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Periodical volume Nr. 108, 3. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officlelle Ausstellung ° Nachrichten. 
„Dazu gehören zwei, ich passe.“ 
„Also ich? Mich mit meiner geradezu unerlaubten 
Sanftmuth ästimirst Du als Zanktippe? Karl, Du verwil 
derst, seit Du in der Fabrik schläfst! Aber warte, die alte 
Ordnung kehrt wieder.“ 
Fr lachte. Ich sehne mich, nach ihr. Alles nimmt ein 
Endo, blos Ungermanns können das ihre nicht finden. 
„Hat er denn schon bestellt?” 
„Koch nicht. Die Waare gefällt ihm, bis auf die Preise. 
Er versucht abzuhandeln.“ 
„Das darf er nicht. Die gute Stube muss neu gemacht 
werden, sagt Dorette, und die Xäherei, und mess’ mal Deinen 
Weinkeller nach. Kein, drücken darf er nicht. Das wäre 
unanständig. Er muss mindestens doppelt so viel nehmen 
als sonst. Und Du schlägst auf. Verstehst Du?“ 
Mit dem Weinkeller sah es trübe aus. .Je mehr Wasser 
vom Himmel stürmte, um so weniger wurde der Wein; der 
Regen zwang zur Häuslichkeit und geselligem Beisammen 
sein und mein Karl ist nobel. 
Ungermann hatte gleich die beste Sorte heraus, seine 
Zunge merkte das Unabgelagerte sofort, als ich unsern Tisch 
wein in die Lafitte-Flaschen umgegossen hatte, Kliebisch 
verstand sich nicht in gleichem Maasse auf Jahrgänge, ihm 
schmeckte der billige wie der theure, so lauge eingeschenkt 
wurde. 
Ich gönnte es ihm. Wenn er einen kleinen sitzen hatte 
und man brachte ihn nicht darauf, vergass er die agrarischen 
Calamitäten und es war ihm einerlei, oh die Margarine blau 
oder grün gefärbt werden sollte oder garnicht. Dann war 
der AnssteÜungs-Musterstall sein Trost, den er mit Vorliehe 
beschrieb als das Erfreulichste für den Landwirth. 
„Da liegt Poesie darin,“ sagte er. „Ein Pferd bleibt 
doch immer ein Pferd. Oder haben Sie schon einmal ein 
Vollblut-Fahrrad gesehen? Kann denn ein Cavalier sich 
auf solches mit einer Leberwurst beschlagenes Spinnrad 
klemmen, ohne sich und seinem Stand etwas zu vergeben?“ 
„Die Industrie denkt anders”, entgegnet« Herr Unger- 
mann. „Der durch das Fahrrad hervorgerufene Umsatz ist 
ein enormer und wird sich immer mehr steigern, trotz der 
Spöttelei der Feudalen.“ 
„Ich gehöre nicht zu den Feudalen,“ wehrte Kliebisch ah. 
„0 doch, Hinnerich,“ sagte die Kliebisch. „Hattest Du 
nicht auch einen Karbunkel im vorigen Jahre, gerade als 
der Landrath einen hatte, nur dass von seinem mehr geredet 
wurde, weil er gefährlicher war als Deiner?“ 
„Und das Radfahren soll sehr gesund sein,“ bemerkte 
die Ungermann. 
„Das Reiten ist noch gesunder.” 
„Das Rad ist das Ross des armen Mannes“, begann Herr 
Ungermann wieder. „Auch der Minderbemittelte vermag 
sich eins zusammenzusparen und braucht kein Geld für Heu 
und Hafer auszugeben.“ 
„Und das befürworten Sie?“ brauste Kliebisch auf. 
„Wovon soll denn die Landwirthschaft leben, wenn die ver 
wünschten Maschinen die Pferde verdrängen ? Gerade am 
Hafer wird verdient. Hört das auch noch auf — gute Nacht 
Ackerbau. Weizen kommt mehr als zuviel aus-Amerika und 
Indien. Ist die Eisenbahn erst fertig, ersäuft uns Sibirien 
mit Getreide. Und das Heu? Es laufen allerdings Ochsen 
genug herum, aber die fressen es nicht.“ 
Was sich nun ausbreitete, war Schweigsamkeit. — Der 
Regen klatschte gegen das Fenster. — Die Herren rauchten. 
„Ich möchte Rad fahren,“ sagte Ottilie. 
„Ich halte es für ungeeignet“, nahm ich das Wort. „Ist 
es eine Dame oder ein Herr, was an einem voruberstrampelt ? 
Man unterscheidet es kaum. Und manche Radlerin sieht 
nach der Tour täuschend aus, wie in acht Tagen nicht rasirt. 
