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Periodical volume Nr. 109, 4. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielie Ausstellungs - Nachrichten. 
geld wieder umkehren. Als Ersatz nahen sich zwei Sauf- 
cumpane, von denen der Eine den Anderen und der Andere 
den Einen führt; natürlich wird doch noch ein Fläschchen 
auf den Weg mitgenommen. . Ein weiteres Bild zeigt die 
Rückkehr der Berliner vom Stralauer Fischzug; hier haben 
einige herrenlose Hunde unter dem Oe wühle besonders bei 
den Damen grosse Verwirrung angestiftet. Ein Aquarell, 
das sich „Scene bei Stralau“ nennt, zeigt uns ein Boot auf der 
Spree mit zwei Insassen, von denen der Eine Jüngere eben 
mit Anstrengung die leere Angel herauszieht, während der 
Alte mit der Thonpfeife im und der „kühlen Blonden“ vor 
dem Munde jenen fragt: „Kriegst ’en alleene raus Karl oder 
soll ick helfen“. 
Viel belacht vom Berliner Publikum wird auch ein altes 
wendisches Götzenbild, welches bei Alt-Friesack ausgegraben, 
wurde, aus Holz roh geschnitzt. Von einem Aberglauben 
der Fischer, der noch heute weit bekannt ist, erzählt eine 
Zusammenstellung von Gräten des Hechtkopfes. Es geht 
nämlich die Sage, dass der Hecht das Leiden Christi im Kopfe 
nachgebildet trüge. Es lassen sich da unterscheiden der 
Kelch mit der Patene, die Dornenkrone, die Palme, das Kreuz, 
die Nägel, der Stock, der Speer und das Schwert. Wer solche 
Hechtkreuze bei sich trägt, besonders wenn sie heimlich in 
die Kleidung eingenäht werden, dem bringen sie Glück. Dass 
Fischgräten auch sonstige Verwendung erhielten, zeigt das 
hübsche Spielzeug eines Fischreihers aus den Gräten eines 
Blei: auch hierbei .soll freilich noch ein alter wendischer 
Glaube im Spiele sein. Dr. T. 
Für die kleinen Mädchen. 
[Abdruck untersagt.] 
Ein „zu wenig“ ist oft hässlich, ein „zu viel“ ist es im 
mer ! Es gilt dies von den Damentoiletten im Allgemeinen, 
von den Toiletten für die Kinder und die Jugend aber im 
Besonderen. Eine reiche, kostbare Toilette, selbst wenn sie 
der herrschenden Mode angepasst, etwas bunt und überladen 
erscheint, passt sehr wohl für Damen, die in voller Frauen 
reife prangend, entweder selbst eine Stellung einnehmen oder 
die Stellung ihres Gemahls theilen. 
Schwere Stoffe, kostbare Spitzen und Stickereien, reiche 
farbenprächtige Garnirungen sind (selbstverständlich bei 
passenden Gelegenheiten) da immer am Platz. 
Aber auch hier gilt das Wort: „Eines schickt sich nicht 
für Alle“, und für die Kindheit und Jugend bleibt immer 
das Einfachste das Schönste. Schmückt doch der Reiz der 
Jugend mehr als das Kleid, und ein überladener anspruchs 
voller Anzug nimmt der jugendlichen Erscheinung eines! 
Mädchens viel von ihrem Reiz. — Dasselbe gilt von den Toi 
letten der Kinder, die in überladener Pracht niemals einen 
wahrhaft schönen und vornehmen Eindruck machen, da 
gegen einen desto angenehmeren, wenn sie gediegene Ein 
fachheit zeigen. Dem immer mehr sich ausbreitenden Segen 
der grossartigen hygienischen Bestrebungen auf allen Gebie 
ten verdanken wir es ja hauptsächlich, dass man, nament 
lich was die Machart der Kinderkleider anbetrifft, wieder zu 
Ifler verständigen Ansicht gelangt ist, dass alles Feste, Ge 
drechselte, Steife die Figur des Kindes entstellt und störend 
auf das Wachsthum und auf das Wohlbefinden wirkt. Aus 
England, dem wir ohne Frage auf diesem Gebiet viele Re 
formen verdanken, kam ja auch die Wiederbelebung aller al- 
jter muskel- und nervenstärkender Bewegungsspiele, die es 
jmit sich brachten, dass auch die Kleidung diesen Spielen an 
gepasst, leicht und frei sein musste. 
In der letzten Zeit erfuhren nun auch die Kleider der 
Meinen Mädchen, die im vorigen Jahre bis auf die Füsse 
reichten, eine sehr vernünftige Verkürzung. Bei der Einsicht, 
Hass auch diese Länge die freie Bewegung hemmen musste, 
modificirte mau die Kleidung, freilich ohne in’s Extrem zu 
verfallen und zu den kniekurzen Kleidehen zurückzukehren. 
Die Machart der Mädchenkleider für’s kleinste Baby, 
»reiches erst auf eigenen Füssen stehen lernt bis zur 
11—12jährigen Schülerin ist dieselbe: Halsstüek und krauser 
Faltenansatz. 
