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Periodical volume Nr. 108, 3. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Gfficielle AussteHungs-Nachrichten. 
de Pameublemenr et de la decoration«, das Kolossalwerk »Monu- 
mentos arquitectonicos de Espanna« in sechs Bänden fehlen nicht. 
Am erfreulichsten für den Berliner aber ist die von Professor 
Julius Lessing herausgegebene Sammlung von Vorbilderheften aus 
dem Berliner König!. Kunstgewerbe-Museum, aus denen ersichtlich 
ist, welcher Schatz an Möbeln, Teppichen, Schmiedearbeiten, Por 
zellan etc. sich in unserer Reichshauptstadt befindet. — Wir er 
halten nach Durchsicht all’ der Bücher und Kunstwerke die angenehme 
Gewissheit, dass neben—den Stilarten unsere Eigenart nicht verloren ge 
gangen ist. Die Zeit ist vorüber, in welcher Baukünstler und Kunst- 
Gelehrte einen Stil nach dem anderen als den allein unserer Zeit an 
gemessenen leierten, indem sie zugleich nachwiesen, alle übrigen 
Stile passten nicht recht zum künstlerischen Ausdruck unseres 
Lebens. Nachdem vor 40 Jahren ein wohlhabender Deutscher 
seine Zimmer glaubte nach neuestem Pariser Geschmack, vor 
30 griechisch oder gothisch, vor 20 in italienischer oder 
französischer, vor zehn in deutscher Renaissance, vor fünf 
in Barock oder Röcoco einrichten zu müssen, um höheren 
Anforderungen zu genügen, sind wir heute dahin gekommen 
ihm ganz freie Hand zu lassen und ihm zu empfehlen, seinem 
eigenen Geschmack bei der Wahl des Stils zu folgen, und 
käme dabei auch etwas heraus, was ausschliesslich dem 19. Jahr 
hundert angehört und bei dem »die Alten« nicht Rathe gestanden 
haben! Diese Anschauung kommt in der ganzen Bibliothek zum 
Ausdruck, speciell in dem bekannten Werk »Traute Wohnräume«, 
eine Sammlung moderner Innenräume aller Art, nach der Natur 
aufgenommen bei Künstlern und Kunstfreunden. So ist dieses 
»Architektur-Zimmer« gleichsam der gedankliche Sammelpunkt für 
die kunstgewerblichen und architektonischen Leistungen der ge 
summten Gewerbe-Ausstellung; wir erkennen hier in Bild und Wort, 
so wie draussen in lebendiger Schöpfung, dass unsere Gegenwart 
sich von der Last der Ueberlieferung aller vorhergegangener Zeit 
alter befreit hat und nach einem individuellen Ausdruck ringt, in 
der Meinung, »dass die einem edlen Menschen völlig angepassten 
Wohnräume, Gebrauchsgegenstände etc. auch vollkommen schön seien«. 
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Die zahlreichen Automaten auf der Ausstellung re- 
präsentiren so ziemlich alles, was auf diesem Gebiete geschaf 
fen wurde —, aber nicht alles, was sie gegen Einwurf des üb 
lichen Nickels bieten, ist Jedermanns Freude. Die Restau 
rateure ärgern sich, und nicht ohne Grund, über die Ge 
tränke- und 8peisen-Automaten, die ihnen die Kundschaft 
rauben, die Eltern sehen es nicht gern, wenn ihre Kinder 
ihre Spargroschen in Chocolade und Bonbons „verautomati- 
siren“ und die Frauen und Bräute blicken scheel, wenn ihnen 
der „Wahrsage-Automat“ Prophezeihungen in die Hände 
spielt, laut welchen ihnen ihre Männer und Bräutigams un 
treu werden. Desto rückhaltloser dürfen wir den Automaten 
begrüssen, den die auf dem Felde des rothen Kreuzes rühm 
lichst bekannte Firma Hermann Perl aufgestellt hat und der 
uns gegen das bescheideneOpfer von 10 Pfennigen alles bietet, 
was wir zur ersten Hilfe bei leichten Verletzungen, Unfällen, 
Ohnmachten, Uebelkeiten, Mückenstichen etc. gebrauchen, 
ausserdem aber uns ein Näh-Necessaire liefert, das uns gerade 
auf der Ausstellung oft die besten Dienste leistet. Der 
Inhalt des Kästchens besteht in einem Fläschchen Salmiak 
geist, einem solchen mit Hoffmannstropfen, einem Stück 
Zucker, Verbandstoff, Verbandwatte, Englisch Pflaster, einer 
Nähnadel, Stecknadeln, Sicherheitsnadeln und weissem und 
schwarzem Garn; wie man sieht, alles, was geeignet ist, uns 
über manche dringende Verlegenheit an einem Ort hinweg 
zuhelfen, wo uns beispielsweise ein plötzlich treulos ab 
gerissener Knopf oder eine geplatzte Naht zur Verzweiflung 
bringen können. Jedenfalls ist dieser Automat vielen an 
deren vorzuziehen und daher bestens zu empfehlen. 
9 
In der Pyramide.. Wenn bei den alten Egyptern 
die Feuerbestattung schon eingeführt gewesen wäre, so hätten 
sie sich viel Mühe ersparen können. Wozu, wenn die „Seele 
sich in Himmelshöh’ schwingt“ den Leib allein „auf dem 
Canapee“ lassen? denkt unser aufgeklärtes Jahrhundert. 
