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Periodical volume Nr. 112, 7. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

8 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
Die Wagenbauer Berlins. 
[Abdruck untersagt.] 
Neben der Gross - Industrie im Wagenbau, die durch 
Neuss, Kühlstem und Kliemt repriisentirt wird, hat noch eine 
grosse Anzahl von Wagenbauern ausgestellt, die die Fabri 
kation mit Hilfe anderer selbstständiger Meister, sei es Stell 
macher oder Sattler, Lackirer, Schlosser, Schmiede u. s. w. be 
treiben. Auch diese Erzeugnisse zeichnen sich durch treff 
liche Construction und elegante Ausführungen aus und geben 
der Gruppe manch schönes, den Kenner überraschendes Stück. 
Die Wagenfabrik von J. Frauenknecht führt einen 
schneidigen Selbstfahrer für vier Personen vor, dessen Hinter 
sitz zum Aufklappen ist, so dass sich die Insassen dos-ä-dos 
gruppiern können. Ein Leder-Landauer fällt durch ge 
schmackvolle Sattlerarbeit, durch reiche Innen-Ausstattung 
in grauer Seide und hübsche Lackirung in dunkelgrün mit 
wassergrüner Absetzung sehr angenehm auf. Auch die ge 
fällige Stellung des Verdecks, zu den übrigen feinen Linien 
des Baues passend, ist bemerkenswert!],. Von derselben 
Firma sind noch ein viersitziges Coupee und ein Phaeton mit 
Halbverdeck am Platze. M. E. Moringen zeigt in der Leder 
halle einen Brautwagen. Das grosse, zweisitzige Coupee 
mit Glasverdeck ist im Innern mit hellgrauem Seidenrips 
ausgeschlagen und .reich mit schönen Posamenten ausge 
stattet. Die schwarze Lackirung, mit Silber abgesetzt, die 
silbernen Laternen mit hohem, adlergeschmücktem Aufsätze 
geben dem Gefährt auch äusserlich ein festliches Gepräge. 
Die Bauart ist breit, bequem und doch recht gefällig. Die 
hier wieder zu Ehren gekommenen C-Federn sind bei grossen 
schweren Wagen ganz praktisch, während sie sonst fast über 
all durch die elastischeren, ellipsoidischen Doppeldruckfedern 
verdrängt worden sind. Manch sehnsüchtiger Blick aus 
schönen Augen streift den Wagen und aus manchem rosigen 
Munde hört man die Worte : „Ach, wenn ich doch auch erst in 
solchem Wagen sässe!“ Eine Doppelkalesche derselben Firma 
ist deshalb bemerkenswert!], weil die Sitze nach vom und hin 
ten ausgebaut sind, was sie breit und bequem macht, ohne dass 
der Grundriss des Oberbaues eine wesentlich andere Gestalt 
erhält. Ein sehr schlankes Phaeton hat trotz ungewöhn 
licher Länge doch sehr feine Formen, beim Vordergestell fehlt 
beim Kranz der Spannagel, eine Construction, die dem Er 
finder patentirt ist. August Färber wendet an einem sehr 
ansehnlichen Phaeton bei den Steigbügeln des Verdecks eine 
durchgehende Welle an, so dass sich das Lederdach schon 
durch einen Druck auf einer Seite in voller Breite auf- und 
niederschlagen lässt. Ein vornehm ausgeschmücktes Coupee 
wird am Abend durchAccumulatoren, die unter dein Kutscher 
sitz angebracht sind, hell erleuchtet. Die Leistungen der 
Firma S. Kamin Nchf. 8. Orwat sind nach einem Phaeton und 
einer Clarence in gediegener Construction und sauberster 
Ausführung sehr günstig zu beurtheilen; ein gleiches ist 
bei den Wagen, einem Phaeton und einem Coupee von G. 
Herter der Fall, die im Untergestell durch einen mit Mutter, 
Splint und Kapsel befestigten Spannagel von herkömmlichen 
Mustern abweichen. Ein Coupee und ein Amerikaner 
(Selbstkütschirer) des Hofwagenbauers Anton Gsell (J. An 
dres Nacli'f.) sind in Bau wie Ausstattung tadellose Erzeug 
nisse der Wagenbaukunsf.. Gleich ehrenvoll präsentirt sich 
mit ihren noblen Wagen die Hofwagenfabrik von ,1. Stein. 
G. Dittmann arbeitet vorzugsweise für den Sanitaitsdienst der 
Armee. Ein Transportwagen für vier Schwer- oder acht 
Leichtverwundete lässt den Meister in diesem Specialfach er 
kennen. Das sehr elastisch federnde und doch feste Fuhr 
werk mit Sonnendach ist im Innern so gebaut, dass die Trag 
bahren auf Schienen eingeschoben werden können, während 
die Sitzbänke hochzuklappen sind. Fuss- und Armschlingen 
erleichtern Lage oder .Sitz der Verwundeten. Die Tragbah 
ren, deren Gestell des möglichst leichten Gewichtes wegen 
aus Mannesmannröhren besteht, sind mit Segeltuch überzo 
gen. 1 nt er dem Kopftheil ist ein Tornister mit dem noth 
wendigsten Verbandszeug angeschnallt. Zeigen schon diese! 
