richten den Lauf ein, laden und treten zur Seite. 
Die Zündschnur wird mit einem Ruck angezogen, Feuer- 
strahl und Rauchwolken bedecken das Terrain, während das 
Geschütz dem Rückschlag entsprechend zurückrollt. Diese 
wie die Bewegung auf sämmtlichen Bildern sind so wunder 
bar naturgetreu, dass man thatsächlich in die Illusion ver 
setzt wird, man sähe die Scenen in voller Wirklichkeit vor 
sich. Ich musste mich geradezu zusammenraffen, um ge 
wisseren aassen zum Leben wieder zurückzukommen. Un 
glaublich ist es, darin muss ich mich dem Eingangs erwähn 
ten Ausspruche anschliessen und Ben Akiba wieder einmal 
Lügen strafen. Es ist unmöglich, das gebotene so zu schil 
dern, wie ich es gesehen habe, darum gehe jeder selbst bin 
und staune. 
Nun ist die natürliche Frage, wie ist man in der Lage, 
überhaupt etwas derartiges bieten zu können? Nun, im 
Grundgedanken ist die Sache verhältnissmässig einfach und 
bis zu einem gewissen Grade wohl allgemein bekannt. Der 
technischen Ausführung standen jedoch bisher stets grosse, 
fast unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. "Wohl jeder 
kennt das sogenannte Lebensrad, jene mit Schlitzen versehene 
Trommel, welche vor dem hineinschauenden Auge die innen 
befindlichen Bilder in Bewegung erscheinen lässt Dieser 
Apparat beruht auf der Thatsache, dass mehrere in kurzen 
Unterbrechungen gegebene Eindrücke dem Auge als ein ein 
ziges Bild erscheinen. Auch der neue Apparat, Kinemato 
graph, basirt auf dem gleichen Princip. Die Scenen, welche 
uns in dem bewegten Bilde vorgeführt werden, sind aus dem 
wirklichen Verkehrsleben mittels photographischer Aufnah 
men herausgezogen worden. Um ein vollkommenes Ganzes 
zu bieten, musste natürlich jede Bewegung in allen ihren Ein 
zelstadien festgehalten werden. Nach vielen Versuchen ist 
es gelungen, einen Apparat zu construiren, mit welchem nicht 
weniger als 15 photographische Aufnahmen in der Sekunde, 
also 900 in der Minute gemacht werden können. Die licht 
empfindliche Platte des Apparates besteht aus einem ent 
sprechend präparirten Band, welches sich mit ziemlicher Ge 
schwindigkeit hinter dem Aufnahmeobjectiv vorbeizieht, be 
wegt durch zwei elektrisch betriebene Rollen. Von dem 
so gewonnenen Negativ wird das Positiv gefertigt, welches
	        
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