[Anders jene Heiden aus dem grauen Alterthum. Sie hielten 
den Weltbeherrscher für so grausam, dass er mit einer ein 
maligen Lebenstortur die Menschen noch nicht laufen lassen 
wollte; die Seele des Verstorbenen musste zur Sühne ihrer 
Missethaten in einen anderen Leib kriechen, in ein Krokodil, 
ein Nilpferd, einen Frosch -— und einst, nach vielen Busse- 
Wanderungen konnte sie zurückkehren in die einstige Hülle, 
die sie in der Sterbestunde vielleicht verwünscht hatte, um 
geläutert als neuer Mensch, als grosser Held oder als weiser 
Seher wiederum im Nilthal zu wandeln. — All’ das erzählen, 
uns die Pyramiden in unvergänglicher Riesenschrift. In 
ihrem ungeheuren Quadernbau steht es für denjenigen, der 
den Schlüssel zur Geheimschrift besitzt, zu lesen, welche 
Mühe sich die alten Egypter gegeben haben, uns ihren Leib 
so unversehrt und unangetastet zu erhalten, dass die Seele 
dereinst nach vielen hundert Jahren wieder in ihn hinein 
schlüpfen, dass dieser Leib mit seinen Beinen spazieren,, 
mit seinen Armen und Händen die Unterthanen peitschen 
könne, wie es einst in der ersten Daseinsfrist gewesen! So 
sind die Pyramidenbauten nur eine Fortsetzung des Einhal- 
samirungswerkes. Wenn die Pyramiden unserer Ausstellung 
auch nur eine Art Attrape sind, ein verkleidetes Gerüst, so 
vermögen sie doch infolge ihrer sinnreichen Construction 
annähernd einen Begriff davon zu gehen, wie diese geheim- 
nissvollen Werke des absonderlichsten Volkes aussehen. In 
einer Höhe von etwa zehn Metern, ist der Eingang in das 
Riesen-Grabmal, der erst in neuerer Zeit entdeckt wurde; 
ein Felsblock, dicht von Sand bedeckt, hatte den geheimen 
Verschluss gebildet. Ein niedriger Eingang, den man nur 
gebückt und nur unter Führung eines Beduinen betreten 
kann, führt in einen steil sich senkenden dunkeln Gang. 
Labyrinthartig verschlungen führen die Wege kreuz und 
quer; aber unser Führer geleitet uns sicher nach der Grab 
stätte, wo im Lichte der Fackeln zwei einbalsamirte Körper 
ruhen, die zwar nicht König Chufu und Frau Gemahlin 
sind, aber seihst dem Zweifler Hamlet königlich vorkommen, 
würden. Das ist kein; Scherz; es gab hei den Egpytern 
drei Abstufungen des Einbalsamirens, je nach dem, wie viel 
der Todte zahlen konnte. Bei dem theuersten' Verfahren 
wurden Hirn und Eingeweide auf operativem Wege entfernt, 
gereinigt, mit Palmwein begossen und durch zerriebene 
Spezereien conservirt. Dann wurde der Leib mit gestampften. 
Myrrhen, Cassia etc. gefüllt und zugenäht. Sodann legte 
man ih,n in Natronsalz, wo er siebenzig Tage verblieb; nach 
dieser Zeit wusch man den Körper, umwickelte ihn ganz und 
und gar mit feiner Byssusleinwand und überstrich den Ballen 
mit Gummilösung. Der so zubereitete Todte wurde dann 
in eine hohle hölzerne Form von Menschengestalt gesteckt 
und in dem Begräbnissraum aufrecht an die Wand gestellt. —■ 
So erzählt uns Vater Herodot. Wohl jeden, der sich diese 
Mumien zur Genüge betrachtet, fasst der Menschheit ganzer 
Jammer an, und er entflieht dann gerne in das heitere Tages 
licht oder die elektrische Beleuchtung. Erst draussen er 
wacht sein Wissensdrang von neuem, und er fragt sich, oder 
— wenn er die Nummer bei sieb hat —- die Officiellen Aus 
stellungsnachrichten, wie denn, um den Kern der kleinen 
Grabgewölbe ein solcher Jahrtausende überdauernder Bau 
entstehen konnte. Und er erfährt sodann, dass die altegyp- 
tischen Könige schon zu ihren Lebzeiten sich diese Grab 
denkmale hauen liessen; dass der Baumeister einen schon 
vorhandenen Felsen, in dem er Gangs und Kammern hauen 
liess, als Stützpunkt benutzte und um diesen von Jahr zu 
Jahr neue Felsblöcke anmauerte, so dass die Pyramide um 
so höher und umfangreicher wurde, je länger der Stifter lebte, 
so dass König Chufu lange lange Jahre auf dem Thron ge 
wesen sein muss. 
9 
Der Tenor auf dem Karpfenteich. Seit einiger 
Zeit macht Mittags um die zwölfte Stunde ein dort gastirender 
Tenorist die Ufer des Karpfenteiches und selbst dessen Fluth un 
sicher, der mit ungemein ausgiebiger Stimme italienische Arien 
singt. Versucht er sich im Tremolo, was er oft thut, so klingt 
es, als würden sämmtliche Dampfkessel der Ausstellung durch-.
	        
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