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Periodical volume Nr. 108, 3. August 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
Ausstellungsbriefe 
von Wilhelmine Buchholz. 
XV. 
[Abdruck untersagt.] 
Eingeregnet. 
Sehr geehrter Herr Redacteur ! 
„Verliere Deine Geduld nicht, es lieht sie niemand aus 
sagte mein Karl. 
Ich versuchte freundlich zu sein. Allein mehr als wie 
beim Photographen kam nicht heraus und auch nicht länger. 
Irgendwo las ich einmal etwas von Lachgas. Das wäre das 
einzige Nahrungsmittel für mich gewesen, aber Dorette 
kam mit ohne wieder und sagte, in der Drogenhandlung 
hätten sie es nicht, ob ich nicht Nelkenöl nehmen wollte, 
das wäre auch gut gegen Zahnschmerzen. 
Zahnschmerzen! Wenn man ihre Nothwendigkeit auch 
nicht einsieht, kann man sie doch los werden; wo aber sind 
Aerzte, die Einem den Kummer ausziehen und Aerger und 
Verdruss ? 
Ich hatte mich recht auf Kliebisch’s Eintreffen gefreut 
und, da Tante Lina sich in ihre Heimath versammelt hatte, — 
sie war beim Abschied milde und wehmüthig wie an einem 
Begräbnisstage — so stand das Fremdenzimmer wieder frei, 
den Amtsrichter Buchholz, zu betten, der, als zu meines 
Karl Linie gehörig, doch auch Anrecht auf verwandschaft- 
liche Unterkunft hat, zumal das ihm bei Butschen’s ausge 
machte Logis drei Herren zum Massenquartier dient. Klie 
bisch’s brachten jedoch ihr Töchterchen Anna mit, die Ael- 
teste, und meinten, eine Sophaecke für das Kind fände sich 
wohl an. Im Uebrigen würde sie mir zur Hand gehen, da 
sie für häusliche Arbeit aussergewöhnlich veranlagt sei. 
Was war zu thun? Herr Kliebisch bekam das Frem 
denzimmer, sie die Kliebischen mit Tochter übernahm das 
Vorderzimmer neben Ungermann’s, die sich mit der guten 
Stube behelfen. Im Berliner Zimmer wird geschneidert. 
Ich bin machtlos. Mein Karl sitzt voller Aufträge, dass die 
Fabrik nicht ausreicht, und unser Schwiegersohn und Com 
pagnon Schmidt auf Reisen gehen musste, um mit Liefe 
ranten abzuschiiessen; er kann sich dem Besuch nicht hin 
geben. Und das wäre auch nichts für seine Gesundheit, zu 
so unmöglichen Tageszeiten kommen die Herren nach 
Hause. Auf meine Bemerkung, dass der Schlaf vor Mitter 
nacht der gesundeste sei, entgegnete Herr Ungermann, er 
wäre aufgeblieben, um die Brodträger am frühen Morgen 
statistisch, zu kontroliren, da, von der Umgestaltung des 
Bäckereigewerbes die sociale Verbesserung aller Stände er 
wartet würde. Herr Kliebisch lachte kurz auf, als wenn er 
zweifelte. Ich hielt es mit Kliebisch. 
Dorette hat mir nämlich erzählt', dass wenn Unger 
mann’s unter sieh sind, die Frau ihren Mann blos mit 
Brummsuppe regalirt und ihn sogar mit Liederjahn traktirt. 
„Dorette,“ beschönigte ich, „sie wird wohl Biedermann 
gesagt haben, wo er sie doch stets mit „meine liebe Frau“ 
belegt und sie ihm nie anders als mit „mein lieber Mann“ 
entgegentritt.“ 
„Det is man so dhun,“ bestand Dorette. „Wat er is, 
er is’n richtiger oller Schlicker, und wat sie vorstellt, da 
wird nochmal der Deibel seinen Hochjenuss dran haben. 
„Dorette, unterstehen Sie sich nicht, in solchem Tone 
über meinen Hausbesuch zu schandiren. Geschieht das 
noch einmal, wissen Sie, wo; die Luft am frischesten ist.“ 
„Ick jeh lieber jleich, indem ick’t bis zum Ersten 
schwerlich aushalte. Is denn det eene Zucht, det se bei den 
jetzigen Sauwetter de janze Strasse in die jute Stube tritt, 
viel weniger, det se Morjens eigenhändig die Ränder abklatert 
un die Plüschmöbeln in Erdreich verjraben sind. Un denn 
mir vorgeworfen von gründlich, Reinemachen?“ 
„Dorette, wenn es regnet, wird leicht etwas Schmutz in’s 
Haus getragen, das ist naturgesetzlich.“ 
„Soone Jesetzer ästimir ick nich. Wat stippt se mit 
de Schleppe in’s dicksten Lehm. Und sind de Flicken und 
de Fusseln in’t Berliner Zimmer ooeh Jesetz? Nee, da is 
de Schneiderei dran Schuld und ick. hab’ de Arbeet von. Ent» 
oder weder, die Ungermann zieht oder ick.“ 
„Dorette, ich Lege Ihnen zu. Ueberdies haben Sie ja 
jetzt Hilfe an Fräulein Kliebisch." 