selbst construirten Bahren den tüchtigen Fachmann, so noch 
mehr die praktische Anordnung und Ausnutzung des Baumes, 
die sich bei einem Apothekerwagen für die Armee bemerk 
bar machen. Nach besten englischen und französischen Vor 
bildern arbeitet Otto Probst, bei dessen Wagen manches Neue 
zu finden ist. Das Untergestell ist hier durchgehends aus 
Eisen, der Spannagel mit Achsenkappe, Sicherheitsmutten 
und Splint versehen und auch in der Befestigung des Sitz 
polsters auf dem Bock, in Sitztaschen u. s. w. kommt manch 
gesunde und neue Idee zum Ausdruck. ('. Kühe, Inhaber 
Mas Leuschner, hat einen leichten achtsitzigen Jagdwagen, 
der auch als Phaeton gefahren werden kann, ausgestellt. Bei 
einem Landauer ist das I erdeck durch Federn zu heben und 
die Sitze sind hoch und niedrig verstellbar. Mit einem 
eleganten Coupee, einem Phaeton und einer Halbchaise ist 
die Firma Ernst & Co. ehrenvoll vertreten,. Geldes & Sohn 
bieten ein sehr fest und sauber gearbeitetes Coupee aus 
Eschenholz. Fr. Hellmuth betreibt als Specialität den Bau 
von Geschäfts- und Reelamewagen, die zahlreich ausgestellt 
sind. Ein Jagdwagen von C. L. Liebelt (R. Liebe) ist zweck 
mässig niedrig und doch mit hohem Rad gebaut. Vorn ist 
eine sehr standhafte Knieachse angewandt, wählend die Hin 
terfedern seitlich an den Wagenkasten angeschraubt sind. 
Ferner ist der Wagen noch mit Zweispänner-Vorhalte und 
beweglichem Deichselbeschlag versehen. Von J. Obermaier 
sind ein ein- und ein zweispünniges Phaeton, von W ilhelm 
Köniu - unter anderem eine hochnoble Clarence und von Otto 
Domack mehrere in jeder Beziehung lobenswerthe Fuhrwerke 
zu sehen. In der linksseitigen Maschinenhalle sind mehrere 
Geschäfts- und Reelamewagen von Guido Hübner ausgestellt, 
denen man praktische Bauart und hübsche Lackirung nach 
rühmen kann. In der Haupthalle des Industriegebäudes, 
bei den Sattlerarbeiten finden wir noch Hofsattermeistefr 
Fr. Steinmetz mit mehreren sehr vornehmen Gefährten. In 
ter anderem fallen ein leicht gebauter Selbstkütschirer und 
ein vierspänniger Gesellschaftswagen mit englischem. Wagen- 
tritt und Radbremse auf. 
Zur Wagengruppe gehört auch die Ausstellung von 
Gebr. Wienecke, welche rohe Hölzer für Stellmacher und 
aus ihrer Holzbiegerei Radtheile, Scheerbäume, Speichen, 
Naben und Kothflügel aus Hickoryholz liefern. Die wich 
tigste Specialität der Firma ist der Wagenrohbau, mit dem 
sie an dieser Stelle durch eine Kalesche aus Nussbaum mit 
Eschenholzeinfassung und mit eisernem Untergestell, durch 
eine Clarence und ein Phaeton ferner durch einen Selbstkut 
sch irer vertreten sind. Die guten Formen und die ausserge- 
wöhnlich gediegene Bauart in Holz- wie in Eisentheilen 
sprechen für die gute Arbeit dieser Firma, welche auch 
allerlei Sehlossertheile sowie grosse und kleine Constructions- 
zeicknungen zur Schau stellt. Sammlungen von Laternen, 
Achsen und anderen Wagen theilen aus verschiedenen Fa 
briken und Werkstätten, reihen sich gleichfalls in die statt 
liche Wagenhaugruppe ein und vervollständigen das für den 
Kenner ungemein fesselnde Bild dieses Theils der Gesammt- 
ausstellung. Der Berliner Wagenbau zeigt sich, wie tüch 
tige Sportleute, Prinz Albrecht, Regent von Braun 
schweig anerkannt haben, der Aufgabe, auch seinerseits durch 
Hebung des Fahrsports Berlin ein weltstädtisches Gepräge 
zu geben, voll gewachsen und die Gewerbe-Ausstellung wird 
hoffentlich auch diesem Berliner Gewerbe im In- und Aus 
lande das wohlverdiente Ansehen verschaffen. E. N. 
Beleuchtungskörper. 
[Abdruck untersagt.] 
(Gruppe VII, Metall-Industrie.) 
Erst wenn man in den Räumen unserer Gewerbe- 
Ausstellung die Erzeugnisse der verschiedenen Gebiete der 
Arbeit zu Gruppen geordnet beisammen sieht, erst dann — 
so meinen wir — kann man sich einen rechten Begriff davon 
machen, wie rastlos und mit welchem Aufwand an Hinge 
bung bei uns gearbeitet worden sein muss, um solche über 
raschende Resultate zu erzielen.
	        
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