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Periodical volume Nr. 113, 8. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
Oie wissenschaftliche Botanik in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.] 
In dom grossen. Gebäude der Gruppen XVIII und XIX 
(Wohlfahrtseinriohtungen und Unterricht und Erziehung) 
ist der Baumeister, dessen herrlicher Schöpfung wir im 
übrigen volle Bewunderung zollen, nicht allen Ausstellern 
gleich gnädig gewesen. Besonders im unteren Geschoss der 
mächtigen Halle ist wohl allenfalls die Luft, aber nicht das 
Licht auf alle gleich vertheilt. Es giebt da gewisse Winkel, 
welche sich kein Aussteller aussuchen würde, wenn ihm freie 
Wahl gelassen wird. In einem solchen Winkel sind durch 
Ironie des Schicksals eine Anzahl von Blumen mit wunder 
voll grossen Blüthen, wie sie noch nie jemand in dies r Grosse 
lebend erschaute, hineingerathen — und Blumen brauchen 
doch Licht! — Zum Leben freilich brauchten diese Blumen 
es nicht, denn sie sind künstlich von Menschenhand gebildet. 
Und doch wird mancher Besucher, der dort vor der hohen 
Glaspyramide, unter welcher jene Blumen gehalten werden, 
stehen blieb, meiner Meinung beipflichten, dass auch diese 
Blumen mehr Licht brauchten, als ihnen von den Licht 
strahlen, die von den Fenstern her einen etwas weiten und 
gewundenen Weg bis dorthin machen müssen, bewilligt wird. 
Es sind auch keine „.künstlichen Blumen“ in dem gewöhn 
lichen Sinne, nicht etwa die Auslage eine Putzgeschäfts. 
Diese Nachbildungen, so sehr sie zum Schmucke dienen 
könnten, haben einen ernsteren Zweck: den der Belehrung. 
Wir sind keiner Schaustellung von Modeartikeln gegenüber, 
die nur unseren Sinn erfreuen soll, sondern einer solchen, 
die sich an unser Wissen oder an unsere Wissbegier wendet. 
Es ist das Pflanzenphysiologische Institut der Universität 
Berlin, das hier eine Uebersicht zu geben beabsichtigt, in 
welcher Weise und mit welchen Mitteln den Studirenden 
der Botanik der innere und äussere Bau sowie die Entwicke 
lung der Pflanzen demonstrirt wird. Ausser dem erwähnten 
Glasschranke, in dem sich Modelle von Blüthen, von Blüthen- 
ständen u. s. w. befinden, ist noch eine grössere Collection 
von Präparaten ausgestellt und ausserdem, an den Wänden 
vertheilt, eine ganze Eeihe von Botanischen Wandtafeln —- 
die beiden letzten Abtheilungen freilich unter besonders 
mangelhaften Beleuchtungsverhältnissen leidend. Abge 
sehen davon werden wir die Ausstellung der Wandtafeln 
hier übergehen müssen; dieselben sind in ihrem ausgezeich 
neten Entwürfe (von dem Director des Instituts Professor 
Dr. Kny) und ihrer trefflichen Ausführung (Verlag von Paul 
Parey Berlin) für den Unterricht werthvollste, nahezu un 
entbehrliche Hilfsmittel geworden; ihre Besichtigung ver 
langt aber ein specielleres Interesse, zu dessen Unterstützung 
ausserdem die leider unerlässlichen Erklärungen der Tafeln 
fehlen (ein Mangel, für den die Leitung des 1 Instituts übri 
gens kein Vorwurf trifft, wie erwähnt werden muss). Wir 
wollen uns also gleich den anderen, ungleich lebendiger zu 
uns sprechenden Theilen dieser inhaltreichen kleinen Special- 
Ausstellung, der sich noch eine Collection von Präparaten aus 
dem Botanischen Museum angliedert, zuwenden. 
Zuweilen, wenn heller Sonnenschein günstigere Ver 
hältnisse schafft, geht es an dieser Stelle recht lebhaft zu. 
Besonders ziehen che Modelle der bekannten Feld- und Gar 
tenblumen durch ihre getreue, schöne Nachbildung und na 
mentlich durch ihre starke Vergrösserung die Blicke Vieler 
auf sich. Hier findet jeder einen oder mehrere Bekannte. 
Da grüsst uns die rothe Blüthe der Kapuzinerkresse, wie sie 
vielleicht daheim auf unserem Balcon mit ihrem üppigen 
Geranke das! Geländer ziert und uns mit ihrem dichten Ge 
winnst von, Stielen und Blättern vor zudringlichen Blicken 
schüttet. Dort die Kornrade, der blaue Saphir des goldenen 
Kornfeldes, wie die rothen Mohnblüthen dessen Bubinen 
sind. Daneben der hoch aufschiessende Bittersporn. Von 
Feldblumen begegnet uns das Himmelsschlüsselchen und die 
Blüthe des giftigen Fingerhutes>. Der Obstgarten findet sich 
durch eine grosse weisse Kirschenblüthe vertreten j, der Ge 
müsegarten durch die Gurke, von welcher männliche und 
weibliche Blüthe dargestellt sind; der „Garten“ des Waldes 
durch die eigenartige Blüthe der Preisselbeere. Eine Fei 
genfrucht zeigt sich in fünffacher, eine Feigenblüthe in 
dreissigfaeher Vergrösserung. Ueber den inneren Bau von 
Blüthen und Früchten belehren uns andere Mode le, welche 
diese Pflanzentheile der Länge nach durchschnitten zeigen. 