Dorette lachte. „Komme die Frau ’mal mit,“ sagte sie 
vertraulich und führte mich in Herrn Kliebisch’s Zimmer. 
„Det h,at se von alleene besorgt. Seh een Mensch blos det 
Bett an. Und da soll der ei jene Vater drin jeschlummert 
werden. Det is ja Umgehung von’s vierte Jehot.“ 
Es war in der That nicht ersten Ranges, was das Kind 
vollführt hatte. Das Bett glich einem Gebirge mit Thälern 
und Schluchten, die Morgenschuhe standen auf der Com- 
mode, den Vorleger hatte sie unter das Spinde jefegt.” 
„Un ausjejossen hat .se jar nischt“, höhnte Dorette. „Un 
det nennt det Wurm en fertiget Schlafzimmer.” 
„Sie ist noch jung,“ nahm ich, der Abwesenden Partei, 
„und das sind wir Alle gewesen.“ 
„Aber man nich in solchen .Trade. Will das Fräulein 
Thuverkehrt mir dagegen in der Küche helfen, bin ick nich 
abgeneigt, ihr Anleitung zur Vervollkommnung in’s Kar 
toffelschälen zu gewahrem Seit die Kliebischen’s bei uns 
in Kost sind, übersteigt des meine Kräfte.“ 
Sie hatte.nicht Unrecht, Kliebisch’s alle Drei leisten 
Bedeutendes in Kartoffeln. Ob es davon kommt oder wo 
her sonst, weiss ich nicht, aber die Kliebischen ist bequem 
geworden, wie sie früher nicht war. Und dabei schwer» 
müthig. 
„Wie wird es werden? Die Zeiten sind so schlecht und 
die Kinder wachsen heran,“ klagt sie, aber rühren ist nicht 
und thätig eingreifen und Töchterchen zurechtstossen auf 
Geschicklichkeit und Brauchbarkeit, wie ich meine Beiden, 
nie versäumt habe. Wo die Tage gleichmässig auf- und 
untergehen, wird der Mensch zuletzt auch egal weg und fett 
und sitzt, wo er sitzt. Mich wundert, dass.sie sich aufraffte, 
ihren Schwerpunkt nach Berlin zu verschieben. 
Den grossen geräucherten Schinken, den sie mitbrachte, 
und den Korb Eier und das Geflügel nahm ich als ländliche 
Zartsinnigkeit von ihr dankend entgegen. Ein Sack Kar 
toffeln, der als Handgepäck zu umständlich war, ist als An 
gebinde seinerseits noch unterwegs. Dorette behandelt Klie 
bisch’s daher mit ziemlichem Wohlwollen. Was sie über 
Ungermann’s sagt, mag zutreffen, obgleich .sie weiss, dass 
ich das Thürenhorchen nicht haben will. Dagegen kann ich 
der Nätherin, wenn sie mit Dorette zusammen ist, nicht den 
Mund verbieten. Die hat gesagt, die Ungermann müsste viel 
Geld haben, so viel Watte wäre an ihr; wegen ihrer Figur 
hätte sie knapp einen Mann gekriegt oder er hätte sie schleu 
nigst wieder retour gegeben. Und so eitel! Alles sollte 
sitzen, als wäre sie im Loth wie eine Probiermamsell Nummer 
Gelbstem. 
Nun war mir erklärlich, warum das Anpassen immer 
abgeriegelt geschieht und ohne meinen Rath. 
Wenn eine ihre Naturvernachlässigungen kunstgewerb 
lich maskirt, wer möchte ihr das verargen! Wofür man. 
nicht kann, dass wird am lieblosesten bekrittelt; aber sich 
mit der gekauften Aussenseite brüsten und auf tadellos Ge 
wachsene herabsehen, ist kein Zeichen von Gemüth 
Ob der Mann ihre mangelhafte Behandlung wirklich ver 
dient ? Halb Liebe und halb Geld giebt eine gute Ehestands 
bowle, wenn ein bischen Schönheit als Zucker nicht fehlt. 
Aber blos Geld und keine Liebe und nicht eine Spur Süssig- 
keit, da ist das Fest mit der Hochzeit aus. 
Spielt sie Komödie, hat er es von ihr gelernt. Sic giert, 
in der Gesellschaft zu prunken, er strebt, in der Stadtleitung 
hervorzuragen. Hätten sie ein Kind gehabt, würden sich 
ihre Küsse auf dem Engelsmündchen begegnet haben und 
das kleine Bündel Liebe wäre zum Talisman gegen die bösen 
Geister des Hauses geworden. Es war aber keins da. Mein 
Karl theilt meine Ansichten nicht. „Lass’ sie sich haken”, 
sagte er, „das kommt in den besten Familien vor.“ 
„Doch nicht bei uns ?.“
	        
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