Gleichwohl bleibt die Grundform der Kleider noch immer 
fast die gleiche, nur wird sie durch den Gürtel vervollstän 
digt, der das Kleid in Blouse und Rock theilt. 
Was in Berlin auf dem Gebiet der Kinder-und Mädchen- 
Confection geleistet wird, ist sattsam bekannt. Man braucht 
nur an die grossen Firmen Arnold Müller, Bette Büd und 
Lachmann, Wolle und Bud, Adele Rosenthal, Rothkäppchen 
n. s. w., daneben auch Gerson, Mey u. Edlich, Lewin, Jordan 
zu erinnern, deren Schaufenster in der Stadt und deren 
Schränke in der Ausstellung immer die reizendsten und kleid 
samsten Neuheiten bieten. 
Für jedes Alter, jeden Preis, jede Gelegenheit, für Haus, 
Garten, Promenade, Spielplatz, Reise, Schule und auch für 
grössere festliche Gelegenheiten sind die reizendsten Sachen 
fertig, geschmackvoll und — was die Hauptsache ist — solid 
gearbeitet in soliden Stoffen, zu haben. Da sind die jetzt 
und mit vollem Recht so beliebten Matrosenkleider für den 
Sommer in weissen resp. hellen Waschstoffen mit blauem 
Kragen und Ausputz, für den Winter in prächtigen marine 
blauen Cheviots oder anderen soliden Waschstoffen mit hel 
lerem blauem oder weisslem Kragen, weissein oder blauem 
Besatz und oft goldenem Ankerschmuck. Auch die weisse 
oder blaue Marinemütze mit einem Schiffsnamen ist dazu für 
kleine Mädchen durchaus chic. 
Für den Spielplatz eignen sich die Hänger aus buntem, 
gestreiftem oder mit sonst niedlichem Muster versehenen 
Kattune und Perkale am besten oder die aus dem leichten 
baumwollenen Flanell, den man Lawn-Tennis nennt. Sie 
sind ganz lose, mit oder auch ohne Gürtel, stets aber mit 
weitem Aermel gearbeitet, der mittels unten eingezogenen 
Gummibandes höher hinauf oder tiefer herab geschoben 
werden kann. 
Für festliche Gelegenheiten und Promenade im Sommer 
kommen dann die nie aus dem Felde zu schlagenden weissen 
Kleidchen mit den bunten Gürteln, wie sie vor 20—25 Jahren 
den Gipfel der Eleganz bildeten. So erfreuen sich auch seit 
dem vorigen Jahre zu diesen Kleidern die damals sehr be 
liebten, eine ganze Reihe von Jähren aber total vergessenen, 
gepunkteten weissen Mullstoffe wieder grosser Beliebtheit. 
In diesem Jahre werden die weissen. Kleider der Kinder und der 
„ersten Jugend“ gern und viel über bunten lichten Unterge 
wändern getragen und mit Gürteln in der Farbe des Unter 
kleides geschmückt. Da Stickereien für alles und jedes be 
liebt sind und sehy modern sind, so erfreuen sich auch die 
weissen Kinderkleider oft reichen Stickereischmucks. Und 
wie vielseitig ist dieser Schmuck ! Da giebt es Plattstich 
und durchbrochene Stickerei, „ Ranken, Arabesken, Blumen- 
umb; Blattmuster, so dass das' schlichteste Kleid durch die 
Stickerei oft von grösster Kostbarkeit ist. Reizende Kleider 
dieser Art sind hei Jordan. Selbstverständlich sind in der 
Ausstellung auch wahre Cabinetstücke von Eleganz und Aus 
schmückung in Kinderkleidern vorhanden, so z. B. eins in 
rosa Seidengaze mit Flitterstickerei, ein anderes in hellblauem 
Foulard mit Garnirung köstlicher weisser Spitzen. Auch 
ein grünes Crepekleid mit weissen Streifen und Schmuck von 
elfenbeinfarbenen Seidenschleifen bewundern wir. 
Doch, halt — da sind ja die Tanzstundenkleider der 
kleinen Damen sin de siede. Welch’ Mädchen tanzt nicht 
gern, und wie viel frohe Erinnerungen knüpfen sich oft an 
die Tanzstunden. 
Neben den schon erwähnten weissen Kleidern ohne oder 
mit buntem Untergewand, sind hierfür auch die bunten Mull- 
und Linonkleider sehr passend, die theils reich, theils ein- 
fachier ausgestattet, durchgängig hübsch und kleidsam er 
scheinen. Daneben kommen aber auch hier wollene Stoffe, 
Cachemir und neuerdings Alpacca sehr in Aufnahme, eben 
falls weiss oder bunt und hier wieder in hellen und dunklen 
Nuancen. 
So fesselt ein ausgestelltes Kleid die Aufmerksamkeit, 
welches schon für ein grösseres Mädchen (alias Backfisch) be
	        
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