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Periodical volume Nr. 110, 5. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellung - Nachrichten. 
y 
haben zur Einrichtung grosser maschineller Müklenanlagen 
geführt, welche nach Menge und Güte bedeutend erhöhte 
Leistungsfähigkeit gegenüber den alten Windmühlen auszu 
weisen haben. Namentlich ist Berlin in dieser Hinsicht 
bahnbrechend gewesen, da es dank der vorgeschrittenen Ma- 
schinenindustrie technische Schwierigkeiten mit Leichtigkeit 
überwinden konnte. Auch in der Berliner Gewerbe-Ausstel 
lung 1896 ist der Berliner Mühlenbau hervorragend in zwei 
grösseren Anlagen und durch mehrere Einzelaussteller ver 
treten. 
Die erste grosse Anlage befindet sich unmittelbar neben 
dem Kesselhause der Ausstellung und ist von der Maschinen 
fabrik für Mühlenbau vorm. C. G. W. Kapier hergestellt. In 
dem Untergeschoss des ausgedehnten, in Ziegelrohbau her 
gestellten Gebäudes, welches mit seinen breiten und hohen 
Fenstern einen recht freundlichen Anblick bietet, befinden 
sich die Räume für den Motor, zur Lagerung der Cerealien 
wie des fertigen Mehles. Das Obergeschoss nimmt die eigent 
liche Mühleneinrichtung auf. Nach dem Eintritt in die ge 
räumige Halle sehen wir unmittelbar vor uns eine Pyramide, 
welche in kleinen Kästen das Mahlgut, nach den verschiede 
nen Stadien seiner Herstellung geordnet, dem Besucher vor 
führt, Linker Hand stehen, den Zuschauerraum von der 
Maschinenanlage abtrennend, verschiedene Säcke mit Ge 
treidearten, welche zur Mühle kommen. Rechts sind mehrere 
Zeichnungen und Pläne ausgehängt, welche die Einrichtung 
ausgeführter Anlagen von Borsigmühlen, ähnlich dem aus 
gestellten Muster, wiedergeben. Betrachten wir jetzt die 
maschinelle Einrichtung, folgerichtig von der linksseitigen 
Querwand beginnend. Den Anfang bildet eine Kömei’- 
Reinigungs-Masehine. Oben befindet sich ein trichterför 
miger Einlauf, durch welchen die Getreidefrucht auf das 
oberste schrägstehende Schüttelblech gelangt. Hier scheiden 
sieh Unreinigkeiten, mitgeführte Steinchen u. s. w. aus. In 
einem darunter angebrachten zweiten Sieb in Cylinderform 
geschieht die Abstossung der Grannen und losen Hülsen, 
welche durch Bürstenvorrichtungen beseitigt werden. Ebenso 
wie die Körnermasse in diesem Apparat aus dem Unterge 
schoss mittels Elevator emporgehoben wird, erfolgt die Wei 
terbeförderung des gereinigten Mahlgutes in den Waschappa 
rat, welcher die Körner vom Sand u. s. w. reinigt und gleich 
zeitig durch Anfeuchtung für den nächsten Process geeignet 
macht. Es folgt nun in einer anderen Maschine das 
Schroten des Getreides, d. h. das gröbere Vermahlen als Vor 
bereitung für den eigentlichen Mahlpvooess, welcher in mehre 
ren Feinmühlen erfolgt. In die senkrechten Zuleitungsrohre 
siudJiurz vor der Maschine Glascylinder eingeschaltet, welche 
eine genaue Kontrole des Mahlgutes ermöglichen. Die Müh 
len weichpn von den gewöhnlichen erheblich ab. Keine 
Mühl ensteine machen die Mahlarbeit, sondern an ihre Stelle 
sind um horizontale Achsen laufende harte Stahlwalzen ge 
treten. Dieselben sind an einandergepresst und zermahlen 
die zwischengeführten Cerealien zu einem feinen staubför 
migen Mehl. Sinnreich angebrachte Federvorrichtungen 
können bewirken, dass durch Fremdkörper die "Walzen nicht 
beschädigt werden. Infolge der grossen Betriebsgeschwindig 
keit haben die Maschinen eine sehr hohe Leistungsfähigkeit 
aufzuweisen. An der Hintexwand der Halle stehen noch ver 
schiedene Reinigungsmaschinen, von denen die meisten zum 
Reinigen des fertigen Productes dienen. Besonderes 
Interesse erweckt die Sehüttelmaschine, deren beide überein 
anderliegende, durch Stoff röhren verbundene Kästen mit er 
heblicher Geschwindigkeit und in stets wechselnder Rich 
tung zu einander bewegt werden. Sie eignet sich vorzüglich, 
die innige Vermischung verschiedener Mehlsorten herzustel 
len. Ausserdem sind noch verschiedene Schrotmühlen u.s.w. 
vorhanden, welche zusammen mit den anderen Maschinen 
infolge ihrer exacten Arbeit und der durch die Vernickelung 
der Wanken Theile bewirkten Sauberkeit der Firma ein 
'ehrendes Zeugniss ausstellen . 