Dagegen zu Pferde gräfmnenhaft und elegant.“ 
„Prost! Frau Buchholz“, rief Kliebisch und leerte ein. 
volles Glas auf mein Wohl. „Welch ein Staat, die pracht 
volle ungarische Radautzstute im Musterstall; das ist ein 
ißameupferd; schlank, feiner Kopf, elastische Fesseln, vor 
züglich gepflegtes schwarzes Haar. Darauf möchte ich. Sie 
sehen, mein Fräulein, und nicht auf der Chausseestaubmühle 
mit verbogener Figur in Pluderhosen ...“ 
„Wollen wir den Gegenstand nicht lieber fallen lassen?“ 
unterbrach ihn die Ungermann mit verletztem Anstands 
gefühl. 
„Immerzu fallen lassen. Ein Schauspiel für Götter,” 
lachte Kliebisch, dem im Eifer der Wein zu Kopf stieg. „Ich 
riskir’ ein Auge daran.“ 
„.Aber Mann!“ rief seine Frau ihn zur Ordnung. 
„Ach was ; wie eine sich, vorreitet, wird sie taxirt. Wenn 
sie sich auf dem Stahlhengst tummelt, mag es sie befriedigen, 
aber schön sieht doch anders aus. Möglich ist jedoch, dass 
die Schenkel sich mehr ausbilden, wenn eine keine hat ...“ 
„Hinnerich, Du bist hier nicht im Kruge“, fuhr die 
Kliebisch dazwischen. 
Der Ungermann ward dies Gespräch sichtlich fatal. Sie 
mit ihren Gräten hat natürlich gegen Sport, bei dem es auf 
einigermaassen Plastik ankommt, solche Abgeneigtheit, dass 
sie nicht mal darüber reden hören mag. 
„Man muss bedenken, dass für Radfahrer neue Trachp 
ten geschaffen werden; schon jetzt beginnt ein gewisser 
Luxus in besseren und besten langen Strümpfen sich be 
merkbar zu machen,“ sagte Herr Ungermann. 
„Karl, hast Du gehört?“ rief ich. „In besserer Waare. 
„Kein, wenn die Industrie dadurch gehoben wird, bin ich 
sehr für die Maschinenreiterei. Könnte die Regierung nicht 
gesetzlich befehlen, dass alle Reichsangehörige radfahren 
müssen und in einem Nebenparagraphen unsere Wollsachen 
amtlich verordnen? Würde das den socialen Frieden nicht 
gewaltig schüren?“ 
„Jawohl,“ schrie Kliebisch. „Da haben wir wieder den 
Krämergeist. Die Industrie muss unterstützt und gefördert 
werden; die Landwirthschaft darf verhungern, das ist ihr an 
gestammtes Recht. Aber wer soll den Herren Industriellen 
ihre Erzeugnisse abkaufen, wenn der Landmann kein Geld 
hat? Nur so weiter. Nun die Pferdezucht auch noch ruinirt 
und über das verarmte Land rollt die alleinseligmachende 
Industrie auf einem solchen Unglücksrad in ihr eigenes Ver 
derben. Zum Kuckuck mit den Dingern. Verboten müssen 
sie werden.“ 
„Wie sie auch schelten,“ wandte sich Herr Ungermann 
an Kliebisch, „das Rad ist dennoch von grosser volkserzieh 
licher, sogar ethischer Bedeutung. Der Radfahrer muss sich 
auf seinen Ausflügen der grössten Nüchternheit befleissigen; 
beherrschen ihn die Geister des Weines, ist er nicht im Stande, 
sein Fahrzeug zu beherrschen und wird sich selbst und an 
deren gefährlich/' 
„Das ist er schpn ohne Besoffenheit” meinte Kliebisch 
ausfallend. 
„Ich bleibe dabei, das Fahrrad steht im Dienste der 
Massigkeit, gegen die leider zu oft gesündigt wird.” 
Das mochte Kliebisch wohl als persönliche Bemerkung 
aufgefasst haben oder sonst wie, genug er blickte Ungermann 
fest in und sagte: „Tugendpredigen und den Weg der Tu 
gend wandeln ist zweierlei. Mir ist der Musterstall zehn 
tausendund lieber als hundert Musterknaben und wenn auch 
blos Gäule drinn sind und keine Stadtväter. Wer auf die 
Landwirthschaft schimpft, dem dien’ ich'!” 
Mein Karl war aufgestanden und an die Uhr gegangen, 
die er auf wand. Wir wissen althergebracht, dass dies der 
Wink zum Aufbruch ist, den die Gäste ziemlich plötzlich, be 
griffen. 
Ottilie holte die verscliiedenen Leuchter, die Kerzen wur 
den angebrannt und unter mehr und minder wohlgemeinten 
angenehmen Ruhewünschen vertheilte sich die Einquartirung 
in ihre respectiven Gemächer. 
Ich räumte zusammen, der Dorette Arbeit zu ersparen, 
mein Karl schritt im Zimmer auf und ab. 
„Was hat Kliebisch gegen Ungermann?” fragte er. 
„Ich weiss es nicht. Seine Frau hat mir auch nichts 
gesagt,”
	        
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