Die Modelle sind in dem genannten Institute von dessen 
Director unter Assistenz von Fachleuten hergestellt und 
dann in den Lehrmittelverlag von B. Brendel übergegangen. 
Jedem Stück ist eine Tafel beigegeben, auf welcher der Name 
der betreffenden Pflanze und der dargestellte Theil derselben 
in lateinischer, deutscher, englischer, französischer, italie 
nischer Sprache bezeichnet ist. Die Vergrösserung der 
Pflanzentheile muss häufig eine sehr starke se.n, um zur Ver 
anschaulichung zu genügen; so bei den Colonieen des Brod- 
und des Frucht-Schimmels, an welchem wir die Organe und 
die Art der Fortpflanzung beobachten können. Bei den 
Theilen eines Lebermooses (Marchantia polymorphe,!, der ein 
zigen in Deutschland vorkommenden Art dieser Gattung, 
welche jeder schon mit mehr oder weniger Aufmerksamkeit 
auf überspülten Felsen oder feuchten Mauern gesehen hat, 
mussten Vergrößerungen bis zum 1-J75 fachen angewandt 
werden, um die männlichen und weiblichen Elemente der 
Fortpflanzung zu demonstriren. 
Eine ganze Collection von Modellen bringt die zahlrei 
chen Arten der „Blüthenstände“ zur Darstellung, der Arten, 
in denen sich die Blüthen einer Pflanze, wenn sie zu mehreren 
an einem Hauptstiele sitzen, um diesen anordnen. Auch hier 
sind den deutschen Bezeichnungen: Traube, Aehre, Dolde, 
Trugdolde, Schraubei, Wickel, Fächel, Köpfchen etc. stets 
die lateinischen, französischen, englischen und italienischen 
Namen beigefügt. Ein sehr ausgezeichnetes, unentbehr 
liches Hilfsmittel zum Verständniss und zur Unterscheidung 
solcher Anordnungen sind die ebenfalls von dem Director 
des Institutes Prof. Dr. Kny erdachten schematischen Dar 
stellungen, welche auf Glascylindern mit mathematischer 
Genauigkeit die verschiedenen Stellungen der Knospen am 
Stamme bestimmen lassen. Ein paar weitere Modelle zeigen 
noch verschiedene Arten von Samenanlagen in der Frucht; 
als Typen sind ausgestellt: der in Teichen und Sümpfen le 
bende Gemeine Froschlöffel, der Bhabarber und die Nacht 
kerze oder Gartenrapunzel, aus deren Wurzeln der Bapunzel- 
salat gemacht wird. 
Unter den in den flachen Wandschränken aufgestellten 
natürlichen Präparaten fällt zunächst eine Zahl von Marmor 
plattenauf, welche durch Pflanzenwurzeln eingeätzt sind. Man 
streut auf die Platte eine dünne Schicht Erde und in diese 
die Samen der Pflanzen; in wenig Tagen entwickeln sich 
lange Wurzelfäden, welche Säuren ausscheiden und durch 
diese den kohlensauren Kalk des Marmors angreifen. Beim 
Entfernen des Ganzen von der Platte zeigt sich daher auf 
dieser ein Bild des Wurzelnetzes unauslöschlich eingeätzt. 
Die zu den ansgestellten Versuchen benutzten Pflanzen waren 
die Saubohne, die Erbse, die Sonnenblume und der Mais. —> 
Eine zwar nicht mehr ganz neue, aber erst im hiesigen In 
stitut als Lehrmittel recht zur Anwendung gekommene Me 
thode zur Herstellung dauerhafter Praeparate wird durch 
eine grössere Beihe illustrirt. Besonders ist dieselbe für Pilz 
culturen geeignet. Sie werden auf Gelatine in Verbindung 
mit Pflaumenabsud, Traubenmost oder einer anderen Nähr 
lösung gezogen, dann zwischen zwei Glasplatten gelegt; auf 
diese Weise halten sich die Culturen jahrelang und können 
bei allen akademischen Vorlesungen zum Studium bei den 
Hörern herumgereicht werden. Wir finden in der beschrie 
benen Weise ausgestellt: Culturen des Brodschimmels, des 
Traubenschimmel und anderer Pilze. Die Pilze nehmen auch! 
ausserdem noch ein ganze Beihe von Präparaten ein. Da 
sehen wir z. B. die schlimmen Feinde unseres Brodgetreides, 
das „Mutterkorn“ auf der Boggenähre; den „Schmierbrand“ 
(Tilletia caries), welcher sich in den Weiztenkörnera verbirgt 
und durch seine Verborgenheit sowohl dem verarbeiteten Korjj
	        
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