Während in dieser Anlage die einzelnen Apparate auf 
gleichem Niveau stehen, so dass die Zuführung des Mahl? 
gutes zu den verschiedensten Processen unter Anwendung 
von Elevator und Schneckengang erfolgen muss, hat die be 
kannte Firma Petzold & Co. die verschiedenen von einander 
abhängigen Maschinen übereinander angeordnet. Ihr Aus 
stellungsgebäude befindet sich genau hinter dem Mittelschiff 
des Hauptgebäudes im Maschinenhofe. Der Mittelgang wird 
abgeschlossen durch ein originelles Bauwerk, aus dessen 
Fenster die reizende Müllerin zum Nähertreten einladet. 
Und wahrlich, es verlohnt sich, ihrem Rufe zu folgen. Auf 
der obersten Plattform der linken Seite stellen die Reinigungs 
und Sortirmascliinen für die Cerealien, welche durch Aufzüge 
sackweise oder mittels Elevators als Mahlgut emporgefördert, 
werden. Auch die Schrotmaschinen sind auf demselben 
Plateau mit vertreten. Das geschrotene Mahlgut fällt nun 
in die tiefer stehenden Mühlen, welche ebenfalls mit Cylin 
derwalzen u. s. w. versehen sind und wird hier zu feinem 
Mehl verarbeitet/. Das Product verfasst die Maschine in 
drei verschiedenen Auslaufrohren. Das feine Mehl, wie 
das minderwertliige (Gries) gelangen aus sämmtlichen 
Mühlen in je einen Holzkanal, worin sie durch eine 
Schneckenwelle vorwärtsgeschoben werden bis zu der Ver 
ladekammer, wo sie in Säcke verpackt werden, oder zu der 
Mischmaschine. Auf der rechten Seite der Anlage sehen wir 
nicht die vorgenannten Walzenmühlen sondern je eine Mahl 
einrichtung mit französischen und deutschen (künstlichen) 
Mühlsteinen. Das Obergeschoss wird hier, wie bei den 
anderen Maschinen durch Sortir- und Reinigungsapparat 
gebildet. Die in der darunter liegenden Mühle befindlichen 
Steine sind natürlich, da sie von einem Kasten umschlossen 
werden, nicht sichtbar. Jedoch erkennt man diese Apparate 
an ihrer niedrigen kreisrunden Form. Daneben fällt eine 
sich von der obersten Plattform nach unten durchziehende 
Vorrichtung durch ihre eigenartige trichterförmige Gestalt 
in’s Auge. Es ist dies eine Mehlmischmaschine, in welche 
mittels eines Rührwerkes verschiedene Mehlsorten innig zu« 
sammengemengt werden. 
Der Antrieb in den beiden bisher beschriebenen An 
lagen erfolgt, was namentlich in dem Petzold’sehen Gebäude 
sehr gut sichtbar ist, durch im Untergeschoss verlegte Trans 
missionswellen und Riemenscheiben. In der Ausstellung 
wird als Kraftquelle bei beiden Einrichtungen eine unten in 
besonderem Raume aufgestellte Dampfmaschine verwendet. 
Man kann jedoch ebensogut Gas, Petroleum, Benzin und 
namentlich, die Kraft des strömenden Wassers benutzen. 
Vom Windantrieb muss abgesehen werden, da derselbe wegen 
der unregelmässigen Luftströmung ein immerwährendes 
Wenden des Windfanges (Flügel) erfordert, welches nur bei 
Bockwindmühlen möglich ist. Dass in Mühlenanlagen 
nach vorbeschriebenen Mustern der Betrieb bedeutend ra 
tioneller und ergiebiger gestaltet werden kann, als bei den 
bisherigen Wind- und Wassermühlen mit ihren schwer 
fälligen Mahleinrichtungen, bedarf wohl keines weiteren 
Commentars. Schon das ist von hoher Bedeutung, dass den 
neuen Erfindungen im Mühlengewerbe selbst bei grösster 
Inanspruchnahme stets peinlichste Sauberkeit eigen ist. 
Ausser diesen beiden genau ausgeführten Mühlenanlagen 
sind noch hervorragend an der Ausstellung mit Müllerei 
maschinen Fr. Ilaake, sowie mit Mühlsteinen, seidener Gaze 
und sonstigen Utensilien Carl Goltdammer Nachf. Fessel u. 
Mohn sowie Er. Wm. Schulze (namentlich mit deutschen 
Steinen) betheiligt. Auch diese Firmen haben sich schon 
vielfach bewährt und sich in ihren Leistungen immer noch 
weiter vervollkommnet. 
Fasst man die ganzen Leistungen, wie wir sie betrachtet 
haben, kurz zusammen, so muss man zu der Ueberzeugung 
kommen, dass auch die Berliner Specialität „Mühlenbau“ 
auf der Höhe der modernen Technik steht und volle Aneiw 
kennung verdient. H. Jacob.
	        
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